{"id":579649,"date":"2025-11-16T11:09:25","date_gmt":"2025-11-16T11:09:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/579649\/"},"modified":"2025-11-16T11:09:25","modified_gmt":"2025-11-16T11:09:25","slug":"berlin-muss-die-schuld-benennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/579649\/","title":{"rendered":"Berlin muss die Schuld benennen"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspCAnc tspCAnd\">Wie pr\u00e4sent koloniale Spuren in Berlin sind, zeigt sich vielleicht nirgends so deutlich wie in Wedding. Weil sich in diesem Stadtteil Geschichte und Gegenwart auf besondere Weise \u00fcberlagern, lohnt sich zum 25. Jubil\u00e4um der St\u00e4dtepartnerschaft zwischen Berlin und Windhoek ein genauer Blick.<\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">Wer am U-Bahnhof Afrikanische Stra\u00dfe aussteigt, sieht an den W\u00e4nden Fotos von L\u00f6wen, Elefanten, einem Nilpferd beim Baden. Was wie eine harmlose Verbildlichung des Namens Afrikanisches Viertel wirkt, verr\u00e4t mehr \u00fcber den europ\u00e4ischen Blick auf Afrika als \u00fcber den Kontinent selbst. Die Fotografien erinnern tats\u00e4chlich an einen kolonialen Traum, der Anfang des 20. Jahrhunderts Wirklichkeit werden sollte: In den Rehbergen war eine \u201eV\u00f6lkerschau\u201c geplant, in der Menschen aus den damaligen Kolonien gemeinsam mit wilden Tieren ausgestellt werden sollten. Der Erste Weltkrieg verhinderte die Pl\u00e4ne, nicht aber die Namen der umliegenden Stra\u00dfen. <\/p>\n<p>Bezirke-Newsletter: Mitte<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/icon-mitte.png\" alt=\"\" class=\"tspCJhj\"\/><\/p>\n<p class=\"tspCJod\"> Mehr Neuigkeiten zum Bezirk gibt es in unserem Newsletter \u2014 jede Woche per E-Mail. <\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">S\u00fcdlich vom U-Bahnhof liegt die Windhuker Stra\u00dfe \u2013 benannt nach der Stadt, die von 1891 bis 1915 der Verwaltungssitz der Kolonie Deutsch-S\u00fcdwestafrika war. Heute ist Windhoek die Hauptstadt von Namibia. Deutsche Soldaten ver\u00fcbten von dort aus den ersten V\u00f6lkermord des 20. Jahrhunderts. Rund 100.000 Angeh\u00f6rige der Herero und Nama wurden ermordet, misshandelt, in Lager gepfercht oder in die W\u00fcste Omaheke getrieben, wo sie elendig verdursteten.<\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">Zahlreiche Orte, die in Berlin mit diesem Verbrechen verbunden sind, sind im Stadtbild nicht sofort erkennbar. Dass sie zum Jubil\u00e4um der St\u00e4dtepartnerschaft zwischen Berlin und Windhoek f\u00fcr einen Moment ins Licht r\u00fccken, ist gut. Das Programm widmet sich der Erinnerungskultur, es geht um Dialog, Kunst und Austausch. <\/p>\n<p> 25 Jahre St\u00e4departnerschaft <\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">Das Jubil\u00e4um wird in beiden St\u00e4dten mit einem <strong>umfangreichen Programm <\/strong>begangen, das Erinnerungskultur, Bildung, Wissenschaft, Kunst und zivilgesellschaftlichen Dialog thematisiert. Das vollst\u00e4ndige Programm der Berliner Jubil\u00e4umswoche vom <strong>17. bis zum 23. November<\/strong> finden Sie <a href=\"https:\/\/kulturprojekte.berlin\/festival\/programmkalender-windhoek-berlin\/?event-organizer=cb2838a6-0923-41ad-af03-a0118e9d3f2e\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"link link--external\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"external\" aria-describedby=\"message-target-blank\">hier<\/a>. In Windhoek fand das Programm vom\u00a014. bis 19. Oktober 2025\u00a0statt. <\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">Die Partnerschaft, vom ehemaligen Regierenden B\u00fcrgermeister Eberhard Diepgen initiiert, gilt als eine der aktivsten Berliner St\u00e4dtepartnerschaften und <strong>basiert auf historischer Verantwortung.