{"id":567482,"date":"2025-11-11T09:48:15","date_gmt":"2025-11-11T09:48:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/567482\/"},"modified":"2025-11-11T09:48:15","modified_gmt":"2025-11-11T09:48:15","slug":"tanz-die-biografie-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/567482\/","title":{"rendered":"Tanz die Biografie! \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Am Ende gibt es Luftk\u00fcsse f\u00fcr alle. T\u00e4nzer und Choreograf Trajal Harrell, der 2021 bereits mit seinem umjubelten \u00bbThe K\u00f6ln Concert\u00ab im Schauspielhaus zu Gast war, lieferte den Abschluss der Euro-Scene in der ausverkauften Schaub\u00fchne Lindenfels. Harrell zeigte sein 2019 entstandenes Solo \u00bbDancer of the year\u00ab. Darin vibed er knapp 60 Minuten lang in wechselnden Kost\u00fcmen \u00fcber einen roten Teppich. Harrell kommt aus dem Vougeing und dieser Auftritt liest sich wie eine ganz private Performance, in der er im stillen K\u00e4mmerlein zu verschiedenen Musiken, die er selbst \u00fcber den Laptop ausw\u00e4hlt, Dinge ausprobiert. Aber nicht, ohne sich am Ende umso st\u00e4rker dem Publikum zuzuwenden \u2013 mit Luftk\u00fcssen zu Joe Hisiashis \u00bbA Feather in the Dusk\u00ab, wobei er jeden Zuschauenden einzeln bedenkt. \u00bbIch werde vielleicht nicht durchkommen, aber ich versuche es\u00ab, k\u00fcndigt er das Vorhaben an und tats\u00e4chlich ist der Song am Ende der f\u00fcnften Reihe zu Ende.<\/p>\n<p>Dieses Finale vereint gleich mehrere Elemente, die in diesem Jahr das Festival auszeichneten. Da war vor allem die starke Dichte an Tanz und das fast vollst\u00e4ndige Fehlen von Sprechtheater. Einzige Ausnahme: die slowenische Produktion \u00bbSex Education II: Fight\u00ab, die in einem installativen Setting im Lofft anhand der Biografien der Politikerin Vida Tom\u0161i\u010d und ihres Partners, dem Gyn\u00e4kologen Franc Novak-Luka, den Kampf um sexuelle Selbstbestimmung im Nachkriegsjugoslawien nachzeichnet. Mit durchaus starken Bildern. Da wird etwa das Publikum zu einer illegalen symbolischen Abtreibung geladen und das Produktionsteam begibt sich auf die Suche nach dem ersten jugoslawischen Diaphragma durch die Archive dieser Welt. <\/p>\n<p>Zum anderen stand die Besch\u00e4ftigung mit der eigenen Biografie im Mittelpunkt des sechst\u00e4gigen B\u00fchnenmarathons. Da verhandeln etwa die Pina-Bausch-T\u00e4nzerin Cristiana Morganti und der William-Forsythe-T\u00e4nzer Emanuele Soavi ihre unterschiedlichen Tanzerfahrungen, ihre k\u00fcnstlerischen Herangehensweisen und ihre italienische Herkunft in einem launischen Abend. Dabei kommen die beiden \u00fcber die Nabelschau zweier mit allen B\u00fchnenwassern gewaschenen B\u00fchnenkinder jedoch kaum hinaus. Das wird besonders klar im Vergleich mit dem taiwanesischen Beitrag \u00bbThe Seas Between Us\u00ab des Choreografen Lo Fang-Yun. Hier philosophieren der taiwanesische T\u00e4nzer Chou Shu-Yi und der singapurisch-chinesische T\u00e4nzer Lee Mun Wai sich \u00fcber die B\u00fchne bewegend \u00fcber ihre Herkunft. Weltpolitik und Biografien verschr\u00e4nkten sich auf einem strahlend geputzten Silbertablett und liefern einen der inhaltlich tiefsten Beitr\u00e4ge der diesj\u00e4hrigen Euro-Scene.