{"id":554137,"date":"2025-11-06T00:39:22","date_gmt":"2025-11-06T00:39:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/554137\/"},"modified":"2025-11-06T00:39:22","modified_gmt":"2025-11-06T00:39:22","slug":"kunst-aus-der-ddr-erichs-lampen-und-wladimirs-kopf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/554137\/","title":{"rendered":"Kunst aus der DDR \u2013 Erichs Lampen und Wladimirs Kopf"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img313635\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/313635.jpeg\" alt=\"Hurra, der Lenin-Kopf ist wieder da!\"\/><\/p>\n<p>Hurra, der Lenin-Kopf ist wieder da!<\/p>\n<p>Foto: dpa | Wolfgang Kumm<\/p>\n<p>Ein Freund, von Beruf K\u00fcnstler, erz\u00e4hlte mir neulich auf einer Geburtstagsparty, wo sich mittlerweile die formsch\u00f6nen Lampen befinden, die beim Abriss des Palasts der Republik niemand haben wollte. Zahlreiche Leuchten aus dem sogenannten Stabwerkleuchtensystem in DDR-typischem Design blieben seinerzeit einfach liegen, weil man sie als M\u00fcll aus einer untergegangenen \u00c4ra betrachtete, als alten Kram, der im Ruch stand, aus einer falschen Gesellschaft und einer falschen Zeit zu stammen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz: Alle Dinge aus DDR-Produktion mussten umgehend durch neuen, zeitgem\u00e4\u00dfen M\u00fcll aus kapitalistischer Produktion ersetzt werden.<\/p>\n<p>So war das insgesamt in den ersten zehn bis 15 Jahren nach dem Ende der DDR: Alles musste raus. Aus den Augen, aus dem Sinn. Anfang der 90er Jahre, bevor die H\u00e4ndler auf den Trichter kamen, dass man au\u00dfer Bruchst\u00fccken der Berliner Mauer auch anderes Zeug aus der DDR gewinnbringend verscherbeln konnte, war es kein seltener Anblick in Berlin, dass nagelneues DDR-Mobiliar, Geschirr, Haushaltswaren und die blauen B\u00e4nde der Marx\/Engels-Gesamtausgabe neben Honecker-Bildern und in Plaste- oder Kunstledermappen eingelegte Ehrenurkunden (\u00bbUrkunde f\u00fcr hervorragende Leistungen im nationalen Aufbauwerk\u00ab) in Sperrm\u00fcllhaufen auf den Gehwegen herumlagen.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>&#13;<\/p>\n<p>Was fr\u00fcher achtlos weggeworfen wurde, weil es als minderwertiger sozialistischer Plunder betrachtet wurde, dessen schlechte Kopie gilt heutzutage als \u00bbexklusives Wohnaccessoire der ganz besonderen Art\u00ab.<\/p>\n<p>&#13;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Die \u00bbMitropa\u00ab-Teller, die ich einst aus einem solchen Haufen klaubte und mit nach Hause nahm, habe ich nicht mehr: Einige sind bei Umz\u00fcgen zerbrochen, andere habe ich verschenkt. Aber ich besitze aus dieser Zeit noch einen aus dem Hause VEB Tourist-Verlag stammenden entz\u00fcckenden Berlin-Stadtplan, an dem ich mich bis heute nicht sattsehen kann: Auf dessen linker Seite ist zu sehen, wie das Gebiet \u00bbWestberlins\u00ab als gelb eingef\u00e4rbte Fl\u00e4che ohne weitere Kennzeichnung mitten hineinragt ins Stadtgebiet der \u00bbHauptstadt der DDR\u00ab, deren Mittelpunkt offenbar der S-Bahnhof Gr\u00fcnau bildete, ohne dass dem unkundigen Betrachter erkl\u00e4rt worden w\u00e4re, worum es sich bei dem altrosa gef\u00e4rbten Streifen handelt, der die gelbe \u00bbWestberlin\u00ab-Fl\u00e4che umrahmte.<\/p>\n<p>Die in den Tr\u00fcmmern des Palasts der Republik liegengebliebenen Lampen, die keiner haben wollte, hat damals ein Freund des eingangs genannten K\u00fcnstlers mitgenommen und sie irgendwo eingelagert, weil er dem Zerst\u00f6rungswerk nicht l\u00e4nger zusehen wollte. Ihr Verbleib ist ungekl\u00e4rt. Klar ist nur, dass auf einer bekannten Internet-Versteigerungsplattform eine \u00bboriginale Palast-der-Republik-Lampe\/Sputnik-Systemleuchte\/DDR-Design\u00ab angeboten wird. Der Preis bel\u00e4uft sich gegenw\u00e4rtig auf 12 500 Euro (\u00bboder Preisvorschlag\u00ab), Abholung in Kleinmachnow.<\/p>\n<p>Die gute Kolumne<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/313636.jpeg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>Privat<\/p>\n<p><strong>Thomas Blum<\/strong> ist grunds\u00e4tzlich nicht einverstanden mit der herrschenden sogenannten Realit\u00e4t. Vorerst wird er sie nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen, aber er kann sie zurechtweisen, sie ermahnen oder ihr, wenn es n\u00f6tig wird, auch mal eins \u00fcberziehen. Damit das Schlechte den R\u00fcckzug antritt. Wir sind mit seinem Kampf gegen die Realit\u00e4t solidarisch. Daher erscheint fortan montags an dieser Stelle \u00bbDie gute Kolumne\u00ab. Nur die beste Qualit\u00e4t f\u00fcr die besten Leser*innen! Die gesammelten Texte sind zu finden unter: <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/gastautoren\/autor\/241\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">dasnd.de\/diegute<\/a><\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein grundkaputtes und perverses System der Kapitalismus ist, kann man unter anderem an folgender Tatsache ablesen: Im \u00bbShop\u00ab des sogenannten Humboldt-Forums im be\u00e4ngstigend h\u00e4sslichen, wiederaufgebauten \u00bbBerliner Stadtschloss\u00ab, das sich an jener Stelle befindet, an der fr\u00fcher der Palast der Republik stand, werden heutzutage Imitate der oben genannten DDR-Deckenleuchten f\u00fcr 3895 Euro pro St\u00fcck an Touristen verkauft: \u00bbDie hochwertig verarbeitete, nach historischem Vorbild entworfene Deckenlampe ist ein Wohnaccessoire der ganz besonderen Art. Das exklusive Design orientiert sich an den Leuchten, die einst im Palast der Republik hingen, und ist in jedem Raum der Hingucker. Die Deckenleuchte mit zw\u00f6lf Kugeln ist in stark limitierter Auflage produziert worden und exklusiv hier erh\u00e4ltlich.