<\/strong><\/p>\n<p class=\"tspCAnc\"><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/berlins-regierender-in-namibia-kai-wegner-auf-seiner-bislang-schwierigsten-reise-14599268.html?icid=in-text-link_14740433\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Im Oktober reiste Kai Wegner <\/a>nach Windhoek \u2013 doch Berlins Regierender B\u00fcrgermeister vermied klare Worte. In seiner Rede sprach er weder von \u201eVerbrechen\u201c noch von \u201eV\u00f6lkermord\u201c. Auch das Mahnmal f\u00fcr die Opfer besuchte er nicht. Dem Vernehmen nach dr\u00e4ngte die deutsche Botschaft auf den Verzicht \u2013 koloniale Vergangenheit sei Bundessache, nicht Berlins. <\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">Stattdessen betonte Wegner den Blick nach vorne: \u201eDie St\u00e4dtepartnerschaft war zuletzt eingeschlafen. Ich will sie wiederbeleben.\u201c W\u00e4hrend in beiden Hauptst\u00e4dten das Jubil\u00e4um gefeiert wird, bleibt die Frage, wie fest die gemeinsame Geschichte im Bewusstsein der Menschen hierzulande verankert ist \u2013 und wie wir mit ihren Folgen umgehen. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/franziska-von-werder.jpeg\"   alt=\"\" width=\"767\" height=\"767\" loading=\"lazy\" class=\"tspAZiq\"\/><\/p>\n<p class=\"tspCOom\"><strong>Franziska von Werder<\/strong> Franziska von Werder ist Redakteurin im Berlin-Ressort. Ihr Volontariat hat sie bei der M\u00e4rkischen Allgemeinen Zeitung mit Stationen beim RND in Berlin und in Hannover absolviert. Zuvor hat sie Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin und in Dresden studiert. Seit 2023 arbeitet sie beim Tagesspiegel.<\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">Neu ist dieser Prozess nicht: Bereits 2019 hatte sich der Berliner Senat vorgenommen, in der gesamten Stadt einen kritischeren Blick auf die Vergangenheitsbew\u00e4ltigung zu legen. Ein Beispiel daf\u00fcr, wie komplex dieses Vorhaben ist, findet man auf dem Friedhof am Columbiadamm. Dort steht der sogenannte \u201eHererostein\u201c \u2013 gewidmet nicht den Herero, sondern sieben deutschen Soldaten, die zwischen 1904 und 1907 in Deutsch-S\u00fcdwestafrika ums Leben kamen. Seit vielen Jahren gibt es zivilgesellschaftlichen Protest an dem Gedenkstein, regelm\u00e4\u00dfig wird er mit roter Farbe beschmiert. <\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">2009 wurde vor dem Stein eine Platte in Form der heutigen Staatsgrenzen Namibias in den Boden eingelassen. Sie sollte das Gedenken um die Opfer erg\u00e4nzen. Doch selbst auf einem Friedhof, einem Ort der Trauer, werden die Gr\u00e4ueltaten bis heute nicht als das benannt, was sie waren: ein V\u00f6lkermord. Auch die Namen der beiden V\u00f6lker, der Herero und Nama, bleiben auf der Platte unerw\u00e4hnt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/der-sogenannte-herero-stein-auf-dem-garnisonsfriedhof-am-columbiadamm.jpeg\"   alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-11177512\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAZiq\"\/> In der erg\u00e4nzenden Bodenplatte ist die Rede von \u201eOpfern der Deutschen Kolonialherrschaft\u201c. Auch hier bleibt der V\u00f6lkermord unerw\u00e4hnt. <\/p>\n<p class=\"tspAFf9\"> \u00a9 Madlen Haarbach\/Tagesspiegel <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/afrikansiches-viertel.jpeg\"   alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-14807447\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAZiq\"\/> Im U-Bahnhof Afrikanische Stra\u00dfe verweisen Fotografien von Tieren auf den Kontinent. <\/p>\n<p class=\"tspAFf9\"> \u00a9 Franziska von Werder <\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">Solche Leerstellen zeigen, wie schwer sich Deutschland mit seiner kolonialen Vergangenheit tut. Im Museum Neuk\u00f6lln wurden Ideen diskutiert, wie der Ort umgestaltet werden k\u00f6nnte. Beschlossen ist mittlerweile, dass der Stein ins Museum geh\u00f6rt \u2013 doch umgesetzt wurde er bisher nicht. <\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">Auch in Namibia wird die Kolonialzeit z\u00f6gerlich aufgearbeitet. Gr\u00fcnde daf\u00fcr gibt es viele. Einer davon ist die komplexe Geschichte des