{"id":569411,"date":"2025-11-12T04:26:21","date_gmt":"2025-11-12T04:26:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/569411\/"},"modified":"2025-11-12T04:26:21","modified_gmt":"2025-11-12T04:26:21","slug":"kuerzungen-im-sozialen-liste-des-grauens-wie-der-sparhaushalt-in-stuttgart-franziska-k-trifft-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/569411\/","title":{"rendered":"K\u00fcrzungen im Sozialen: \u201eListe des Grauens\u201c \u2013 Wie der Sparhaushalt in Stuttgart Franziska K. trifft"},"content":{"rendered":"<p> Am Ende k\u00f6nnte der Stuttgarter Sparhaushalt sogar verhindern, dass Franziska K. ihre lang ersehnte Epi-Watch bekommt. Seit zwei Jahren schon bem\u00fchen sich Berater Oliver Reinl und die 32-J\u00e4hrige im b\u00fcrokratischen Dschungel zwischen \u00c4rzten, Hersteller und Medizinischem Dienst um das mobile Ger\u00e4t. Franziska K. lebt allein. Die Epi-Watch w\u00fcrde bei ihren Kontakten Alarm schlagen, wenn Franziska K., die Epilepsie hat, einen Anfall bekommt. <\/p>\n<p>Aber nun ist nicht klar, ob das Duo dieses Herzensprojekt abschlie\u00dfen kann. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.haushalt-stuttgart-wo-sparen-frontlinien-zwischen-fraktionen-werden-deutlich.855423e4-aadb-4ee5-839e-4df87f2f0d2b.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Im Entwurf des Doppelhaushalts 2026\/27 der Stadt<\/a> ist die Streichung von 50 Prozent der st\u00e4dtischen Gelder f\u00fcr den Verein \u201eAktive Behinderte <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a> \u2013 Zentrum selbstbestimmt Leben\u201c (ZSL) vorgesehen. Dessen Anlaufstelle im Stuttgarter Westen, in der Menschen mit Beeintr\u00e4chtigungen wie Franziska K. im Alltag geholfen wird, k\u00f6nnte dann nur noch zwei statt bislang vier Berater besch\u00e4ftigen. \u201eOhne Oliver Reinl w\u00e4re ich aufgeschmissen\u201c, sagt die junge Frau. <\/p>\n<p>Das ZSL, dessen Urspr\u00fcnge 40 Jahre zur\u00fcck liegen, ist nur eines von vielen Beispielen an Einrichtungen, Organisationen und Projekten, die von den K\u00fcrzungen betroffen sind. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.haushalt-geraet-in-schieflage-stuttgarts-finanzloch-wird-groesser-firmen-wollen-steuern-zurueck.353adc47-d74f-41ad-a812-00e9de2f3338.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Weil die Gewerbesteuer massiv eingebrochen ist (von 1,3 Milliarden 2024 auf voraussichtlich 750 Millionen 2025), steht Stuttgart vor dem gr\u00f6\u00dften Sparhaushalt seit der Finanzkrise 2009.<\/a> Allein 243 Millionen umfassen die Einsparvorschl\u00e4ge der st\u00e4dtischen \u00c4mter f\u00fcr die kommenden zwei Jahre, gut 260 bedrohte Posten stehen auf der Liste \u2013 bislang. Denn noch fehlen weitere 300 Millionen Euro pro Jahr im Haushalt. Weitere Streichlisten werden also wahrscheinlich in den kommenden Wochen nachgereicht. Beschlossen werden soll der Haushalt am 19. Dezember. <\/p>\n<p>Amt f\u00fcr Soziales in Stuttgart will 27,5 Millionen Euro sparen <\/p>\n<p> <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.doppelhaushalt-in-stuttgart-streichlisten-oeffentlich-wen-trifft-das-spardiktat-der-stadt.d0ce1391-fe7e-4e8b-9228-10e809c3280d.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Amt f\u00fcr Soziales und Teilhabe, von dem das ZSL abh\u00e4ngig ist, will bislang 27,5 Millionen Euro streichen.