{"id":558102,"date":"2025-11-07T14:23:21","date_gmt":"2025-11-07T14:23:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/558102\/"},"modified":"2025-11-07T14:23:21","modified_gmt":"2025-11-07T14:23:21","slug":"schauspieler-jonathan-berlin-ueber-seine-rolle-als-schoa-ueberlebender-und-mengele-strassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/558102\/","title":{"rendered":"Schauspieler Jonathan Berlin \u00fcber seine Rolle als Schoa-\u00dcberlebender und Mengele-Stra\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Jahr j\u00e4hrt sich der Start der N\u00fcrnberger Prozesse zum 80. Mal. \u00dcber das Verfahren vor dem Internationalen Milit\u00e4rgerichtshof, bei dem einige der schlimmsten Kriegsverbrecher der Nazi-Diktatur vor Gericht standen, hat der NDR nun f\u00fcr die ARD das Doku-Drama \u00bbN\u00fcrnberg \u201945 &#8211; Im Angesicht des B\u00f6sen\u00ab produziert. Zu sehen ist es am Sonntag ab 21.45 Uhr im Ersten.<\/p>\n<p>Jonathan Berlin spielt darin den Auschwitz-\u00dcberlebenden Ernst Michel, der als Journalist \u00fcber den Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher berichtet und sp\u00e4ter, noch vor Prozessende, in die USA auswandert. Anfang Oktober war Berlin bereits als Neo-Nazi Duric im ARD-Fernsehfilm \u00bbDie Nichte des Polizisten\u00ab zu sehen, der zum Teil auf dem Mord an der Polizistin Mich\u00e8le Kiesewetter durch den NSU im Jahr 2005 basiert.<\/p>\n<p><strong>Herr Berlin, Sie sind unmittelbar hintereinander als Neonazi und Holocaust-\u00dcberlebender in ARD-Filmen zu sehen. Sind das einfach nur zwei unterschiedliche Figuren, die man mit seinem R\u00fcstzeug als Schauspieler f\u00fcllt?<\/strong><br \/>Jonathan Berlin: Die Reihenfolge der Ausstrahlung war zuf\u00e4llig und beim Dreh nicht in der Form absehbar. Beide Projekte, so unterschiedlich sie sind, haben schon einen speziellen Zugang erfordert, den ich so noch nicht kannte. Auch inhaltlich haben sie mich l\u00e4nger als andere Figuren besch\u00e4ftigt. Bei der \u00bbNichte des Polizisten\u00ab lag das auch daran, dass sich die Realisierung seit 2018 immer wieder verz\u00f6gert hatte.<\/p>\n<p><strong>Warum?<\/strong><br \/>Unter anderem wegen des damals noch laufenden Zsch\u00e4pe-Prozesses im NSU-Kontext. Selbst beim Drehen wurde lange gewartet mit einer Startmeldung, weil die Reaktionen &#8211; gerade aus rechten Kreisen &#8211; schwer einsch\u00e4tzbar waren. Was das schauspielerische R\u00fcstzeug angeht, ist das einfach ein Balanceakt bei einer solchen Figur. Man l\u00e4uft schnell Gefahr, etwas auszustellen und in schauspielerische Fallen zu treten. Zum Gl\u00fcck war da das sehr pr\u00e4zise geschriebene Drehbuch und eine sehr feine Regie.<\/p>\n<p><strong>Ernst Michel ist ein j\u00fcdisches Opfer aus Zeiten Jahrzehnte vor Ihrer Geburt, der Neonazi Duric ist dagegen zwar ebenfalls Millennial, steht aber politisch auf der v\u00f6llig entgegengesetzten Seite zu Ihnen. In wen war es leichter, sich hineinzuf\u00fchlen?<\/strong><br \/>Mir f\u00e4llt es schwer, das gegen\u00fcberstellend zu beantworten. Duric ist in jeglicher Form das Gegenteil meiner Werteansichten. Er steht f\u00fcr all das, was die AfD in den letzten Jahren an Populismus und Rassismus gesch\u00fcrt hat. Insofern musste ich die Figur sehr handwerklich nehmen und setze woanders an. Im Kontrast dazu ist Ernst Michel jemand, vor dem ich kaum gr\u00f6\u00dferen Respekt haben k\u00f6nnte. Sein Schaffen beeindruckt mich zutiefst. Und im Angesicht dessen, was ihm angetan wurde, kann ich lediglich all meine Empathie und Hochachtung aufwenden, um mich seiner Biografie anzun\u00e4hern. Es w\u00e4re vermessen zu sagen, ich k\u00f6nnte mich in ihn hineinf\u00fchlen; ich kann ihn lediglich verk\u00f6rpern. Und auch davor hatte ich eine gewisse Scheu. Und Angst.<\/p>\n<p><strong>Angst?<\/strong><br \/>Ernst Michel nicht gerecht zu werden. Auch weil seine Schilderungen f\u00fcr die Schicksale so vieler anderer stehen. Wie gesagt: Es ist nicht nachzuempfinden, man kann sich nur ann\u00e4hern.<\/p>\n<p><strong>Ist die Verantwortung f\u00fcr und der Respekt vor realen Figuren grunds\u00e4tzlich gr\u00f6\u00dfer als bei fiktiven?<\/strong><br \/>Ich denke schon. Aber auch die Frage, wie oft Biografien schon erz\u00e4hlt wurden, spielt eine Rolle. Wenn sie noch nicht sonderlich bekannt ist, ist die Tragweite einer Erz\u00e4hlung noch gr\u00f6\u00dfer. Bei fiktiven Charakteren erlaube ich mir, mehr von mir auszugehen und freier zu gestalten. Es sind schon zwei andere Dinge, auch wenn man das im Moment des Spielens nat\u00fcrlich ausblenden muss.