{"id":560077,"date":"2025-11-08T09:38:13","date_gmt":"2025-11-08T09:38:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/560077\/"},"modified":"2025-11-08T09:38:13","modified_gmt":"2025-11-08T09:38:13","slug":"europa-sollte-mit-russland-sprechen-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/560077\/","title":{"rendered":"\u201eEuropa sollte mit Russland sprechen\u201c \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p class=\"lead\">Der albanische Ministerpr\u00e4sident, Edi Rama, pokert hoch: Bis 2030 will er sein Land in die EU f\u00fchren. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die mutige Justizreform, die eigene Parteikollegen ins Gef\u00e4ngnis brachte, \u00fcber den Westbalkan als Europas innere Grenze und dar\u00fcber, warum die EU ihre Au\u00dfenpolitik nicht l\u00e4nger an Washington auslagern sollte.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/BRITAIN-EUBALKANS-SUMMIT.webp\" alt=\"Albaniens Ministerpr\u00e4sident, Edi Rama. \" width=\"600\" height=\"360\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>Albaniens Ministerpr\u00e4sident, Edi Rama. \u2003Reuters\/Chris J. Ratcliffe<\/p>\n<p> <b>Die Presse: Warum sollte Albanien Teil der Europ\u00e4ischen Union werden?<\/b> <\/p>\n<p> Edi Rama: Es geht um das gro\u00dfe Ganze, nicht nur um Albanien, sondern um die gesamte Region, den Westbalkan und die Europ\u00e4ische Union selbst. Dieser Teil Europas sollte nicht von der EU entkoppelt bleiben. Denn die EU hat nicht nur eine, sondern zwei Grenzen. Eine Au\u00dfengrenze und eine Grenze nach innen, die den Westbalkan umschlie\u00dft. Aus Gr\u00fcnden der Sicherheit und der Einheit Europas ist es vollkommen klar \u2013 zumindest f\u00fcr mich \u2013, dass es keinen anderen Weg gibt, als die L\u00e4nder des Westbalkans in die Europ\u00e4ische Union zu integrieren. Der Westbalkan liegt mittendrin. Ich spreche daher nicht von einer Erweiterung, sondern von einer Vereinigung. <\/p>\n<p> <b>Sie waren vor Kurzem in Paris. Frankreich hat den Beitritt Albaniens in der Vergangenheit mit einem Veto blockiert. Warum hat sich die Stimmung jetzt ge\u00e4ndert?<\/b> <\/p>\n<p> Die Vetos \u2013 das war eine andere Zeit. Damals hatte die Europ\u00e4ische Union die strategische Bedeutung der Erweiterung zu wenig im Blick. Das ist jetzt anders, vieles hat sich ver\u00e4ndert. Auch das Selbstbild der EU. Die EU f\u00fchlt sich nicht mehr so autark wie vor einigen Jahren.  <\/p>\n<p> <b>Sie wurden einmal mit dem Satz zitiert, dass Sie es hassen zu verlieren. Aber f\u00fcr jemanden, der es hasst zu verlieren, pokern Sie mit einem Beitritt bis 2030 ganz sch\u00f6n hoch. Haben Sie denn gar keine Angst, Ihre Landsleute zu entt\u00e4uschen?