{"id":580401,"date":"2025-11-16T18:44:12","date_gmt":"2025-11-16T18:44:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/580401\/"},"modified":"2025-11-16T18:44:12","modified_gmt":"2025-11-16T18:44:12","slug":"die-schatzsucher-plage-in-polen-indiana-jones-im-hobbyformat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/580401\/","title":{"rendered":"Die Schatzsucher-Plage in Polen: Indiana Jones im Hobbyformat"},"content":{"rendered":"<p class=\"text\">\nEin k\u00fchler Fr\u00fchlingstag. Konrad Wilk streift mit einem Metalldetektor durch die W\u00e4lder nordwestlich von Kalisz. Ein Piepsen im Kopfh\u00f6rer l\u00e4sst sein Herz h\u00f6herschlagen: Hier k\u00f6nnte etwas Spannendes unter der Erde liegen. Ein Blick auf den Monitor der Sonde l\u00e4sst auf Silber schlie\u00dfen. Und in der Tat: Wenige Spatenstiche sp\u00e4ter h\u00e4lt Wilk eine daumengro\u00dfe Silberm\u00fcnze in der Hand \u2013 einen Denar des r\u00f6mischen Kaisers Vespasian (69\u201379 n. Chr.), wie ein bekannter Arch\u00e4ologe sp\u00e4ter best\u00e4tigt.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nWilk (36) ist Chef der &#8222;Explorationsgruppe Kalisz&#8220;. Seit ihrer Gr\u00fcndung 2021 haben die zw\u00f6lf Mitglieder schon viele Funde gemacht, darunter auch sehr spektakul\u00e4re wie eine 6.000-7.000 Jahre alte Spitzhacke aus dem Jungneolithikum oder eine etwas &#8222;j\u00fcngere&#8220; Fibel aus der sp\u00e4ten Bronzezeit (etwa 3.000 Jahre alt), von neuzeitlichen Relikten wie M\u00fcnzen oder Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg ganz zu schweigen.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung0\" class=\"jumpLabel\"><strong>Die Ausnahme: Schatzj\u00e4ger und Arch\u00e4ologen als Team<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nBei Hobby-Schatzj\u00e4gern, die sich selbst lieber Detektoristen, Exploratoren oder Sondeng\u00e4nger nennen, verursacht ein solcher Fund Euphorie. &#8222;Serotonin, Dopamin, Adrenalin \u2013 alles schie\u00dft uns in den Kopf&#8220;, erz\u00e4hlt Wilk. Dabei geht es nicht immer um den materiellen Wert, sondern um den Kontakt mit der Geschichte. Doch was bei Sondeng\u00e4ngern f\u00fcr G\u00e4nsehaut sorgt, macht Arch\u00e4ologen Bauchschmerzen. Denn nicht alle Schatzsucher gehen die Sache mit so viel Feingef\u00fchl wie Wilk und seine Mitstreiter an. Wilks Truppe besorgt sich die n\u00f6tigen Genehmigungen und arbeitet mit Fachleuten zusammen. &#8222;Wir haben befreundete Arch\u00e4ologen, die uns beraten. Vor einem Jahr haben wir beispielsweise eine Grabst\u00e4tte entdeckt, und der Arch\u00e4ologe sagte, dass wir sie auf keinen Fall anfassen sollten. Wir haben sie nach seinen Anweisungen gesichert. In Zukunft sollen dort professionelle Grabungen stattfinden, und die Urne wird nach allen Regeln der Kunst geborgen&#8220;, erz\u00e4hlt Wilk dem MDR.