{"id":559123,"date":"2025-11-08T00:14:23","date_gmt":"2025-11-08T00:14:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/559123\/"},"modified":"2025-11-08T00:14:23","modified_gmt":"2025-11-08T00:14:23","slug":"antisemitismus-novemberpogrom-in-berlin-eine-stadt-im-rausch-der-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/559123\/","title":{"rendered":"Antisemitismus \u2013 Novemberpogrom in Berlin: Eine Stadt im Rausch der Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img313738\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/313738.jpeg\" alt=\"Das Gem\u00e4lde \u00bbKristallnacht\u00ab der K\u00fcnstlerin Charlotte Salomon (1940)\"\/><\/p>\n<p>Das Gem\u00e4lde \u00bbKristallnacht\u00ab der K\u00fcnstlerin Charlotte Salomon (1940)<\/p>\n<p>Foto: Wikimedia<\/p>\n<p>Als ich am 10. November 1938, morgens gegen drei Uhr, in einem Taxi den Berliner Tauentzien hinauffuhr, h\u00f6rte ich zu beiden Seiten der Stra\u00dfe Glas klirren. Es klang, als w\u00fcrden Dutzende von Waggons voller Glas umgekippt. Ich blickte aus dem Taxi und sah, links wie rechts, vor etwa jedem f\u00fcnften Haus einen Mann stehen, der, m\u00e4chtig ausholend, mit einer langen Eisenstange ein Schaufenster einschlug. War das besorgt, schritt er gemessen zum n\u00e4chsten Laden und widmete sich, mit gelassener Kraft, dessen noch intakten Scheiben. [&#8230;] Glaskaskaden st\u00fcrzten berstend aufs Pflaster. Es klang, als best\u00fcnde die ganze Stadt aus nichts wie krachendem Glas. Es war eine Fahrt wie quer durch den Traum eines Wahnsinnigen.\u00ab<\/p>\n<p>So beschreibt der Schriftsteller Erich K\u00e4stner, was er beobachtete, als er in dieser Nacht aus einer Kneipe kam. Die am n\u00e4chsten Morgen begonnen Aufr\u00e4umarbeiten waren sinnlos. Denn gegen Mittag baute sich eine zweite Pl\u00fcnderungs- und Zerst\u00f6rungswelle auf. Die \u00bbNeue Z\u00fcrcher Zeitung\u00ab meldete, dass \u00bbdie Aktion gegen die Juden [\u2026] am Donnerstagnachmittag in Berlin von neuem aufgeflammt\u00ab sei, und berichtete entr\u00fcstet von Kindern, die vor \u00bbM\u00f6belh\u00e4usern [\u2026] mit herausgerissenen Schubladen und abgebrochenem Zierrat spiel[t]en.\u00ab Eine der Szenen, die sie an diesem Tag sah, bannte Charlotte Salomon in ihrem Werk \u00bbLeben oder Theater\u00ab in einer Gouache. Sie zeigt ein hasserf\u00fclltes Volksfest: \u00bbJuda verrecke. Nehmt alles, was ihr nehmen k\u00f6nnt.\u00ab<\/p>\n<p>Einen Tag zuvor, an einem Mittwochabend, befand sich Joseph Goebbels in M\u00fcnchen. Dort wurde mit biergeschw\u00e4ngertem Pathos der 15. Jahrestag des Putschversuchs am 9. November 1923 gefeiert. Als die erwartete Nachricht des Todes eines von einem Hannoveraner Juden angeschossenen deutschen Diplomaten aus Paris kam, sah er seine Chance gekommen. Goebbels hatte bereits in den Sommermonaten 1935 und 1938 versucht, in \u00bbseiner\u00ab Stadt Berlin Pogrome zu sch\u00fcren, war aber jeweils in letzter Minute aus au\u00dfenpolitischen Erw\u00e4gungen gestoppt worden. Nach der Besetzung des Sudetenlandes im Oktober 1938 befand sich das NS-Regime nun aber an der Schwelle zum ersehnten Krieg. R\u00fccksicht war nicht mehr geboten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Feier in M\u00fcnchen kamen Goebbels und Hitler \u00fcberein, als vorgebliche Reaktion auf den Tod des Diplomaten eine gewaltt\u00e4tige Aktion auszul\u00f6sen. Nachdem der Propagandaminister in seiner traditionellen Rede im B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller das Signal dazu gegeben hatte, eilten die anwesenden Gau- und SA-Leiter gegen 22.30 Uhr zu den Telefonen und <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1186619.erinnerungskultur-novemberpogrome-in-berlin-facetten-des-gedenkens.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gaben ihren M\u00e4nnern die Befehle<\/a>. Goebbels sah dem Treiben offenbar erst einmal zufrieden zu \u2013 und gab seinem eigenen Gau Berlin erst mit Versp\u00e4tung den Befehl zum Losschlagen. In Berlin hatten die SA-M\u00e4nner seit den Abendstunden in ihren Sturmlokalen gewartet und dort Bier getrunken. Als der Befehl zum Losschlagen gegen zwei Uhr eintraf, schw\u00e4rmten sie aus und trugen trunken Zerst\u00f6rung in die Stadt.