{"id":577531,"date":"2025-11-15T13:31:40","date_gmt":"2025-11-15T13:31:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/577531\/"},"modified":"2025-11-15T13:31:40","modified_gmt":"2025-11-15T13:31:40","slug":"risiko-die-trinkwasserkatastrophe-von-wiesbaden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/577531\/","title":{"rendered":"Risiko: Die Trinkwasserkatastrophe von Wiesbaden"},"content":{"rendered":"<p>Weil eine kleine Verunreinigung im Trinkwasser festgestellt wurde, spielte Wiesbaden verr\u00fcckt: Man diskutierte die Gefahren des H\u00e4ndewaschens \u201emit kontaminiertem Wasser\u201c und die Frage, ob man zum Blumengie\u00dfen abgekochtes Wasser nutzen solle. Der Fall sagt viel \u00fcber Deutschland.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Mit Risiken hat es der Mensch nicht so. Erst recht nicht mit sehr kleinen. Damit rational, was hier vor allem meint: verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig, umzugehen, f\u00e4llt ihm schwer. <\/p>\n<p>Musterg\u00fcltig war das gerade in meiner Heimatstadt Wiesbaden zu beobachten. Bei einer routinem\u00e4\u00dfigen Trinkwasseruntersuchung war einmalig an einer einzigen Messstelle eine bakteriologische Verunreinigung festgestellt worden \u2013 alle weiteren Tests waren okay. Die Beh\u00f6rden sprachen daraufhin ein \u201evorsorgliches Abkochgebot f\u00fcr Trinkwasser\u201c aus, das gesundheitliche Risiko sei ansonsten \u201eleicht erh\u00f6ht\u201c, insbesondere f\u00fcr S\u00e4uglinge, Schwangere und immungeschw\u00e4chte Personen. <\/p>\n<p>Die Aufregung daraufhin konnte kaum gr\u00f6\u00dfer sein. Zahnarztpraxen sagten Termine ab, beflissene Muttis diskutierten im Klassenchat die Gefahren des H\u00e4ndewaschens \u201emit kontaminiertem Wasser\u201c und auf Facebook wurde die Frage er\u00f6rtert, ob man auch zum Blumengie\u00dfen und f\u00fcrs Aquarium abgekochtes Wasser nutzen solle.<\/p>\n<p>Den Beh\u00f6rden ist dabei kein Vorwurf zu machen. Sie verhielten sich gem\u00e4\u00df geltender Bestimmungen, und als B\u00fcrgerin will ich so etwas durchaus wissen. Denn so konnte ich kurz den Aufwand \u00fcberschlagen, f\u00fcr einen f\u00fcnfk\u00f6pfigen Haushalt, in dem drei Mahlzeiten am Tag gereicht werden, s\u00e4mtliches Wasser abzukochen. Ich konnte in Rechnung stellen, dass nach meinem Kenntnisstand niemand bei uns schwanger ist und daher in Anbetracht der geringen Eintrittswahrscheinlichkeit eines echten Schadens beschlie\u00dfen, das beh\u00f6rdliche Abkochgebot gepflegt zu ignorieren.<\/p>\n<p>Staatlichen Risikokalkulation <\/p>\n<p>So einfach geht das sonst nicht. Denn in der Regel h\u00e4ngt der B\u00fcrger in der staatlichen Risikokalkulation mit drin, ob er will oder nicht. Am drastischsten war das nat\u00fcrlich in der Pandemie. Da wurde \u00fcber zwei Jahre ein ganzes Land lahmgelegt, um ein einzelnes gesundheitliches Risiko zu minimieren. Gesundheitliche Risiken anderer Art, ebenso der humanit\u00e4re, soziale, psychische, kulturelle und volkswirtschaftliche Schaden, der durch diesen rigorosen Kurs angerichtet wurde, wurden weitgehend ignoriert. <\/p>\n<p>Auch die hiesige Klimapolitik folgt einer ganz eigenen Risikoabw\u00e4gung. Kaum jemand bestreitet, dass ihre Auswirkung aufs Weltklima irgendwo zwischen nicht messbar und nicht existent liegt. Dennoch ist es geradezu verp\u00f6nt, \u00fcber die immensen Kosten dieser Politik f\u00fcr unseren Wohlstand und unsere Freiheit auch nur zu sprechen. Klimaschutz soll jeglicher Abw\u00e4gung enthoben sein.