{"id":555024,"date":"2025-11-06T09:15:27","date_gmt":"2025-11-06T09:15:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/555024\/"},"modified":"2025-11-06T09:15:27","modified_gmt":"2025-11-06T09:15:27","slug":"fotomuseum-in-goerlitz-von-der-ruine-zum-kulturellen-highlight","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/555024\/","title":{"rendered":"Fotomuseum in G\u00f6rlitz: Von der Ruine zum kulturellen Highlight"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Heute muss Hans Peil selbst dar\u00fcber lachen, dass ihm die K\u00f6pfe und Namen in der Fassade seines Hauses nichts bedeuteten, er sie genau genommen nicht einmal richtig wahrgenommen hat, als er es 1994 erwarb. <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"G\u00f6rlitz\" data-rtr-id=\"00a5e8baf88e310a5d6551da8f768f409bf4c14f\" data-rtr-score=\"160.79355326876512\" data-rtr-etype=\"location\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/goerlitz\" title=\"G\u00f6rlitz\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">G\u00f6rlitz<\/a>, die Stadt mit den herrlichen Altbauten bis zur\u00fcck aus der Zeit der Renaissance, klang damals, kurz nach dem Mauerfall, nach bl\u00fchender Zukunft. Ein bisschen war zu tun. Vielleicht ein bisschen viel.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der Putz br\u00f6ckelte von den meisten H\u00e4usern, und ausgebaut waren die wenigsten nach modernem Standard. Farbe war dem Ortskern fremd. Dennoch war das Potential nicht zu \u00fcbersehen \u2013 und Hans Peil investierte in ein Wohnhaus aus der Gr\u00fcnderzeit in der Hoffnung, nach Umbauten und Ausbauten eine kleine Rendite zu erwirtschaften. Das bauf\u00e4llige Fabrikgeb\u00e4ude im Hinterhof, von dem jugendlicher \u00dcbermut zerst\u00f6rt hatte, was dem Zahn der Zeit entkommen war, wie Hans Peil es formuliert, war im Preis enthalten. Sp\u00e4ter erst, als er in einem Bildband \u00fcber G\u00f6rlitz, einem Weihnachtsgeschenk, einen kurzen Beitrag \u00fcber sein Haus entdeckte, machte er sich mit dessen Geschichte vertraut, die sich aufrollte zu einer immerhin h\u00fcbschen Fu\u00dfnote der Geschichte der Fotografie.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Zeit der optischen Industrie<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Denn gebaut hatte das Haus die Firma Herbst &amp; Firl, die dort von 1892 bis 1919 Fotoapparate produzierte. Und nach dem Ersten Weltkrieg mietete sich die Firma Meyer Optik darin f\u00fcr einige Zeit ein. Es war die gro\u00dfe Zeit der optischen Indus\u00adtrie in G\u00f6rlitz. Die Firma Curt Bentzin etwa entwickelte hier mit der Primarflex einen Apparat, von dem viele behaupten, Hasselblad habe ihn frech kopiert und zu Weltruhm gef\u00fchrt. Knapp hundert Unternehmen widmeten sich zuzeiten der Herstellung von Fotoapparaten, einschlie\u00dflich solcher Zulieferer wie Feinmechaniker f\u00fcr die Beschl\u00e4ge oder Sattler f\u00fcr die Balgen der alten Ausziehkameras. Und bis zur Wende produzierte der \u201eVolkseigene Betrieb VEB Feinoptisches Werk G\u00f6rlitz, Betrieb im Kombinat Carl Zeiss Jena\u201c Objektive f\u00fcr die DDR-Kamera-Reihe Praktica.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Ein Oldtimer der Bilderproduktion: Die Kamera von Curt Bentzin wurde in G\u00f6rlitz gebaut\" height=\"3000\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/ein-oldtimer-der.jpg\" width=\"2250\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Ein Oldtimer der Bilderproduktion: Die Kamera von Curt Bentzin wurde in G\u00f6rlitz gebautFreddy Langer<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Irgendwann begriff Hans Peil, wer da von seinem Haus aus zwischen den Fenstern der ersten Etage mit arrogantem Blick \u00fcber die Stra\u00dfe schaute: William Fox Talbot, Louis Jacques Mand\u00e9 Daguerre und Joseph Nic\u00e9phore Ni\u00e9pce \u2013 