{"id":577481,"date":"2025-11-15T13:02:40","date_gmt":"2025-11-15T13:02:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/577481\/"},"modified":"2025-11-15T13:02:40","modified_gmt":"2025-11-15T13:02:40","slug":"nachruf-auf-hark-bohm-ohne-ihn-waere-nicht-nur-hamburg-heute-dunkler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/577481\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Hark Bohm: Ohne ihn w\u00e4re nicht nur Hamburg heute dunkler"},"content":{"rendered":"<p>Im Kino l\u00e4uft die Geschichte seiner Kindheit, verfilmt von seinem Meistersch\u00fcler. In Fatih Akins \u201eAmrum\u201c hat er seinen letzten gro\u00dfen Auftritt: Hark Bohm, der seine Heimat- zur Filmstadt und den deutschen Autorenfilm zu einer Herzenssache gemacht hat, ist tot. Ein Nachruf.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Wer dieser Tage im Kino \u201eAmrum\u201c anschaut, den neusten Film von Fatih Akin, sieht am Ende einen alten Mann vor dem Sonnenuntergang auf der Nordseeinsel stehen. Es ist der Regisseur Hark Bohm, auf dessen Kindheitserinnerungen der Film beruht. Man hatte sich schon gefragt, warum Bohm den Film nicht selbst inszeniert hat. Man hatte sich gesorgt, als Bohm nicht zur Premiere von \u201eAmrum\u201c im Mai in Cannes kam. Jetzt ist Hark Bohm, der Mann, dem es Hamburg zu guten Teilen verdankt, dass es auch eine Filmstadt ist, im Alter von 86 Jahren gestorben.<\/p>\n<p>Als 1979 das \u201eFilmfest Hamburg\u201c aus der Taufe gehoben wurde, war er einer der Initiatoren, und im selben Jahr Mitbegr\u00fcnder des \u201eHamburger Filmb\u00fcros\u201c, aus dem sich die Filmf\u00f6rderung der Hansestadt entwickelte, die erste regionale Kinof\u00f6rderung in der Bundesrepublik, noch vor den heute dominierenden Bayern und Berlinern und Nordrhein-Westfalen. 1992 gr\u00fcndete er den Studiengang Film an der Universit\u00e4t Hamburg und hatte danach lange eine Professur dort inne. Sein Meistersch\u00fcler war Fatih Akin.<\/p>\n<p>Es schlugen stets mehrere Herzen in Hark Bohms Brust: das des K\u00fcnstlers, das des Lehrers, das des Kulturnetzwerkers. Der Vater, ein \u00fcberzeugter Nazi, der nach dem Krieg Karriere als Richter machte, dr\u00e4ngte Bohm zur Juristerei. Der Sohn ging nach dem Ersten Juristischen Staatsexamen f\u00fcr sein Referendariat nach M\u00fcnchen. Dort geriet er, angestiftet von seinem Schauspieler-Bruder Marquard, bald auf Abwege, spintisierte in Kneipen mit Fassbinder, Herzog und Lemke und \u00fcbernahm selbst kleine Rollen. 1971 wurde er \u2013 neben Lilienthal, Wenders, Gei\u00dfend\u00f6rfer und unter anderen \u2013 einer der Gesellschafter des \u201eFilmverlags der Autoren\u201c, der sich zum Ziel gesetzt hatte, den Jungfilmern eine wirtschaftliche Grundlage jenseits der Kommerzstrukturen zu verschaffen.<\/p>\n<p>Und Regie f\u00fchren wollte er, wie alle anderen aus dem \u201eFilmverlag\u201c auch, dieser Keimzelle des Neuen Deutschen Films. Aus der Not geboren \u2013 an Geld war schwer zu kommen \u2013 erfand Bohm den \u201eFamilienfilm\u201c, und zwar in dem Sinne, dass er seine Familie beim Drehen einsetzte. Bohm war kurz mit einer Lehrerin verheiratet (Angela Luther, die zur ersten Generation der RAF geh\u00f6rte und seit 1972 verschollen ist); anschlie\u00dfend ehelichte er die aus der Mongolei stammende Natalia Bowakow, die mehrere seiner Filme produzierte.<\/p>\n<p>Deren j\u00fcngerer Bruder Dschingis spielte Hauptrollen in vier der bekanntesten Filme Bohms: \u201eTschetan, der Indianerjunge\u201c (1973), \u201eNordsee ist Mordsee\u201c (1976), \u201eMoritz, lieber Moritz\u201c (1978) und \u201eIm Herzen des Hurrican\u201c (1980). Bohms Adoptivsohn Uwe hatte in den letzten drei Filmen wichtige Parts und war auch in sp\u00e4teren Produktionen des Vaters (\u201eYasemin\u201c, \u201eDer Fall Bachmeier\u201c) dabei, manchmal zusammen mit einem weiteren angenommenen Sohn Hark Bohms, mit David.