{"id":583719,"date":"2025-11-18T04:49:14","date_gmt":"2025-11-18T04:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/583719\/"},"modified":"2025-11-18T04:49:14","modified_gmt":"2025-11-18T04:49:14","slug":"donnerbalken-und-luxus-klo-die-toilette-im-wandel-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/583719\/","title":{"rendered":"Donnerbalken und Luxus-Klo: Die Toilette im Wandel der Zeit"},"content":{"rendered":"<p>Bangkok (dpa) &#8211; Wenn es dringend wird, ist sie pl\u00f6tzlich das Wichtigste der Welt: die Toilette. Ob als einfache Schaufel im Freien, h\u00f6lzerner Donnerbalken oder hochmodernes Keramik\u00adwunder mit Dusch- und Trocknungsfunktion \u2013 die Menschheit hat im Lauf der Geschichte viele L\u00f6sungen gefunden, um sich Erleichterung zu verschaffen. Eine Notwendigkeit, die alle Menschen verbindet, quer durch Jahrtausende und Kontinente. Was f\u00fcr viele selbstverst\u00e4ndlich ist, bleibt aber f\u00fcr Milliarden Menschen bis heute unerreichbar.<\/p>\n<p>Der j\u00e4hrlich am 19. November begangene Welttoilettentag erinnert daran, dass rund 3,4 Milliarden Menschen weltweit keinen Zugang zu sogenannten \u00absafely managed sanitation services\u00bb haben \u2013 also Toiletten, die nicht mit anderen Haushalten geteilt werden und deren Abwasser sicher entsorgt wird, so dass Gesundheit, W\u00fcrde und Sicherheit gew\u00e4hrleistet sind. 354 Millionen Menschen m\u00fcssen ihr Gesch\u00e4ft laut Weltgesundheitsorganisation WHO noch immer im Freien verrichten.<\/p>\n<p>\u00abWir brauchen Toiletten f\u00fcr alle, \u00fcberall\u00bb, schrieben die Vereinten Nationen in einer Mitteilung. \u00abEgal, wie sich die Welt ver\u00e4ndert, manche Dinge bleiben unver\u00e4ndert \u2013 unser Bed\u00fcrfnis nach Toiletten geh\u00f6rt dazu.\u00bb<\/p>\n<p>Mit Schaufel und Spaten<\/p>\n<p>Damit erinnert der Welttoilettentag auch daran, dass der Anfang der Toilettengeschichte vielerorts bis heute fortgeschrieben wird: eine Schaufel, ein Fleck Erde \u2013 und sonst nichts.\u00a0<\/p>\n<p>Schon in der Fr\u00fchzeit der Menschheit war das die g\u00e4ngigste L\u00f6sung. Ob auf Wanderz\u00fcgen, beim H\u00fcten von Tieren oder am Rand kleiner Siedlungen \u2013 die Schaufel geh\u00f6rte im Alltag dazu wie der Wasserkrug oder das Feuerholz. Auch viele Armeen gruben \u00fcber die Jahrhunderte Latrinen aus, oft mit Spaten und einfachsten Mitteln. Schnell, funktional und mit m\u00f6glichst wenig Geruch.<\/p>\n<p>Schulter an Schulter im alten Rom<\/p>\n<p>Speziell die alten R\u00f6mer zeigten aber, dass man aus der Not auch eine Tugend machen kann: In \u00f6ffentlichen Latrinen sa\u00df man damals &#8211; in praktische Togas geh\u00fcllt &#8211; Schulter an Schulter, ganz ohne Trennwand. Unter den Sitzen pl\u00e4tscherte Wasser, das die Hinterlassenschaften davontrug.\u00a0<\/p>\n<p>Statt Toilettenpapier wurde ein Schwamm am Stiel eingesetzt, \u00abtersorium\u00bb genannt, wie die Anthropologin Ann Olga Koloski-Ostrow in einem Bericht des \u00abSmithonian Magazine\u00bb erl\u00e4uterte. Hygiene war das nicht im modernen Sinne \u2013 aber gesellig war es allemal. \u00abMan kann viel \u00fcber eine Kultur erfahren, wenn man sich anschaut, wie sie ihre Toiletten benutzte\u00bb, betonte Koloski-Ostrow.