Landes, das erst 1990 unabh\u00e4ngig wurde. Viele ethnische Gruppen verfolgen unterschiedliche politische Anliegen. Die Kolonialzeit wird oft als Problem einer Minderheit betrachtet und nicht gesamtnamibisch. Die Folgen wirken jedoch bis heute im ganzen Land: Namibia z\u00e4hlt zu den L\u00e4ndern mit der gr\u00f6\u00dften sozialen Ungleichheit \u2013 ein direktes Erbe kolonialer Machtverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/anna-mungunda-allee.jpeg\"   alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-14807450\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAZiq\"\/> Die ehemalige Petersallee hei\u00dft seit vergangenem Sommer Anna-Mungunda-Allee. Mungunda war Aktivistin in der namibischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung. <\/p>\n<p class=\"tspAFf9\"> \u00a9 Franziska von Werder <\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">Erst in j\u00fcngster Zeit begann in Berlin die Umbenennung vieler Orte, die diese Machtverh\u00e4ltnisse spiegeln: So wurde die Petersallee, die an den Kolonialverbrecher Carl Peters erinnerte, erst vergangenes Jahr in die Anna-Mungunda-Allee umbenannt \u2013 nach einer namibischen Unabh\u00e4ngigkeitsaktivistin und Herero. <\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">Diese Umbenennungen sind mehr als symbolische Akte. Sie geh\u00f6ren zu einem Prozess, den man Dekolonisierung nennt \u2013 dem bewussten Abbau kolonialer Narrative. Es geht nicht nur darum, Stra\u00dfenschilder auszutauschen, sondern darum, wem wir Raum geben: in unserer Erinnerung, in unseren St\u00e4dten, in unserer Sprache.<\/p>\n<p> Lesen Sie auch <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/berliner-wirtschaft\/prufung-nach-deutschen-standards-berliner-wirtschaft-will-fachkrafte-in-namibia-ausbilden-12487910.html?icid=topic-list_14740433___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCYpn\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Pr\u00fcfung nach deutschen Standards Berliner Wirtschaft will Fachkr\u00e4fte in Namibia ausbilden <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/vieles-ging-nach-dem-genozid-in-die-sammlungen-ein-anfang-einer-ubersicht-zu-kolonialem-raubgut-aus-namibia-11291362.html?icid=topic-list_14740433___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCYpn\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eVieles ging nach dem Genozid in die Sammlungen ein\u201c Anfang einer \u00dcbersicht zu kolonialem Raubgut aus Namibia <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/einmalig-in-deutschland-streicht-die-freie-universitat-berlin-die-professur-fur-kunst-afrikas-14366924.html?icid=topic-list_14740433___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCYpn\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Einmalig in Deutschland Streicht die Freie Universit\u00e4t Berlin die Professur f\u00fcr Kunst Afrikas? <\/a><\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">Dass viele dieser Orte heute sichtbar sind, geht in vielen F\u00e4llen auf zivilgesellschaftliche Impulse zur\u00fcck, w\u00e4hrend staatspolitische Verantwortung erst allm\u00e4hlich ihre Konturen fand. Programme wie die St\u00e4dtepartnerschaft zwischen Berlin und Windhoek schaffen einen Rahmen f\u00fcr Initiativen der Verst\u00e4ndigung. In Berlin f\u00fchren dekoloniale Stadttouren durch den Wedding, die namibische K\u00fcnstlerin Isabel Tueumuna Katjavivi reflektiert im Museum Neuk\u00f6lln den Hererostein \u2013 ein Versuch neuer Formen des Erinnerns. <\/p>\n<p class=\"tspCAnc\">Gerade im Jubil\u00e4umsjahr zeigt sich: Wer eine enge Verbindung zu Windhoek beansprucht, muss ehrlich mit ihrem Ursprung umgehen. Dazu geh\u00f6rt, historische Schuld nicht nur still anzuerkennen, sondern sie auch klar zu benennen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie pr\u00e4sent koloniale Spuren in Berlin sind, zeigt sich vielleicht nirgends so deutlich wie in Wedding. 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