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung1\" class=\"jumpLabel\"><strong>Indiana Jones l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nEin Gro\u00dfteil der Szene agiert aber au\u00dferhalb wissenschaftlicher Standards \u2013 und nicht selten auch au\u00dferhalb des Gesetzes. Nur wenige Schatzsucher interessieren sich ernsthaft f\u00fcr Arch\u00e4ologie, kaum einer schreibt dazu wissenschaftliche Aufs\u00e4tze. F\u00fcr die \u00fcberwiegende Mehrheit z\u00e4hlt das Abenteuer \u2013 der Nervenkitzel bei der Suche nach historischen Gegenst\u00e4nden, wobei es sich oft um Kleinfunde wie Kn\u00f6pfe oder Schnallen handelt. Manche buddeln sogar unverfroren an arch\u00e4ologischen St\u00e4tten und Gedenkorten wie ehemalige KZs herum. Die Funde landen in privaten Sammlungen oder werden verkauft \u2013 nur ein Bruchteil gelangt in die H\u00e4nde von Konservatoren und Museologen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDabei sind es nicht blo\u00df ein paar Freaks, die da durch die W\u00e4lder streifen. Die Beh\u00f6rden gehen von mindestens 35.000 Hobby-Schatzsuchern aus. Sie selbst geben ihre Zahl mit 250.000 an \u2013 es gibt n\u00e4mlich einen Interessenverband: die Polnische Exploratorenvereinigung. Sie organisiert Schulungen und betreibt im Internet ein Ratgeberportal mit dem Namen &#8222;Wochenend-Schatzsucher&#8220;.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung2\" class=\"jumpLabel\"><strong>Ein grundlegender Konflikt<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nDer Konflikt zwischen Schatzsuchern und Arch\u00e4ologen resultiert aus ihrer jeweils unterschiedlichen Herangehensweise. Schatzsucher wollen einen historischen Gegenstand schnellstm\u00f6glich aus der Erde holen. Arch\u00e4ologen wollen dagegen den Kontext dazu dokumentieren: Wo genau lag der Gegenstand? Was wurde sonst noch in der N\u00e4he gefunden? Nur so kann man den Gegenstand korrekt interpretieren und das Wissen \u00fcber fr\u00fchere Epochen erweitern. &#8222;An so einem Fundort liegen nicht nur Metallgegenst\u00e4nde, sondern oft auch Keramik, organisches Material, Textilien. Aus diesem Kontext k\u00f6nnen Arch\u00e4ologen viel mehr Informationen gewinnen, als wenn sie nur den blo\u00dfen Gegenstand erhalten&#8220;, sagt Wilk. Wird das Artefakt von Laien geborgen, geht der Kontext meist unwiederbringlich verloren.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAu\u00dferdem sind Profiarch\u00e4ologen keineswegs darauf erpicht, alles schnellstm\u00f6glich aus der Erde zu holen. Sie glauben, dass die historischen Artefakte am besten dort aufgehoben sind, wo sie Jahrhunderte \u00fcberdauert haben: im Boden und im Wasser. Sind sie erst einmal freilegt, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, da der Kontakt mit Luft den Verfallsprozess rapide beschleunigt \u2013 die Fundst\u00fccke m\u00fcssen aufwendig konserviert werden. Gro\u00dffl\u00e4chige Ausgrabungen sind deshalb nur dann zwingend notwendig, wenn die Fundst\u00e4tte durch ein Bauvorhaben gef\u00e4hrdet ist.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung3\" class=\"jumpLabel\"><strong>Wie die Schatzj\u00e4ger in den Medien verkl\u00e4rt werden<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nSchatzsucher sehen das anders. Sie betrachten sich als Retter des Kulturerbes, das ihrer Meinung nach in der Erde verrottet, und werfen Arch\u00e4ologen vor, zu wenig zu graben. \u00d6ffentlichkeit und Politik stellen sich in diesem Streit oft auf die Seite der Schatzsucher, die als polnische Vettern von Indiana Jones erscheinen \u2013 romantisch, abenteuerlustig, harmlos. Dazu tr\u00e4gt deren mediale Verkl\u00e4rung bei, schreibt der Arch\u00e4ologe Marcin Michalski in seiner Doktorarbeit \u00fcber die Schatzsucherszene. In polnischen Fernsehserien wie &#8222;J\u00e4ger der Geschichte(n)&#8220;, in der Exploratoren ehemalige Schlachtfelder absuchen, oder &#8222;Mission Schatz&#8220; vermischen sich demnach die Rollen des Forschers und des Schatzj\u00e4gers. &#8222;In den Medien und der Popkultur verschwimmt die Grenze zwischen Wissenschaft und Abenteuer&#8220;, so Michalski.