{"id":56464,"date":"2025-04-24T04:10:15","date_gmt":"2025-04-24T04:10:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/56464\/"},"modified":"2025-04-24T04:10:15","modified_gmt":"2025-04-24T04:10:15","slug":"ein-familienschicksal-zwischen-berlin-und-basel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/56464\/","title":{"rendered":"Ein Familienschicksal zwischen Berlin und Basel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Briefe einer Tochter an ihre Mutter stehen im Mittelpunkt einer Trag\u00f6die, die sich w\u00e4hrend des zweiten Weltkriegs zwischen Berlin und Basel abgespielt hat. Der Basler Jurist Christian Br\u00fcckner hat die Briefe im Buch \u00abSpreche morgen Rolf\u00bb herausgegeben und historisch eingeordnet.<\/strong><\/p>\n<p>Das Werk ist ein authentisches Zeugnis eines j\u00fcdischen Familienschicksals, wie es<br \/>unter der Nazi-Diktatur viele gab. Die originalen Briefe und Postkarten machen sehr betroffen. Sie belegen, wie sehr die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung Deutschlands ab 1933 unter der zunehmenden Repression der Nationalsozialisten litt. Man versuchte, sich mit den Schergen, deren Schikanen, Einschr\u00e4nkungen zu arrangieren und codierte listig die schriftlichen Kommunikationen.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich lebte die j\u00fcdische Familie Frank-Feldberg (nicht verwandt mit der Familie von Anne Frank) in Leipzig. Als der Textilunternehmer Hermann Frank 1932 starb, zog dessen Witwe Hilde Frank 1933 zusammen mit den beiden Kindern Anita (geb. 1921) und Reinhard (1928) nach Berlin.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-124862 size-full lazyload\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"761\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/2-5.jpg\"  data- data-eio-rwidth=\"1000\" data-eio-rheight=\"761\"\/>Das Geschwisterpaar Reinhard und Anita Frank im September 1940.<\/p>\n<p>Dort hatte gerade Adolf Hitler die Macht ergriffen und begann, die Juden systematisch zu verfolgen. Anita entschied sich f\u00fcr eine Ausbildung zur Krankenschwester am J\u00fcdischen Krankenhaus. Bruder Reinhard ging noch zur Schule.<\/p>\n<p>Zu lange negierte Hilde Frank die wachsende Gefahr f\u00fcr die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung. Erst mit der Reichskristallnacht im November 1938 realisierte sie, dass auch ihre Familie mit einer Deportation rechnen musste. Durch eine arrangierte B\u00fcrgerrechtsehe mit einem 62-j\u00e4hrigen Schweizer, der es auf das Verm\u00f6gen der wohlhabenden J\u00fcdin abgesehen hatte, rettete sie sich 1940 nach Basel und hoffte, die Kinder nachholen zu k\u00f6nnen. Eine Genehmigung der Schweizer Beh\u00f6rden liess auf sich warten. Als diese endlich eintraf, war es zu sp\u00e4t. Die Nazis verboten die Ausreise von Juden ins Ausland.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-124863 alignleft lazyload\" alt=\"\" width=\"234\" height=\"300\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/3-5-234x300.jpg\"  data- data-eio-rwidth=\"234\" data-eio-rheight=\"300\"\/>Anita Frank in der Arbeitskleidung einer Berliner Krankenschwester (1941).<\/p>\n<p>Anita und Reinhard platzierte die ausgereiste Mutter bei einer Pflegefamilie. Als diese verhaftet wurde, wechselte Reinhard zu einer anderen Pflegefamilie. In Basel nahm Hilde den Namen ihres Schweizer Ehemanns an und versuchte via Mittelsm\u00e4nner, ihre beiden Kinder nach England in Sicherheit bringen zu lassen. Als auch dies misslang, plante sie die Kinder illegal \u00fcber die \u00abgr\u00fcne Grenze\u00bb in die Schweiz zu schmuggeln. Doch auch dieser Plan erwies sich als zu gef\u00e4hrlich. Ende Juni 1942 schlossen die Nazis j\u00fcdische Schulen und Sohn Reinhard zog zu seiner Schwester ins Krankenhaus.