die drei Erfinder der Fotografie. Und bald darauf setzte er, der 1972 sein Kunststudium an der HdK in Berlin als Meistersch\u00fcler bei Hermann Bachmann abgeschlossen hat, sich mit seinem Freundeskreis aus lauter K\u00fcnstlern zusammen, um \u201eherumzuspinnen\u201c, was man dem Haus schuldig sei. Ergebnis der Debatte war der hochtrabende Plan der Gr\u00fcndung eines Fotomuseums. Noch ohne Sammlungsbestand. Und vorerst ohne Konzept. Aber alle waren begeistert. Im Winter 1999 gab es die Gr\u00fcndungsversammlung der Gesellschaft Freunde des Museums f\u00fcr Fotografie. Zwanzig, vielleicht auch f\u00fcnfundzwanzig Frauen und M\u00e4nner, so genau erinnert Hans Peil sich nicht, setzten ein Kreuzchen auf die Karte: \u201eJa, ich trete bei.\u201c<\/p>\n<p>Bald sammelten sich von \u00fcberallher Sachspenden an<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Schon bald freilich wich die Begeisterung der Erkenntnis, dass es sich mit der Fotografie nicht anders verh\u00e4lt als mit der Kunst allgemein. Sie ist zwar sch\u00f6n, macht aber viel Arbeit. Hans Peil kamen jetzt zumindest die Erkenntnisse zupass, die er zun\u00e4chst im Anschluss an sein Kunststudium in Seminaren f\u00fcr \u00d6ffentlichkeitsarbeit gesammelt hatte und sp\u00e4ter als selbst\u00e4ndiger Berater f\u00fcr Mittelst\u00e4ndler, wie sie F\u00f6rdermittel aus dem Wirtschaftsministerium erhalten k\u00f6nnen. Vor allem aber sprang ihm der Berliner Sammler Werner Umst\u00e4tter zur Seite, der ein Jahr lang im ersten Stock des Hauses mit eigenem Material vorf\u00fchrte, wie ein solches Museum aussehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Bald wusste ganz G\u00f6rlitz von seinem Museumsplan, und obwohl Hans Peil zun\u00e4chst gesagt wurde, es sei in der Stadt nichts \u00fcbrig geblieben von deren fotografischer Tradition, sammelten sich bald von \u00fcberall her Sachspenden an: historische Apparate von beeindruckend monstr\u00f6sem Ausma\u00df, Kleinbildkameras, die durch die Digitalisierung obsolet geworden waren, selbst komplette Einrichtungen von Dunkelkammern \u2013 die Hans Peil nur allzu gern \u00fcbernahm, um Schulklassen die M\u00f6glichkeit zu geben, eigene Filme zu entwickeln und Abz\u00fcge herzustellen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Herr Gutte aus G\u00f6rlitz, Hirschhorn- und Knopffabrikant\" height=\"3000\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/herr-gutte-aus-goerlitz.jpg\" width=\"2250\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Herr Gutte aus G\u00f6rlitz, Hirschhorn- und KnopffabrikantFreddy Langer<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Jedenfalls war rasch gen\u00fcgend Material beisammen, um damit im neu hergerichteten Ladengeschoss des Vorderhauses nahezu l\u00fcckenlos die technische Entwicklung der Fotografie nachzuerz\u00e4hlen. An Bilder hingegen hatte man kaum gedacht.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Aber als das Museum aus Berlin eines Missverst\u00e4ndnisses wegen angefragt wurde, ob es eine umfassende Retrospektive des legend\u00e4ren Fotojournalisten Robert Lebeck \u00fcbernehmen wolle, sagte man keck ja, flickte notd\u00fcrftig und im Eiltempo ein Stockwerk der halb zusammengefallenen Fabrikhalle her und richtete dem Fotografen samt seiner Berliner Entourage zur Er\u00f6ffnung ein gro\u00dfartiges Fest aus. Fortan gab es von deren Seite reichlich Unterst\u00fctzung bei der Vermittlung neuer Ausstellungen. Nicht hingegen, leider, bei der Vermittlung von Sponsoren.