<\/b> <\/p>\n<p> Nein, ich habe das nicht einfach so leichtfertig dahingesagt, sondern auf Grundlage einer Vereinbarung mit der Europ\u00e4ischen Kommission und des gemeinsamen Plans, die Verhandlungen bis 2027 abzuschlie\u00dfen. Es gibt einen Plan, es gibt Fristen und viel Arbeit, die bew\u00e4ltigt werden muss. All das ist Teil unseres Plans mit der Europ\u00e4ischen Kommission. Wir machen das ja auch nicht im Alleingang, sondern bekommen umfassende Unterst\u00fctzung. Nach Abschluss der Verhandlungen rechnen wir mit weiteren zwei Jahren f\u00fcr die Ratifizierungsprozesse. Daraus ergibt sich unser Zieljahr 2030. Hinter dieser Zeitplanung steht eine fundierte Kalkulation. Kann sich das \u00e4ndern? Selbstverst\u00e4ndlich \u2013 aber nicht wegen uns. Wenn es sich wegen der EU \u00e4ndert, ist das eine andere Geschichte. <\/p>\n<p> <b>Hat Ihr Land genug Zeit, all diese notwendigen Reformen zu verdauen? Nehmen wir den Kampf gegen Korruption. Braucht es nicht viel mehr Zeit, damit Dinge in der Gesellschaft und in den Institutionen ankommen?<\/b> <\/p>\n<p> Wenn Sie mich fragen, ob wir in zwei Jahren wie \u00d6sterreich sein werden, sage ich: Nein, keineswegs. Aber der Beitritt bezieht sich auf sehr klare, spezifische Prinzipien und Kriterien, die insgesamt erf\u00fcllt werden m\u00fcssen. Der Kampf gegen dies und das ist eine nie endende Geschichte, da werden wir auch nach dem EU-Beitritt daran weiterarbeiten. So wie die Dinge stehen, sehe ich in dieser Phase keine Gefahr, dass wir die Reformen nicht verdauen k\u00f6nnen. Aber wir m\u00fcssen auch nach unserem Beitritt dranbleiben. <\/p>\n<p> <b>Albanien hat eine Reform umgesetzt, die kein Kandidatenland bisher angegangen ist. Eine Sonderstaatsanwaltschaft namens Spak \u2013 Struktura e Posa\u00e7me Kund\u00ebr Korrupsionit dhe Krimit t\u00eb Organizuar, Spezialstruktur gegen Korruption und organisierte Kriminalit\u00e4t \u2013, die hochrangige Politiker hinter Gitter gebracht hat. Darunter Ihren Parteikollegen Erion Veliaj, den B\u00fcrgermeister von Tirana. Jetzt laufen Ermittlungen gegen die amtierende Infrastrukturministerin, Ihre Vizepremierministerin, Belinda Balluku. Bereuen Sie es manchmal, eine so m\u00e4chtige Institution geschaffen zu haben, die Ihren Parteigenossen gef\u00e4hrlich wird?<\/b> <\/p>\n<p> Nein, das tue ich nicht. All das ist ja nicht aus heiterem Himmel geschehen. Ich habe schon davor gesagt: Wir brauchen eine Justiz, die unabh\u00e4ngig ist und in alle Richtungen ermittelt, anklagt und verurteilt. Klar, all das ist schmerzhaft und bitter. In die Oper zu gehen w\u00e4re sch\u00f6ner. Aber es ist der einzige Weg. Ist Spak perfekt? Nein. Machen sie auch Fehler? Nat\u00fcrlich. Aber am Ende des Tages gibt es eine Sache, die wir auf keinen Fall antasten sollten: die Unabh\u00e4ngigkeit, die wir dieser Beh\u00f6rde gegeben haben. <\/p>\n<p> <b>Mitglieder der Opposition bezeichnen Sie als Diktator. Was sagen Sie dazu?<\/b> <\/p>\n<p> Wenn sie mich nicht Diktator nennen w\u00fcrden, w\u00fcrden sie ihre Arbeit hundsmiserabel machen. Ich habe kein Problem damit. Ich werde ihnen nicht sagen, dass sie damit aufh\u00f6ren sollen. Ich will ja, dass sie bei den n\u00e4chsten Wahlen wieder verlieren. Indem sie diesen v\u00f6llig extremen Unsinn behaupten, arbeiten sie am Ende f\u00fcr uns. <\/p>\n<p> <b>In einem einzigartigen Vogelschutzgebiet nahe der K\u00fcstenstadt Vlora wird gerade ein Flughafen gebaut. Die EU-Kommission hat schon vor Jahren Bedenken bez\u00fcglich nicht eingehaltener Genehmigungsverfahren ge\u00e4u\u00dfert, aber auch wegen der zu erwartenden Sch\u00e4den f\u00fcr die Umwelt und Tierwelt.