{"id":585321,"date":"2025-11-18T20:37:17","date_gmt":"2025-11-18T20:37:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/585321\/"},"modified":"2025-11-18T20:37:17","modified_gmt":"2025-11-18T20:37:17","slug":"rechtliche-lage-in-deutschland-tod-der-kessler-zwillinge-rueckt-sterbehilfe-in-den-fokus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/585321\/","title":{"rendered":"Rechtliche Lage in Deutschland?: Tod der Kessler-Zwillinge r\u00fcckt Sterbehilfe in den Fokus"},"content":{"rendered":"<p>Der selbst gew\u00e4hlte <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.alice-und-ellen-die-kessler-zwillinge-sind-tot.619fb817-4452-49d5-a5f1-c9b02bb8131d.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tod der Kessler-Zwillinge Ellen und Alice<\/a> wirft ein Schlaglicht auf das Thema <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Sterbehilfe\" title=\"Sterbehilfe\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sterbehilfe<\/a> und die in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Deutschland\" title=\"Deutschland\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Deutschland<\/a> immer wieder aufflammende Debatte dar\u00fcber. Seit Jahren wird hierzulande um rechtliche Regelungen zum sogenannten assistierten Suizid gerungen. <\/p>\n<p>Nicht zuletzt, weil das <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Bundesverfassungsgericht\" title=\"Bundesverfassungsgericht\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bundesverfassungsgericht<\/a> 2020 ein wegweisendes Urteil dazu gesprochen hat. Das im Grundgesetz verankerte allgemeine Pers\u00f6nlichkeitsrecht umfasst laut dem h\u00f6chsten deutschen <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Gericht\" title=\"Gericht\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gericht<\/a> \u201eals Ausdruck pers\u00f6nlicher Autonomie ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben\u201c. <\/p>\n<p>Wie ist die rechtliche Lage in Deutschland? <\/p>\n<p>Aktive Sterbehilfe \u2013 also eine T\u00f6tung auf Verlangen, etwa durch eine Spritze \u2013 ist strafbar. Erlaubt ist aber der Abbruch lebenserhaltender Ma\u00dfnahmen, wenn das dem Willen des Patienten entspricht. Gleiches gilt f\u00fcr indirekte Sterbehilfe. Davon wird gesprochen, wenn es um die Schmerzlinderung geht und Patienten infolge der Medikamente fr\u00fcher sterben. Auch die Beihilfe zur Selbstt\u00f6tung ist straffrei &#8211; sie kann in der Beschaffung oder Bereitstellung eines t\u00f6dlichen Mittels bestehen, das der Patient allerdings selbst einnimmt.<\/p>\n<p>Was hat das Bundesverfassungsgericht 2020 entschieden? <\/p>\n<p>Die Karlsruher Richter und Richterinnen erkl\u00e4rten den Strafrechtsparagrafen 217, der seit Ende 2015 gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfige Sterbehilfe verbot, f\u00fcr nichtig &#8211; weil er \u201edie M\u00f6glichkeiten einer assistierten Selbstt\u00f6tung faktisch weitgehend entleert\u201c. \u201eGesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig\u201c hat dabei nichts mit Geld zu tun, sondern bezieht sich darauf, dass das Angebot \u201eauf Wiederholung angelegt\u201c ist. <\/p>\n<p>Aus Sicht des Gerichts schlie\u00dft das Recht auf selbstbestimmtes Sterben die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und auf die freiwillige Hilfe Dritter zur\u00fcckzugreifen. Das gelte ausdr\u00fccklich f\u00fcr jeden, nicht nur f\u00fcr unheilbar Kranke. (Az. 2 BvR 2347\/15 u.a.). Eine Regulierung sei aber m\u00f6glich. <\/p>\n<p>Das Urteil verpflichtet Mediziner und Medizinerinnen aber nicht, gegen ihre \u00dcberzeugungen Sterbehilfe zu leisten. Auch gibt es keinen Anspruch auf Hilfe.