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAuch Konrad Wilk ist der Hype aufgefallen: &#8222;Das ist seit einiger Zeit sehr in. Es gibt viele YouTuber, die gehen eine Woche lang auf die Suche, schneiden die Funde aus dieser ganzen Woche in einem kurzen Video zusammen, die Leute sehen das und denken, wenn er so viel findet, dann will ich das auch.&#8220; Dabei sehe die Realit\u00e4t anders aus. Auch wenn es manchmal Gl\u00fccksstr\u00e4hnen mit vielen Funden hintereinander gebe, endeten viele Expeditionen erfolglos, berichtet Wilk. Vielen Neulingen geht nach seinen Beobachtungen die Geduld aus, sie steigen wieder aus.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung4\" class=\"jumpLabel\"><strong>Staat stellt sich auf die Seite der Schatzsucher <\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nDer Staat hat auf die Schatzj\u00e4ger-Mode reagiert \u2013 aber nicht mit Einschr\u00e4nkungen, sondern mit einer Liberalisierung. Im Juli 2023 wurde ein Gesetz beschlossen, das die Schatzsuche f\u00fcr Amateure deutlich erleichtern soll. K\u00fcnftig sollen Detektoristen keine Genehmigung mehr ben\u00f6tigen \u2013 es gen\u00fcgt, sich \u00fcber eine App zu registrieren und die Erlaubnis des Grundst\u00fcckseigent\u00fcmers einzuholen. Nur in besonderen Schutzgebieten, an arch\u00e4ologischen Grabungsst\u00e4tten, die in der App ausgewiesen sind, ist die Suche tabu.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nFachleute schlagen Alarm: Die App k\u00f6nnte unehrlichen Schatzj\u00e4gern die Grabungsst\u00e4tten mit potenziell wertvollen Funden verraten, die Arch\u00e4ologen momentan oft aus Angst vor Pl\u00fcnderern geheim halten \u2013 schlie\u00dflich k\u00f6nne man unm\u00f6glich an jedem solchen Ort einen Polizeiposten aufstellen. Au\u00dferdem sei die App nicht einsatzbereit und die Denkmalpflege technisch wie finanziell \u00fcberfordert \u2013 woher solle etwa das Geld f\u00fcr die vorgesehenen Finderpr\u00e4mien kommen? Der Start der neuen Regelung wurde wegen der Kritik auf 2027 verschoben \u2013 aber nicht abgesagt.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung5\" class=\"jumpLabel\"><strong>Angst vor gro\u00dffl\u00e4chigen Pl\u00fcnderungen<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nAuch der Schatzsucher Wilk sieht sie kritisch: &#8222;Leider ist die Mentalit\u00e4t der Polen so, dass viele die Funde nicht melden w\u00fcrden. Es g\u00e4be eine Plage von Schatzsuchern und die Grabungsst\u00e4tten w\u00e4ren gef\u00e4hrdet.&#8220; Pl\u00fcnderer k\u00f6nnten ihrem Handwerk, das sie bisher im Schutze der Dunkelheit ausge\u00fcbt h\u00e4tten, scheinbar legal nachgehen. Er pl\u00e4diert deshalb daf\u00fcr, beim bisherigen Verfahren zu bleiben: &#8222;Die Genehmigung zu beantragen ist kein gro\u00dfer Aufwand. Wer halbwegs helle im Kopf ist, schafft das.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein k\u00fchler Fr\u00fchlingstag. 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