{"id":579061,"date":"2025-11-16T05:29:15","date_gmt":"2025-11-16T05:29:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/579061\/"},"modified":"2025-11-16T05:29:15","modified_gmt":"2025-11-16T05:29:15","slug":"das-ende-der-demokratie-berlin-reportagen-aus-den-1930ern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/579061\/","title":{"rendered":"&#8222;Das Ende der Demokratie&#8220;: Berlin-Reportagen aus den 1930ern"},"content":{"rendered":"<p>1931 bis 1934 schrieb sie als Reporterin f\u00fcr die in Philadelphia erscheinende &#8222;Saturday Evening Post&#8220; vom Untergang der Weimarer Republik. Zum Beispiel im Mai 1931: Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast, demselben Ort, an dem er zw\u00f6lf Jahre sp\u00e4ter seine ber\u00fcchtigte Rede zum Totalen Krieg halten sollte. Goebbels hetzt gegen den Vertrag von Versailles. Thompson beobachtet das Publikum, &#8222;einfach aussehende M\u00e4nner und Frauen&#8220;, 90 Prozent aus der unteren Mittelschicht. Deren Partei, die NSDAP, sei eine Partei des Kleinb\u00fcrgertums gewesen, folgert die Journalistin. &#8222;Diese soziale Gruppe radikalisierte sich aus Angst vor dem sozialen Abstieg&#8220;, sagt Lubrich im Gespr\u00e4ch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.<\/p>\n<p>Der Reporterin f\u00e4llt auf, wie geschickt die NSDAP den Auftritt von Goebbels inszeniert: Lichteffekte, moderne Tontechnik, Fahnen, Uniformen. &#8222;Wie bei einer Filmproduktion&#8220;, kommentiert Lubrich. &#8222;Die Nazis haben sich der neuesten Medien bedient und so die Affekte angesprochen.&#8220; Den Redner selbst findet Thompson wenig beeindruckend. Sie beschreibt ihn als &#8222;kleinen Mann&#8220; in doppeltem Sinn. &#8222;Das erinnert daran, wie sie 1932 in ihrem Buch &#8218;Ich traf Hitler!&#8216; ihre Begegnung mit dem sp\u00e4teren Diktator geschildert hat&#8220;, so Lubrich. Thompson habe Hitler zun\u00e4chst untersch\u00e4tzt, dann aber verstanden, dass sich in seiner &#8222;aufgeblasenen Mittelm\u00e4\u00dfigkeit&#8220; viele Menschen wiedererkannten. &#8222;Das ist im Prinzip der Trump-Effekt. Vor allem Akademikerinnen und Akademiker konnten sich nicht vorstellen, dass eine solche Person jemals Pr\u00e4sident der USA werden w\u00fcrde.&#8220;<\/p>\n<p>Thompson (1893-1961) schaut auf die deutsche Jugend, die entt\u00e4uscht von der Demokratie, dem Kapitalismus und dem Westen, einen grundlegenden Umbruch der Verh\u00e4ltnisse will. Sie interviewt Reichskanzler Heinrich Br\u00fcning, der zwischen zyklischen und katastrophalen Krisen unterscheidet. Katastrophal werden Krisen demnach, wenn \u00f6konomische und psychologische Faktoren zusammenfallen. An ihnen k\u00f6nne, wie Thompson beobachtet, eine Demokratie zugrunde gehen.<\/p>\n<p>&#8222;Eine Krise kann fatal werden, wenn Verschw\u00f6rungsideologien eine allgemeine Hysterie befeuern&#8220;, sagt Lubrich. Er ist Professor f\u00fcr Neue deutsche Literatur an der Universit\u00e4t Bern. Auf die heute fast vergessene Thompson und ihre Artikel ist er im Rahmen eines Forschungsprojekts \u00fcber Reisen in die Diktatur gesto\u00dfen. Und der psychologische Aspekt von Krisen, der Thompson interessiert, ist auch ein Grund, warum ihn ihre Texte faszinieren.<\/p>\n<p>Damals haben sich die Deutschen gedem\u00fctigt gef\u00fchlt durch den Versailler Vertrag und die Reparationen, die ihnen die Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg auferlegt hatten. Lubrich verweist darauf, dass eine Emotionalisierung andauern k\u00f6nne, auch wenn ihr Ausl\u00f6ser verschwunden sei, wie dies 1932 mit den Reparationen der Fall war. &#8222;Auf heute \u00fcbertragen, bedeutet dies beispielsweise f\u00fcr die Migrationsfrage, dass die Zahlen zur\u00fcckgehen, aber die Erregung bleibt. Ist eine Polarisierung einmal erzeugt, entsteht eine Eigendynamik, die sich verselbstst\u00e4ndigt.&#8220;<\/p>\n<p>Dabei redet Thompson die \u00f6konomische Krise der Weimarer Republik keineswegs klein. &#8222;Scharfsichtig&#8220; habe sie erkannt, so Lubrich, dass eine Wirtschaftspolitik, die Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert, Abstiegs\u00e4ngste in der Mittelschicht ausl\u00f6se.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine weitere &#8222;spektakul\u00e4re Einsicht&#8220; h\u00e4lt Lubrich Thompsons Erkenntnis, dass Menschen gegen ihre eigenen Interessen handeln. &#8222;Rechtspopulismus funktioniert wie eine Droge. Sie bietet einem Gef\u00fchle, und daf\u00fcr nimmt man die Folgen in Kauf.