{"id":589867,"date":"2025-11-20T17:57:24","date_gmt":"2025-11-20T17:57:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/589867\/"},"modified":"2025-11-20T17:57:24","modified_gmt":"2025-11-20T17:57:24","slug":"frankreich-wuerdigt-zwangsrekrutierte-im-zweiten-weltkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/589867\/","title":{"rendered":"Frankreich w\u00fcrdigt Zwangsrekrutierte im Zweiten Weltkrieg"},"content":{"rendered":"<ol class=\"id-DonaldBreadcrumb lp_west_breadcrumb id-DonaldBreadcrumb--default\" data-k5a-pos=\"west_breadcrumb\">\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"1_startseite\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Startseite<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/politik\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"2_politik\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Politik<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"id-Story-timestamp id-Story-timestamp--default\">Stand: 20.11.2025, 17:47 Uhr<\/p>\n<p class=\"id-Story-authors id-Story-authors--default\">Von: <a class=\"id-Story-authors-link lp_west_author\" href=\"https:\/\/www.fr.de\/autor\/stefan-braendle-i0ortob07.html\" title=\"Zur Autorenseite von Stefan Br&#xE4;ndle\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" author-link=\"\" br=\"\" data-k5a-pos=\"west_author\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stefan Br\u00e4ndle<\/a><\/p>\n<p class=\"id-Story-interactionBar id-Story-interactionBar--default\">DruckenTeilen<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"id-RatioPlaceholder-element wv_story_el_image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/40532531-praesident-macron-mit-zwangsrekrutierten-vorne-links-francois-dochter-2AVklwyhb47a.jpg\" loading=\"eager\" fetchpriority=\"high\"   height=\"792\" width=\"1408\" alt=\"Pr&#xE4;sident Macron mit Zwangsrekrutierten, vorne links Fran&#xE7;ois Dochter\"\/>Pr\u00e4sident Macron mit Zwangsrekrutierten wie Fran\u00e7ois Dochter (v.l.). \u00a9\u00a0Stefan Br\u00e4ndle<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-leadText\">Nach Jahrzehnten des Schweigens erhalten die Zwangsrekrutierten aus Elsass-Moselle 2025 erstmals eine nationale Anerkennung.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Achtzig Jahre langen musste er schweigen, die schlimmsten Erinnerungen f\u00fcr sich behalten. Niemand mochte dar\u00fcber sprechen, auch als der Krieg 1945 vorbei war. Als h\u00e4tte Fran\u00e7ois Dochter etwas Sch\u00e4ndliches getan, als h\u00e4tte er sein Vaterland verraten und mit dem Feind kollaboriert \u2013 den Nazis.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">\u201eFalsch\u201c, sagt der heute 102-J\u00e4hrige mit Nachdruck. Er sitzt im Rollstuhl am Fenster eines Pariser Hotelzimmers und erkl\u00e4rt, wie es wirklich war. Er ist nicht gewohnt, dar\u00fcber zu sprechen, muss nach Worten suchen, aber dann kommt er mehr und mehr in Fahrt. Und immer wieder rollen die Tr\u00e4nen, wenn ihm mit den Worten ein tief verschollenes Ereignis frisch in den Sinn kommt. Es begann damit, sagt er, dass Hitler 1942 beschlossen habe, dass die franz\u00f6sischen, von ihm annektierten Gebiete Elsass und Moselle Truppen f\u00fcr die Wehrmacht stellen m\u00fcssten. Auch Dochter, der damals 18-j\u00e4hrige Schulabg\u00e4nger, erhielt ein Aufgebot f\u00fcr den Reichsarbeitsdienst (RAD). Widerstand war zwecklos und wurde mit Sippenhaft bestraft: Geschwister und Eltern eines Deserteurs wurden von der Gestapo verhaftet und deportiert. In Ballersdorf westlich von Basel erschossen die Nazis 18 fl\u00fcchtige M\u00e4nner, die sich dennoch in die Schweiz absetzen wollten.