{"id":576955,"date":"2025-11-15T07:57:15","date_gmt":"2025-11-15T07:57:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/576955\/"},"modified":"2025-11-15T07:57:15","modified_gmt":"2025-11-15T07:57:15","slug":"das-neue-goldene-dreieck-vom-opium-zur-schatten-enklave","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/576955\/","title":{"rendered":"Das neue Goldene Dreieck \u2013 vom Opium zur Schatten-Enklave"},"content":{"rendered":"<p>Chiang Rai (dpa) &#8211; Der Motor heult auf, dann rast das Schnellboot \u00fcber die braunen Wellen des Mekong \u2013 von Thailand in Richtung Laos auf der anderen Seite. Nur wenige Minuten Fahrt \u2013 und doch wirkt es wie eine andere Welt: Am Ufer erscheinen goldene D\u00e4cher, flankiert von Drachen und Laternen in Lotus-Form. Willkommen in der Golden Triangle Special Economic Zone \u2013 einem der surrealsten und abgeschottetsten Orte der Welt.<\/p>\n<p>An der Anlegestelle singen Frauen zur Begr\u00fc\u00dfung in traditionellen Kost\u00fcmen, daneben warten Sicherheitskr\u00e4fte mit Sonnenbrillen. Nach einem Pass fragt jedoch niemand. Stattdessen l\u00e4dt ein Golfcart in Busgr\u00f6\u00dfe zur Stadtrundfahrt, durch ein weitgehend menschenleeres Gebiet. Bei Tageslicht herrscht fast gespenstische Stille. Die wenigen Autos haben nicht einmal Nummernschilder.\u00a0<\/p>\n<p>Vom Schlafmohn zum Gl\u00fccksspiel<\/p>\n<p>Mitten im einstigen Drogen-Dreieck zwischen Thailand, Myanmar und Laos, wo einst Schlafmohn das wichtigste Handelsgut war und der Opium-Handel bl\u00fchte, erhebt sich heute ein gigantischer Komplex aus Marmor, Glas und Neonlicht: das Kings Romans Casino. Im Internet wird es h\u00e4ufig als \u00abgef\u00e4hrlichstes Kasino der Welt\u00bb betitelt.<\/p>\n<p>Es ist das Herzst\u00fcck einer Sonderwirtschaftszone, die Anfang der 2000er-Jahre von chinesischen Investoren um den Gesch\u00e4ftsmann Zhao Wei geschaffen wurde. Die 3.000 Hektar Land, auf denen seither B\u00fcrogeb\u00e4ude, Hotels und mehrspurige Stra\u00dfen entstanden sind, wurde f\u00fcr 99 Jahre von der Regierung in Laos gepachtet. Eine Art chinesisches Mini-K\u00f6nigreich im laotischen Dschungel.<\/p>\n<p>Zwischen Glitzerwelt und Schattenreich<\/p>\n<p>Nur wenige westliche Besucher haben dieses r\u00e4tselhafte Niemandsland, kurz GTSEZ genannt, je betreten. Es ist eine Enklave, die wie ein Paralleluniversum wirkt \u2013 halb Glitzerwelt, halb Schattenreich.\u00a0<\/p>\n<p>Zhao Wei steht derweil seit 2018 wegen \u00abDrogenhandels, Menschenhandels, Geldw\u00e4sche, Bestechung und Wildtierhandels\u00bb auf der Sanktionsliste des US-Finanzministeriums. Zhao selbst bezeichnet diese Vorw\u00fcrfe als \u00abhaltlos\u00bb.<\/p>\n<p>Wenn die Dunkelheit \u00fcber den Mekong f\u00e4llt, wird der Prachtbau des luxuri\u00f6sen Kapok Star Hotel mit seinem riesigen Kasino in ein Meer aus Licht getaucht \u2013 Farben wandern \u00fcber die Fassaden, tanzen \u00fcber W\u00e4nde und D\u00e4cher, als w\u00fcrde das Geb\u00e4ude selbst pulsieren.<\/p>\n<p>\u00abDie Neonlichter strahlen allabendlich in Richtung Thailand und Myanmar und zeugen von unermesslichem Prunk\u00bb, schrieb die International Crisis Group (ICG) im vergangenen Jahr in einem Augenzeugenbericht. Im Inneren des Kings Romans Casinos w\u00fcrden hingegen \u00abMillionen von Dollar in bar gegen Chips getauscht \u2013 ein ganz offensichtlicher Fall von Geldw\u00e4sche\u00bb.\u00a0<\/p>\n<p>Uhren ticken in chinesischer Zeit<\/p>\n<p>An Slot Machines und Roulette-Tischen wird tats\u00e4chlich in chinesischen Yuan gespielt, auch die Uhren ticken nach Pekinger Zeit. Kameras sind &#8211; wohl aus gutem Grund &#8211; im Inneren des Gl\u00fccksspieltempels streng verboten. Davor parken Rolls-Royce &#8211; nur wem sie geh\u00f6ren, bleibt unklar.<\/p>\n<p>Derweil ziehen \u00fcberall Kr\u00e4ne neue Hochh\u00e4user in den Himmel. F\u00fcr viele ist das, was sich hinter den Mauern abspielt, eine Mischung aus Faszination und Furcht. Ob er schon einmal dr\u00fcben war, fragen Touristen einen Kellner auf der thail\u00e4ndischen Seite. Der sch\u00fcttelt entsetzt den Kopf und winkt ab. \u00abZu gef\u00e4hrlich\u00bb, sagt er. Mehr ins Detail geht er nicht.<\/p>\n<p>Mythos Goldenes Dreieck<\/p>\n<p>Das Goldene Dreieck hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. Das legend\u00e4re Grenzgebiet \u2013 dort, wo der Ruak River und der Mekong zusammenflie\u00dfen \u2013 ist und bleibt aber ein Drogen-Hotspot. Fr\u00fcher pr\u00e4gten hier der Anbau von Schlafmohn, die Produktion von Opium und die Verarbeitung zu Heroin das Landschafts- und Wirtschaftsbild. Heute ist es noch immer ein wichtiger Umschlagplatz f\u00fcr synthetische Drogen wie Crystal Meth.