{"id":565622,"date":"2025-11-10T15:39:27","date_gmt":"2025-11-10T15:39:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/565622\/"},"modified":"2025-11-10T15:39:27","modified_gmt":"2025-11-10T15:39:27","slug":"premiere-in-hamburg-ruslan-und-ljudmila-an-der-staatsoper-hamburg-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/565622\/","title":{"rendered":"Premiere in Hamburg: Ruslan und Ljudmila an der Staatsoper Hamburg &#8211; Kultur"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Am Ende ist es beinahe doch noch ein M\u00e4rchen geworden. Stolz wedeln die Hochzeitsg\u00e4ste die Regenbogenfahne, und eine wei\u00dfe Fahne ist auch noch dabei, auf der steht schlicht \u201eLove is Love\u201c \u2013 ein Slogan der LGBTQIA+-Bewegung, die, wenigstens im M\u00e4rchen, in dieser <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Oper\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Oper<\/a> eine zentrale Rolle spielen darf. Was nicht unbedingt zu erwarten war. Michail Glinkas \u201eRuslan und Ljudmila\u201c ist die erste Oper in russischer Sprache und wird deshalb als russische Nationaloper gehandelt. Sie entstand 1842, in einer Zeit erstarkender Nationalstaaten und entsprechender Gef\u00fchle. Damit hat diese Oper \u2013 dem Libretto liegt Alexander Puschkins gleichnamiges Gedicht zugrunde \u2013 allerdings kaum etwas zu tun, es geht um etwas kompliziertere Liebesgeschichten, einen b\u00f6sen Zauberer und ein gl\u00fcckliches Ende.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Die ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemer\u00e9dy und Magdolna Parditka haben f\u00fcr die Neuproduktion an der Staatsoper <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Hamburg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hamburg<\/a> eine aktuelle Erz\u00e4hlung entworfen, bei der nicht mehr so sehr darum geht, dass sich zwei Liebende durch ihre Gef\u00fchlsverwirrungen k\u00e4mpfen, um endlich ein stabiles Hochzeitspaar zu werden, sondern eher darum, wie sich eine junge Generation mit ihren Lebensentw\u00fcrfen gegen alte Traditionen behauptet. Dass diese Lebensentw\u00fcrfe mit entsprechenden Identifikationsmustern vor allem auf Fragen der Geschlechtsidentit\u00e4t zulaufen, ist Motor, aber auch Grenzrahmen der Inszenierung.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Es beginnt harmlos, das Brautpaar f\u00e4hrt auf Schlittschuhen herein, rechts und links zwei riesige Tafeln, jeweils zur H\u00e4lfte mit Hochzeitsg\u00e4sten und, statt r\u00fcstigen Rittern, uniformierten Wachleuten besetzt \u2013 da wird man schon stutzig. Zu Recht, wie sich zeigen wird, denn sp\u00e4ter pr\u00fcgeln sie auf das queere Partyvolk in der U-Bahn-Station ein, inszeniert als gefrorener Augenblick, die Kn\u00fcppel senken sich in Zeitlupe, als streichelten sie die zu Boden sinkenden Opfer. Das d\u00e4mpft das unmittelbare Erschrecken. Das Motto des Abends bleibt dennoch die Chorzeile \u201eWozu Liebe, wozu Leid, wir leben, um fr\u00f6hlich zu sein.\u201c Das klingt f\u00fcr die von Ratmir verlassene Gorislawa (gro\u00dfe Stimme: Natalia Tanasii) gar nicht lustig. Ratmir wird von dem beeindruckenden Countertenor Artem Krutko verk\u00f6rpert, der sich w\u00e4hrend des Gesangs aus seinem Anzug sch\u00e4lt und in schwarzer Reizw\u00e4sche dasteht.<\/p>\n<p>Ein Nationalgef\u00fchl kann sich nicht einstellen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Es f\u00fchrt kein Weg zur\u00fcck zu seiner Gorislawa, magnetisch zieht es ihn in die M\u00e4nnerbar und schlie\u00dflich in den Trubel des gro\u00dfen bunten Festes in den U-Bahn-Wagen und auf dem Bahnsteig. Es ist die verzauberte Welt der Hexe Naina, die schlie\u00dflich durch das Eingreifen der Staatsmacht ein j\u00e4hes Ende findet.