{"id":564190,"date":"2025-11-10T01:24:52","date_gmt":"2025-11-10T01:24:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/564190\/"},"modified":"2025-11-10T01:24:52","modified_gmt":"2025-11-10T01:24:52","slug":"historischer-fund-das-verbrechen-im-bild-erste-fotos-der-juedischen-deportation-aus-hamburg-entdeckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/564190\/","title":{"rendered":"Historischer Fund: Das Verbrechen im Bild \u2013 Erste Fotos der j\u00fcdischen Deportation aus Hamburg entdeckt"},"content":{"rendered":"<p>Historikern aus Hamburg und Berlin\u00a0ist ein spektakul\u00e4rer Fund gelungen.\u00a0Erstmals gibt es Bildzeugnisse von\u00a0der Verschleppung von Juden in Hamburg. Die Bilder lagen jahrzehntelang falsch beschriftet im United States Holocaust Memorial Museum in Washington.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Auf dem Gehweg der Moorweidenstra\u00dfe stapeln sich Koffer mit handgeschriebenen Aufklebern und andere notd\u00fcrftig zusammengebundene Habseligkeiten. Daneben stehen Menschen, die warten und sich verabschieden. Was lange nur aus Erinnerungen, Akten und Prozessprotokollen bekannt war, ist nun sichtbar: Drei Fotografien belegen die erste gro\u00dfe Verschleppung j\u00fcdischer Hamburger am 25. Oktober 1941 in das \u201eGhetto Litzmannstadt\u201c. Identifiziert wurden die Aufnahmen von Historikern der Freien Universit\u00e4t Berlin und der Stiftung Hamburger Gedenkst\u00e4tten und Lernorte.<\/p>\n<p>Es sind die bisher einzigen Foto-Zeugnisse einer Deportation aus Hamburg. Aus anderen St\u00e4dten gab es derartige Bilddokumente lange. In der Hansestadt fehlten sie. Dass sie im Gemeinschaftsprojekt \u201e#LastSeen. Bilder der NS-Deportationen\u201c gefunden worden sind, gilt als Meilenstein.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr mich war aus der Expertise unseres Projekts auf den ersten Blick eindeutig, dass es sich um Fotografien einer Deportation handelt\u201c, sagt Alina Bothe, Historikerin und Leiterin des Verbundprojekts. Schon die Aufkleber auf den Koffern, von denen einige sogar zu entziffern sind, gaben eindeutige Hinweise, dass es sich um Bilder von Juden bei ihrer Deportation und nicht \u2013 wie bisher gedacht \u2013 um eine Evakuierung nach Luftangriffen auf Hamburg handelte. \u201eDer aufwendige Prozess wissenschaftlicher Validierung, an dem zahlreiche Kolleginnen dankenswerterweise mitgewirkt haben, hat diesen ersten Eindruck best\u00e4tigt\u201c, sagt Bothe. Die Fotos zeigen die Ankunft am Logenhaus in der Moorweidenstra\u00dfe 36 am 24. Oktober 1941 und \u2013 tags darauf \u2013 den Abtransport mit Polizeiwagen zum Hannoverschen Bahnhof.<\/p>\n<p>Die Aufnahmen stammen aus dem privaten Album des Hamburgers Bernhardt Colberg, Angeh\u00f6riger des Reserve\u2011Polizeibataillons 101. Das Album liegt im United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington. Jahrzehntelang waren die Szenen dort als \u201eEvakuierung nach Luftangriffen\u201c einsortiert \u2013 eine Deutung, die die Forschung nun revidiert hat.<\/p>\n<p>Der Zug nach Litzmannstadt ging um 10.10 Uhr<\/p>\n<p>Im Herbst 1941 ordnete die Gestapo an, dass sich die zum Abtransport ausgew\u00e4hlten Hamburger Juden im Logenhaus einzufinden hatten \u2013 mit bis zu 50 Kilogramm Gep\u00e4ck, Bettzeug, Proviant f\u00fcr zwei Tage, einer kleinen Geldsumme. Die Nacht verbrachten sie eng zusammengepfercht. Am Morgen des 25. Oktober fuhren die Mannschaftswagen zum Hannoverschen Bahnhof, von wo um 10.10 Uhr der Zug in Richtung Litzmannstadt\/\u0141\u00f3d\u017a abfuhr. An Bord: 1034 Menschen. F\u00fcr die allermeisten war es eine Reise ohne R\u00fcckkehr.