<\/a> Betroffen sind Einrichtungen der Sucht-, Senioren- und Gefl\u00fcchtetenhilfe ebenso wie f\u00fcr Menschen, die von Armut oder Behinderung betroffen sind. Manche Gemeinder\u00e4tinnen und -r\u00e4te sprechen deshalb von einer \u201eListe des Grauens\u201c. <\/p>\n<p>Die Liga der Wohlfahrtspflege Stuttgart hat die K\u00fcrzungen im sozialen Bereich in einem Brief an die R\u00e4te als zu pauschal kritisiert. Man verstehe, dass die Stadt sparen m\u00fcsse, rege aber eine \u201esorgf\u00e4ltige Aufgabenkritik\u201c an, bevor entschieden wird, wo wie viel gek\u00fcrzt werden soll. Anders gesagt: Die Stadt soll erst einmal pr\u00fcfen, welche Angebote unerl\u00e4sslich sind, bevor sie den Rotstift ansetzt. <\/p>\n<p>Auch Oliver Reinl, der dem ZSL-Vorstand angeh\u00f6rt, <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.stuttgarts-ob-als-antreiber-brief-an-merz-kommunen-gehen-auf-dem-zahnfleisch.b9b3774d-770c-47cf-afd1-b6b84c82f223.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">versteht als studierter Diplom-\u00d6konom den Spardruck der Stadt, findet aber, dass das ZSL unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig stark betroffen ist.<\/a> Nach den Pl\u00e4nen der Verwaltung fielen f\u00fcr den Verein 156.000 Euro weg \u2013 und damit Geld f\u00fcr Heiz- und Mietkosten sowie eine von bislang zwei st\u00e4dtisch finanzierten Vollzeitstellen. Eine weitere Stelle bezahlt derzeit das Bundesarbeitsministerium, aber auch hier ist unklar, wie lange die Gelder daf\u00fcr noch flie\u00dfen. <\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/1762921581_700_media.media.6cd87f91-2354-471e-9067-36da605cb81a.original1024.media.jpeg\"\/>     Remy Drei\u00df, Franziska K. und Oliver Reinl (von links) machen sich Sorgen um die Zukunft des ZSL.    Foto: Ferdinando Iannone    <\/p>\n<p>Oliver Reinl schl\u00e4ft deshalb seit ein paar Wochen schlecht. Er hat im Namen des Vereins einen langen Brief an die Stadtr\u00e4te geschickt, in dem er beschreibt, was sie mit den Geldern bislang alles leisten. So helfen die vier Berater, die alle selbst eine Beeintr\u00e4chtigung oder chronische Krankheit haben, ihren Klienten etwa bei der Job- und Wohnungssuche oder bei Antr\u00e4gen f\u00fcr Pflegegrade, Sozialhilfe, Hilfsmittel wie Rollst\u00fchle oder Prothesen. Rund 20 Ratsuchende pro Woche betreuten die vier. <\/p>\n<p>Alleinstellungsmerkmal sei, dass die kostenlosen Angebote Menschen mit jeder Form von Beeintr\u00e4chtigung k\u00f6rperlicher oder geistiger Natur offen st\u00fcnden, sagt Oliver Reindl. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.mammutprojekt-der-nikolauspflege-einzigartige-schule-licht-farbe-und-akustik-geben-orientierung.927a83bc-1915-40f7-9621-34fca1c70edb.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andere Beratungsstellen konzentrierten sich meist auf einen bestimmten Klienten-Kreis.<\/a> Deshalb k\u00f6nnten diese ein verringertes Angebot beim ZSL nicht einfach kompensieren. Au\u00dferdem helfe sein Verein der Stadt, die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) umzusetzen, ihre Pflicht, <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Inklusion\" title=\"Inklusion\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Inklusion<\/a> zu f\u00f6rdern. Etwa mit Informationsveranstaltungen, Podcasts oder der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Beratung\" title=\"Beratung\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beratung<\/a> von Arbeitgebern.