<\/b> <\/p>\n<p> Wir haben wiederholt klargestellt, dass das Projekt absolut nicht umweltsch\u00e4dlich ist und dass es dort schon lang davor einen Flughafen gegeben hat. Wir haben ja keinen Flughafen gebaut, wo nie einer war. Nat\u00fcrlich gibt es Menschen, die es am liebsten h\u00e4tten, w\u00fcrde man \u00fcberhaupt nichts mehr bauen und nichts anderes mehr tun, als die Natur zu sch\u00fctzen. Ich respektiere das. Aber ist das machbar? Ich glaube nicht. Wir m\u00fcssen unsere Infrastruktur ausbauen. <\/p>\n<p> <b>Der US-Investor Jared Kushner, der Schwiegersohn von Donald Trump, will unweit des Flughafens ein Luxusressort bauen. Wird das jemals Realit\u00e4t, und wenn ja: Wann?<\/b> <\/p>\n<p> Kushner will sowohl auf der Insel Sazan als auch auf dem gegen\u00fcberliegenden Festland bauen. Der Flughafen sollte n\u00e4chstes Jahr er\u00f6ffnet werden, und auch die Investitionen von Kushner sollten n\u00e4chstes Jahr realisiert werden. <\/p>\n<p> <b>Wie kam es dazu, dass sich Kushner f\u00fcr Albanien interessiert?<\/b> <\/p>\n<p> Es gibt immer einen Moment, in dem man sich f\u00fcr jemanden oder etwas interessiert. Das ist nicht unbedingt etwas, was man erkl\u00e4ren kann. Man ist irgendwo zu einem bestimmten Zeitpunkt \u2013 und pl\u00f6tzlich ist man verheiratet. Manchmal ist es einfach Zufall. Auch bei Kushner ist es einfach passiert. Er und seine Frau haben Albanien besucht. Die beiden haben sich in das Land verliebt, sind wieder gekommen und haben begonnen, \u00fcber Projekte nachzudenken. <\/p>\n<p> <b>Der Westbalkan ist eine Region, in der es in den Neunzigerjahren Kriege gegeben hat. Bis heute gibt es mitunter harte, verbale Auseinandersetzungen. Ist es m\u00f6glich, den Westbalkan endg\u00fcltig zu befrieden und all diese L\u00e4nder unter einem Dach zu vereinen?<\/b> <\/p>\n<p> In dieser Hinsicht habe ich eine sehr saubere Bilanz. Ich war, metaphorisch gesprochen, nie in eine regionale Schl\u00e4gerei verwickelt. Ich habe die friedlichste Bilanz \u00fcberhaupt. Der Westbalkan ist nicht die Schweiz, aber ich muss auch sagen: Die Region ist heute anders als fr\u00fcher. Es ist so viel friedlicher, und es gibt so viel mehr Zusammenarbeit, dass wir uns nicht beklagen sollten. Wir haben in der letzten Dekade mehr getan als in den vorherigen tausend Jahren zuvor. <\/p>\n<p> <b>Also sind auch die Spannungen zwischen dem Kosovo und Serbien oder Debatten \u00fcber Kriegsverbrechen in den Neunzigerjahren am Ende nur Rhetorik?<\/b> <\/p>\n<p> Das ist Politik. Manchmal stellt jemand eben einen Teller mit einer Speise auf den Tisch, den die anderen nicht essen wollen, und schon geht das Gez\u00e4nk los. Aber das geh\u00f6rt dazu. Wichtiger ist: Bis 2014 gab es nie den Fall, dass sich die F\u00fchrer des Westbalkans getroffen, hingesetzt und \u00fcber die Zukunft der Region diskutiert haben. Seit 2014 haben unz\u00e4hlige solcher Treffen stattgefunden. Wir sind nicht immer einer Meinung, was in Ordnung ist. Aber ich denke, wir erleben gerade die friedlichste Zeit des Westbalkans in der