{"id":56081,"date":"2025-04-24T00:43:09","date_gmt":"2025-04-24T00:43:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/56081\/"},"modified":"2025-04-24T00:43:09","modified_gmt":"2025-04-24T00:43:09","slug":"meduza-chef-zu-arbeit-in-russland-wenn-du-uns-ein-interview-gibst-kannst-du-im-knast-landen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/56081\/","title":{"rendered":"Meduza-Chef zu Arbeit in Russland: &#8222;Wenn du uns ein Interview gibst, kannst du im Knast landen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Meduza ist eins der bekanntesten unabh\u00e4ngigen Medien Russlands &#8211; und das, obwohl die Mitarbeiter nicht einmal nach Russland einreisen d\u00fcrfen. Wegen der Verfolgung des Kremls k\u00e4mpft die Redaktion seit Jahren ums \u00dcberleben. Warum es f\u00fcr Chefredakteur Ivan Kolpakov trotzdem nicht darum geht, das Regime zu st\u00fcrzen, erkl\u00e4rt er im Interview mit ntv.de. <\/p>\n<p><b>ntv.de: Sie leben in Berlin, die Meduza-Redaktion sitzt in Riga. Wann waren Sie zuletzt in Russland?<\/b><\/p>\n<p>Ivan Kolpakov: 2019. Damals konnten wir noch relativ problemlos einreisen. 2021 wurde Meduza dann als &#8222;ausl\u00e4ndischer Agent&#8220; eingestuft. Heute bin ich Co-Leiter einer sogenannten &#8222;unerw\u00fcnschten Organisation&#8220;. Die Risiken f\u00fcr alle Meduza-Mitarbeiter, die versuchen w\u00fcrden, nach Russland einzureisen, sind hoch: Die Zusammenarbeit mit einer &#8222;unerw\u00fcnschten Organisation&#8220; gilt als Straftatbestand und kann mit Gef\u00e4ngnis bestraft werden. Hinzu kommt der immer h\u00e4ufiger erhobene Vorwurf des Hochverrats, mit dem der Staat gezielt gegen Journalisten vorgeht.<\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/DSC06174.jpg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Ivan Kolpakov ist Mitgr\u00fcnder und Chefredakteur des kremlkritischen Portals Meduza.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/DSC06174.jpg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Ivan Kolpakov ist Mitgr\u00fcnder und Chefredakteur des kremlkritischen Portals Meduza.<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: Andrej Vasilenko)<\/p>\n<p><b>Wie viel Jahre Haft drohen ihren Mitarbeitern, sollten sie in Russland erwischt werden?<\/b><\/p>\n<p>F\u00fcr die Zusammenarbeit mit einer &#8222;unerw\u00fcnschten Organisation&#8220; kann man &#8211; wenn ich mich nicht irre &#8211; bis zu sechs Jahre bekommen. Und f\u00fcr Hochverrat drohen sogar bis zu 20 Jahre Haft.<\/p>\n<p><b>Wie ist es \u00fcberhaupt m\u00f6glich, ein Medium \u00fcber Russland zu machen, ohne selbst vor Ort sein zu k\u00f6nnen?<\/b><\/p>\n<p>Das ist eine gro\u00dfe Herausforderung. Seit Beginn des umfassenden Krieges 2022 haben wir keine offizielle Repr\u00e4sentanz mehr in Russland. Wir mussten alle Mitarbeitenden evakuieren &#8211; f\u00fcr viele bedeutete das, alles neu zu lernen. Gleichzeitig haben wir ein neues Netzwerk von Freiberuflern innerhalb Russlands aufgebaut. Ohne Reporter vor Ort verliert man das Gesp\u00fcr f\u00fcr die Realit\u00e4t, die N\u00e4he zum Publikum &#8211; beides ist entscheidend, wenn man qualitativ berichten will. Dieses Netzwerk neu aufzubauen war extrem schwierig. Jede Interaktion mit Meduza gilt als eine Straftat. Wenn du f\u00fcr Meduza ein Interview f\u00fchrst, kannst du im Knast landen. Wenn du Meduza ein Interview gibst, kannst du im Knast landen. Auch wenn du Fotos f\u00fcr Meduza machst oder einfach einen Link zu einem Meduza-Artikel postest, riskierst du eine Geld- oder Haftstrafe. <\/p>\n<p><b>Das hei\u00dft, diese Reporter in Russland arbeiten anonym?