<\/p>\n<blockquote class=\"c-citation__body\">\n<p class=\"c-citation__text\">Ich tr\u00e4ume oft davon, ein Segelboot zu klaun und einfach abzuhaun<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Bohm hatte zwar den \u201eFilmverlag\u201c zusammen mit der Elite der Jungfilmer gegr\u00fcndet, geriet mit den Film\u00e4stheten jedoch bald in Konflikt. Er zielte immer auf das Herz des Publikums, nicht auf seinen Kopf. Er, der nie eine Filmhochschule besucht hatte und die Grundz\u00fcge des Filmemachens erst beim Dreh des Alpenwesterns \u201eTschetan\u201c von seinem Kameramann Michael Ballhaus beigebracht bekam, erz\u00e4hlte so direkt, wie er die Wirklichkeit sah, mit sozialem Realismus.<\/p>\n<p>In \u201eNordsee\u201c versuchen zwei 14-J\u00e4hrige einem Hamburger Arbeitervorort zu entfliehen, sie l\u00fcgen, sie terrorisieren Mitsch\u00fcler, und sie stechen sich vor laufender Kamera mit Nadel und Kugelschreiber echte T\u00e4towierungen. Der Jugendschutz wollte den Film erst ab 16 freigeben und gestand ihm erst nach einer langen Pressekampagne ein \u201eFrei ab 12\u201c zu. Die beiden stehlen auch ein Segelboot, dazu ert\u00f6nt das Lied \u201eIch tr\u00e4ume oft davon, ein Segelboot zu klaun und einfach abzuhaun\u201c von einem Nachwuchss\u00e4nger namens Udo Lindenberg.<\/p>\n<p>In \u201eMoritz\u201c schildert Bohm die Pubert\u00e4tsn\u00f6te eines 15-J\u00e4hrigen. In \u201eHerzen\u201c machen sich ein Waffennarr und ein Wilderer auf die Spuren eines Elchs, der sich in die norddeutsche Tiefebene verirrt hat. Nimmt man noch \u201eDer kleine Staatsanwalt\u201c (\u00fcber Wirtschaftsbetrug), \u201eHerzlich willkommen\u201c (\u00fcber Altnazis in Westdeutschland) und seinen gr\u00f6\u00dften Erfolg \u201eYasemin\u201c (eine Liebesgeschichte zwischen einer t\u00fcrkischen Immigrantentochter und einem biodeutschen Studenten) dazu, war Bohm vielleicht der Regisseur des sozialdemokratischen Zeitgeists der Siebziger- und Achtzigerjahre in der Bundesrepublik, mehr als die \u201elinken\u201c Autorenfilmer wie Fassbinder oder Herzog.<\/p>\n<p>\u201eYasemin\u201c war der Film, der dem jungen <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article6888aa5d893b255c80db03ac\/fatih-akin-ueber-amrum-dieser-film-war-eine-reise-in-die-tiefen-meiner-deutschen-seele.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article6888aa5d893b255c80db03ac\/fatih-akin-ueber-amrum-dieser-film-war-eine-reise-in-die-tiefen-meiner-deutschen-seele.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fatih Akin<\/a> den Floh ins Ohr setzte, Regisseur werden zu wollen. Als er das erste Mal beim \u201eAufbaustudium Film\u201c vorsprach, so geht die Legende, sei er hochkant aus dem B\u00fcro geworfen worden. Akin wurde schlie\u00dflich doch angenommen und erw\u00e4hlte sich Bohm als Mentor, ein Verh\u00e4ltnis, das lange \u00fcbers Studienende hinaus fortbestand. Bohm wurde der Co-Autor von Akins Filmen \u201eTschick\u201c und \u201eAus dem Nichts\u201c, und als er seine Kindheitserinnerungen aus Krankheitsgr\u00fcnden nicht mehr selbst inszenieren konnte, sprang Akin als Regisseur von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article256128076\/Amrum-von-Fatih-Akin-Kein-Film-wie-Cannes-ihn-sucht.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article256128076\/Amrum-von-Fatih-Akin-Kein-Film-wie-Cannes-ihn-sucht.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eAmrum\u201c<\/a> ein, ein Freundschaftsdienst.<\/p>\n<p>In Akins Serienm\u00f6rderfilm \u201eDer Goldene Handschuh\u201c trat Bohm wiederum als Witze rei\u00dfender Saufbruder Doornkaat-Max auf, eine von rund hundert Nebenrollen, die Bohm in Filmen fremder Regisseure gespielt hat \u2013 allein f\u00fcr Fassbinder ein Dutzend Mal. Der Mann mit dem wettergegerbten Knautschgesicht wurde gern als Figur von Autorit\u00e4t besetzt, als Wachmann, als Psychologe, als Professor, Apotheker oder B\u00fcrgermeister. Und das, eine Autorit\u00e4t, war Hark Bohm auch in Wirklichkeit in seiner Heimatstadt: der \u00dcbervater des Hamburger Films.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Kino l\u00e4uft die Geschichte seiner Kindheit, verfilmt von seinem Meistersch\u00fcler. 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