Geschichte. <\/p>\n<p> <b>Mit Donald Trump ist die USA kein verl\u00e4sslicher Partner mehr. L\u00e4nder wie China oder die T\u00fcrkei versuchen, auf dem Balkan an Einfluss zu gewinnen, Russland in Osteuropa. Wie blicken Sie auf die geopolitische Lage? <\/b> <\/p>\n<p> Albanien ist zu klein, um w\u00e4hlerisch zu sein. Wir m\u00fcssen mit allen reden und in der Lage sein, jeden so gut wie m\u00f6glich zu verstehen. Was Russland betrifft, haben wir eine besondere Beziehung wegen einer besonderen Geschichte. Wir haben uns 1960 von Russland getrennt, weil wir \u2013 anders als die Sowjetunion \u2013 unseren stalinistischen Weg weitergehen wollten. Das schuf eine gro\u00dfe Unzufriedenheit in der Psyche unseres Volks gegen\u00fcber den Russen und Russland. Deshalb hatten wir in den 35 Jahren seit der demokratischen Wende nie einen Staatsbesuch in Russland und wurden nie von einem russischen Staatschef besucht. Und ehrlich gesagt st\u00f6rt uns das auch nicht weiter. Aber wenn es um die Europ\u00e4ische Union geht, denke ich: Die EU sollte mit Russland sprechen und nicht weiter ihre Au\u00dfenpolitik an Washington auslagern. Am Ende des Tages ist Russland der Nachbar der Europ\u00e4ischen Union, nicht der Nachbar der Vereinigten Staaten. Und mit Nachbarn muss man reden. <\/p>\n<p> <b>Wie besorgt sind Sie \u00fcber eine m\u00f6gliche russische Invasion in anderen L\u00e4ndern Osteuropas?<\/b> <\/p>\n<p> Ich k\u00f6nnte v\u00f6llig falschliegen, aber ich bin \u00fcberhaupt nicht besorgt. Ich glaube nicht, dass Russland irgendein EU-Land \u00fcberfallen wird. Sie sind ja nicht einmal in der Lage, die ukrainische Armee in dem Teil der Ukraine zu besiegen, wo sie ihre imperialistischen Ziele verfolgen. Ich denke, Russlands Provokationen sind Teil der Strategie. <\/p>\n<p> <b>Wenn man in Tirana mit den Leuten spricht, dann vernimmt man an allen Ecken und Enden Erwartungen, die die Menschen an einen EU-Beitritt haben. Welche Art von Ver\u00e4nderung w\u00fcrden Sie gern in diesem Land sehen, und was kann die Europ\u00e4ische Union tun, um das zu unterst\u00fctzen? <\/b> <\/p>\n<p> Haben Sie jemals jemanden gesehen, der heiraten will und keine gro\u00dfen Erwartungen hat? Und wie k\u00f6nnen Sie die Erwartungen von jemandem senken, der heiraten will? Sie k\u00f6nnen \u00fcber die Ehe sagen, was sie wollen. Die Leute heiraten, lassen sich scheiden und heiraten wieder, wie ich. Es ist absolut okay, hohe Erwartungen zu haben. Sie geben einem Energie und helfen einem, Dinge anzupacken. In dieser Hinsicht ist die Europ\u00e4ische Union eine Quelle positiver Energie f\u00fcr das Land. Gro\u00dfartig. <\/p>\n<p> <b>Andere Staaten auf dem Westbalkan sind derzeit \u00fcberhaupt nicht an einer Hochzeit interessiert. Serbien etwa. <\/b> <\/p>\n<p> In diesem Wettstreit um die Gunst Europas sind wir in derselben Lage wie einst Odysseus mit seinen Nebenbuhlern. Wir haben eine lange Segelreise hinter uns. Montenegro buhlt auch um Europa, vielleicht nicht so sehr wie wir, aber die Mehrheit will es. In Nordmazedonien will man es auch immer noch, wenn auch nicht so sehr wie in Montenegro. Auch der Kosovo m\u00f6chte