{"id":570183,"date":"2025-11-12T14:26:14","date_gmt":"2025-11-12T14:26:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/570183\/"},"modified":"2025-11-12T14:26:14","modified_gmt":"2025-11-12T14:26:14","slug":"ist-das-architektur-oder-kann-das-weg-zur-aufregung-um-roland-rainers-sprungturm-in-ternitz-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/570183\/","title":{"rendered":"Ist das Architektur oder kann das weg? Zur Aufregung um Roland Rainers Sprungturm in Ternitz \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Der Gemeinderat der Stadt Ternitz im nieder\u00f6sterreichischen Industrieviertel hat turbulente Tage hinter sich. Dabei ging es scheinbar nur um einen Turm. Um einen zehn Meter hohen Sprungturm, prominent platziert im weit \u00fcber den Bezirk hinaus beliebten Ternitzer Freibad. Eigentlich sollte es am Montag in der Gemeinderatssitzung um die Vergabe der Abrissarbeiten gehen, denn Turm samt Becken sollten weg. Ein Bagger stand schon bereit. Das Springerbecken ist seit Jahren leck, die Sanierung der Stahlbetonwanne unerschwinglich. Auflagen und <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/eu\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" das=\"\" architektur=\"\" oder=\"\" kann=\"\" weg=\"\" zur=\"\" aufregung=\"\" um=\"\" roland=\"\" rainers=\"\" sprungturm=\"\" in=\"\" ternitz=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">EU<\/a>-B\u00e4derverordnungen kommen dazu, alles nicht leistbar angesichts der allerorten angespannten Finanzsituation der Gemeinden. Und was soll ein Sprungturm, von dem niemand mehr ins Blau k\u00f6pfeln wird? <\/p>\n<p>Doch f\u00fcr die Ternitzer war der \u201eZehner\u201c identit\u00e4tsstiftend, seit die Anlage im Jahr 1959 er\u00f6ffnete. \u00dcber die Jahrzehnte wurde er zu einem informellen Wahrzeichen der Stadt. Vom Dreimeterbrett oder vom \u201eF\u00fcnfer\u201c k\u00f6pfelte bald wer, doch wenn an hei\u00dfen Sommernachmittagen der Badewaschl \u00fcber Lautsprecher verk\u00fcndete \u201eAchtung, Achtung. Um 14 Uhr \u00f6ffnet der Zehn-Meter-Turm\u201c, lief die Menge herbei, um zumindest kreischend und klatschend zuzuschauen. Der Turm ist Legende, das darf man behaupten.<\/p>\n<p>Den Namen des Architekten, der die seinerzeit hochelegante und geschickt in diverse Ebenen geschmiegte Freibadanlage plante, kennt hier kaum jemand, doch das spielt keine Rolle. Denn die eigentliche Aufgabe der Architektur, so Roland Rainer, sei eine andere: \u201eWenn man als Architekt nicht die M\u00f6glichkeit ergreift, eine menschliche Welt zu bauen, die erfreulich ist, wenn man das nicht tut, dann ist man eigentlich kein Architekt.\u201c Roland Rainer, unbestritten eine der wesentlichen \u00f6sterreichischen Architekturgestalten des 20. Jahrhunderts, hat in Ternitz mit einer Arbeitersiedlung seine ber\u00fchmte Gartenstadt Puchenau bei Linz vorweggenommen. Er hat hier eine Stadthalle errichtet, die \u00e4lter ist als diejenige, die er in weit gr\u00f6\u00dferer doch \u00e4hnlicher Form f\u00fcr Wien plante, sowie eben dieses Ternitzer Bad.<\/p>\n<p>                               <img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/10er - 1.jpeg\" alt=\"Architektur, die das menschliche Leben \u201eerfreulicher\u201c macht: Roland Rainers Sprungturm.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/>                                     <\/p>\n<p>Architektur, die das menschliche Leben \u201eerfreulicher\u201c macht: Roland Rainers Sprungturm.\u2003Woltron<\/p>\n<p>Seit vergangene Woche ruchbar wurde, dass der Turm geschleift werden solle, gingen die Emotionen hoch. Mehrere Fraktionen bildeten sich heraus. Die eine stellten entr\u00fcstete B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die andere eine gro\u00dfe Riege von Architekten und Architekturinstanzen, die Rainers Werk gerettet sehen wollten. Das Bundesdenkmalamt hielt sich vorerst zur\u00fcck, da das betagte Bad immer wieder saniert und adaptiert worden war und heute als Gesamtensemble doch deutlich ver\u00e4ndert ist.