{"id":572160,"date":"2025-11-13T10:17:12","date_gmt":"2025-11-13T10:17:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/572160\/"},"modified":"2025-11-13T10:17:12","modified_gmt":"2025-11-13T10:17:12","slug":"deutschland-gilt-als-gradmesser-ob-klimaschutz-und-wohlstand-vereinbar-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/572160\/","title":{"rendered":"\u201eDeutschland gilt als Gradmesser, ob Klimaschutz und Wohlstand vereinbar sind\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die EU galt lange als Vorreiter im Klimaschutz. Doch nun droht sie, ihre F\u00fchrungsrolle zu verspielen. Im Interview erkl\u00e4rt Experte Niklas H\u00f6hne, warum Europas Ziele zu schwach sind, Deutschland bremst \u2013 und wie die COP30 zur Bew\u00e4hrungsprobe wird.<\/p>\n<p><strong>FOCUS online Earth:\u00a0Herr H\u00f6hne, die geopolitische Lage hat sich ver\u00e4ndert: Die USA ziehen sich zur\u00fcck, China agiert z\u00f6gerlicher \u2013 und Europa? Lange wirkte die EU selbst kraftlos. Wie stark ist Europa im globalen Klimaprozess derzeit wirklich?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Niklas H\u00f6hne:\u00a0<\/strong>Europa ist geschw\u00e4cht gestartet. Viele Beschl\u00fcsse kamen auf den allerletzten Dr\u00fccker, und die neuen Klimaziele bleiben hinter den Erwartungen zur\u00fcck. Das 2040-Ziel ist zu schwach, um Klimaneutralit\u00e4t bis 2050 realistisch zu erreichen.<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p>Dazu kommt: Die Bandbreite bei den 2030-Zielen ist so gro\u00df, dass man sich praktisch am unteren Ende orientiert \u2013 also am wenigsten ambitionierten Pfad. Das ist ein R\u00fcckschritt. Weniger Klimaschutz in der EU ist das falsche Signal in einer Zeit, in der der Klimawandel immer sp\u00fcrbarer wird.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt Deutschland dabei? Tr\u00e4gt Berlin zur Schw\u00e4che Europas bei \u2013 oder kann es sie ausgleichen?<\/strong><br \/><strong>H\u00f6hne:<\/strong> Deutschland bleibt ein zentraler Akteur in der europ\u00e4ischen Klimapolitik. Viele Staaten schauen genau darauf, ob und wie die deutsche Energiewende funktioniert. Das gilt als Gradmesser daf\u00fcr, ob Klimaschutz und Wohlstand vereinbar sind. Aber: Deutschlands Einfluss h\u00e4ngt stark davon ab, ob es selbst liefert.<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.focus.de\/earth\/weltklimakonferenz\/un-klimakonferenz-cop30-gelaende-gestuermt-fuer-gastgeber-brasilien-stellt-sich-eine-pikante-frage_519a1f8a-2500-41e3-a3f2-fb60b38e725b.html\" rel=\"follow nofollow noopener\" target=\"_self\">Und im Moment hapert es an der Umsetzung <\/a>\u2013 vom schleppenden Ausbau der Erneuerbaren bis zu Unsicherheiten beim CO2-Preis. Wenn Deutschland intern z\u00f6gert, bremst es automatisch auch den europ\u00e4ischen Kurs. Gleichzeitig hat Deutschland traditionell eine vermittelnde Rolle in der EU \u2013 es kann Br\u00fccken bauen, Allianzen schmieden, Kompromisse erm\u00f6glichen. Diese F\u00fchrungsrolle wird gebraucht, gerade jetzt.<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p>Zur Person<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Niklas H\u00f6hne<\/strong> ist Mitbegr\u00fcnder des New-Climate-Institute und Professor f\u00fcr Klimaschutz an der Universit\u00e4t Wageningen. Er tr\u00e4gt seit 2003 zu Berichten des Weltklimarates (IPCC) bei.<\/p>\n<p><strong>Oft hei\u00dft es, Deutschland sei gar nicht der Bremsklotz, als das Land in der \u00f6ffentlichen Debatte beim Klimaschutz dargestellt wird. Immer wieder wird betont, Berlin stehe fest hinter den EU-Klimazielen. Wie sehen Sie das?<\/strong><br \/><strong>H\u00f6hne:<\/strong> Ich glaube, dass im Umweltministerium viele engagierte Menschen sitzen, die wirklich Klimapolitik vorantreiben wollen. Aber in der Gesamtbilanz sehe ich nicht, wo Deutschland das tats\u00e4chlich getan hat. Im Gegenteil \u2013 es gibt mehrere Beispiele, in denen Deutschland eher gebremst hat.<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p><strong>H\u00f6hne: <\/strong>Erstens: Im neuen EU-Klimaziel werden wieder CO2-Zertifikate von au\u00dferhalb der EU zugelassen. Diese \u00d6ffnung war \u00fcberhaupt nur m\u00f6glich, weil sie schon im deutschen Koalitionsvertrag verankert war. Ohne diesen Passus h\u00e4tte es die Debatte gar nicht gegeben \u2013 und jetzt sind es statt der vorgesehenen drei sogar f\u00fcnf Prozent. Das schw\u00e4cht das Ziel.