\u00ab Was fr\u00fcher achtlos weggeworfen wurde, weil es als minderwertiger sozialistischer Plunder betrachtet wurde, dessen schlechte Kopie gilt mittlerweile als \u00bbexklusives Wohnaccessoire der ganz besonderen Art\u00ab. The Times They Are A-Changin\u2019.<\/p>\n<p>Eine andere, damit vergleichbare Berliner Provinzposse ist das erb\u00e4rmliche Hickhack um das <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1010146.eines-tages-steht-er-wieder.html?sstr=lenin|denkmal|k\u00f6penick\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ostberliner Lenin-Denkmal<\/a>, das einst auf dem Leninplatz, der logischerweise seit 1992 nicht mehr Leninplatz hei\u00dft, seinen Standort hatte. Weil man es damals, wie ausnahmslos alles, was an die DDR erinnerte, m\u00f6glichst r\u00fcckstandslos verschwinden lassen wollte \u2013 Stichwort: M\u00fcll aus einer untergegangenen \u00c4ra \u2013, man aber selbst in der extrem hartgesottenen Berliner Diepgen-CDU ahnte, dass es keinen allzu guten Eindruck macht, wenn man Kunstwerke der Einfachheit halber zertr\u00fcmmert und die Brocken dann der Abfallwirtschaft zur Entsorgung \u00fcbergibt, hat man das Denkmal im Jahr 1991 in 129 Einzelteile zerlegt und \u2013 so machten es fr\u00fcher manchmal Kinder mit Dingen, die sie vor den Augen der Eltern verbergen wollten \u2013 in einer Sandgrube verscharrt, und zwar m\u00f6glichst weit weg, am Berliner Stadtrand. Ich w\u00fcrde dieses Tun nicht als vern\u00fcnftiges Verhalten erwachsener, zurechnungsf\u00e4higer Personen bezeichnen.<\/p>\n<p>Knapp 25 Jahre sp\u00e4ter hat man \u2013 weil sich an die DDR, die zwar mausetot war, auf deren Kadaver man aber dennoch weiter flei\u00dfig einschlug (der \u00bbHistoriker\u00ab Ilko Sascha-Kowalczuk verdient bis heute damit seinen Lebensunterhalt), au\u00dfer ein paar Boomern kaum noch jemand erinnerte \u2013 den Denkmalkopf, den man lustigerweise eine Zeit lang nicht mehr wiedergefunden hat, wieder ausgegraben, um ihn als Exponat in einer Ausstellung herzuzeigen.<\/p>\n<p>Wegschmei\u00dfen oder Verstecken, das scheinen nicht nur die beiden Hauptstrategien der Bundesrepublik im Umgang mit Kunstgegenst\u00e4nden der DDR zu sein, sondern auch die beiden gebr\u00e4uchlichsten Praktiken im Umgang mit der deutschen Geschichte.<\/p>\n<p>Ich bin mir nicht sicher, ob in einer besseren Zukunft \u00fcber diese beiden Verfahrensweisen nicht noch einmal nachgedacht werden sollte. Sicher ist jedenfalls: Das unbestritten gr\u00f6\u00dfte Pop-Art-Kunstwerk der DDR konnte gerettet werden. Es befindet sich derzeit im Deutschen Historischen Museum: das aus Kunststoffen, Stahlblech und Leuchtstoffr\u00f6hren bestehende, knapp elf Meter hohe und \u00fcber f\u00fcnf Meter breite Leuchtreklameschild des Kombinats VEB Chemische Werke Buna, das 1978 an der Elbbr\u00fccke bei Coswig errichtet worden war und f\u00fcr das Chemiekombinat warb. Immer wenn ich fr\u00fcher auf der Transitstrecke zwischen Westdeutschland und Westberlin unterwegs war, bestaunte ich den auf der Reklameskulptur hell erstrahlenden Schriftzug in den Farben Gelb-Orange-Rot und Wei\u00df, dessen \u00fcberw\u00e4ltigende Sch\u00f6nheit mir fast den Atem raubte: \u00bbPlaste und Elaste aus Schkopau\u00ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Hurra, der Lenin-Kopf ist wieder da! Foto: dpa | Wolfgang Kumm Ein Freund, von Beruf K\u00fcnstler, erz\u00e4hlte mir&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":554138,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,296,129,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-554137","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-berlin","10":"tag-ddr","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-germany","14":"tag-kunst-und-design","15":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115499969090892346","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/554137","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=554137"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/554137\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/554138"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=554137"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=554137"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=554137"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}