<\/p>\n<p>Viele SS-Verb\u00e4nde hingegen hatten nach dem Vorbild M\u00fcnchens ebenfalls Rekrutenvereidigungen durchgef\u00fchrt. Erst nach deren Ende erhielten sie weitere Befehle: Das Diensttagebuch einer Potsdamer SS-Einheit meldet unter dem 10. November: \u00bb3.00 fr\u00fch: Anruf [\u2026], dass gem\u00e4\u00df RFSS-Befehl s\u00e4mtl[iche] Synagogen sofort niederzubrennen seien. Anzug: R\u00e4uberzivil, Pl\u00fcnderungen verboten. Vollzugsmeldung innerhalb 2 Stunden.\u00ab Derweil bereitete ein Telegramm die Gestapo darauf vor, nicht einzugreifen und die Verhaftung von 20\u2009000 bis 30\u2009000 Juden in die Wege zu leiten.<\/p>\n<p>Muckefuck: morgens, ungefiltert, links<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/313753.jpeg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>nd.Muckefuck ist unser Newsletter f\u00fcr Berlin am Morgen. Wir gehen wach durch die Stadt, sind vor Ort bei Entscheidungen zu Stadtpolitik \u2013 aber immer auch bei den Menschen, die diese betreffen. Muckefuck ist eine Kaffeel\u00e4nge Berlin \u2013 ungefiltert und links. Jetzt <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/muckefuck\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">anmelden<\/a> und immer wissen, worum gestritten werden muss.<\/p>\n<p>Offenbar schlossen sich auch viele Berliner*innen aus Neugier alleine oder in Gesellschaft von Freunden oder gar Familie dem Pogrom an \u2013 und <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1177612.jahre-novemberpogrom-dieser-november-ist-ein-besonderer.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">nutzten dann die Gelegenheit<\/a>. Manche halfen sich gegenseitig, warfen die Waren aus den Gesch\u00e4ften auf die Stra\u00dfe. Teils rafften die Passanten, was eben zu finden war. Neben Kostbarem wie Schmuck oder Pelzen auch die ungew\u00f6hnlichsten oder untauglichsten Sachen, wie ein \u00bbPaar\u00ab verschiedene Schuhe. Andere gingen mehrere Male auf Patrouille, zogen beispielsweise mehrere Herrenanz\u00fcge \u00fcbereinander und eigneten sich dazu noch Unterw\u00e4sche f\u00fcr die Geliebte an.<\/p>\n<p>Oft eskalierte die Gewalt, gingen Diebstahl und Zerst\u00f6rungslust einher mit Gewalt gegen Personen. Als er nach seinem Gesch\u00e4ft schauen wollte, wurde Elias Feuerstein, der 65-j\u00e4hrige Inhaber einer Wein- und Spirituosenhandlung, von einem Mob in der Strausberger Stra\u00dfe 25 in Friedrichshain so schrecklich geschlagen, dass er wenig sp\u00e4ter im Krankenhaus verstarb. Auch bei den h\u00e4ufigen \u00dcberf\u00e4llen auf Wohnungen j\u00fcdischer Familien kam es vielfach zu Gewalt.<\/p>\n<p>Zwar gab es hin und wieder \u00bbbeherzte Reviervorsteher\u00ab (Heinz Knoblauch), die Polizei griff aber in der Regel nicht zum Schutz ein, sondern schw\u00e4rmte aus, um Unschuldige zu verhaften und nach Sachsenhausen zu verschleppen. Auch wenn die meisten Berliner Juden bis zum Jahresende wieder freikamen, waren die psychischen und k\u00f6rperlichen Sch\u00e4den gravierend. So erinnerte sich Alfred Silberstein, dass sein Vater Berthold nach sechs Wochen als gebrochener Mann nach Steglitz zur\u00fcckgekommen sei.<\/p>\n<p>Als die Verschleppten am Morgen des 11. November erstmals auf dem Appellplatz von Sachsenhausen gedem\u00fctigt wurden, hatten die Pl\u00fcnderungen noch nicht v\u00f6llig aufgeh\u00f6rt. Daher lie\u00df Goebbels eine schon am Vortag verbreitete Radiomeldung auch in den Zeitungen ver\u00f6ffentlichen. Hiernach sollten \u00bbweitere Demonstrationen\u00ab unterbleiben, weil die \u00bbendg\u00fcltige Antwort auf das j\u00fcdische Attentat in Paris auf dem Gesetzeswege\u00ab erteilt werde. Dessen ungeachtet kam es in Berlin auch am 12. November 1938 noch zu vereinzelten Pl\u00fcnderungen, w\u00e4hrend im Reichsluftfahrtministerium auf einer Konferenz unter Leitung von Hermann G\u00f6ring die von Goebbels angek\u00fcndigte \u00bbAntwort\u00ab diskutiert wurde. Beschlossen wurde, j\u00fcdischen Einzelh\u00e4ndlern und Genossenschaften den Weiterbetrieb zu verbieten und den J\u00fcdinnen und Juden eine Sondersteuer in H\u00f6he von einer Milliarde Reichsmark aufzuerlegen.