<\/p>\n<p>Was passierte danach? <\/p>\n<p>Der Bundestag befasste sich in der vergangenen Legislaturperiode mit einer m\u00f6glichen Reform. Dabei arbeiteten Abgeordnete verschiedener Parteien je nach pers\u00f6nlicher \u00dcberzeugung bei dem Thema zusammen. <\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/media.media.83c60a4f-f2ef-4b07-b64e-f9b16db2884b.original1024.media.jpeg\"\/>     Seit Jahren wird hierzulande um rechtliche Regelungen zum sogenannten assistierten Suizid gerungen.    Foto: Karl-Josef Hildenbrand\/dpa    <\/p>\n<p>Schlie\u00dflich standen im Juli 2023 Initiativen zweier Abgeordnetengruppen zur Abstimmung. Doch keiner der beiden Vorschl\u00e4ge bekam eine Mehrheit. Beide abgelehnten Gesetzentw\u00fcrfe sollten Voraussetzungen f\u00fcr eine Suizidhilfe nur f\u00fcr Vollj\u00e4hrige festschreiben \u2013 auf unterschiedliche Weise. Unter anderem ging es um die Frage, ob Sanktionen im Strafrecht verankert werden sollen.<\/p>\n<p> Gibt es einen neuen Anlauf? <\/p>\n<p>Ja. Eine neu konstituierte \u00fcberfraktionelle Gruppe arbeitet nach Auskunft des SPD-Abgeordneten Lars Castellucci wieder an einem Gesetzesentwurf zur Neuregelung des assistierten Suizids. Aktuell w\u00fcrden unterschiedliche Ans\u00e4tze gepr\u00fcft und diskutiert, um \u201eein ausgewogenes Gesetz mit wirksamen Schutzmechanismen zu entwickeln\u201c. Ziel sei, schnellstm\u00f6glich eine tragf\u00e4hige, mehrheitsf\u00e4hige L\u00f6sung vorzulegen. Ein konkreter Zeitpunkt, wann der Vorschlag in den Bundestag eingebracht werden kann, ist aber noch unklar.<\/p>\n<p> Wie bewerten Patientensch\u00fctzer den Status quo? <\/p>\n<p>Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz erkl\u00e4rt: \u201eSuizide sind ansteckend. In organisierter, jederzeit verf\u00fcgbarer Form entsolidarisieren sie die Gesellschaft.\u201c Das Karlsruher Urteil sei der erwartbare Startschuss f\u00fcr Sterbehilfeorganisationen und Netzwerke des assistierten Suizids gewesen, \u201eihr Todesangebot deutschlandweit auszurollen\u201c. <\/p>\n<p>Bei den Anl\u00e4ufen, die organisierte Suizidassistenz gesetzlich zu regeln, habe immer die Frage im Mittelpunkt gestanden, wie freiverantwortliches Handeln des Sterbewilligen \u00fcberpr\u00fcft werden k\u00f6nne. Doch es gebe keine Kriterien, die die Autonomie von Entscheidungen zweifelsfrei ermitteln lassen. <\/p>\n<p>\u201eDeshalb muss der Bundestag endlich das Handeln des einzelnen Sterbehelfers strafrechtlich in den Blick nehmen\u201c, fordert Vorstand Brysch. \u201eSein Tun erfordert h\u00f6chste Sachkunde.\u201c Er habe zweifelsfrei sicherzustellen, dass der Suizid selbstbestimmt gew\u00fcnscht werde. Ebenso d\u00fcrfe die Entscheidung nur ohne Einfluss sowie Druck seitens Dritter zustande kommen. Eine gewerbsm\u00e4\u00dfige F\u00f6rderung der Selbstt\u00f6tung ist aus Bryschs Sicht in jedem Fall zu verbieten. \u201eDenn wo Geld flie\u00dft, geht die Selbstbestimmung verloren.\u201c<\/p>\n<p> Welche Sichtweise vertreten die Kirchen? <\/p>\n<p>\u201eDie katholische Kirche spricht sich nachdr\u00fccklich gegen alle Formen der aktiven Sterbehilfe und der Beihilfe zur Selbstt\u00f6tung aus\u201c, hei\u00dft es bei der Deutschen Bischofskonferenz. \u201eSie ist der \u00dcberzeugung, dass der Staat dann ein w\u00fcrdevolles Sterben erm\u00f6glicht, wenn er die fl\u00e4chendeckende medizinische und pflegerische Begleitung Schwerstkranker und Sterbender in den Mittelpunkt stellt und nach Kr\u00e4ften f\u00f6rdert.