<\/p>\n<p>Zweitens: Deutschland hat sich klar gegen das Verbrenner-Aus gestellt \u2013 und gegen beschlossene Strafen f\u00fcr Autokonzerne. Das geht direkt gegen bereits entschiedene Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p>Drittens: Beim Emissionshandel hat die Bundesregierung auf \u201eBehutsamkeit\u201c gedr\u00e4ngt. Der CO2-Preis sollte nicht zu schnell steigen \u2013 und das System wurde jetzt um ein Jahr verschoben. Auch das ist kein Zeichen von F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Und viertens: Deutschland h\u00e4tte sich bei den EU-Verhandlungen f\u00fcr eine schnellere Entscheidung zum Klimaziel einsetzen k\u00f6nnen. Stattdessen hat man zugelassen, dass das Thema bis zur letzten Minute vertagt wurde. Das sind vier F\u00e4lle, in denen Deutschland sein Gewicht genutzt hat, um die EU zu verlangsamen \u2013 und mir f\u00e4llt kein einziges Beispiel ein, wo Deutschland versucht h\u00e4tte, den Prozess zu beschleunigen.<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p>In diesem Jahr kommen die Staaten bei der <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/earth\/weltklimakonferenz\/\" rel=\"follow nofollow noopener\" target=\"_self\">UN-Klimakonferenz in Bel\u00e9m <\/a>zusammen, um \u00fcber den weltweiten Kampf gegen die Klimakrise zu diskutieren.<\/p>\n<p>FOCUS online Earth berichtet f\u00fcr Sie \u00fcber die COP30: Alle wichtigen Entwicklungen, Hintergr\u00fcnde und aktuellen Updates k\u00f6nnen <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/earth\/weltklimakonferenz\/un-klimakonferenz-cop30-gelaende-gestuermt-fuer-gastgeber-brasilien-stellt-sich-eine-pikante-frage_519a1f8a-2500-41e3-a3f2-fb60b38e725b.html\" rel=\"follow nofollow noopener\" target=\"_self\">Sie hier im Ticker nachverfolgen.<\/a><\/p>\n<p>\u201eNoch genie\u00dfen wir die Rolle des Klima-Vorreiters\u201c<\/p>\n<p><strong>Gibt es auch positive Seiten? Mit welchem \u201eKoffer\u201c an guten Nachrichten reist Europa \u2013 und Deutschland \u2013 zur COP30?<\/strong><\/p>\n<p><strong>H\u00f6hne:<\/strong> Ja, absolut. Trotz der R\u00fcckschritte bleibt das Gesamtklimaschutzpaket der EU weltweit eines der st\u00e4rksten. Kein anderes Land oder Staatenverbund vergleichbarer Gr\u00f6\u00dfe hat ein so umfassendes Programm. Der Ausbau der erneuerbaren Energien schreitet voran, die Emissionen sinken, und die EU wird ihr 2030-Ziel wahrscheinlich erreichen.<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus leistet Europa \u2013 und damit auch Deutschland \u2013 einen wichtigen Beitrag zur internationalen Zusammenarbeit. Gerade jetzt, wo die USA sich teilweise zur\u00fcckziehen, ist die EU ein entscheidender Partner f\u00fcr Klimafinanzierung und<a href=\"https:\/\/www.focus.de\/earth\/weltklimakonferenz\/deutschland-unter-top-30-welche-laender-der-klimawandel-am-haertesten-trifft_a65df59a-79e3-4918-a8b0-38b0de38c8ea.html\" rel=\"follow nofollow noopener\" target=\"_self\"> Kooperationen mit Schwellenl\u00e4ndern. <\/a>Das ist der Bereich, in dem Europa wirklich f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00fcsste all das noch viel ambitionierter sein, aber man kann festhalten: Das Fundament stimmt. Nur bei den j\u00fcngsten politischen Entscheidungen \u2013 wie dem Aufweichen der Ziele \u2013 ist die Richtung falsch.<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p><strong>W\u00e4hrend die USA aussteigen und teilweise blockieren, scheint China zumindest weiterzumachen. Wie bewerten Sie Pekings Rolle?<\/strong><\/p>\n<p><strong>H\u00f6hne:\u00a0<\/strong>China zeigt weiterhin Engagement. Pr\u00e4sident Xi Jinping hat pers\u00f6nlich neue Klimaziele verk\u00fcndet und Klimaschutz \u00a0im F\u00fcnfjahresplan verankert. Das Land hat ein starkes \u00f6konomisches Interesse am Klimaschutz \u2013 schlicht, weil es Weltmarktf\u00fchrer bei zentralen Technologien ist. Nat\u00fcrlich wird sich zeigen m\u00fcssen, wie eng China und die EU k\u00fcnftig kooperieren. Aber China setzt auf Kooperation, nicht auf Konfrontation.<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p><strong>Und wie blickt der Rest der Welt auf Europa? Ist die EU immer noch der Taktgeber in Sachen Klimaschutz?