beitreten. In Serbien ist der Wille am geringsten. Sie sind ein bisschen wie jene, die gehofft haben, Penelope zu heiraten \u2013 mit dem Unterschied, dass sie gleichzeitig auch anderen sch\u00f6ne Augen machen. Aber nun ganz ohne Mythologie: Es verz\u00f6gert sich, aber letztendlich wollen alle mitmachen. Auch die Serben, weil ihnen klar ist, dass es f\u00fcr sie keinen anderen Platz als in der Europ\u00e4ischen Union gibt. <\/p>\n<p> <b>Hoffen wir, dass Sie nicht wie Odysseus sind, der bei seiner R\u00fcckkehr zu Penelope alle Nebenbuhler get\u00f6tet hat.<\/b> <\/p>\n<p> Nein, nein. Wir sind durchaus dazu f\u00e4hig, jeden zu t\u00f6ten, der uns daran hindern will, die Europ\u00e4ische Union zu heiraten. Aber wir denken \u00fcberhaupt nicht daran, jemanden zu t\u00f6ten, der auch an der Hochzeit teilnehmen will. Sie sind alle willkommen. <\/p>\n<p> <b>Es gibt einige Stimmen in Europa, die einer Erweiterung skeptisch gegen\u00fcberstehen. Haben Sie das Gef\u00fchl, dass sich die Stimmung dreht?<\/b> <\/p>\n<p> Ich denke, jene, die z\u00f6gern, erkennen jetzt, dass das Z\u00f6gern keine gute Idee ist. Der EU-Beitritt ist Teil eines gr\u00f6\u00dferen Prozesses, der auch die Vereinigung des Westbalkans umfasst. <\/p>\n<p> <b>Glauben Sie, dass der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident, Emmanuel Macron, dazu bereit ist?<\/b> <\/p>\n<p> Macron ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass wir alle nicht wissen, was nach Macron kommen wird. Wir sind in Richtung Europa gesegelt, selbst als Europa nicht in Sicht war. Es gibt eine Sache, die viele nicht verstehen: Wir machen die Hausaufgaben nicht, um der EU zu gefallen. Wir machen die Hausaufgaben, um Albanien europ\u00e4ischer und demokratischer zu machen. <\/p>\n<p> Nehmen Sie die Beispiele Afghanistan oder Irak. Das Nation-Building ist in beiden F\u00e4llen grandios gescheitert. Diese Staaten haben keine Perspektive in Bezug auf die Europ\u00e4ische Union. Aber niemand sonst \u2013 au\u00dfer der EU \u2013 kann einem Land so gut beibringen, wie man Institutionen aufbaut. Den Amerikanern fehlt daf\u00fcr die Geduld. Sie wollen die Dinge mit Bomben regeln und predigen dann auch noch. Nur die Europ\u00e4ische Union hat den n\u00f6tigen langen Atem f\u00fcr so einen langen Prozess. In Albanien w\u00e4ren wir heute nicht dort, wo wir sind, wenn wir die Europ\u00e4ische Union nicht h\u00e4tten. Okay, wir h\u00e4tten auch die Kopfschmerzen oder die Neurosen nicht, die damit einhergehen. Mit der Europ\u00e4ischen Union zu arbeiten, das f\u00fchlt sich manchmal sehr neurotisch an. Manchmal hat man das Gef\u00fchl, man m\u00f6chte auf die Spitze eines Minaretts steigen und wie verr\u00fcckt br\u00fcllen. Aber am Ende ist dieser ganze Prozess wirklich sehr hilfreich. Es ist bittere Medizin. Aber: Wir reden von Medikamenten und nicht von Gift. <\/p>\n<p> <b>In der Stadt wird dar\u00fcber gemunkelt, dass Schwarzgeld \u2013 etwa aus dem Drogenhandel \u2013 in Tiranas Bauwesen gewaschen wird. <\/b> <\/p>\n<p> Wenn Sie die Menge an Drogengeldern \u00fcberpr\u00fcfen, die in Europa angeblich gewaschen werden \u2013 ich habe die letzte Zahl nicht \u00fcberpr\u00fcft \u2013, dann spielt Tirana oder Albanien dabei nur eine sehr untergeordnete Rolle. Haben wir Probleme dieser Art? Ja, die haben wir. Aber sind diese Probleme so gro\u00df, dass man einen Aufruhr in Europa dar\u00fcber machen muss? Das ist au\u00dferhalb jeder Proportion. Ich denke, das ist l\u00e4cherlich. <\/p>\n<p> <b>Was planen Sie zu tun, um k\u00fcnftig Geldw\u00e4sche zu unterbinden?