<\/b><\/p>\n<p>Ja, das ist eine Grundvoraussetzung f\u00fcr die Zusammenarbeit. Aber es geht nicht nur um Anonymit\u00e4t &#8211; es gibt auch klare Sicherheitsprotokolle f\u00fcr den Alltag: Wie man sich in sozialen Medien verh\u00e4lt, wie man sein Smartphone oder Messenger nutzt. Ich kann da nicht ins Detail gehen, aber es ist ziemlich komplex. Wer f\u00fcr uns arbeitet, muss viele Vorsichtsma\u00dfnahmen einhalten. Das ist nicht einfach. Denn wer heute noch aus Russland berichten will, braucht Mut &#8211; aber nicht jeder Mutige ist auch bereit, unter solchen Bedingungen zu leben.<\/p>\n<p><b>Was motiviert Menschen, trotz aller Gefahren f\u00fcr Sie zu arbeiten?<\/b><\/p>\n<p>Ich glaube, es ist vor allem der Wunsch, im Beruf zu bleiben &#8211; und damit auch ein St\u00fcck Selbstachtung und Lebenssinn zu bewahren. Eine Diktatur zwingt Menschen in ein Doppelleben: Innerlich lehnen sie das System ab, k\u00f6nnen es aber nicht offen sagen, geschweige denn etwas ver\u00e4ndern. In Russland ist jede oppositionelle \u00c4u\u00dferung mit ernsten Risiken verbunden. Die Gesellschaft ist von Angst gel\u00e4hmt, viele trauen sich nicht mehr, ihre Meinung zu \u00e4u\u00dfern \u2013 aus Sorge um sich selbst oder ihre Angeh\u00f6rigen. Aber es gibt immer einige, die trotzdem weitermachen. Vielleicht, weil sie keine Alternative sehen. Vielleicht, weil sie unbeirrbar sind. Journalismus zieht oft Menschen an, die nicht den einfachsten Weg gehen &#8211; und das gilt heute mehr denn je.<\/p>\n<p><b>F\u00fcr wen arbeiten Sie? Wer ist Ihre Zielgruppe?<\/b><\/p>\n<p>Wir haben viele Leser in Russland. Gleichzeitig lesen uns auch viele Russen im Ausland, aber auch Menschen aus Kasachstan, Belarus, der Ukraine. Und \u00fcber unsere englischsprachige Seite erreichen wir Fachleute und Interessierte weltweit, die verstehen wollen, was in Russland und der Region passiert. Uns ist wichtig, eine Br\u00fccke zwischen diesen Gruppen zu sein &#8211; gerade jetzt, wo Gesellschaften auseinandergerissen wurden und es kaum noch Austausch gibt. \u00dcber 60 Prozent unserer Leser leben aber weiterhin in Russland &#8211; f\u00fcr sie arbeiten wir in erster Linie. Denn dort gibt es kaum noch Zugang zu unabh\u00e4ngigen Nachrichten. Wenn wir unsere Leser in Russland mit Informationen erreichen, k\u00f6nnen wir sie zumindest warnen: vor neuen Gesetzen, vor gef\u00e4hrlichen Situationen. In einer Diktatur k\u00f6nnen Nachrichten manchmal Leben retten. <\/p>\n<p><b>Meduza wurde 2014 in Lettland gegr\u00fcndet, kurz nach dem Ihre Vorg\u00e4nger-Redaktion Lenta.ru wegen kritischer Berichterstattung \u00fcber den gerade begonnenen Ukraine-Krieg in Russland zerschlagen wurde. Dieser Krieg dauert immer noch an. Was wird aus Meduza, wenn er irgendwann vorbei ist? <\/b><\/p>\n<p>Das wei\u00df ich nicht. Wir planen in Zeitr\u00e4umen von maximal ein paar Monaten &#8211; mehr ist nicht m\u00f6glich. Als wir 2021 zu &#8222;ausl\u00e4ndischen Agenten&#8220; erkl\u00e4rt wurden, haben wir \u00fcber Nacht 90 Prozent unserer Werbeeinnahmen verloren. Unser Gesch\u00e4ftsmodell war ruiniert, wir dachten ernsthaft ans Aufgeben. Aber das Team hat gesagt: &#8222;Ihr seid doch verr\u00fcckt \u2013 wir machen weiter. Findet einen Weg!