{"id":562187,"date":"2025-11-09T06:03:26","date_gmt":"2025-11-09T06:03:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/562187\/"},"modified":"2025-11-09T06:03:26","modified_gmt":"2025-11-09T06:03:26","slug":"wie-claude-lanzmann-seinen-film-shoah-vorbereitete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/562187\/","title":{"rendered":"Wie Claude Lanzmann seinen Film \u201eShoah\u201c vorbereitete"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspBPll tspBPlm\"><strong>Claude Lanzmann w\u00e4re am 27. November 100 Jahre alt geworden. Sie haben zu diesem Anlass die Schau \u201eClaude Lanzmann. Die Aufzeichnungen\u201c kuratiert. Wenn Besucherinnen und Besucher die Ausstellung betreten, was erwartet sie zuerst? <\/strong><br \/>Das J\u00fcdische Museum Berlin nimmt den 100. Geburtstag von Claude Lanzmann zum Anlass, einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Bestand aus seiner Sammlung vorzustellen: rund 220 Stunden Tonaufnahmen, die Lanzmann w\u00e4hrend Vorbereitungen zu seinem Film \u201eShoah\u201c gemacht hat. Uns geht es um die lange Vorrecherche, die Lanzmann 1973 begann und die bis zu den Dreharbeiten Ende der 1970er-Jahre gedauert hat. <\/p>\n<p class=\"tspBPll\">Es ist in erster Linie eine Audioausstellung \u2013 f\u00fcr uns ein Experiment, weil wir bislang nie eine Schau konzipiert haben, die sich vornehmlich auf das H\u00f6ren konzentriert. Besucherinnen und Besucher erhalten einen Kopfh\u00f6rer und bewegen sich frei durch einen offenen Raum, in dem \u00fcber eine Bodengrafik verschiedene H\u00f6rbereiche markiert sind.<\/p>\n<p> Zur Person <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/lewinsky-portrat.jpeg\"   alt=\"\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAWig\"\/><\/p>\n<p class=\"tspAFf9\"> \u00a9 JMB <\/p>\n<p class=\"tspBPll\"><strong>Tamar Lewinsky<\/strong> ist Kuratorin f\u00fcr Audiovisuelle Medien am J\u00fcdischen Museum Berlin. Sie kuratierte die Ausstellung \u201eClaude Lanzmann. Die Aufzeichnungen\u201c. Die Schau wird am 27. November er\u00f6ffnet und l\u00e4uft regul\u00e4r vom 28. November 2025 bis zum 12. April 2026. Informationen unter <a href=\"https:\/\/www.jmberlin.de\/ausstellung-claude-lanzmann-die-aufzeichnungen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" class=\"link link--external\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"external\" aria-describedby=\"message-target-blank\">jmberlin.de<\/a><\/p>\n<p class=\"tspBPll\"><strong>Welche Bedeutung hat Lanzmanns Film \u201eShoa\u201c aus heutiger Sicht?<\/strong><br \/>\u201eShoah\u201c ist ein zentraler Beitrag zur filmischen Darstellung des Holocaust. Lanzmann verzichtet konsequent auf Archivmaterial, weil er keine T\u00e4terperspektiven reproduzieren will. Stattdessen konzentriert er sich auf Zeugnisse und Orte. Er hat die Vernichtung in den Vernichtungslagern ins Zentrum ger\u00fcckt und die Zeugen sprechen lassen, die dem Geschehen am n\u00e4chsten gekommen sind. Zugleich zeigt er die Orte selbst als \u201eNicht-Orte der Erinnerung\u201c \u2013 St\u00e4tten, an denen kaum noch etwas sichtbar ist.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/kassetten-lanzmann3-c-judisches-museum-berlin-foto-roman-marz.jpeg\"   alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-14533466\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAWig\"\/> 220 Stunden Tonmaterial umfasst die Sammlung zu CLaude Lanzmanns Film \u201eShoah\u201c. <\/p>\n<p class=\"tspAFf9\"> \u00a9 J\u00fcdisches Museum Berlin, Foto Roman M\u00e4rz <\/p>\n<p class=\"tspBPll\"><strong>Was verraten die Tonaufnahmen \u00fcber Lanzmanns Arbeitsweise?