{"id":574948,"date":"2025-11-14T12:56:13","date_gmt":"2025-11-14T12:56:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/574948\/"},"modified":"2025-11-14T12:56:13","modified_gmt":"2025-11-14T12:56:13","slug":"boualem-sansal-begnadigt-vielen-dank-deutschland-zum-glueck-haben-wir-euch-als-freunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/574948\/","title":{"rendered":"Boualem Sansal begnadigt: \u201eVielen Dank Deutschland! Zum Gl\u00fcck haben wir euch als Freunde\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein Jahr lang hielt das Regime in Algerien den Schriftsteller Boualem Sansal gefangen. Heute kam die Nachricht, dass er begnadigt wird. Der Philosoph Pascal Bruckner erkl\u00e4rt, welche Rolle dabei Bundespr\u00e4sident Steinmeier gespielt hat und warum Frankreich gedem\u00fctigt ist.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Der franz\u00f6sische Publizist und Philosoph Pascal Bruckner setzt sich seit der Verhaftung von Boualem Sansal im November letzten Jahres unerm\u00fcdlich f\u00fcr dessen Freilassung ein. Im Sommer hat er gemeinsam mit dem Strategiespzialisten Fran\u00e7ois Heisbourg den deutschen Botschafter in Paris aufgesucht und Berlin um Vermittlung gebeten. Er dankt jetzt ausdr\u00fccklich Deutschland.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Monsieur Bruckner, was war Ihr erster Gedanke, als Sie von der Begnadigung von Boualem Sansal erfahren haben?<\/p>\n<p><b>Pascal Bruckner: <\/b>Spontan habe ich gedacht: Na endlich! Aber diese Entscheidung kommt zu sp\u00e4t. Man h\u00e4tte Sansal nach ein, zwei Monaten freilassen m\u00fcssen, weil er alt und schwerkrank ist. Meine zweite Reaktion ist: Vielen Dank Deutschland! (im Original auf Deutsch). Zum Gl\u00fcck haben wir Euch als Freunde, sonst h\u00e4tten wir es nie geschafft und Sansal w\u00e4re im Gef\u00e4ngnis verfault.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Warum war Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier der richtige Vermittler, warum hatte er Erfolg mit seiner Forderung nach Begnadigung?<\/p>\n<p><b>Bruckner:<\/b> Weil er sehr viel Intelligenz bewiesen hat. Er war schon im Amt, als der algerische Pr\u00e4sident Abdelmadjid Tebboune in Berlin im Krankenhaus behandelt wurde. Daran hat er in seiner Botschaft erinnert, indem er gesagt hat, er hoffe, dass Pr\u00e4sident Tebboune wieder gesund werde. Das hei\u00dft, er hat die Verh\u00e4ltnisse einfach umgekehrt: Nicht mehr Sansal ist der Kranke, dem geholfen werden muss, sondern Tebboune. Tebboune ist alt und hat auf ganzer Linie versagt.<\/p>\n<p>\u201eMeloni wollte ihren Benzintank nicht verlieren\u201c<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Inwiefern?<\/p>\n<p><b>Bruckner: <\/b>Weil er sich mit seiner Erpressung Frankreichs nicht durchsetzen konnte. Der UN-Sicherheitsrat hat mit seiner Abstimmung vor zwei Wochen Algeriens Niederlage in der Aff\u00e4re um die Westsahara besiegelt. Die Chinesen und die Russen haben Algerien im Stich gelassen. Selbst Donald Trump hat sich eingemischt.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Nicht nur Deutschland hatte einen Trumpf im Vergleich zu Frankreich, auch Italien hatte diesen. Warum hat sich kein anderer Europ\u00e4er, allen voran die italienische Ministerpr\u00e4sidentin Georgia Meloni, f\u00fcr die Befreiung Sansals stark gemacht?<\/p>\n<p><b>Bruckner:<\/b> Weil sie ihren Benzintank nicht verlieren wollte. Sie wird von Tebboune bewundert und r\u00fchmt sich regelm\u00e4\u00dfig, sehr gute Beziehungen zu ihm zu haben. Deshalb habe ich sie in einem Brief, den \u201eIl Folgio\u201c ver\u00f6ffentlicht hat, aufgefordert, sich f\u00fcr Sansal einzusetzen. Aber Meloni h\u00e4tte nie ihren engen Draht mit Algier wegen eines Schriftstellers aufs Spiel gesetzt, den sie nicht kennt.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>War Sansal eine politische Geisel?<\/p>\n<p><b>Bruckner: <\/b>Das war er ganz eindeutig, eine Geisel im franko-algerischen Konflikt.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Warum ausgerechnet er, ein alter Mann?