{"id":56729,"date":"2025-04-24T06:33:04","date_gmt":"2025-04-24T06:33:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/56729\/"},"modified":"2025-04-24T06:33:04","modified_gmt":"2025-04-24T06:33:04","slug":"pro-leipzig-erinnert-an-barbara-kowalzik-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/56729\/","title":{"rendered":"Pro Leipzig erinnert an Barbara Kowalzik \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Prof. Dr. phil. habil. Barbara Elisabeth Kowalzik, geboren am 22. Mai 1939 in Leipzig, verstarb am 20. M\u00e4rz 2025. Die Mitglieder und Freunde des Pro Leipzig e.V. trauern um eine engagierte, liebevolle Mitstreiterin und eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Autorin. Die Zusammenarbeit mit ihr an der Publikationsreihe \u201eWaldstra\u00dfenviertel\u201c \u00fcber die einstigen j\u00fcdischen Mitbewohner des Waldstra\u00dfenviertels (Hefte 3\u20136, 1993\u20131995) und besonders an ihrem einzigartigen Buch \u201eWir waren eure Nachbarn. Die Juden im Leipziger Waldstra\u00dfenviertel\u201c \u2013 1996 gemeinsam mit der Ephraim-Carlebach-Stiftung herausgegeben \u2013 werden uns stets in besonderer Erinnerung bleiben.<\/p>\n<p>Jede Aussage des Buches ist lokalisierbar: die Unmenschlichkeit des Holocausts mit seiner Vorgeschichte ebenso wie das selbstverst\u00e4ndliche Neben- und Miteinander j\u00fcdischer und nichtj\u00fcdischer Bewohner vor 1933. Die starke Authentizit\u00e4t der Dokumentation resultiert aus den Erz\u00e4hlungen und Dokumenten von f\u00fcnfzig \u00fcberlebenden Zeitzeugen. Alle Ereignisse werden so auf der Ebene des Alltags reflektiert. Entscheidungsspielr\u00e4ume, \u00c4ngste und N\u00f6te werden begreifbar.<\/p>\n<p>Vor allem aber wird bewusst: Es geschah nicht irgendwo, sondern nebenan, und es betraf nicht irgendjemanden, sondern den Nachbarn. Die \u00fcber mehrere Jahre laufenden Forschungen waren nicht nur von einem unb\u00e4ndigen Forschungsdrang und immer neuen weltweiten Kontakten der Autorin gepr\u00e4gt, sondern auch von einer gro\u00dfen Herzensw\u00e4rme. Sie kam mit Menschen ins Gespr\u00e4ch, die h\u00e4ufig die letzten \u00dcberlebenden des Holocausts in ihren Familien und Freundeskreisen waren.<\/p>\n<p>Das Abfragen und Wachrufen der Erinnerungen war f\u00fcr die Betroffenen \u00e4u\u00dferst schwer und schmerzhaft. Mit gro\u00dfer Sorgfalt und Feinf\u00fchligkeit hat Barbara Kowalzik das einzigartige Quellenmaterial im Buch verarbeitet. Sie brauchte an keiner Stelle den Zeigefinger zu heben, allein die Schilderungen der Begebenheiten und des Erlebten ber\u00fchren zutiefst. Das Buch steht heute unter anderem im Archiv der Internationalen Holocaust Gedenkst\u00e4tte Yad Vashem in Jerusalem und in der Datenbank f\u00fcr \u00dcberlebende und Opfer des United States Holocaust Memorial Museum in Washington. Das ist als hohe Auszeichnung zu werten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Nachbarn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-622816 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Nachbarn.jpg\" alt=\"1996 bei Pro Leipzig erschienen: Barbara Kowalzik \u201eWir waren eure Nachbarn. Die Juden im Leipziger Waldstra\u00dfenviertel\u201c. Cover: Pro Leipzig\" width=\"2250\" height=\"1500\"  \/><\/a>1996 bei Pro Leipzig erschienen: Barbara Kowalzik \u201eWir waren eure Nachbarn. Die Juden im Leipziger Waldstra\u00dfenviertel\u201c. Cover: Pro Leipzig<\/p>\n<p>Aus ihren vielen Kontakten erwuchsen immer neue und sogar Freundschaften. Einige dieser Freundschaften wurden enger und weiteten sich auch auf die Familien aus, so bis zu deren Tod etwa mit Rolf Kralovitz (1925\u20132015), Channa Gildoni (1923\u20132023), Sam Ostro (1917\u20132021), Sidy Rayfield (1913\u20132010) und Schlomo Samson (geb. 1923). In der zweiten H\u00e4lfte der 1990er Jahre reiste Barbara Kowalzik auf Einladung des Vereins ehemaliger Leipziger nach Israel und lernte vor Ort weitere Zeitzeugen kennen.<\/p>\n<p>Mit vielen von ihnen sprach sie auch \u00fcber deren Schulzeit in Leipzig, \u00fcber ihre Lehrer und wie sie die Zerschlagung des j\u00fcdischen Schulwerks in Leipzig erlebt hatten. Diese Gespr\u00e4che waren in der Folge der Grundstein zum Buch \u201eDas j\u00fcdische Schulwerk in Leipzig 1912\u20131933\u201c (2002) und zu einigen Publikationen \u00fcber Einzelpersonen aus diesem Umfeld. Insgesamt verfasste sie 17 Publikationen und etliche Zeitungsbeitr\u00e4ge zur Geschichte der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung Leipzigs.<\/p>\n<p>Barbara Kowalzik verbrachte ihr Leben vor allem in Leipzig. Nach der Schule absolvierte sie 1957 bis 1959 eine Berufsausbildung zur Buch- und Musikalienh\u00e4ndlerin, studierte 1959 bis 1964 an der damaligen Karl-Marx-Universit\u00e4t Philosophie und promovierte hier 1969. 1980 folgte die Promotion B (1991 Umwandlung des Dr. sc. phil. in Dr. phil. habil. durch den Senat der Universit\u00e4t Leipzig).<\/p>\n<p>Von 1968 bis 1991 leitete sie neben ihrer Lehrt\u00e4tigkeit mehrfach das Lehrkollektiv Kulturwissenschaften f\u00fcr das Direkt- oder Fernstudium. 1989 wurde sie zur Professorin berufen und 1992 wieder abberufen. Ihre danach einsetzenden Arbeiten zur Geschichte der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung Leipzigs leistete sie im Auftrag des B\u00fcrgervereins Waldstra\u00dfenviertel (1992\u20131994), des S\u00e4chsischen Wirtschaftsarchivs Leipzig (1997\/98), des Historischen Seminars der Universit\u00e4t Leipzig (1998\u20132001) und nach 2002 im Ruhestand.<\/p>\n<p>Rolf Kralowitz hat das Wachrufen der Erinnerungen an einen Teil der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung durch Barbara Kowalzik immer wieder gew\u00fcrdigt, \u201eweil ein Mensch erst dann endg\u00fcltig tot ist, wenn niemand mehr an ihn denkt\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Prof. Dr. phil. habil. Barbara Elisabeth Kowalzik, geboren am 22. Mai 1939 in Leipzig, verstarb am 20. 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