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Derweil irrt der entlaufende Br\u00e4utigam Ruslan (darstellerisch \u00fcberzeugender als stimmlich: Ilia Kazakov) auf einem rauchenden Schlachtfeld herum und sinniert \u00fcber Sinn und Unsinn des Todes, w\u00e4hrend die Braut Ljudmila (hochambitioniert: Barno Ismatullaeva) sich mit den Kufen der Schlittschuhe die Pulsadern aufschneidet. Allerdings nicht der L\u00e4nge nach, sondern quer, sodass \u00dcberlebenshoffnung besteht. Am Ende wird sie wieder lebendig sein. Die Referenz an das urspr\u00fcngliche M\u00e4rchen wird in dieser Inszenierung nie ganz aufgegeben.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Das gilt auch f\u00fcr die Musik, die einerseits andere Wege geht als die, die man von einer teils von martialischen Rhythmen animierten Nationaloper erwartet, andererseits immer wieder auch das M\u00e4rchenhafte der Erz\u00e4hlung im Blick hat. \u00a0Ein breitbr\u00fcstiges Nationalgef\u00fchl kann sich diesmal nicht einstellen, dazu gestaltet Dirigent Ilia Kazakov \u2013 2022 aus <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Russland\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Russland<\/a> nach <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Deutschland\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Deutschland<\/a> gezogen \u2013 mit dem Philharmonischen Staatsorchester und Chor viel zu subtil und l\u00f6st den bunten Stilmix der Partitur auf in individuelle Charaktere. Dabei wird allerdings auch der Qualit\u00e4tsunterschied zwischen reinen Orchesterpassagen und anspruchsvollen Gesangspartien in bester Belcanto-Tradition recht deutlich.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Und das ist eigentlich schon das Gesamtkonzept dieser Produktion. Denn wer h\u00e4tte hier nicht eine politische Auseinandersetzung mit Russland erwartet, wom\u00f6glich gar eine kompromisslose Parteinahme f\u00fcr eine Seite. Aber weit gefehlt. Dass man sehr wohl politisch sein kann, ohne in jeder Szene mit plumpen Anspielungen hausieren zu gehen, zeigten die beiden Regisseurinnen eindrucksvoll. Es ist ein untergr\u00fcndiges St\u00fcck geworden \u2013 tats\u00e4chlich spielt es zum gro\u00dfen Teil in einer U-Bahn-Station -, in dem es vor allem um eines geht: Wie sich ein Machtapparat Schritt f\u00fcr Schritt zum Unterdr\u00fcckungsregime entwickelt, der alles und jeden vernichtet, der aus der Reihe tanzt. Wie kulturelle Ambitionen gleichzeitig in den Untergrund gedr\u00e4ngt werden und eine Subkultur entsteht, die am Ende wiederum Opfer staatlicher Gewalt wird.<\/p>\n<p>Das Publikum reagiert fast schon euphorisch f\u00fcr Hamburger Verh\u00e4ltnisse<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Da kann man vieles auf Russland beziehen, vielleicht aber auch auf die Regierung der Ukraine, m\u00f6glicherweise sogar auf die bundesdeutsche Politik. Bei einigen S\u00e4tzen zuckt man zusammen, sie passen nur zu genau ins politische Geschehen. \u201eDie Heimat soll erstarken, niemand soll es wagen, sich gegen unsere Kinder zu erheben.\u201c \u201eDie treue Waffe wird den Feind besiegen\u201c, singt Ruslan. \u201eDie Waffe ist mein Gl\u00fccksbringer.\u201c Im Opernoriginal soll am Ende der Blick frei sein auf den Platz von Kiew, einst Zentrum der Kiewer Rus, dem Vorl\u00e4uferreich von Ukraine, Russland und Belarus. Aber das w\u00e4re vielleicht doch f\u00fcr viele eine eher irritierende Botschaft gewesen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Viele Bravi und ein paar Buhs f\u00fcr die Regie, und der Eindruck eines Aufbruchs in Hamburg. Das Publikum zeigte sich f\u00fcr hiesige Verh\u00e4ltnisse geradezu euphorisch, der neue Intendant Tobias Kratzer kann auf einen Publikumszuwachs von 24 Prozent bei den unter 30-J\u00e4hrigen verweisen. Das ist ein starkes Argument f\u00fcr leidenschaftliches, modernes Musiktheater.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am Ende ist es beinahe doch noch ein M\u00e4rchen geworden. 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