<\/p>\n<p><b>Bruckner: <\/b>Weil er ein Dissident ist. Weil er den Islamismus verabscheut. Weil er den Islamismus als Verl\u00e4ngerung des Nazismus bezeichnet hat, was nicht vollkommen falsch ist. Er war das ideale Opfer. Wenn morgen Kamel Daoud nach Algerien zur\u00fcckkehrt, w\u00fcrde er auch sofort verhaftet werden. Algerien ist ein wundersch\u00f6nes Land, aber ich rate keinem Franzosen, es zu bereisen.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Inwiefern ist die Begnadigung Sansals dank deutscher Hilfe eine Dem\u00fctigung f\u00fcr Frankreich?<\/p>\n<p><b>Bruckner:<\/b> Das ist in der Tat eine ganz gezielte Dem\u00fctigung der ehemaligen Kolonialmacht. Algerien ist unser schlechtes Gewissen. Konservative wie Linke werden davon wie von einem Gespenst verfolgt. Es ist das alte Schluchzen des wei\u00dfen Mannes. Wir f\u00fchlen uns immer noch schuldig, anstatt Klartext zu reden. Macron h\u00e4tte das als junger Pr\u00e4sident, der nach der Entkolonialisierung geboren wurde, leisten k\u00f6nnen. Aber er hat versagt, er hatte nicht den Mut. Er hat mir mehrfach gesagt, dass die Befreiung Sansals f\u00fcr ihn absolute Priorit\u00e4t habe. Zuletzt im September bei einem Abendessen im \u00c9lys\u00e9e hat er mir vor 30 G\u00e4sten versichert, dass er sich darum k\u00fcmmert und mich aufgefordert, weniger laut aufzutreten. Ich m\u00f6ge Tebboune nicht ver\u00e4rgern und besser still sein. Darauf habe ich ihm geantwortet, dass es sich in dem Fall um die ber\u00fchmte Grabesstille handele. Die Klappe zu halten, ist keine Strategie.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Warum ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Paris und Algier so verpestet?<\/p>\n<p><b>Bruckner: <\/b>Weil Algier seine Dekolonisierung nicht abgeschlossen hat. In der algerischen Nationalhymne ist Frankreich immer noch der Feind. Als w\u00fcrden wir morgen mit Panzern vor der T\u00fcr stehen. Die Wahrheit ist, dass die Algerier noch immer in der Koloniallogik feststecken. Das ist bedauerlich. Sie sind in ihren K\u00f6pfen Franzosen geblieben. Ich fordere sie seit 40 Jahren auf, uns endlich zu vergessen. Es ist vorbei, wir sind nicht mehr Herren dieses Landes! Sie sind jetzt die Bosse, aber sie k\u00f6nnen sich nicht emanzipieren. Deshalb bin ich f\u00fcr eine radikale Eiszeit zwischen beiden L\u00e4ndern. Wir brauchen Algerien nicht.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Macron wollte, als er 2017 ins Amt kam, wirklich etwas ver\u00e4ndern und eine Vers\u00f6hnung mit Algerien erreichen, er hat einen aufwendigen Bericht in Auftrag gegeben, sogar von Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesprochen. Was hat er falsch gemacht?<\/p>\n<p><b>Bruckner:<\/b> Macron ist der Geh\u00f6rnte in dieser Geschichte. Er hat sich in seiner Analyse get\u00e4uscht, indem er die franz\u00f6sische Kolonialzeit in Algerien mit der deutschen Besatzung w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs gleichgesetzt hat. Das ist nicht dasselbe. Die Kolonialm\u00e4chte haben schreckliche Verbrechen ver\u00fcbt, aber das ist nicht zu vergleichen mit dem, was die Nationalsozialisten verbrochen haben. Ich pl\u00e4diere seit 30 Jahren daf\u00fcr, dass Frankreich offiziell um Verzeihung bittet, worauf die Algerier ihrerseits eine Gewissenspr\u00fcfung unternehmen und Rechenschaft \u00fcber ihre eigenen Verbrechen w\u00e4hrend des Unabh\u00e4ngigkeitskrieges ablegen m\u00fcssten. Macron hat das nicht gewollt. Er hat Kamel Daoud gesagt, das sei zu leicht. Aber das ist ganz und gar nicht leicht. Irgendwann in der Geschichte kommt der Punkt, wo man einen Kassensturz machen muss. Macron wollte das nicht, er zog es vor, weiter in der Wunde zu bohren. Der Bericht des Historikers Benjamin Stora, den er in Auftrag gegeben hat, war totaler Unsinn. Das las sich wie eine Liste von Jacques Pr\u00e9vert: Der eine gibt mehrere Sch\u00e4del zur\u00fcck, der andere eine Kanone. Man h\u00e4tte radikal sein und ein Schnitt machen m\u00fcssen: Wir haben eine gemeinsame Geschichte, aber die Kolonialmacht ist 1962 abgezogen. Unsere gemeinsame Geschichte ist vorbei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Jahr lang hielt das Regime in Algerien den Schriftsteller Boualem Sansal gefangen. 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