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>\u00bbEs klang, als best\u00fcnde die ganze Stadt aus nichts wie krachendem Glas.\u00ab<\/p>\n<p>Erich K\u00e4stner<\/p><\/blockquote>\n<p>Auf R\u00fcckfrage von G\u00f6ring bezifferte der Chef der Sicherheitspolizei, Reinhard Heydrich, die Sch\u00e4den der Gewalt. Er sprach von 7500 im Pogrom zerst\u00f6rten \u00bbGesch\u00e4ften\u00ab; 1000 zerst\u00f6rten Synagogen und 100 Ermordeten im gesamten Reichsgebiet. Bis heute werden diese Zahlen immer wieder angef\u00fchrt. Dabei hat sie Heydrich offenbar aus dem Hut gezaubert, um sich keine Bl\u00f6\u00dfe zu geben. Bereits 1988 zog der israelische Historiker Avraham Barkai die Zahl der zerst\u00f6rten Synagogen in Zweifel. Mittlerweile gehen wir von einer Zahl von 1500 zerst\u00f6rten Synagogen aus. Angesichts der Quellenlage ist die Zahl der Ermordeten schwer zu bestimmen, es zeichnet sich immer mehr ab, dass mindestens 800 Menschen direkt w\u00e4hrend oder ganz kurz nach dem Pogrom ermordet wurden, ihren Verletzungen erlagen oder sich aus Verzweiflung das Leben nahmen. Und allein in Berlin ist, vorsichtig gesch\u00e4tzt, von deutlich mehr als 7500 gepl\u00fcnderten Unternehmen auszugehen. Im gesamten Reich lag die Zahl wahrscheinlich im mittleren f\u00fcnfstelligen Bereich.<\/p>\n<p>Diese Zahlen spiegeln allenfalls in Umrissen das Ausma\u00df physischer Gewalt und k\u00f6nnen kein Bild davon vermitteln, wie sich die durch die Stra\u00dfen und durch ihre Wohnungen gejagten Berliner*innen f\u00fchlten. Die erwartbare beziehungsweise erwartete Beute war sicherlich ein \u2013 wenn nicht der \u2013 entscheidende Grund f\u00fcr die ungeheure Gewaltbereitschaft. Hier spielte das antisemitische Stereotyp des vorgeblichen Reichtums der J\u00fcdinnen und Juden eine zentrale Rolle. Antisemitismus durchzusetzen, war schon vor 1933 ein zentrales Wahlversprechen der NSDAP und ihres sp\u00e4teren Koalitionspartners, der Deutschnationalen Volkspartei, gewesen. Dem hatte eine Mehrheit der Wahlberechtigten in freien Wahlen die Stimme gegeben.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus zeigt sich, dass das nationalsozialistische Regime zwar die Geister der Gewalt entfesseln, sie aber nicht einhegen konnte. Die Tage des Pogroms hatten f\u00fcr die nicht-j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung Eventcharakter. Den Mitmachenden \u2013 und davon gab es viele \u2013 erm\u00f6glichte der Moment des Kontrollverlustes, f\u00fcr kurze Zeit aus dem starren Korsett der Diktatur auszubrechen.<\/p>\n<p>Ene Grenz\u00fcberschreitung f\u00fchrte schnell zur n\u00e4chsten: In ihrem Gespr\u00e4ch mit G\u00fcnther Gaus kennzeichnete Hannah Arendt 1965 das Pogrom vom November 1938 als endg\u00fcltige Grenz\u00fcberschreitung; als Beginn des Holocaust. Sie hat damit unbedingt Recht. Woher kam aber die Gewalt? Die Gewalt war ge\u00fcbt, die Gewaltmuster waren verfestigt. So wie das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen Fanal der Baseballschl\u00e4gerjahre der fr\u00fchen 90 Jahre war, ist das Pogrom vom November 1938 mit der ausufernden Gewalt, dem NS-Terror der Jahre 1930 bis 1934 verkn\u00fcpft. Wenn wir uns also heutzutage die Frage stellen, wie wir als Gesellschaft ein \u00bbNie wieder\u00ab vielleicht noch retten k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir uns dem Antisemitismus und dem Rassismus genauso wie der Gewalt in unserer Mitte stellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Gem\u00e4lde \u00bbKristallnacht\u00ab der K\u00fcnstlerin Charlotte Salomon (1940) Foto: Wikimedia Als ich am 10. 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