{"id":552960,"date":"2025-11-05T13:49:11","date_gmt":"2025-11-05T13:49:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/552960\/"},"modified":"2025-11-05T13:49:11","modified_gmt":"2025-11-05T13:49:11","slug":"sentimental-value-der-schlimmste-film-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/552960\/","title":{"rendered":"\u201eSentimental Value\u201c: Der schlimmste Film der Welt"},"content":{"rendered":"<p>Schon wieder ein Film \u00fcber leidende T\u00f6chter und entfremdete V\u00e4ter. Joachim Triers Drama \u201eSentimental Value\u201c versucht sich in Zartheit, bleibt aber schwerm\u00fctig und spr\u00f6de.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Ganz so drastisch verh\u00e4lt es sich nat\u00fcrlich nicht. Aber auch Joachim Triers hochgejazzter Film \u201eDer schlimmste Mensch der Welt\u201c von 2021 kokettierte eher mit dem Superlativ im Titel, als dass er eine korrekte Charakterisierung geliefert h\u00e4tte. \u201eSentimental Value\u201c hei\u00dft jetzt der Nachfolger des Norwegers. Und die Sentimentalit\u00e4t ist in diesem Cannes-Gewinner (Gro\u00dfer Preis der Jury) Programm: Es geht um erwachsene T\u00f6chter, die ihrem Vater nicht verzeihen k\u00f6nnen, dass er sie als Kinder im Stich gelassen hat. <\/p>\n<p>\u201eIhr seid das Beste, was mir passiert ist\u201c, sagt der Vater nach dem Tod der Mutter, \u00fcber die ihm nicht viel mehr einf\u00e4llt, als dass sie h\u00fcbsch war. \u201eWarum warst du dann nie f\u00fcr uns da?\u201c, klagt die Tochter mit einem passiv-aggressiven Schnauben. Was der Vater wiederum mit einem unsicheren Lachen erwidert. Die Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern ist distanziert, kalt und unvers\u00f6hnlich.<\/p>\n<p>Fast zwei Stunden dauert es, bis Nora Borg (Renate Reinsve) einen Schritt auf ihren Vater zumacht, der immerhin Besserung gelobt und zu diesem Zweck ein autobiografisches Filmdrehbuch f\u00fcr sie und \u00fcber sie geschrieben hat. Nora soll darin die Hauptrolle spielen. F\u00fcr sie w\u00e4re es ein Kinodeb\u00fct und f\u00fcr ihn ein Comeback nach Jahren der Schaffenspause.  <\/p>\n<p>Ein Vers\u00f6hnungsangebot mit den Mitteln der Kunst \u2013 anders wissen die Figuren nicht miteinander umzugehen. Weil Nora sich aber partout weigert, den gew\u00fcnschten Film mit ihrem Vater Gustav Borg (Stellan Skarsg\u00e5rd) zu drehen, muss er eine fremde Schauspielerin engagieren \u2013 und gewinnt prompt das Hollywood-Sternchen Rachel Kemp (fantastisch: Elle Fanning) f\u00fcr sich. <\/p>\n<p>Das Drehbuch, das Trier wie auch schon seine Vorg\u00e4ngerfilme gemeinsam mit Eskil Vogt schrieb, interessiert sich f\u00fcr eine professionelle und f\u00fcr eine private Frage: Welche Schauspielerin ist die richtige f\u00fcr den Job? Und welche Wiedergutmachung ist die richtige f\u00fcr das v\u00e4terliche Vergehen? Schwer zu sagen, welche Suche schlimmer ist: das selbstreflexive Kreisen um die Filmindustrie oder das selbstmitleidige Verharren im privaten Elend. <\/p>\n<p>Woher stammt der Irrglaube, Filmemacher m\u00fcsste Filme \u00fcber das Filmemachen drehen? Nur selten gelingt es dieser grassierenden Metaperspektive auf das eigene Gesch\u00e4ft, emotional zu \u00fcberw\u00e4ltigen wie in <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/partnerschaft\/article161757089\/Spoiler-La-La-Land-ist-so-gar-nicht-romantisch-zum-Glueck.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/partnerschaft\/article161757089\/Spoiler-La-La-Land-ist-so-gar-nicht-romantisch-zum-Glueck.