<\/p>\n<p><strong>Dabei f\u00e4llt auf, dass Sie zwar sehr viele sehr unterschiedliche Rollen gespielt haben, inklusive dieser hier aber mittlerweile sechs, die um das Jahr 1945 herum handeln. Angefangen hat das mit dem ZDF-Nachkriegsdrama \u00bbTannbach\u00ab vor zehn Jahren. Gibt es so etwas wie ein historisches Gesicht, das bestimmte Epochen gut widerspiegelt?<\/strong>Das habe ich mich auch schon \u00f6fter gefragt, aber diese Kategorisierung \u00fcberlasse ich anderen. Vielleicht zieht man auch eine bestimmte Art von Konflikten an. Sicherlich interessiert mich an diesen Stoffen, dass dort ein Wertesystem g\u00e4nzlich neu verhandelt wird. Au\u00dferdem ist es ja nicht so, dass diese Themen der Vergangenheit angeh\u00f6ren. Erst k\u00fcrzlich haben einige Unions-Politiker daf\u00fcr pl\u00e4diert, die Brandmauer zur AfD abzubauen. Da frage ich mich, ob die sich ernsthaft mit der Geschichte und den Abgr\u00fcnden des eigenen Landes auseinandergesetzt haben. Genau aus diesem Grund haben meine Kollegin Luisa-Celine Gaffron und ich Anfang des Jahres einen offenen Brief gegen das Einrei\u00dfen der Brandmauer zur AfD initiiert.<\/p>\n<p><strong>Den Hunderte Kulturschaffende unterzeichnet haben.<\/strong><br \/>Genau. Wir erleben gerade aufs Neue, wie Minderheiten angegriffen werden, Antisemitismus zunimmt, Rassismus w\u00e4chst, Gedenkst\u00e4tten attackiert werden und gleichzeitig gut 25 Prozent eine gesichert rechtsextremistische Partei w\u00e4hlen w\u00fcrden. Wir sind alle in der Verantwortung, genau hinzusehen. Mich selbst besch\u00e4ftigt seit einiger Zeit ein massiver Missstand in G\u00fcnzburg, der Stadt, in der ich als Jugendlicher aufgewachsen bin. Wissen Sie, wer noch von dort kommt?<\/p>\n<p><strong>Nein.<\/strong><br \/>Josef Mengele.<\/p>\n<p class=\"u-teaser-list__headline\">Lesen Sie auch<\/p>\n<p><strong>Oh, dem Ihre Figur in \u00bbN\u00fcrnberg \u201a45\u00ab leibhaftig in Auschwitz begegnet.<\/strong><br \/>Obwohl sich die Stadt mit diesem Erbe besch\u00e4ftigt und eindr\u00fcckliche Mahnm\u00e4ler zu Mengeles Verbrechen errichtet hat, sind noch zwei G\u00fcnzburger Stra\u00dfen nach Verwandten Mengeles benannt. Sein Vater Karl ist 1933 in die NSDAP eingetreten. Sein Bruder Alois soll Mengele nach dessen Flucht finanziell unterst\u00fctzt haben. Wie kann es sein, dass sie als Namensgeber geduldet werden? Ich fordere den Stadtrat daher auf, diese Stra\u00dfen endlich umzubenennen.<\/p>\n<p><strong>Mit Erfolg?<\/strong><br \/>Das steht noch aus, aber ich befinde mich dazu gerade im Austausch und versuche, das Thema erneut auf den Tisch zu bringen. Schlie\u00dflich sehen viele in der Stadt die Stra\u00dfennamen ebenso kritisch und sprechen sich gegen den Missstand aus.<\/p>\n<p><strong>Betreibt dieses Engagement gegen Rechts nur der Mensch oder auch der Schauspieler Jonathan Berlin?<\/strong><br \/>Beides bedingt einander. Ich finde, dass man f\u00fcr die Figuren, die man spielt, auch im Hier und Jetzt eine Verantwortung hat, wenn sie realpolitische Kontexte treffen. Wenn ich ein Projekt wie \u00bbN\u00fcrnberg \u201a45\u00ab zusage, aber nichts gegen die beiden Mengele-Stra\u00dfen t\u00e4te, dann w\u00fcrde ich doch letztlich die Figur, nein, Ernst Michel als Person, verraten. Diese Verantwortung besteht zwar auch ohne diese Projekte, aber sie vergr\u00f6\u00dfern sie erheblich, finde ich.<\/p>\n<p><strong>Frage: Und was hat es mit Ihnen gemacht, von dieser Konstellation mit Mengele im Drehbuch zu lesen?<\/strong><br \/>Ich w\u00fcrde sagen, es hat mich gleichzeitig zur\u00fcckschrecken und auf den Stoff zubewegen lassen. Denn ganz klar war: Diese Figur zu spielen, verpflichtet dazu, diesen Missstand vehementer anzugehen. Dem B\u00fcrgermeister der Stadt habe ich auch deshalb bereits die Umbenennung in \u00bbErnst-Michel-Stra\u00dfe\u00ab vorgeschlagen. Denn wir haben es Personen wie ihm zu verdanken, dass Worte f\u00fcr das gefunden wurden, wof\u00fcr es kaum Worte gibt.<\/p>\n<p>\u00bbN\u00fcrnberg \u201945 &#8211; Im Angesicht des B\u00f6sen\u00ab am Sonntag ab 21.45 Uhr im Ersten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In diesem Jahr j\u00e4hrt sich der Start der N\u00fcrnberger Prozesse zum 80. 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