{"id":569548,"date":"2025-11-12T05:46:13","date_gmt":"2025-11-12T05:46:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/569548\/"},"modified":"2025-11-12T05:46:13","modified_gmt":"2025-11-12T05:46:13","slug":"wie-aus-einem-armen-leipziger-maedchen-die-erfolgsautorin-hedwig-courths-mahler-wurde-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/569548\/","title":{"rendered":"Wie aus einem armen Leipziger M\u00e4dchen die Erfolgsautorin Hedwig Courths-Mahler wurde \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Das h\u00e4tte sich auch Ernestine Friederike Elisabeth Mahler nicht tr\u00e4umen lassen, dass sich einmal zwei Leipziger Autorinnen hinsetzen w\u00fcrden und unter dem Pseudonym Clara Bachmann einen Roman \u00fcber sie schreiben w\u00fcrden. Wo sie doch als Hedwig Courths-Mahler selbst \u00fcber 200 Romane und Novellen geschrieben hat, die bis heute immer wieder aufgelegt werden und ihr Publikum finden. Denn sie erz\u00e4hlte in ihren Romanen immer wieder neu den Traum, den Millionen Frauen (und M\u00e4nner) auch heute noch tr\u00e4umen: den Traum von einem guten Ende.<\/p>\n<p>Das ist nicht trivial, auch wenn Literaturkritiker auch heute noch von Trivialliteratur schwadronieren, weil sie nicht einmal verstehen, warum Menschen eigentlich B\u00fccher lesen und sich auf Fantasiewelten einlassen. Auf Geschichten, in denen kleine Leute wie sie selbst nach schweren Schicksalsschl\u00e4gen doch noch ihr Gl\u00fcck finden. Wenigstens so ein kleines bisschen Gl\u00fcck, bei dem man das Gef\u00fchl hat: Jetzt wird tats\u00e4chlich noch alles gut.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/7150cd4763714ec68b3592803c283915.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/11\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/11\/1\"\/><\/p>\n<p>Nicht zu vergessen: Sie war ein Leipziger Kind, wuchs hier als Tochter einer alleinerziehenden Mutter auf, erlebte also die Armut pur, die damals auch tausende andere Leipziger Kinder erlebten, konnte die Schule nur kurz besuchen und verdingte sich schon fr\u00fch als Hausm\u00e4dchen, um aus den \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen herauszukommen. Sie wusste, wie man verzichten und die Z\u00e4hne zusammenbei\u00dfen musste, wenn man von ganz unten wenigstens in Verh\u00e4ltnisse kommen wollte, die man so landl\u00e4ufig als b\u00fcrgerlich bezeichnet.<\/p>\n<p>Ganz unten<\/p>\n<p>Und das Erstaunliche daran ist: Das ist immer noch eine h\u00f6chst gegenw\u00e4rtige Geschichte. Aber das wei\u00df nur, wer \u2013 wie Ernestine Friederike Elisabeth, die sich selbst den mutmachenden Namen Hedwig zulegte \u2013 ganz unten aufgewachsen ist, in der heutigen Dienstboten-, Handlanger- und B\u00fcrgergeldklasse, auf der die verpeilten Million\u00e4re mit arroganter Miene herumtrampeln und nicht einmal verstehen, wie es sich wirklich lebt, wenn man nichts hat.<\/p>\n<p>Und wenn auch die Jobs, die man bekommen kann, einen nicht reich machen und schon gar keine Sicherheit schaffen. Und man gezwungen ist, auch noch die miserabelsten Bedingungen bei der Jobsuche anzunehmen, wenn man nicht immer wieder als Bettler beim Jobcenter stehen will.