&#8220; Diese Einsicht helfe auch heute, vieles zu verstehen: &#8222;Dass beispielsweise \u00f6konomisch Benachteiligte einen Multimillion\u00e4r w\u00e4hlen, der sich pers\u00f6nlich bereichert, weil sein Angebot, Ressentiments gegen Fremde und Gebildete auszuleben, so viel Befriedigung verschafft.&#8220;<\/p>\n<p>Bemerkenswert findet Lubrich zudem, wie Thompson einen &#8222;l\u00e4nder\u00fcbergreifenden politischen Klimawandel&#8220; feststellt: einen international zunehmenden Nationalismus, wachsende Fremdenfeindlichkeit und eine allgemeine Tendenz zur Abschottung, die sie sprachlich brillant als &#8222;Grauh\u00f6rnchenkomplex&#8220; verspottet. Das einheimische Eichh\u00f6rnchen schien bedroht durch das fremde Grauh\u00f6rnchen. &#8222;Solche Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen vom &#8218;Gro\u00dfen Austausch&#8216; und von &#8218;\u00dcberfremdung&#8216; erleben wir heute auch&#8220;, so Lubrich. Thompson beschreibt Anfang der dreissiger Jahre, dass man alles Fremde drau\u00dfen halten will und deshalb die Z\u00f6lle erh\u00f6ht &#8211; &#8222;und dieselben Menschen, die w\u00fctend auf alles Fremde waren, werden dann w\u00fctend, weil diese Zollpolitik verheerende Folgen hat&#8220;, sagt Lubrich. So entstehe ein Teufelskreis.<\/p>\n<p>Hinzu komme, dass Thompson die rechtspopulistische Bewegung 1931 und 1932 &#8222;als eine Revolte der Landbev\u00f6lkerung gegen die St\u00e4dter&#8220; beschreibe. &#8222;Gro\u00dfe Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Stadt und Land k\u00f6nnen wir heute in Deutschland und den USA und auch in der Schweiz beobachten&#8220;, so Lubrich.<\/p>\n<p>In seinem Nachwort im Buch &#8222;Das Ende der Demokratie&#8220; stellt der Literaturprofessor, anders als im Gespr\u00e4ch, keinen Bezug zur Gegenwart her. Neben den Parallelen seien auch Unterschiede festzustellen. &#8222;Das Deutschland von heute ist nicht das Deutschland von 1931 oder 1932. Es ist kein Pr\u00e4sidialsystem, in dem mit Dekreten regiert werden kann.&#8220; Das sei heute in den USA zu beobachten. &#8222;Zudem ist die Linke in Deutschland nicht verfassungsfeindlich und die Konservativen machen nicht gemeinsame Sache mit den Rechtsradikalen, wie in der Weimarer Republik&#8220;, sagt Lubrich.<\/p>\n<p>Aber die Parallelen sind augenf\u00e4llig. Das macht die Lekt\u00fcre verst\u00f6rend. Genauso, wie Thompson damals ihrem amerikanischen Publikum die sterbende Republik und eine Gesellschaft am Abgrund vermittelte, so vermittelt sie als Zeitzeugin heutigen Leserinnen und Lesern eine Zeit in Deutschland, die nur auf den ersten Blick vergangen scheint. Das macht ihre Reportage-Essays brisant.<\/p>\n<p>(S E R V I C E &#8211; Dorothy Thompson: &#8222;Das Ende der Demokratie. Reportagen aus Deutschland 1931-1932&#8220;. Aus dem amerikanischen Englisch \u00fcbersetzt von Johanna von Koppenfels. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Oliver Lubrich. Verlag Das vergessene Buch (DvB) Verlag, 424 Seiten. 27 Euro)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"1931 bis 1934 schrieb sie als Reporterin f\u00fcr die in Philadelphia erscheinende &#8222;Saturday Evening Post&#8220; vom Untergang der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":579062,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[139039,296,29,663,30,2989,81632,68035,9991,93,57,1433,6296,9992],"class_list":{"0":"post-579061","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-978-3-903244-46-7","9":"tag-berlin","10":"tag-deutschland","11":"tag-europa","12":"tag-germany","13":"tag-geschichte","14":"tag-kultur-ausland","15":"tag-kultur-oesterreich","16":"tag-kurz","17":"tag-literatur","18":"tag-nationalsozialismus","19":"tag-oesterreich","20":"tag-wien","21":"tag-wissen-update-me"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115557732457730409","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/579061","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=579061"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/579061\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/579062"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=579061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=579061"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=579061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}