<\/p>\n<p>Hinzu kommen m\u00e4nnliche Soli. Der Kanadier Manuel Roque \u00fcberzeugt gleich zum Start mit seiner k\u00f6rperlich fordernden Raumchoreografie \u00bbLe vent se l\u00e8ve\u00ab, bei der er 50 Minuten lang die Diskothek im Schauspiel abtanzt und in diesen furiosen Ritt zahlreiche Tanzzitate einbaut. Robert Ssempijja erforscht in \u00bbAlienation III\u00ab das koloniale Erbe seiner Heimatstadt Kampala. Er kriecht und schleppt sich zun\u00e4chst mit nacktem Oberk\u00f6rper \u00fcber die B\u00fchne wie niedergedr\u00fcckt, w\u00e4hrend aus den Lautsprechern ein Text in Luganda, einer der 40 in Uganda verbreiteten Sprachen,<strong>\u00a0<\/strong>kommt. Eine klare, einfache Formensprache, die folgerichtig in einem Akt des Empowerments endet. Der T\u00e4nzer Pol Pi wiederum widmet sich \u00bbMe too, Galatea\u00ab dem K\u00f6rper der Frau, w\u00e4hrend der kanadisch-jamaikanische T\u00e4nzer Harald Beharie in \u00bbBatty Bwoy\u00ab gleich seinen eigenen nackten K\u00f6rper zur Verf\u00fcgung stellt und alle Zuschauenden erstmal mit dem entbl\u00f6\u00dften Anus begr\u00fc\u00dft \u2013 bei glei\u00dfendem B\u00fchnenlicht. In seiner Performance spielt er mit dem titelgebenden Begriff, der aus dem weiten Feld der homophoben Beleidigungen stammt. Drastisch und ironisch nimmt er Posen aus dem queeren Ballroom auf und wendet sie auf links. Das gleichzeitig begehrte wie gehasste Objekt verhandelt sich vor den Augen des Publikums (und mit lautem Progressive Rock) in ein Subjekt, einen Menschen, der schlie\u00dflich im Zuschauerraum Platz nimmt. Auch dies \u00e4sthetisch wie inhaltlich ein starkes St\u00fcck.<\/p>\n<p>Bei dieser Ausgabe der Euroscene stand das Schauspielhaus nicht zur Verf\u00fcgung, was sich in der Programmgestaltung durchaus niederschlug. Zwar fand der Auftakt in der Oper statt, aber der Hass-Heilungs-Versuch des Caravan of Luv war ein Fehlschlag. Entfesselte Hippy-Pop-Versuche und die staatstragende Opernatmosph\u00e4re kamen hier einfach nicht zusammen, wenigstens die Leipziger Chorbeitr\u00e4ge sorgten f\u00fcr etwas Stimmung. Im Programm fehlten sond die mittelgro\u00dfen St\u00fccke, die auch einem breiteren Publikum etwas sagen k\u00f6nnen. Ausnahme war hier sicher der partizipative \u00bbSlow Walk\u00ab durch die Leipziger Innenstadt von der Tanzcompany Rosas. 400 Menschen folgten diesem Angebot, insgesamt 4900 besuchten die diesj\u00e4hrige Euro-Scene. <\/p>\n<p>Einen Abschied gibt es auch zu vermelden. Steven Cohen, der vor zwei Jahren noch f\u00fcr Ohnmachtsanf\u00e4lle im Schauspielhaus gesorgt hatte, verabschiedete sich mit \u00bbPeople will People you\u00ab in einer leisen pers\u00f6nlichen Performance von der B\u00fchne. Ein letztes Mal groteske Schuhe, Masken mit Schmetterlingen und Glitzer und Feuerwerk aus dem Hut. Auch das w\u00e4re ein geeigneter Abschluss des Festivals gewesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am Ende gibt es Luftk\u00fcsse f\u00fcr alle. T\u00e4nzer und Choreograf Trajal Harrell, der 2021 bereits mit seinem umjubelten&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":567483,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[12690,3364,29,136838,5561,30,136839,71,810,28285,136840,54871,859,6907,94,3699],"class_list":{"0":"post-567482","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-auftritt","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-euroscene","12":"tag-festival","13":"tag-germany","14":"tag-kolonial","15":"tag-leipzig","16":"tag-musik","17":"tag-performance","18":"tag-postkolonial","19":"tag-rueckblick","20":"tag-sachsen","21":"tag-tanz","22":"tag-theater","23":"tag-veranstaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115530439358559713","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/567482","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=567482"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/567482\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/567483"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=567482"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=567482"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=567482"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}