<\/p>\n<p>Und den beiden Autorinnen, die sich als Clara Bachmann zusammengetan haben, ist es gelungen, nicht nur die Zeit der jungen Hedwig Mahler mit lebendigen Farben zu zeichnen. Sie wissen auch dieses Gef\u00fchl des permanenten Es-reicht-nicht lebendig werden zu lassen. Im Leipzig jener so gern als Gr\u00fcnderzeit bezeichneten Jahre, in der die Stadt wuchs, der Reichtum aber so extrem verteilt war, dass Kinder aus der Unterklasse wie Hedwig das Gef\u00fchl des Nicht-Dazugeh\u00f6rens und Nie-Gen\u00fcgens bis auf die Knochen verinnerlicht haben.<\/p>\n<p>Doch sie will sich nicht damit abfinden. Sie will raus aus diesen Verh\u00e4ltnissen, die ihre Mutter zur Prostitution zwingen und die in \u00e4rmlichen Zust\u00e4nden wirtschaftende Hedwig Courths zum Anschreiben und Betteln bei den H\u00e4ndlern in der Umgebung zwingen. Woran nicht nur die Lust ihres Mannes, des Dekorationsmalers Fritz Courths, an immer neuen stolzen Hutk\u00e4ufen schuld war, sondern auch die dessen schlechte Bezahlung und sein konservative Verst\u00e4ndnis von der Frau, die bittesch\u00f6n nicht zu arbeiten habe, wenn der Mann das Geld nach Hause bringt. Nur bedeutete das f\u00fcr den kleinen Courths-Haushalt jahrelange Armut, auch in Halle, wo Fritz glaubte, endlich Tritt fassen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gegen alle Widerst\u00e4nde<\/p>\n<p>Auf einen wirklich gr\u00fcnen Zweig kamen die Courths erst nach ihrem Umzug nach Chemnitz, der Stadt, die heute als der Ort gilt, wo Hedwig tats\u00e4chlich endlich als Autorin durchstartete. Das Schreiben hatte sie schon von Kindheit an begleitet. Doch auch Fritz wollte nicht, dass sie damit an die \u00d6ffentlichkeit ging.<\/p>\n<p>Es mussten erst Jahre der Armut, mehrere Umz\u00fcge und der Kampf um ein bisschen Stabilit\u00e4t folgen, bevor Hedwig \u2013 auch mit Hilfe des Chemnitzer Redakteurs Paul Hermann Hartwig \u2013 zu ihren ersten wichtigen Ver\u00f6ffentlichungen kam.<\/p>\n<p>Es ist eben auch die Geschichte einer jungen Frau, f\u00fcr die das Schreiben ganz zentraler Inhalt ihres Lebens war, die sich das Schreiben und Ver\u00f6ffentlichen aber auch gegen die Widerst\u00e4nde ihrer Zeit erk\u00e4mpfen musste. Auch gegen Fritz, der im Grunde die ganz selbstverst\u00e4ndlichen konservativen Ansichten seiner Zeit pflegte. Konservative Sichtweisen, die auch Hedwigs Romane durchziehen w\u00fcrden und die ihr gnadenlose Kritiker immer zum Vorwurf gemacht haben.<\/p>\n<p>Es \u00fcberrascht \u2013 und Clara Bachmann thematisieren es auch im Chemnitz-Kapitel \u2013 wie alt und nervend diese Diskussionen und Vorw\u00fcrfe sind, mit denen ein v\u00f6llig abgehobenes b\u00fcrgerliches Bildungsb\u00fcrgertum nicht nur auf die Romane von Courths-Mahler herabsah, sondern auch die konservativen Klischees darin ver\u00e4chtlich machte. Klischees, die in der Literatur zwar wie altbacken und \u00fcberholt wirken.<\/p>\n<p>Aber die in abgehobenen Sph\u00e4ren lebende Kritiker vergessen bis heute, wie z\u00e4h und allgegenw\u00e4rtig diese Klischees noch immer in weiten Teilen unserer Gesellschaft sind, oft einfach ignoriert von denen, die alles haben und diese Haltung leben, ohne sich ihrer Verachtung f\u00fcr die Kinder aus Downtown \u00fcberhaupt noch bewusst zu werden.