<\/p>\n<p>Noch in den 1960er- und 1970er-Jahren floss ein Gro\u00dfteil des weltweiten Heroins aus diesen Bergen \u00fcber Schmuggelrouten nach Bangkok, Hongkong und weiter in den Westen. Erst das sogenannte Royal Project, eine Initiative des damaligen K\u00f6nigs Bhumibol Adulyadej, brachte den Wandel \u2013 zumindest in Thailand.\u00a0<\/p>\n<p>Ab den 1970er-Jahren f\u00f6rderte es alternative Anbaumethoden \u2013 von Kaffee und Tee bis hin zu Erdbeeren und Schnittblumen. Die Regierung schickte Agrarberater in die entlegensten D\u00f6rfer, baute Stra\u00dfen, Schulen und Gesundheitsstationen. Innerhalb weniger Jahrzehnte gelang, was viele f\u00fcr unm\u00f6glich hielten: der weitgehende Ausstieg aus dem Opiumanbau.\u00a0<\/p>\n<p>Nach Angaben des thail\u00e4ndischen Drogenkontrollamts (ONCB) wurden zwischen 2024\/2025 nur noch 13,3 Hektar als illegale Opiumanbaufl\u00e4chen registriert. Zum Vergleich: Auf dem H\u00f6hepunkt des Schlafmohnhandels 1983\u20131984 waren es noch 8.776 Hektar.<\/p>\n<p>Zu Besuch in den Opium-Museen<\/p>\n<p>Flussaufw\u00e4rts erz\u00e4hlen zwei thail\u00e4ndische Museen die Geschichte des Goldenen Dreiecks. In Sop Ruak steht das 1989 er\u00f6ffnete House of Opium, vollgestopft mit alten Pfeifen, Waagen und vergilbten Fotografien. Seine Gr\u00fcnderin Patcharee Srimathayakun sammelte jahrzehntelang Zeugnisse jener Zeit, als der Schlafmohn das Schicksal ganzer D\u00f6rfer bestimmte.<\/p>\n<p>Wenige Kilometer weiter, in der modernen Hall of Opium, wird die Geschichte museal inszeniert: Ein dunkler Tunnel f\u00fchrt in helle R\u00e4ume mit Filmen, Fotos und interaktiven Stationen. Das Projekt im Auftrag der k\u00f6niglichen Familie will aufkl\u00e4ren \u2013 \u00fcber die zerst\u00f6rerische Macht der Droge und \u00fcber die Politik, die sie gro\u00df gemacht hat: von den britisch-chinesischen Opiumkriegen im 19. Jahrhundert bis zum Schmuggel \u00fcber den Mekong.<\/p>\n<p>Heute wirken diese beiden Museen fast wie Gegenpole zur Sonderwirtschaftszone auf der anderen Flussseite: Hier Erinnerung und Aufarbeitung, dort Glitzer und Gier. Getrennt nur vom Mekong \u2013 dem legend\u00e4ren Strom, der alles verbindet und alles trennt. \u00abFr\u00fcher waren das Opium hier die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung, heute ist es China\u00bb, sagt ein thail\u00e4ndischer Reiseleiter.<\/p>\n<p>Neue Welt mit alten Spielregeln<\/p>\n<p>Wo einst Bergv\u00f6lker Mohn anbauten, entstehen nun Kasinos, Betonstra\u00dfen und Glasfassaden, gespickt mit chinesischen Schriftzeichen. Wo fr\u00fcher Schmuggler ihre Ware in Bambusk\u00f6rben verschifften, rollen heute Touristenkoffer aus Peking und Shanghai \u00fcber die Docks. Doch die Spielregeln sind die alten: Geld, Einfluss, Kontrolle.<\/p>\n<p>Vom Aussichtspunkt oberhalb von Sop Ruak sieht man beides \u2013 das alte und das neue Goldene Dreieck. Links die friedlichen D\u00f6rfer auf thail\u00e4ndischer Seite und die gr\u00fcnen H\u00fcgel von Myanmar, rechts, in der Ferne, finster-gl\u00e4nzende Kasinobauten. Boote ziehen \u00fcber den Fluss, M\u00f6nche sammeln Almosen, Kinder spielen am Ufer, und \u00fcber allem leuchten Thailands goldene Tempel. Einst Synonym f\u00fcr den globalen Drogenhandel, hat sich das \u00abGolden Triangle\u00bb auf eine bizarre Art neu erfunden \u2013 doch die Versuchung, hier reich zu werden, bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Chiang Rai (dpa) &#8211; Der Motor heult auf, dann rast das Schnellboot \u00fcber die braunen Wellen des Mekong&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":576956,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1843],"tags":[227,3364,29,433,30,1724,76947,177,76020,8970,24,1209,23,1163],"class_list":{"0":"post-576955","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-muenster","8":"tag-china","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-drogen","12":"tag-germany","13":"tag-gesellschaft","14":"tag-glcksspiele","15":"tag-kriminalitt","16":"tag-laos","17":"tag-muenster","18":"tag-myanmar","19":"tag-nordrhein-westfalen","20":"tag-thailand","21":"tag-tourismus"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115552652263813448","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/576955","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=576955"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/576955\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/576956"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=576955"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=576955"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=576955"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}