<\/strong><\/p>\n<p><strong>H\u00f6hne:\u00a0<\/strong>Grunds\u00e4tzlich ja. Deutschland und die EU genie\u00dfen nach wie vor das Image des Vorreiters. Viele L\u00e4nder vertrauen darauf, dass Europa diese Rolle ausf\u00fcllt. Aber Vorreiter sein hei\u00dft, zuhause schneller voranzukommen, mehr zu investieren und internationale Kooperationen auszubauen. Genau da hapert es derzeit \u2013 vor allem angesichts der schwierigen Haushaltslage.<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p>\u201eOhne klare F\u00fchrung versandet die COP in Detailstreits\u201c<\/p>\n<p><strong>Was erwarten Sie konkret von der EU auf der COP30?<\/strong><\/p>\n<p><strong>H\u00f6hne:\u00a0<\/strong>Europa muss als Katalysator wirken \u2013 also andere L\u00e4nder zusammenbringen, Kompromisse erm\u00f6glichen, Fortschritte erzwingen. Die Verhandlungen sind kompliziert, weil sie Einstimmigkeit verlangen. St\u00f6rende Staaten konnten fr\u00fcher oft von den USA gebremst werden. Diese Rolle muss jetzt Europa \u00fcbernehmen. Ohne klare F\u00fchrung droht die <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/earth\/weltklimakonferenz\/was-ist-die-cop30-worum-es-beim-weltklimagipfel-in-brasilien-geht_d969db79-a12d-4619-ab21-ee5cf2909abb.html\" rel=\"follow nofollow noopener\" target=\"_self\">COP30 in Detailstreit <\/a>zu versanden.<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p><strong>Welche Themen stehen dabei besonders im Fokus?<\/strong><\/p>\n<p><strong>H\u00f6hne:\u00a0<\/strong>Neben der Finanzierung und Anpassungsindikatoren geht es um Kohlenstoffm\u00e4rkte nach Artikel 6. Aber wichtiger als einzelne Punkte ist das Gesamtbild: Die EU muss zeigen, dass multilaterale Zusammenarbeit funktioniert \u2013 dass Fortschritt m\u00f6glich bleibt, auch wenn es z\u00e4h ist.<\/p>\n<p><strong>In Dubai sorgte der \u201eLoss and Damage\u201c-Fonds f\u00fcr Aufsehen. Wird es in Bel\u00e9m \u00e4hnlich gro\u00dfe Momente geben?<\/strong><\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p>ANZEIGE<\/p>\n<p><strong>H\u00f6hne:\u00a0<\/strong>Wahrscheinlich nicht. Gro\u00dfe Durchbr\u00fcche entstehen fast immer dann, wenn Fristen gesetzt sind \u2013 wie beim Finanzierungsziel im vergangenen Jahr. Eine solche Frist gibt es diesmal nicht. Der \u201eTropical Forest Fund\u201c k\u00f6nnte ein Schritt sein, aber kein Paukenschlag.<\/p>\n<p><strong>Und was w\u00e4re f\u00fcr Sie dennoch ein Erfolg?<\/strong><\/p>\n<p><strong>H\u00f6hne:\u00a0<\/strong>Wenn die internationale Gemeinschaft ein starkes Signal setzt: Multilateralismus funktioniert. Wir halten an gemeinsamen Regeln fest, wir wissen, dass wir zu langsam sind \u2013 und wir arbeiten jedes Jahr daran, besser zu werden. Das w\u00e4re das Mindeste.<\/p>\n<p>Wenn zus\u00e4tzlich Fortschritte bei der Finanzierung oder konkrete Projekte wie der Tropical Forest Fund beschlossen<strong>\u00a0<\/strong>werden, w\u00e4re das ein wichtiges Zeichen der Handlungsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p><strong>Herr H\u00f6hne, vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die EU galt lange als Vorreiter im Klimaschutz. Doch nun droht sie, ihre F\u00fchrungsrolle zu verspielen. Im Interview&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":572161,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[331,3924,332,3922,3364,29,30,13,14,3923,15,3921,12],"class_list":{"0":"post-572160","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-deutschland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-deutschland","10":"tag-aktuelle-news","11":"tag-aktuelle-news-aus-deutschland","12":"tag-de","13":"tag-deutschland","14":"tag-germany","15":"tag-headlines","16":"tag-nachrichten","17":"tag-nachrichten-aus-deutschland","18":"tag-news","19":"tag-news-aus-deutschland","20":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115541878383678123","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/572160","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=572160"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/572160\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/572161"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=572160"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=572160"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=572160"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}