<\/p>\n<p>Unsichtbare Mauern<\/p>\n<p>Denn diese Klassenverachtung ist weiterhin da. Fein verpackt, sch\u00f6n getarnt. Aber aus jeder B\u00fcrgergeld-Rede des Bundeskanzlers kommt sie wieder zum Vorschein. Und jedes Mal wird deutlich, dass wir im Grunde fast wieder da sind, wo Hedwig in ihren jungen Jahren war: In einem zwischen Arm und Reich zerrissenen Land, in dem die Aufstiegschancen von ganz unten limitiert sind und Kinder aus diesen Familien immerfort gegen unsichtbare Mauern und Widerst\u00e4nde anrennen, wenn sie versuchen, auch nur ein paar Sprossen auf der Leiter nach oben und in Verh\u00e4ltnisse zu kommen, in denen das Geld mal \u00fcbers Monatsende hinaus reicht.<\/p>\n<p>Und so betrachtet ist Hedwigs Geschichte im Grunde auch eine Aufsteiger-Geschichte, wie sie sie in ihren vielen Romanen selbst erz\u00e4hlt hat. Romane, die damals wie heute ihr Publikum finden, weil es Geschichten sind, die Hoffnung machen.<\/p>\n<p>Im Grunde Aschenputtel-Geschichten, \u00fcber die der gehobene Mittelstand so gern die Nase r\u00fcmpft, weil er nicht mal mehr wei\u00df, wie sich das Leben anf\u00fchlt, wenn man \u00fcber Jahre hinweg keine gesicherten Verh\u00e4ltnisse hat, jede Mieterh\u00f6hung zur Katastrophe werden kann und eine Job-K\u00fcndigung die ganze Familie in die finanzielle Not st\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Und Clara Bachmann gelingt es sehr farbenreich und lebendig, die prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse zu schildern, in denen sich Hedwig behaupten muss, bis die kleine Familie endlich Boden unter die F\u00fc\u00dfe bekommt. Wie Hedwig sich die kargen Stunden in der Nacht erk\u00e4mpfen muss, in denen sie lesen und schreiben kann. Und wie sie letztlich mit dem Mut der Frau, die sich nicht mehr alles gefallen lassen will, ihrem Fritz eine gut dotierte Stellung besorgt und am Ende auch eine Wohnung in Chemnitz, die endlich diesen Namen verdient.<\/p>\n<p>Wer solche z\u00e4hen und auf langen K\u00e4mpfe um den Aufstieg in eine halbwegs gesicherte Existenz durchgemacht hat, der wird sich wiedererkennen in dieser Hedwig Courths, die sich gegen alle Widerst\u00e4nde behauptet und zu ihrem Fritz auch in Zeiten steht, in denen er sich gef\u00fchllos und dumm benimmt.<\/p>\n<p>Ein gutes Ende \u2026<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich setzt Clara Bachmann genau da einen Punkt, an dem die kleine Familie nach Berlin aufbricht, in die Stadt, in der dann tats\u00e4chlich der Erfolg der Hedwig Courths-Mahler beginnen sollte. Aber es ist wie mit Hedwigs Geschichte selbst: Die eigentlich atemberaubenden Kapitel, in denen auch das m\u00f6gliche Scheitern steckt, passieren vorher. Das sind die langen Durststrecken, bis eine Geschichtenerz\u00e4hlerin wie Hedwig tats\u00e4chlich die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient, und Anerkennung f\u00fcr das, was sie schreibt.<\/p>\n<p>Trotz oder gerade, weil ihr Schreiben das Muster des seelenzerknirschenden Bildungsromans nicht bedient, sondern die Geschichten erz\u00e4hlt, die all jenen Mut machen, die mit ihren Tr\u00e4umen von einem guten Leben immer wieder an den gl\u00e4sernen Decken einer Gesellschaft scheitern, in der die Habenden mit gelinder Verachtung auf die Nichtshabenden herabschauen.<\/p>\n<p>Daran hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert. Weshalb die Geschichten der Hedwig Courths-Mahler auch in Zukunft noch verlegt, gelesen und verfilmt werden. Und wer diesen Lebensroman aus der Tastatur von Clara Bachmann liest, wird dasselbe Muster eben auch in Hedwigs Leben wiedererkennen, an authentischen Schaupl\u00e4tzen auch in Leipzig.