<\/p>\n<p>Der Geist dahinter ist stets derselbe: Es ist der des Vorsorgeprinzips, das auf den Philosophen Hans Jonas zur\u00fcck geht und das prim\u00e4r Risikovermeidung verlangt. Man solle \u201edie schlechtere Prognose der besseren vorziehen\u201c, so Jonas, und sich daher im Zweifel, wenn eine Gefahr nicht restlos ausgeschlossen werden kann, gegen den Einsatz etwa einer neuen Technologie entscheiden. <\/p>\n<p>Das zentrale Problem dabei ist: Der Nutzen, der einem dadurch entgeht, wird ausgeklammert oder bestenfalls als nachrangig behandelt. Auch die Kosten der Vermeidung eines Risikos \u2013 im Trinkwasser-Fall etwa: Dehydrierungen, weil Menschen aus Furcht nicht mehr genug trinken \u2013 werden nicht systematisch ber\u00fccksichtigt. So wirkt das Vorsorgeprinzip, das nicht etwa von seinen Kritikern als \u201eHeuristik der Furcht\u201c geschm\u00e4ht wurde, sondern das Jonas selbst so nannte, systematisch innovationshemmend.<\/p>\n<p>Dennoch (oder deswegen?) ist das Vorsorgeprinzip tief in der Umwelt-, Gesundheits- und Verbraucherpolitik verankert. Die EU hat es sogar auf Verfassungsebene festgeschrieben. Das Verbot der gr\u00fcnen Gentechnik entstammt diesem Geist, die \u2013 ich behaupte: paranoide \u2013  Datenschutz- und KI-Regulierung ebenfalls. Und in Deutschland zeigt der Ausstieg <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/plus255736786\/Klima-Milliarden-Der-Kernenergie-Befreiungsschlag.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/debatte\/plus255736786\/Klima-Milliarden-Der-Kernenergie-Befreiungsschlag.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aus der Kernenergie<\/a>, wohin eine konsequente Anwendung f\u00fchren kann: in einen energiepolitischen Amoklauf, bei dem nur noch ab-, nichts mehr angeschaltet wird. <\/p>\n<p>Deutschland befindet sich derzeit in der l\u00e4ngsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Wenn wir \u00f6konomisch wieder ein Bein auf den Boden bekommen wollen, dann m\u00fcssen wir zun\u00e4chst einmal hier ansetzen. <\/p>\n<p>Kristina Schr\u00f6der war von 2002 bis 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages und von 2009 bis 2013 Bundesministerin f\u00fcr Familien, Senioren, Frauen und Jugend. Heute ist sie unter anderem als Unternehmensberaterin t\u00e4tig und als stellvertretende Vorsitzende von REPUBLIK 21, Denkfabrik f\u00fcr neue b\u00fcrgerliche Politik. Sie geh\u00f6rt der CDU an und ist Mutter von drei T\u00f6chtern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Weil eine kleine Verunreinigung im Trinkwasser festgestellt wurde, spielte Wiesbaden verr\u00fcckt: Man diskutierte die Gefahren des H\u00e4ndewaschens \u201emit&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":577532,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1847],"tags":[3364,29,548,663,3934,30,13,2052,138835,14,15,34898,12,6423,4106,4544],"class_list":{"0":"post-577531","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-wiesbaden","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europe","13":"tag-germany","14":"tag-headlines","15":"tag-hessen","16":"tag-hochwasserkatastrophen-ks","17":"tag-nachrichten","18":"tag-news","19":"tag-parkraum-inbox","20":"tag-schlagzeilen","21":"tag-trinkwasser","22":"tag-wasser","23":"tag-wiesbaden"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115553965468097654","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/577531","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=577531"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/577531\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/577532"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=577531"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=577531"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=577531"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}