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Baustahlmatten, die man damals kurzerhand aufrecht im Raum verteilt hatte, um Lebecks Fotografien daran aufzuh\u00e4ngen, die sonst dagegen Betonb\u00f6den Halt geben, stehen noch immer und sind heute vielleicht so etwas wie ein Wahrzeichen des Hauses \u2013 obwohl die anderen Etagen l\u00e4ngst sorgf\u00e4ltig ausgebaut wurden und in den vergangenen zwanzig Jahren knapp hundert Ausstellungen Raum boten. Wie vielf\u00e4ltig das Programm gewesen ist, belegt eine der aktuellen Ausstellungen. Zum Jubil\u00e4um des Hauses zeigt sie die Werbeplakate f\u00fcr fast alle Pr\u00e4sentationen. \u201eDie ganz fr\u00fchen fehlen. Keiner hat sie aufgehoben\u201c, sagt Hans Peil und f\u00fcgt schulterzuckend an: \u201eWir hatten ja nicht damit gerechnet, dass es uns so lange geben wird.\u201c Im kommenden Jahr wird er achtzig, und noch immer gestaltet er das Programm.<\/p>\n<p>Die Altstadt dient regelm\u00e4\u00dfig als Filmkulisse<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">K\u00fcrzlich waren parallel zu den Plakaten die d\u00fcsteren Bildkommentare zur Situation der amerikanischen Gesellschaft von Michael Dressel zu sehen: \u201eThe End is Near, here \u2013 Ein Logenplatz in der H\u00f6lle.\u201c Es folgte die j\u00fcngste Serie des Berliner Fotografen Matthias Leupold, der f\u00fcr \u201eAus dem Gruppenbild der Christiane P.\u201c Bilder und Erinnerungen seiner Ostberliner Kindheit unter den Bedingungen der Diktatur nachinszeniert hat. Einfach macht es Hans Peil den Besuchern mit seinen Pr\u00e4sentationen nicht. Nicht immer wenigstens.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das Geheimnis seines Museums indes liegt im extrem weitgef\u00e4cherten Programm, in dem sich Arbeiten international bekannter Fotok\u00fcnstler abwechseln oder erg\u00e4nzen mit Amateurfotografen aus G\u00f6rlitz oder der Lausitz. So h\u00e4lt Hans Peil Kontakt zum heimischen Publikum und zieht zugleich St\u00e4dtetouristen ins Haus, an denen in G\u00f6rlitz kein Mangel herrscht. Schon gar nicht, seit die herausgeputzte Altstadt regelm\u00e4\u00dfig als Kulisse f\u00fcr Kino- und Fernsehproduktionen dient, darunter Filme wie \u201eGrand Budapest Hotel\u201c, \u201eInglourious Basterds\u201c, \u201eDer Vorleser\u201c und \u201eDie B\u00fccherdiebin\u201c, und sich die Stadt auch im Ausland als G\u00f6rliwood vermarktet. Hans Peil spielte mit und holte den Berlinale-Fotografen Gerhard Kassner mit seinen Portr\u00e4ts internationaler Filmstars ins Haus. Ein wenig Glamour tut bisweilen auch der Provinz ganz gut. Talbot, Daguerre und Ni\u00e9pce verzogen keine Miene.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der Verein schrumpft derweil von Jahr zu Jahr. Jetzt sind es gerade noch zwei Mitglieder, die ehrenamtlich alle Arbeiten erledigen. Und so sucht nicht nur die Fotografie, der aktuell KI und die Digitalisierung die Luft abdrehen, nach neuen Wegen und M\u00f6glichkeiten, sondern auch ein Museum in G\u00f6rlitz, das ihr gewidmet ist.<\/p>\n<p>Museum der Fotografie G\u00f6rlitz e.V. , L\u00f6bauer Stra\u00dfe 7, 02826 G\u00f6rlitz, Telefon: 03581\/ 878761, E-Mail: info@fotomuseum-goerlitz.de. Ge\u00f6ffnet Freitag und Samstag von 12 bis 16 Uhr. Im Internet: www.fotomuseum-goerlitz.de.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Heute muss Hans Peil selbst dar\u00fcber lachen, dass ihm die K\u00f6pfe und Namen in der Fassade seines Hauses&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":555025,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-555024","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kunst-und-design","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115501998628574147","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/555024","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=555024"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/555024\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/555025"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=555024"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=555024"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=555024"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}