<\/p>\n<p>Man kann sich regelrecht hineinversetzen in die Lebenswelt eines armen M\u00e4dchens, das als Dienstm\u00e4dchen und Verk\u00e4uferin den Weg sucht, aus der Not herauszukommen. Und das von ihrer ersten ernsthaften Zuh\u00f6rerin auch den wichtigen Hinweis bekommt, dass Geschichten ein gutes Ende brauchen, wenn sie den Lesern Mut machen sollen. Das war um 1900 so und ist es auch heute noch.<\/p>\n<p>Und deswegen ist es auch dramaturgisch der richtige Punkt, den Clara Bachmann setzen, wenn sie Hedwig praktisch auf gepackten Koffern nach Berlin sitzen lassen. Denn das ist der Punkt, an dem solche Geschichten enden m\u00fcssen \u2013 mit einem offenen, aber guten Ende. Einem wohlverdienten Ende, muss man hinzuf\u00fcgen, denn wer sich von unten so hochk\u00e4mpft, der glaubt nicht an Wunder und F\u00fcgungen, der vertraut auf seine eigene Kraft und Ausdauer.<\/p>\n<p>Und darauf, dass das einmal im Leben auch wirklich belohnt wird.<\/p>\n<p>Der Traum von Millionen<\/p>\n<p>Das ist der gro\u00dfe Traum, den Millionen Menschen tr\u00e4umen. Und den auch Hedwig tr\u00e4umte und lange nicht erf\u00fcllen konnte. Deswegen gibt es auch Kapitel, bei denen man mit ihr verzagen m\u00f6chte, weil es scheinbar nicht aufw\u00e4rts geht und besser wird. Aber zumindest wei\u00df man: Am Ende schafft sie es. Aus eigener Kraft. Und im Vertrauen darauf, dass man nicht aufgeben darf, sondern manchmal auch mit hocherhobenem Kopf in die B\u00fcros der Chefs gehen muss, um zu fordern, was einem zusteht.<\/p>\n<p>Und wie das mit einem guten Ende so ist: Wer es sich erk\u00e4mpft hat, der ruht sich nicht darauf aus. Weil er wei\u00df, dass die Geschichte weitergeht. Das gute Ende ist der Anfang einer neuen Geschichte, die Clara Bachmann hier freilich nur andeuten. Denn das Allerwichtigste ist das, was vorher geschehen ist.<\/p>\n<p>Und was Hedwig klargemacht hat, wie man Geschichten erz\u00e4hlen muss, damit die Leserinnen und Leser am Ende wieder Hoffnung haben, dass es sich lohnt, sein eigenes Leben am Schopf zu packen.<\/p>\n<p><strong>Clara Bachmann: <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783757701666@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eEin gutes Ende\u201c<\/a><\/strong> Bastei L\u00fcbbe, K\u00f6ln 2025, 18 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das h\u00e4tte sich auch Ernestine Friederike Elisabeth Mahler nicht tr\u00e4umen lassen, dass sich einmal zwei Leipziger Autorinnen hinsetzen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":569549,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[7358,3364,29,30,71,1803,1795,859],"class_list":{"0":"post-569548","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-biografie","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-leipzig","13":"tag-rezension","14":"tag-roman","15":"tag-sachsen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115535150393823914","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/569548","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=569548"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/569548\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/569549"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=569548"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=569548"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=569548"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}