<\/p>\n<p><strong>Einblicke in den Spitalalltag<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-124864 size-full lazyload\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"632\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/4-5.jpg\"  data- data-eio-rwidth=\"1000\" data-eio-rheight=\"632\"\/>Das Hauptgeb\u00e4ude des J\u00fcdischen Krankenhauses in Berlin vor 1943.<\/p>\n<p>Von ihrem Arbeitsort berichtete Anita regelm\u00e4ssig \u00fcber die aktuellen Geschehnisse und schilderte eindr\u00fccklich die zunehmenden Repressionen gegen die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung. Auch die Schicksale von Verwandten und Bekannten aus der Verfolgungszeit geraten dabei in den Blick.<\/p>\n<p>In ihren Briefen an die Mutter vermied Anita Kommentare zur Grausamkeit der Nazis, berichtete aber, dass sie im Spital, das auch Nicht-Juden aufnahm, hart arbeiten musste. \u00abIch habe jetzt enorm zu schuften, t\u00e4glich Schlussdienst, kaum Mittagspausen, oft, wenn Geburten sind, komme ich abends nicht vor 23 Uhr von der Station\u2026 Ich bin aber trotzdem dankbar, dass ich weiter dort arbeiten kann und dass meine Arbeitet geachtet wird\u00bb (Brief vom 21. Juni 1941).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-124865 size-full lazyload\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"603\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/5-5.jpg\"  data- data-eio-rwidth=\"1000\" data-eio-rheight=\"603\"\/>Zensurstempel: Briefumschlag eines Schreibens an Hilde vom 27. Juni 1942. Auf der R\u00fcckseite befinden sich Reinhards Handschrift und der Name seines Pflegevaters, Julius Schulmeister. Der Brief war von Mitarbeitenden des \u00abOberkommandos der Wehrmacht\u00bb ge\u00f6ffnet und gestempelt worden.<\/p>\n<p>Im September wurde Anitas Ex-Freund Rolf, der sich in eine andere Krankenschwester verguckt hatte, von den Nazis verhaftet und ins Gef\u00e4ngnis geworfen. Die junge Frau, die ihren Ex-Geliebten immer noch mochte, berichtete ihrer Mutter in codierter Form: \u00abRolf ist leider sehr schwer erkrankt, er wurde im Auto in ein Krankhaus gefahren.\u00bb (Brief vom 17. M\u00e4rz 1942). In den Briefen berichtete sie ihrer Mutter immer h\u00e4ufiger, dass Bekannte und Freunde verreist seien. In Tat und Wahrheit waren sie alle deportiert worden.<\/p>\n<p>Trotz der deprimierenden Situation gab sich Anita in den Briefen stets bescheiden-optimistisch und sprach ihrer verzweifelten Mutter Mut zu: \u00abVon ganzem Herzen hoffe und w\u00fcnsche ich, dass Du mein Gutes gesund bist, wenn Dich auch oft Deine Kr\u00e4fte infolge all des Schweren zu verlassen drohen. Ich nehme diese Jahre f\u00fcr meinen Bruder und mich als Lehrjahre des Lebens, und ich glaube, es wird wohl selten wieder so gl\u00fcckliche und bewusst zufriedene Menschen geben wie uns\u00bb (Brief vom 5. M\u00e4rz 1943).<\/p>\n<p>1943 wurde Anita nach Theresienstadt, von dort nach Auschwitz und weiter nach Bergen-Belsen deportiert, wo sie 1945 an Typhus starb. \u00abSpreche morgen Rolf\u00bb war der Abschiedsgruss, den Anita am Vorabend ihres Transports an die Mutter in Basel sandte \u2013 die chiffrierte Ank\u00fcndigung des mutmasslich letzten Ganges zu ihrem Geliebten Rolf, der bereits zwei Jahre zuvor deportiert worden war.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-124866 size-full lazyload\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"1225\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-5.jpg\"  data- data-eio-rwidth=\"1000\" data-eio-rheight=\"1225\"\/>Anitas letzte Postkarte aus Theresienstadt an Hilde vom 18. Oktober 1944.