<\/p>\n<p> Job Speed Dating und Teilnahme an Touristikmesse CMT in Stuttgart <\/p>\n<p>Besonders stolz ist man beim ZSL auf die j\u00e4hrliche Teilnahme an der Reisemesse CMT, wo der Verein \u00fcber barrierefreie Reise- und Kulturangebote informiert, und mit dem \u201eGoldenen Rollstuhl\u201c einen Preis f\u00fcr solche Formate verleiht. Ebenso wie auf das Format \u201eJob Speed Dating\u201c, das Klienten in Stellen auf dem regul\u00e4ren Arbeitsmarkt vermitteln will. <\/p>\n<p>Auch Remy Drei\u00df hat es mit der Hilfe seines Beraters Andreas Lapp-Zens, vielen Mails, Telefonaten und Treffen, in eine regul\u00e4re Stelle beim Regierungspr\u00e4sidium geschafft. Der 31-J\u00e4hrige hat nur 25 Prozent Sehverm\u00f6gen und ist Spastiker. Nach einer Ausbildung als Hilfskraft f\u00fcr B\u00fcro und Verwaltung in einer Einrichtung f\u00fcr Sehbehinderte, fand er jahrelang keine passende Stelle. <\/p>\n<p>Mit Andreas Lapp-Zens schrieb er seinen Lebenslauf neu, trainierte Bewerbungsgespr\u00e4che \u2013 fand \u00fcberhaupt erstmals heraus, was f\u00fcr ihn ein ad\u00e4quater Job sein k\u00f6nnte. \u201eIch hatte im Leben die Wahl, liegen zu bleiben oder aufzustehen\u201c, sagt Remy Drei\u00df. Das ZSL habe ihm beim Aufstehen geholfen. \u201eIch habe f\u00fcr mich beruflich rausgeholt, was m\u00f6glich war\u201c, sagt Remy Drei\u00df. <\/p>\n<p> <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.menschen-mit-behinderung-automobilkrise-trifft-werkstaetten-mir-ist-manchmal-langweilig.2dcb50f9-4d2d-4dac-97f8-a851dd52a404.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das sieht auch Franziska K. so, die in einer Werkstatt f\u00fcr Menschen mit Behinderung arbeitet.<\/a> Vor zwei Jahren kam sie zum ersten Mal ins ZSL. Damals wurde ihrer Mutter die Betreuung zu viel, sie suchte Unterst\u00fctzung in ihrem selbstst\u00e4ndigen Leben ohne gesetzlichen Betreuer. Seither hilft Oliver Reinl mit Antr\u00e4gen auf Sozialhilfe oder Fahrkarten oder wenn seine Klientin die Werkstatt wechseln will. Und mit der Epi-Watch nat\u00fcrlich. Sie w\u00fcrde Franziska K.s Freiheit noch sicherer machen. <\/p>\n<p> Protest gegen K\u00fcrzungen <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Inklusion<\/strong><br \/>Auf den K\u00fcrzungslisten der \u00c4mter sind zahlreiche Projekte und Einrichtungen zum Thema Inklusion zu finden, so unter anderem die inklusiven Spielstra\u00dfen (gut 25.000 Euro in zwei Jahren sollen gespart werden), eine Studie zu Inklusion (20.000 Euro), das F\u00f6rderprogramm Stuttgart f\u00fcr alle inklusiv (65.000 Euro), die Begegnungsst\u00e4tte Treffpunkt der Caritas (minus 65.000 Euro), der Anna-Haag-Haus-Caf\u00e9betrieb (minus 50.000), die Begegnungsstelle f\u00fcr Geh\u00f6rlose (minus 45.000 Euro).<\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Kritik<\/strong><br \/>Vom Parit\u00e4tischen Wohlfahrtsverband Stuttgart und Region kommt Kritik an den K\u00fcrzungen beim ZSL. Diese seien \u201eunverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig und w\u00fcrden wohl das Ende der Organisation bedeuten\u201c, sagt der Regionalleiter Peter Heydegger. Gerade kleinere Organisationen wie das ZSL arbeiteten mit einer Mischung aus Haupt- und Ehrenamtlern sehr effektiv. \u201eDieses Engagement darf nicht zerschlagen werden.\u201c <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Antr\u00e4ge<\/strong><br \/>Drei Gemeinderatsfraktionen haben Antr\u00e4ge zum Haushalt eingebracht, die die Zusch\u00fcsse f\u00fcr das ZSL erhalten sollen: SPD\/Volt- (9 Sitze) sowie die Gr\u00fcnen-Fraktion (14 Sitze) fordern darin jeweils eine halbe Stelle mit 48.000 Euro j\u00e4hrlich weiter zu finanzieren. Die Plus-Gruppe (3 Sitze) will dem ZSL 166.000 Euro j\u00e4hrlich zugestehen. Damit diese Antr\u00e4ge durchgehen, m\u00fcssten sie allerdings am 19. Dezember Stimmen aus anderen Fraktionen erhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am Ende k\u00f6nnte der Stuttgarter Sparhaushalt sogar verhindern, dass Franziska K. ihre lang ersehnte Epi-Watch bekommt. 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