<\/p>\n<p>Die Aktionsgruppe \u201eBauten in Not\u201c hingegen, bestehend aus einer Reihe von Architekten, die sich in ihrer kargen Freizeit um den Erhalt hochwertiger, jedoch nicht unter Schutz stehender Geb\u00e4ude und Anlagen bem\u00fcht, erhob vehement Einspruch gegen den Abriss. Und genau an dieser Schnittstelle prallten die Welten aufeinander, wie sie es dieser Tage allerorten mit Get\u00f6se tun, von Br\u00fcssel bis \u00fcber die Kontinente hinweg. Hier die Gemeinde, die von allen Seiten angeschossen wurde, die sich aber in der unangenehmen Situation wiederfand, die dem Vernehmen nach f\u00fcr die Gesamtsanierung erforderlichen drei Millionen Euro aus dem S\u00e4ckel zu zaubern. Da die zurecht emp\u00f6rten Architekturfachleute, die den Abbruch zur Kulturschande ersten Ranges erkl\u00e4rten. Dort nicht zuletzt die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, denen die salomonische L\u00f6sung des Problems nun erst einmal erkl\u00e4rt werden muss. Denn vor der Gemeinderatssitzung rauchten die K\u00f6pfe, bis folgender Kompromiss Form annahm.<\/p>\n<p>Der Turm bleibt, ein Teil des Beckens geht. Die Anlage wird zu einem neuen Ensemble umgewandelt. Die Beckenwand wird zur Boulderwand, der Turm wird integriert. \u201eDer 10er wird bespielt werden\u201c, sagt Kulturstadtrat und Vizeb\u00fcrgermeister Peter Spicker, aber eben anders als zuvor: \u201eWir werden ihn auch f\u00fcr Vorf\u00fchrungen etwa von Wega, Feuerwehr und Bergrettung verwenden. Der Turm wird nicht nur als Landmark erhalten bleiben, er wird auch weiterhin ein Leben haben.\u201c<\/p>\n<p>Das ist zwar ein Kompromiss, aber einer, der das Beste aus der verzwickten Situation herausholt. Nieder\u00f6sterreichs Landeskonservator Patrick Schicht lie\u00df die Gemeinde gestern denn auch in einem Brief wissen: \u201eDer Turm ist bis auf minimale Ver\u00e4nderungen vollst\u00e4ndig aus der Bauzeit erhalten. Es ist wirtschaftlich nachvollziehbar, dass das Becken nun vor dem n\u00f6tigen Umbaudruck nicht mehr finanziert werden kann und aufgelassen werden soll. Der Turm k\u00f6nnte jedoch durchaus f\u00fcr sich allein stehen bleiben, als Wahrzeichen der aufstrebenden Industriestadt, als markantes Beispiel der fr\u00fchen \u00f6sterreichischen Moderne und als Hoffnungstr\u00e4ger, eines Tages wieder ein zugeh\u00f6riges Becken zu schaffen. Augenscheinlich braucht der Turm auch keine gro\u00dfen Investitionen, um abgesperrt, aber standfest auf bessere Zeiten zu warten.\u201c<\/p>\n<p>Dem Springerbecken, den Zehner-\u00d6ffnungs-Ansagen des Bademeisters, den K\u00f6pflern, Salti und Schrauben \u2013 nat\u00fcrlich wird man dem schmerzlich nachtrauern. Doch auch in der Architektur ist ein gewisser Pragmatismus mitunter kein schlechter Zugang. Audiatur et altera pars, man h\u00f6re auch die andere Seite. Das ist eine der Grundlagen des Rechts, in dem wir leben. Man kann Debatten auch kultiviert angehen, und das scheint hier, nach ein paar ordentlichen Bauchflecken, gelungen zu sein. Es wird auch nicht das letzte Ringen um den Erhalt wertvoller Substanz und andere schwierige Fragestellungen gewesen sein, denn die Gemeindegelder sind bekanntlich knapper denn je. Nur wenn jeder seine Fachkompetenzen einbringt, wenn allseits zielgerecht und n\u00fcchtern guter Wille bewiesen wird, werden wir samt unserer Kultur da halbwegs heil durchkommen.<\/p>\n<blockquote class=\"fm-quote flexmodule flexmodule--quote\"><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Gemeinderat der Stadt Ternitz im nieder\u00f6sterreichischen Industrieviertel hat turbulente Tage hinter sich. 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