{"id":577323,"date":"2025-11-15T11:26:13","date_gmt":"2025-11-15T11:26:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/577323\/"},"modified":"2025-11-15T11:26:13","modified_gmt":"2025-11-15T11:26:13","slug":"wenn-paris-dann-kakerlaken-so-amuesant-ist-die-addams-family","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/577323\/","title":{"rendered":"Wenn Paris, dann Kakerlaken: So am\u00fcsant ist die &#8222;Addams Family&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Riecht ziemlich streng nach Satire, wenn jemand von einem St\u00e4dtetrip nach Paris tr\u00e4umt, um dort n\u00e4chtelang die Kanalisation zu besichtigen und es sich ansonsten im schlechtesten Hotel der Stadt bei Schimmel und Kakerlaken gem\u00fctlich zu machen. Aber nat\u00fcrlich g\u00f6nnt das Publikum dieses befremdliche Vergn\u00fcgen der &#8222;Addams Family&#8220; von ganzem Herzen. Ja, alles ist anders in diesem so vergn\u00fcglichen wie makabren Musical, das 2009 in Chicago uraufgef\u00fchrt wurde und auf der gleichnamigen TV-Serie aus den sechziger Jahren beruht, die sich \u00fcber die &#8222;normale&#8220; amerikanische Kleinb\u00fcrgergesellschaft lustig machte, indem sie deren spie\u00dfb\u00fcrgerliche Sehns\u00fcchte ins krasse Gegenteil verkehrte.<\/p>\n<p>Mama Morticia rei\u00dft allen Blumen ihre Bl\u00fcten ab und stellt nur die St\u00e4ngel in die Vase, Sohn Pugsley l\u00e4sst sich von seiner \u00e4lteren Schwester Wednesday gern auf der Streckbank qu\u00e4len, Oma schiebt Giftmischungen durch die Wohnung und Papa Gomez tanzt leidenschaftlich gern mit der toten Verwandtschaft auf deren Gr\u00e4bern. Sie alle scheuen das Licht, lieben Friedh\u00f6fe, rattenverseuchte Schlossgr\u00e4ben und Intensivstationen, auf denen bekanntlich in k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden gestorben wird. <\/p>\n<p>Der Apfelschuss geht anders aus<\/p>\n<p>Das Skurrile und Am\u00fcsante an all diesen morbiden Neigungen: Die &#8222;Addams Family&#8220; ist dabei letztlich genauso bieder, zerstritten und liebenswert wie jede andere Familie. Im tiefsten Herzen will sie eigentlich nur &#8222;ungl\u00fccklich&#8220; sein, was ihr am Ende auch leidlich gelingt. Und das Sch\u00f6nste dabei: Die anfangs schwer verklemmte dreik\u00f6pfige Familie Beineke aus der anderen, sonnigeren Welt der Normalb\u00fcrger, findet dabei nicht nur wieder zu sich selbst, sondern auch zueinander und l\u00e4sst den zerm\u00fcrbenden, \u00f6den Alltag endlich hinter sich \u2013 Wahrheit muss weh tun.<\/p>\n<p>Regisseur Malte C. Lachmann inszenierte das an der Theaterakademie August Everding im M\u00fcnchner Prinzregententheater mit seiner Choreographin Gaines Hall in rund 100 pausenlosen Minuten als ausgelassene, herrlich unterhaltsame und temporeiche Satire-Sause: Er w\u00fcrzte den Abend mit einer Prise Surrealismus, einem Teel\u00f6ffel Klamauk, reichlich Poesie und mischte das Ganze mit Stepptanz und einer Wilhelm-Tell-Parodie. Der Apfelschuss geht allerdings etwas anders aus als bei Schiller, so viel sei verraten.<\/p>\n<p>Verliebt in den Mond<\/p>\n<p>Gerade in diesen Zeiten, wo gegen &#8222;alternative&#8220; und ungew\u00f6hnliche Lebensstile und -konzepte gehetzt und gezetert wird, ist die &#8222;Addams Family&#8220; das St\u00fcck der Stunde. Genau darum geht es: Jeder soll nach seiner Fa\u00e7on selig werden, wie es schon Friedrich der Gro\u00dfe ausdr\u00fcckte. Jeder Spleen, jede fixe Idee haben ihre Berechtigung, solange sie niemandem schaden, und wenn jemand sich in den Mond verliebt wie Onkel Fester, dann wird er schon irgendwann mit einer Rakete abheben, wie hier, begleitet vom kosmisch-rasanten Dirigat von Andreas Kowalewitz, eindrucksvoll vorgef\u00fchrt wird. <\/p>\n<p>Gro\u00dfer \u00e4u\u00dferer Aufwand ist daf\u00fcr nicht n\u00f6tig: B\u00fchnenbildner Stephan Prattes hatte ein die B\u00fchne ausf\u00fcllendes, wei\u00dfes Segel entworfen, das bei Bedarf als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr Schattentheater herh\u00e4lt.  Von der mond\u00e4nen Showtreppe \u00fcber repr\u00e4sentative Gartentore und opulente Sitzm\u00f6bel bis hin zu flatternden V\u00f6geln wird alles nur als Silhouette angedeutet. Malte C. Lachmann und seinem Team war es wichtig, die Theatermittel selbst sichtbar zu machen, wie er im Programmheft betont. Mit anderen Worten: Die K\u00fcnstlichkeit der Szenerie wird jederzeit augenf\u00e4llig und entlarvt die fassadenhafte, scheinbar geordnete B\u00fcrgerlichkeit, die oft so pomp\u00f6s einherschreitet, obwohl sie tats\u00e4chlich v\u00f6llig hohl ist.<\/p>\n<p>Auf die Perspektive kommt es an<\/p>\n<p>Gro\u00dfartig und bestens aufgelegt das Ensemble aus Studierenden der Theaterakademie, allen voran die aus Dresden stammende Amy Sellung als resolute Addams-Mutter Morticia, Brandon Miller als ihr schwer gepr\u00fcfter Ehemann Gomez, die Salzburgerin Melanie Maderegger als verliebte und Armbrust schie\u00dfende Tochter Wednesday und Christian Sattler als ihr treu ergebener Liebhaber. Aber auch alle anderen Mitwirkenden elektrisierten mit ihrer Pr\u00e4senz f\u00f6rmlich das Publikum, darunter nicht wenige herzhaft lachende Kinder. Begeisterter Applaus f\u00fcr ein schr\u00e4ges Musical, das nicht besser in den &#8222;Totenmonat&#8220; November passen k\u00f6nnte. Auf die Perspektive kommt es an, sogar auf dem Friedhof!<\/p>\n<p>Weitere Vorstellungen am 15., 16., 18., 19., 21. und 22. November 2025 in Prinzregententheater M\u00fcnchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Riecht ziemlich streng nach Satire, wenn jemand von einem St\u00e4dtetrip nach Paris tr\u00e4umt, um dort n\u00e4chtelang die Kanalisation&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":577324,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1827],"tags":[138801,138799,772,29,30,138798,1268,2339,138800,138802],"class_list":{"0":"post-577323","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-muenchen","8":"tag-andreas-kowalewitz","9":"tag-andrew-lippa","10":"tag-bayern","11":"tag-deutschland","12":"tag-germany","13":"tag-malte-c-lachmann","14":"tag-muenchen","15":"tag-oberbayern","16":"tag-the-addams-family","17":"tag-theaterakademie-august-everding"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115553474016774935","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/577323","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=577323"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/577323\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/577324"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=577323"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=577323"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=577323"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}