<\/b> <\/p>\n<p> Zun\u00e4chst einmal sage ich Ihnen, dass das in Albanien weitaus weniger passiert, als dar\u00fcber geredet wird. Tatsache ist: Da wir viele Ma\u00dfnahmen ergriffen und sehr hart gegen Geldw\u00e4sche vorgegangen sind, wurden wir von der grauen Liste der Financial Action Task Force on Money Laundering (FATF) genommen. Ich betone: Die FATF ist eine sehr strenge Organisation, die sich die Mechanismen jedes Landes im Hinblick auf Geldw\u00e4sche und Finanzgrauzonen genau ansieht. Wir haben die notwendigen Instrumente. Ich glaube, es ist auch Teil des Schocks, den viele Menschen haben, wenn sie zum ersten Mal nach Albanien oder Tirana kommen. Sie sehen all diese neuen Bauten und stellen sich die Frage: Was geht hier vor, wie ist das m\u00f6glich? Die Antwort: Es ist deshalb m\u00f6glich, weil wir arbeiten. Glauben Sie, wir liegen in der Sonne und warten darauf, dass Drogen umgeschlagen werden? Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Wir arbeiten sehr hart. <\/p>\n<p> <b>Albanien w\u00e4re das erste mehrheitlich muslimische Land in der EU. Welche Bedeutung hat das aus Ihrer Sicht?<\/b> <\/p>\n<p> Wenn alle Muslime der Welt wie die Muslime Albaniens w\u00e4ren, w\u00e4ren Allah und Jesus gl\u00fccklich. In Albanien leben Muslime und Christen. Ich bin katholisch, meine Frau ist Muslimin, unsere zwei Kinder aus fr\u00fcherer Ehe sind christlich-orthodox. Wir haben jetzt ein kleines Kind, das selbst entscheiden wird, welche Religion es aus\u00fcben will. Es gibt einen gemeinsamen Nenner in all dem: 92 Prozent der Albaner lieben die Europ\u00e4ische Union. In einem Sinn ist eine EU-Mitgliedschaft Albaniens ein weiterer Weg zu zeigen, dass es nicht um Muslime oder Christen geht, sondern um die Geografie, um Geopolitik. Wenn wir dieselben Menschen in einer anderen Geografie w\u00e4ren, beispielsweise im Irak oder in Afghanistan, w\u00e4ren wir am Ende. Aber Albanien liegt in Europa, das Risiko zu scheitern ist auf unserem Kontinent gering. Wir f\u00fchlen uns europ\u00e4isch, wir sind Europ\u00e4erinnen und Europ\u00e4er, und Europa ist unsere wichtigste Religion. Wenn wir erst EU-Mitglieder sind, wird unser fast schon religi\u00f6ser Eifer Europa betreffend vielleicht abnehmen, aber im Moment sind wir wahre EU-Fanatiker. <\/p>\n<p> <b>Das Interview wurde gemeinsam mit Konrad Kramar vom \u201eKurier\u201c und Franziska Tschinderle vom \u201eProfil\u201c gef\u00fchrt.<\/b> <\/p>\n<p>    Lesen Sie mehr zu diesen Themen:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der albanische Ministerpr\u00e4sident, Edi Rama, pokert hoch: Bis 2030 will er sein Land in die EU f\u00fchren. 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