<\/p>\n<p>Anitas j\u00fcngerer Bruder Reinhard konnte kurz vor Kriegsende aus dem Konzentrationslager fliehen. \u00dcber Umwege gelangte er nach dem Krieg nach Basel und erfuhr dort, dass seine Mutter Hilfe am 1. August 1945 im Basler B\u00fcrgerspital gestorben war. Im September 1944 hatte Hilde ihre Kinder aus den Augen verloren. Sie starb ohne Kenntnis des Ablebens ihrer geliebten Tochter in Bergen-Belsen. Sohn Reinhard beauftragte einen Basler Anwalt mit der Nachlassverwaltung und \u00fcbergab ihm auch Anitas Korrespondenz, mit dem Wunsch, diese zu ver\u00f6ffentlichen. Was nun auf eindr\u00fcckliche Weise gelungen ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-124867 alignleft lazyload\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"300\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/7-2-207x300.jpg\"  data- data-eio-rwidth=\"207\" data-eio-rheight=\"300\"\/>Das Buch enth\u00e4lt zahlreiche ber\u00fchrende Fotos der Familie Frank sowie Faksimile der Original-Briefe und Postkarten. Zwei Familien-Stammb\u00e4ume sowie Kurzbiografien der beschriebenen Personen runden das f\u00fcr die Nachwelt wichtige Werk ab. Historisch wertvoll sind die vom Herausgeber stammenden Zwischentexte, welche die Ausbreitung der Nationalsozialisten und deren Verbrechen an der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung verst\u00e4ndlich beschreiben und einordnen.<\/p>\n<p><strong>Christian Br\u00fcckner (Herausgeber), \u00abSpreche morgen Rolf\u00bb, Ein j\u00fcdisches Familienschicksal zwischen Berlin und Basel, 1933 bis 1945. Christoph Merian Verlag Basel 2025, ISBN 978-3-03969-039-8.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-124861 size-full lazyload\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"546\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1745467815_576_1-4.jpg\"  data- data-eio-rwidth=\"1000\" data-eio-rheight=\"546\"\/><\/p>\n<p>Titelfoto: Links: Hilde Frank mit Anita und Reinhard,1929. Rechts: Hermann Frank, um 1920. (alle Fotos aus dem Buch)<\/p>\n<p><strong>LINK<\/strong><br \/><a href=\"http:\/\/www.merianverlag.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Merian Verlag<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong>Zur Person des Herausgebers<\/strong><\/p>\n<p>Christian Br\u00fcckner (geb. 1942) war Reinhard Frank, dem einzigen \u00dcberlebenden der Familie, als Testamentsvollstrecker verbunden. Der geb\u00fcrtige Basler arbeitete als Rechtsanwalt und Notar in seiner Heimatstadt und war dort an der Universit\u00e4t als Dozent t\u00e4tig, ab 1991 als ausserordentlicher Professor f\u00fcr Privatrecht. Seine Publikationen umfassen B\u00fccher und Aufs\u00e4tze zu juristischen und anderen Themen. Auf Wunsch von Reinhard Frank publizierte er das Buch mit Anitas Briefen an Mutter Hilde und erg\u00e4nzte die Schreiben mit historischen Fakten und Erl\u00e4uterungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Briefe einer Tochter an ihre Mutter stehen im Mittelpunkt einer Trag\u00f6die, die sich w\u00e4hrend des zweiten Weltkriegs zwischen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":56465,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[4633,296,26389,26390,29,26391,8036,30,1597,57],"class_list":{"0":"post-56464","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-basel","9":"tag-berlin","10":"tag-buergerrechtsehe","11":"tag-deportation","12":"tag-deutschland","13":"tag-familienschicksal","14":"tag-flucht","15":"tag-germany","16":"tag-juden","17":"tag-nationalsozialismus"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114390986046603326","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56464","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=56464"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56464\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/56465"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=56464"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=56464"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=56464"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}