&#8220; Seitdem finanzieren wir uns fast ausschlie\u00dflich durch Crowdfunding. Das ist eigentlich unm\u00f6glich &#8211; aber es funktioniert irgendwie. Und obwohl wir st\u00e4ndig am Abgrund stehen, gibt es uns immer noch.<\/p>\n<p>2024 haben wir unser zehnj\u00e4hriges Bestehen gefeiert &#8211; ein Moment, mit dem niemand gerechnet hatte. Und gleichzeitig dachten wir: Zum Gl\u00fcck haben wir 2021 nicht aufgegeben. Denn mit Beginn des gro\u00dfen Kriegs 2022 wussten wir, dass unsere Arbeit gebraucht wird. F\u00fcr andere &#8211; und f\u00fcr uns selbst. <\/p>\n<p><b>Trotz aller Herausforderungen organisiert Meduza gerade <a href=\"https:\/\/thenoexhibition.io\/de\" rel=\"Follow noopener\" target=\"_self\">eine gro\u00dfe Ausstellung in Berlin<\/a>. Warum?<\/b><\/p>\n<p>Das ist ein Hilferuf in der W\u00fcste. Ein Versuch, Aufmerksamkeit zu schaffen &#8211; f\u00fcr unabh\u00e4ngigen Journalismus im Allgemeinen und die Lage, in der wir uns gerade befinden. Zugleich wollen wir mit der Ausstellung zeigen: Journalisten sind ganz normale Menschen. Es gibt zwei Stereotype \u00fcber Journalisten: Entweder seien sie Hy\u00e4nen, die f\u00fcr Sensationen und Klicks alles tun w\u00fcrden. Oder sie seien Helden, die weder essen noch trinken m\u00fcssten, keine Bezahlung br\u00e4uchten, die aus \u00dcberzeugung gegen Despoten k\u00e4mpfen. Diese Klischees kommen ja nicht aus dem Nichts. Nat\u00fcrlich gibt es solche und solche &#8211; aber die meisten Journalistinnen sind ganz normale Menschen in au\u00dfergew\u00f6hnlichen Umst\u00e4nden, die versuchen, mit W\u00fcrde durch diese Zeiten zu kommen. Und genau darum geht es in der Ausstellung.<\/p>\n<p>Wir glauben: Gerade jetzt, wo das Vertrauen in Journalismus historisch niedrig ist, braucht es diesen Blick. Und ja, wir wollen auch Meduza sichtbar machen. Denn wir sind am Limit &#8211; aber wir k\u00e4mpfen weiter.<\/p>\n<p><b>Vor kurzem hatte Meduza eine Werbekampagne gestartet, die unter anderem auch in Deutschland lief, die von vielen <a href=\"https:\/\/x.com\/VitscheBerlin\/status\/1885658425302073380\" rel=\"Follow\" target=\"_self\">heftig kritisiert<\/a> wurde. Einige der Bilder zeigten ukrainische Kriegsopfer, die so unwissentlich zum Teil einer Kampagne f\u00fcr ein russisches Medium wurden. Wie kam es dazu? <\/b><\/p>\n<p>Es war ein Fehler. Und dazu haben wir im Prinzip schon alles <a href=\"https:\/\/meduza.io\/en\/feature\/2025\/02\/02\/meduza-s-statement-on-the-advertising-campaign-and-the-ukrainian-community-s-reaction\" rel=\"Follow noopener\" target=\"_self\">gesagt<\/a>. Sobald klar wurde, dass wir einen Fehler gemacht hatten, haben wir die Kampagne sofort gestoppt.