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201eLa La Land\u201c<\/a> oder <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article2558501\/Inglourious-Basterds-In-Tarantinos-Weltkrieg-werden-Nazis-skalpiert.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article2558501\/Inglourious-Basterds-In-Tarantinos-Weltkrieg-werden-Nazis-skalpiert.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201eInglourious Basterds\u201c<\/a> \u2013 oder relevante Fragen \u00fcber Identit\u00e4t und Identit\u00e4tspolitik aufzuwerfen wie in <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article254610930\/A-Different-Man-Kissenschlacht-im-Baellebad-der-Identitaeten.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article254610930\/A-Different-Man-Kissenschlacht-im-Baellebad-der-Identitaeten.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201eA Different Man\u201c<\/a> (auch mit Renate Reinsve). <\/p>\n<p>Das ewige Sinnieren \u00fcber Schauspielerkomplexe, Regisseursbefindlichkeiten und Autorennabelschau strotzt meist vor Selbstbez\u00fcglichkeit und Weltfremdheit. Auch ein gl\u00e4nzender Cast kann das  kaum retten \u2013 von Renate Reinsves Gesicht vermochte man schon in \u201eDer schlimmste Mensch der Welt\u201c die Augen nicht abzuwenden und auch Stellan Skarsg\u00e5rd brilliert als einsamer, missverstandener K\u00fcnstler-Vater Gustav Borg.<\/p>\n<p>\u201eSentimental Value\u201c: Alles ist hier schwer<\/p>\n<p>Es ist nicht so, als h\u00e4tten die Figuren keine Gef\u00fchle. Die haben sie. Die ganze Zeit. So sehr, dass selbst Schauspielerin Rachel nachts bei ihrem Regisseur vor der T\u00fcr steht und sich in seinen Armen ausweint, weil sie die Rolle \u201enicht f\u00fchlt\u201c. So sehr, dass Nora Hals \u00fcber Kopf den Raum verl\u00e4sst, wenn ihr Vater ihn betritt. Und so sehr, dass Nora sich von ihrem Kollegen hinter der B\u00fchne schlagen l\u00e4sst, um bei der wenig sp\u00e4ter stattfindenden Premiere einen k\u00fchlen Kopf zu bewahren. <\/p>\n<p>Aber da Trier seinen Figuren weder Humor noch Leichtigkeit oder Selbstironie g\u00f6nnt, ber\u00fchrt weder das Leiden der T\u00f6chter noch das des Vaters. Schwer ist hier alles, selbst das Drehbuch, das Gustav wie einen Ziegelstein auf den Restauranttisch knallt. Am ehesten f\u00fchlt man noch mit der unschuldig in das Schlamassel aus norwegischen Verstimmungen hineingeratenen Amerikanerin Rachel. <\/p>\n<p>Wie ihre Beziehung zum Regisseur an eine romantische Paarbeziehung erinnert, inklusive Eifersucht und dramatischer Trennung, ohne aber je wirklich romantische Register zu ziehen, funktioniert wunderbar. Ebenso wie die vielen durch den Schnitt erm\u00f6glichten \u00dcberraschungsmomente, wenn man etwa denkt, gerade einen echten Zusammenbruch mitzuerleben, dann aber nur einer Theaterauff\u00fchrung oder einer Filmaufnahme beiwohnt. <\/p>\n<p>Wie schon im deutschen Oscar-Kandidaten \u201eIn die Sonne schauen\u201c (Norwegen schickt \u201eSentimental Value\u201c ins Rennen) ist der wahre Held dieses Dramas das Haus: Jahrzehnte und Generationen des Schmerzes hat es in sich aufgesogen. Es \u00e4chzt und knarrt unter der Last. Seine W\u00e4nde sind spr\u00f6de \u2013 und leider ist es auch Triers \u201eZ\u00e4rtlichkeit\u201c, die er in Cannes zum \u201eneuen Punk\u201c erkl\u00e4rte.  <\/p>\n<p>Der Film \u201eSentimental Value\u201c l\u00e4uft ab dem 6. November im Kino. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Schon wieder ein Film \u00fcber leidende T\u00f6chter und entfremdete V\u00e4ter. 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