\u201c <\/p>\n<p>Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) m\u00f6chte einem gesellschaftlichen Klima entgegenwirken, \u201ein dem Suizidbeihilfe normalisiert wird\u201c. Auch d\u00fcrften Menschen nicht unter Druck gesetzt werden, durch Suizid oder Beihilfe zur Selbstt\u00f6tung aus dem Leben zu scheiden, hei\u00dft es auf der Internetseite. Die Suizidpr\u00e4vention m\u00fcsse daher dringend gest\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p> Welchen Weg haben die <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Kessler\" title=\"Kessler\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kessler<\/a>-Zwillinge gew\u00e4hlt? <\/p>\n<p>Sie haben sich an die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Humanes Sterben (DGHS) gewandt, die wie andere Vereine Sterbebegleitung vermittelt. \u201eSie hatten uns beide zudem ausdr\u00fccklich gestattet, im Nachhinein \u00fcber die Umst\u00e4nde zu sprechen\u201c, sagt Sprecherin Wega Wetzel. <\/p>\n<p>In Vorgespr\u00e4chen kl\u00e4re ein Jurist die sogenannte Freiverantwortlichkeit, also dass niemand beispielsweise aus einer psychischen Krise heraus entscheidet. Ein Arzt lege dann an einem gew\u00e4hlten Termin einen Zugang, \u00fcber den der Mensch, der seinem Leben ein Ende setzen m\u00f6chte, sich selbst ein hochdosiertes Narkosemittel spritze. Danach werde die Polizei verst\u00e4ndigt.<\/p>\n<p> Wie entwickeln sich die Zahlen? <\/p>\n<p>Bei der DGHS hatten sich den Angaben zufolge 2022 noch 229 Menschen f\u00fcr eine solche Form des begleiteten Sterbens entschieden, in diesem Jahr schon rund 800. Der Gro\u00dfteil sei 80 bis 90 Jahren alt, sagt Wetzel.<\/p>\n<p>Gesamtzahlen zu assistierten Suiziden gibt es laut dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Palliativmedizin, Heiner Melching, mangels einer strukturierten Erfassung nicht. Allein aufgrund der Angaben der gr\u00f6\u00dferen Vereine d\u00fcrfte es allein in diesem Jahr aber mehr als 2.000 F\u00e4lle geben.<\/p>\n<p>Dass die Zahlen steigen, sei vor allem auf die zunehmende Bekanntheit der Tatsache zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass Suizidassistenz in Deutschland legal ist. \u201eUnd es wird auch offener dar\u00fcber gesprochen\u201c, sagt Melching. \u201eDas Thema hat eine h\u00f6here Akzeptanz in der Gesellschaft gefunden.\u201c Untersuchungen zu den jeweiligen Motiven k\u00e4men zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen: etwa die Belastung durch eine Vielzahl an Krankheiten oder auch der Wunsch nach Autonomie. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der selbst gew\u00e4hlte Tod der Kessler-Zwillinge Ellen und Alice wirft ein Schlaglicht auf das Thema Sterbehilfe und die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":585322,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1844],"tags":[1634,5441,3364,29,2690,30,8903,26673,139689,1974,51704,5329],"class_list":{"0":"post-585321","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-karlsruhe","8":"tag-baden-wuerttemberg","9":"tag-bundesverfassungsgericht","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-gericht","13":"tag-germany","14":"tag-karlsruhe","15":"tag-kessler","16":"tag-kessler-zwillinge","17":"tag-panorama","18":"tag-sterbehilfe","19":"tag-video"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115572628489945458","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/585321","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=585321"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/585321\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/585322"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=585321"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=585321"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=585321"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}