<\/p>\n<p>Der Hannoversche Bahnhof war zwischen 1940 und 1945 die Drehscheibe des Verschleppens aus Hamburg und Norddeutschland. In rund 20 Transporten wurden mehr als 8000 Menschen in Ghettos, Konzentrations\u2011 und Vernichtungslager deportiert. Heute erinnert ein Gedenkort an die Taten; ein Dokumentationszentrum ist im Aufbau.<\/p>\n<p>Dass die Bilder Hamburg zeigten \u2013 H\u00e4userfassaden, Stra\u00dfenfluchten, die N\u00e4he von Alltag \u2013 mache ihre Wucht aus, sagt Kristina Vagt von der Stiftung Hamburger Gedenkst\u00e4tten und Lernorte. \u201eSie zeigen, dass das Unrecht am Tag und mitten im Stadtraum stattfand.\u201c \u00a0Sie r\u00fcckten die Deportation aus dem Abstrakten hinein ins Konkrete.<\/p>\n<p>Die Herkunft der Bilder aus einem T\u00e4teralbum verleihe ihnen zus\u00e4tzliche Aussagekraft. Das Reserve\u2011Polizeibataillon 101 ist in der Geschichtsforschung als Einheit ber\u00fcchtigt, die an Deportationen aus Hamburg und an Massenerschie\u00dfungen in Polen beteiligt war. \u201eDie Fotos sind durch Colberg auf den Oktober 1941 datiert, es gibt keinen Grund, an dieser Datierung zu zweifeln\u201c, sagt Wolfgang Kopitzsch, Hamburgs fr\u00fcherer Polizeipr\u00e4sident und Historiker. \u201eZu diesem Zeitpunkt gab es keine nennenswerten Luftangriffe auf Hamburg \u2013 es sind also keine Evakuierungsbilder. Auf den Fotografien sehen wir ein in Hamburg ver\u00fcbtes Verbrechen des PB 101.\u201c<\/p>\n<p>Forscher hoffen auf Identifikation Betroffener<\/p>\n<p>Die drei Bilder werden nun online im #LastSeen\u2011Bildatlas mit wissenschaftlichen Kommentaren pr\u00e4sentiert. Zudem sind sie in Hamburg noch bis 6. Januar 2026 im Geschichtsort Stadthaus zu sehen. Die Forschenden verbinden die Ver\u00f6ffentlichung mit einer Bitte an die \u00d6ffentlichkeit: Wer Hinweise auf abgebildete Personen geben kann, m\u00f6ge sich melden. Die Gesichter sind klein, die Gesten fl\u00fcchtig, Teile der Bilder unscharf oder ungenau belichtet. Und doch hoffen die Historiker auf weiterf\u00fchrende Informationen. Familienalben, Nachlassbest\u00e4nde oder Erz\u00e4hlungen k\u00f6nnten helfen, Biografien sichtbar zu machen. So k\u00f6nnten T\u00e4terbilder heute zur Identifikation der Verfolgten beitragen \u2013 und damit zu einer sp\u00e4ten Form der Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>juve<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Historikern aus Hamburg und Berlin\u00a0ist ein spektakul\u00e4rer Fund gelungen.\u00a0Erstmals gibt es Bildzeugnisse von\u00a0der Verschleppung von Juden in Hamburg.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":564191,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1826],"tags":[15323,136163,29,30,692,1597,47203,57],"class_list":{"0":"post-564190","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-hamburg","8":"tag-balken-inbox","9":"tag-deportationen-ks","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-hamburg","13":"tag-juden","14":"tag-lodz","15":"tag-nationalsozialismus"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115522799089975856","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/564190","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=564190"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/564190\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/564191"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=564190"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=564190"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=564190"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}