<\/p>\n<p>Dusche von oben im Mittelalter<\/p>\n<p>Im europ\u00e4ischen Mittelalter wurde das Gesch\u00e4ft zur Mutprobe: In den St\u00e4dten verwendeten viele Menschen Nachtt\u00f6pfe. Die Stra\u00dfen hatten offene Abfl\u00fcsse \u2013 Kan\u00e4le, die die Stra\u00dfen entlangf\u00fchrten. Der Inhalt des T\u00f6pfchens wurde einfach aus dem Fenster gekippt. Nicht selten erschallte dabei der franz\u00f6sische Ausruf \u00abGarde \u00e0 l\u2019eau!\u00bb (Achtung, Wasser!). Wer unten vorbeilief, riskierte eine unliebsame Dusche &#8211; oder Schlimmeres. In Burgen oder Kl\u00f6stern gab es hingegen Klos in Form von Erkern. Auch hier fiel das Gesch\u00e4ft meist einfach umstandslos von oben in die Burggr\u00e4ben.<\/p>\n<p>Der Siegeszug des Wasserklosetts<\/p>\n<p>Ein Meilenstein war dann die Sp\u00fcltoilette: John Harington, Patenkind von K\u00f6nigin Elizabeth I., soll 1596 ein Wasserklosett erfunden haben \u2013 doch das Ger\u00e4t blieb zun\u00e4chst ein Kuriosum. Erst mit der Industrialisierung und dem Bau moderner Kanalisationen im 19. Jahrhundert trat das \u00abWater Closet\u00bb seinen Siegeszug an. Damit wurde die Toilette &#8211; samt Siphon zur Geruchsvermeidung &#8211; nicht nur bequemer, sondern auch ein wichtiger Verb\u00fcndeter der \u00f6ffentlichen Gesundheit.<\/p>\n<p>Im viktorianischen Zeitalter war das Badezimmer dann pl\u00f6tzlich schick &#8211; zumindest bei den Reichen: H\u00fcbsch verzierte Porzellansch\u00fcsseln zeigten Geschmack und Fortschritt. Wer etwas auf sich hielt, lie\u00df sich ein besonders elegantes Modell einbauen \u2013 das stille \u00d6rtchen wurde repr\u00e4sentativ.<\/p>\n<p>Hightech-Klos aus Japan<\/p>\n<p>Heute ist die Toilette in manchen Teilen der Welt l\u00e4ngst Hightech. Vor allem in Japan: beheizte Sitze, D\u00fcsen f\u00fcr die perfekte Reinigung, ein sanfter Luftstrom zum Trocknen, automatische Deckel, die sich wie von Zauberhand selbst\u00e4ndig \u00f6ffnen und schlie\u00dfen, und musikalische Untermalung geh\u00f6ren zum Standard. Parallel gewinnt Nachhaltigkeit an Bedeutung: Komposttoiletten und Modelle mit Wasser-Recycling gelten als Zukunftsl\u00f6sungen f\u00fcr eine wachsende Weltbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend ultramoderne Toiletten mit Sitzheizung, integrierter Bidet-Funktion und Geruchsabsaugung in reicheren Nationen immer popul\u00e4rer werden, bleibt die Wirklichkeit anderswo dramatisch: Unsichere Sanit\u00e4r- und Hygienesituationen sind mitverantwortlich f\u00fcr Krankheiten wie Durchfall, Cholera und Typhus &#8211; besonders bei Kindern.\u00a0<\/p>\n<p>Warnung der Vereinten Nationen<\/p>\n<p>So sterben laut aktuellen Zahlen der WHO t\u00e4glich rund 1.000 Kinder unter f\u00fcnf Jahren an Krankheiten, die auf eine unzureichende Sanit\u00e4rversorgung, unsicheres Wasser und mangelnde Hygiene zur\u00fcckgehen. Bei der derzeitigen Fortschrittsrate werden laut UN im Jahr 2030 immer noch drei Milliarden Menschen ohne sichere Toiletten leben.\u00a0<\/p>\n<p>Zahlen klingen immer trocken \u2013 doch ihre Folgen sind es nicht: Wenn kein sicherer Ort zum Verrichten der Notdurft vorhanden ist, steigt nicht nur das Risiko f\u00fcr Erkrankungen. Es hat auch etwas mit Menschenw\u00fcrde zu tun. Von der Schaufel bis zum Sp\u00fclknopf: Die Toilette ist ein Spiegel der Zivilisation. Sie erz\u00e4hlt eine Geschichte von Hygiene, Erfindergeist und Fortschritt \u2013 und einer Menschheit, in der Luxus und ersch\u00fctternde Armut noch immer nebeneinander existieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bangkok (dpa) &#8211; Wenn es dringend wird, ist sie pl\u00f6tzlich das Wichtigste der Welt: die Toilette. 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