<\/p>\n<p><b>Sie werden trotzdem immer wieder von ukrainischen Aktivisten angegriffen. Man sagt, Meduza sei russische Propaganda, &#8222;nur besser verpackt&#8220;. Was w\u00fcrden Sie auf solche Anschuldigungen antworten? <\/b><\/p>\n<p>Ich verstehe diese Reaktionen sehr gut. Alles, was Russen machen, l\u00f6st bei sehr vielen Menschen in der Ukraine schmerzhafte Gef\u00fchle aus &#8211; weil dieser Krieg eine schreckliche Katastrophe ist. Es gibt keine Familie in der Ukraine, die davon nicht betroffen ist. Alles, was aus Russland kommt, kann daher schmerzhaft sein. Aber das \u00e4ndert nichts an unserer Aufgabe. Wir arbeiten so professionell wie m\u00f6glich und halten uns an die Standards unabh\u00e4ngiger Berichterstattung &#8211; auch wenn das im Exil und im Krieg extrem schwer ist. Diese Standards sind unser Kompass. <\/p>\n<p><b>Sehen Sie sich als ein unabh\u00e4ngiges Medium oder eins mit einer Mission? <\/b><\/p>\n<p>F\u00fcr uns ist das Wichtigste, eine journalistische Organisation zu bleiben. Unsere Mission ist es, unabh\u00e4ngigen Journalismus zu machen &#8211; trotz aller Umst\u00e4nde. Das bedeutet auch, keine Propaganda zu betreiben und keine Parolen zu verbreiten. Wir wollen Menschen mit ehrlichen Informationen versorgen und &#8211; wo m\u00f6glich &#8211; Br\u00fccken schlagen zwischen Gesellschaften, die nicht mehr miteinander sprechen. Diese Idee inspiriert uns und gibt unserer t\u00e4glichen Arbeit Sinn.<\/p>\n<p><b>Ich h\u00e4tte eher eine Antwort im Stil von &#8222;Unser Ziel ist es, das Regime zu st\u00fcrzen&#8220; erwartet. <\/b><\/p>\n<p>Der Sturz des Regimes geh\u00f6rt jedoch nicht zu unseren unmittelbaren beruflichen Aufgaben. Das ist eine zivilgesellschaftliche Angelegenheit. Nat\u00fcrlich wollen wir das. Aber unsere Rolle besteht darin, Menschen, die sich mit dem Sturz des Regimes besch\u00e4ftigen, mit verl\u00e4sslicher, unabh\u00e4ngiger Information zu versorgen. <\/p>\n<p>Mit Ivan Kolpakov sprach Uladzimir Zhyhachou<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Meduza ist eins der bekanntesten unabh\u00e4ngigen Medien Russlands &#8211; und das, obwohl die Mitarbeiter nicht einmal nach Russland&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":56082,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,661,13,5020,3188,14,15,16,26227,4043,4044,850,307,12,317],"class_list":{"0":"post-56081","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-angriff-auf-die-ukraine","11":"tag-headlines","12":"tag-kreml","13":"tag-lettland","14":"tag-nachrichten","15":"tag-news","16":"tag-politik","17":"tag-riga","18":"tag-russia","19":"tag-russian-federation","20":"tag-russische-foederation","21":"tag-russland","22":"tag-schlagzeilen","23":"tag-ukraine"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114390172106308427","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56081","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=56081"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56081\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/56082"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=56081"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=56081"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=56081"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}