<\/strong><br \/>Sie zeigen, dass Lanzmann zun\u00e4chst kein fertiges Konzept hatte. Er wusste, dass er sich auf ein \u00e4u\u00dferst schwieriges Unterfangen einlie\u00df, und arbeitete sich Schritt f\u00fcr Schritt heran. Seine Recherchen waren enorm breit: Er befasste sich intensiv mit dem Holocaust in Litauen, mit der Fl\u00fcchtlingspolitik der Schweiz, der Rolle des Vatikans oder der Frage, wieso andere Staaten nicht eingegriffen haben. <\/p>\n<p class=\"tspBPll\">Vieles davon fand sp\u00e4ter keinen Eingang in den Film. Beeindruckend ist, wie akribisch sich Lanzmann vorbereitete \u2013 er studierte Prozessakten, sprach mit Historikern, sichtete Quellen. Gleichzeitig zeigen die Aufnahmen, wie er T\u00e4ter zum Sprechen brachte, oft mit verstecktem Mikrofon. Seine Mitarbeiterinnen Corinna Coulmas und Irena Steinfeldt-Levy gingen von T\u00fcr zu T\u00fcr, klingelten, baten um Gespr\u00e4che. Nicht selten h\u00f6rt man, wie eine T\u00fcr wieder zuf\u00e4llt.<\/p>\n<p class=\"tspBPll\"><strong>Sie mussten aus 220 Stunden Tonmaterial eine Auswahl treffen. Nach welchen Kriterien sind Sie vorgegangen?<\/strong><br \/>In der Ausstellung sind insgesamt etwa 90 Minuten zu h\u00f6ren. Entscheidend war, welche Themen sich mit relativ wenig Kontextinformation vermitteln lassen und repr\u00e4sentativ f\u00fcr Lanzmanns Methode sind. Auch die Tonqualit\u00e4t spielte eine Rolle \u2013 wir haben Kassetten aus den 1970er-Jahren digitalisieren lassen, deren Zustand sehr unterschiedlich war. Manche Aufnahmen sind zu verrauscht oder zu leise. Andere wiederum leben gerade von ihrer Unmittelbarkeit: dem Klirren einer Tasse, einem Husten, dem Anz\u00fcnden einer Zigarette.<\/p>\n<p class=\"tspBPll\"><strong>Wie ist die Ausstellung aufgebaut?<br \/><\/strong>Sie besteht aus sechs Kapiteln. Zun\u00e4chst h\u00f6rt man Lanzmann selbst, wie er mit seinen Gespr\u00e4chspartnern \u00fcber sein Projekt redet \u2013 was es f\u00fcr ihn bedeutet, in finanzieller, methodischer und psychologischer Hinsicht. Im zweiten Kapitel kommen Gespr\u00e4chspartner zu Wort, die er sp\u00e4ter nicht gefilmt hat, weil sie abgesagt haben. Es folgt ein Kapitel \u00fcber die T\u00e4ter und wie sie ihr eigenes Tun reflektiert oder eben nicht reflektiert haben und wie Lanzmann sie zum Sprechen gebracht hat. <\/p>\n<p class=\"tspBPll\">Das vierte Kapitel widmet sich dem Holocaust in Litauen, stellvertretend f\u00fcr die vielen Forschungsthemen, die letztlich nicht in den Film gekommen sind. F\u00fcr die Sowjetrepublik Litauen hatte Lanzmann nach den Vorrecherchen keine Drehgenehmigung erhalten. <\/p>\n<p class=\"tspBPll\"><strong>War das in Polen einfacher?<\/strong><br \/>Ja, dennoch hat Lanzmann mit der Reise nach Polen bis 1978 gewartet. Um die Reise dorthin geht es im f\u00fcnften Kapitel. Hier haben wir viele Aufnahmen, wie Lanzmann Orte besucht und mit Zeitzeugen spricht. Wir haben auch eine sehr intensive Szene, wo man Lanzmann bei seinem ersten Besuch in der Gedenkst\u00e4tte Auschwitz-Birkenau h\u00f6rt. Im sechsten Kapitel unserer Ausstellung werden dann ausgew\u00e4hlte Tonaufnahmen und Filmaufnahmen aus dem Rohmaterial miteinander kombiniert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/themenspeziale\/unterwegsundfreizeit\/?icid=single-topic_14509322___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCFn4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Noch mehr Unterwegs &amp; Freizeit Weitere Themenspeziale zu Kultur, Reise und Genie\u00dfen lesen Sie hier <\/a><\/p>\n<p class=\"tspBPll\"><strong>Verzichten Sie komplett auf schriftliches Material? <\/strong><br \/>Nicht ganz, begleitend zu den Audioaufnahmen zeigen wir Originaldokumente, die Lanzmanns Witwe Dominique Lanzmann dem J\u00fcdischen Museum Berlin als Leihgabe zur Verf\u00fcgung stellt. Um das H\u00f6ren nicht zu \u00fcberlagern, befinden sich die Vitrinen in einem separaten Bereich. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/c-judisches-museum-berlin-foto-roman-marz.jpeg\"   alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-14564417\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAWig\"\/> Bis 2027 sollen die Tonaufnahmen online zug\u00e4nglich sein. <\/p>\n<p class=\"tspAFf9\"> \u00a9 Foto: Roman M\u00e4rz <\/p>\n<p class=\"tspBPll\"><strong>Wie vermitteln Sie das Thema Erinnerung an j\u00fcngere Generationen?<\/strong><br \/>Wir bieten Workshops f\u00fcr Schulklassen an, in denen Lanzmanns Tonaufnahmen im Mittelpunkt stehen. Parallel gibt es eine digitale Lerneinheit mit einem Animationsfilm \u00fcber Lanzmann und seine Vorarbeiten zu \u201eShoah\u201c. Damit wollen wir \u00fcber Fragen von Erinnerung und Zeitzeugenschaft sprechen \u2013 gerade in einer Zeit, in der kaum noch \u00dcberlebende selbst berichten k\u00f6nnen. <\/p>\n<p class=\"tspBPll\"><strong>Was ist dar\u00fcber hinaus noch geplant?<\/strong><br \/>Wir arbeiten an einer digitalen Edition des gesamten Audiobestands: Bis 2027 sollen alle 220 Stunden online zug\u00e4nglich sein \u2013 mit Transkriptionen, \u00dcbersetzungen und Kontextinformationen. Die Ausstellung ist damit Teil eines gr\u00f6\u00dferen Forschungsprojekts.<\/p>\n<p> Weitere Kulturhighlights in diesem Winter: <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/themenspeziale\/unterwegsundfreizeit\/200-jahre-museumsinsel-udo-schreibt-8000-zeichen-14509499.html?icid=topic-list_14509322___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCFn4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">200 Jahre Berliner Museumsinsel Wo Spreeathen seinen Anfang nahm <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/themenspeziale\/unterwegsundfreizeit\/neugier-und-subtiler-witz-das-sind-die-wichtigsten-kunstausstellungen-dieses-winters-14347388.html?icid=topic-list_14509322___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCFn4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Von Berlin bis London Das sind die wichtigsten Kunstausstellungen dieses Winters <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/themenspeziale\/unterwegsundfreizeit\/bauhaus-denkmal-bernau-buffeln-fur-den-arbeiterkampf-14377733.html?icid=topic-list_14509322___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCFn4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">B\u00fcffeln im Bauhaus Wo Arbeiter im Luxus lernen konnten <\/a><\/p>\n<p class=\"tspBPll\"><strong>Welche Audioaufnahmen haben Sie pers\u00f6nlich besonders bewegt?<\/strong><br \/>Ich bin immer wieder neu gefangen, manchmal nur von kurzen Sequenzen, die dann sehr viel ausl\u00f6sen, gerade durch die Unmittelbarkeit der Aufnahmen. Es sind eben nicht diese formal gef\u00fchrten Interviews, wie wir sie heute kennen, sondern es sind sehr private Einblicke. Lanzmann wollte herausfinden, welche Geschichten er sp\u00e4ter filmen k\u00f6nnte. Es sind Rechercheinterviews, die nie f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmt waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Claude Lanzmann w\u00e4re am 27. November 100 Jahre alt geworden. 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