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Es begann damit, sagt er, dass Hitler 1942 beschlossen habe, dass die franz\u00f6sischen, von ihm annektierten Gebiete Elsass und Moselle Truppen f\u00fcr die Wehrmacht stellen m\u00fcssten. Auch Dochter, der damals 18-j\u00e4hrige Schulabg\u00e4nger, erhielt ein Aufgebot f\u00fcr den Reichsarbeitsdienst (RAD). Widerstand war zwecklos und wurde mit Sippenhaft bestraft: Geschwister und Eltern eines Deserteurs wurden von der Gestapo verhaftet und deportiert. In Ballersdorf westlich von Basel erschossen die Nazis 18 fl\u00fcchtige M\u00e4nner, die sich dennoch in die Schweiz absetzen wollten.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Fran\u00e7ois Dochter wollte seine Familie nicht gef\u00e4hrden und r\u00fcckte in S\u00e9lestat ein. Obwohl das streng verboten war, sangen die jungen Els\u00e4sser auf dem Weg die Marseillaise. Im RAD mussten sie aber zum deutschen Stechschritt exerzieren, zuerst mit einem Spaten anstelle des Gewehrs. Monate sp\u00e4ter ging es nach Osten an die Kriegsfront, vermutlich in Polen. Fran\u00e7ois war in der 25. Panzerdivision und trug deren schwarze Uniform, weshalb er oft mit der Waffen-SS verwechselt wurde.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Aber der Els\u00e4sser stellt klar: \u201eIch habe nie jemanden get\u00f6tet, ich zielte immer in die Luft.\u201c Jener Krieg war nicht sein Krieg, und die Russen waren auch nicht seine Feinde, sondern Alliierte Frankreichs im Kampf gegen den Nationalsozialismus.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Dochter schoss auch nicht, als er gegen Kriegsende in seinem Erdloch ausharrte und pl\u00f6tzlich zwei Russen sah. Er schaute sich um, wo die deutschen Soldaten seiner Einheit waren, aber die waren allesamt get\u00fcrmt. \u201eMich, den Els\u00e4sser, hatten sie vergessen\u201c, sagt Dochter. \u201eOder dagelassen.\u201c Er schaute, wohin die Russen gingen, und machte sich in die Gegenrichtung auf. Nach zwei Tagen stie\u00df er auf einen US-Soldaten, der ihm sagte, der Krieg sei aus. \u00dcber Br\u00fcssel und Lille kehrte der Els\u00e4sser heil in seine Heimat zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Seine spannende, un\u00fcbliche Geschichte \u2013 sie interessierte aber niemanden. Kein beh\u00f6rdliches Wort der Anerkennung, keine Medaille; nicht einmal die Familie wollte mehr wissen. \u201eNiemand wollte auch nur dar\u00fcber reden\u201c, erinnert Dochter sich. \u201eViele Leute dachten, wir Zwangsrekrutierten seien in Wahrheit Freiwillige gewesen, Nazi-Kollaborateure.\u201c<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Kollabo, das ist in Frankreich ein Schimpfwort, sch\u00e4ndliches Gegenst\u00fcck zum glorreichen Prestige der R\u00e9sistance. Aber es trifft auf die 145.000 Zwangsrekrutierten aus Elsass-Moselle nicht zu. \u201eEs gab einige wenige Freiwillige, aber es waren kaum 2000\u201c, sch\u00e4tzt der Amateurhistoriker Louis Spieser. \u201eUnd selbst unter denen waren nicht alle Nazis.\u201c <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Der pensionierte Lehrer sagt: \u201eDas Elsass hat eine komplizierte Geschichte\u201c. Von 1870 bis 1918 war die linksrheinische Region deutsch und die in dieser Zeit geborene Generation lernte in der Schule Deutsch und k\u00e4mpfte im Ersten Weltkrieg auf der deutschen Seite.<\/p>\n<p>Schicksal des ganzen Elsass<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Bei seinen Nachforschungen hat er festgestellt, dass fast jede Els\u00e4sser Familie im Zweiten Weltkrieg einen \u201eMalgr\u00e9-Nous\u201c gestellt hatte. So werden die Zwangsrekrutierten in Frankreich genannt; \u201emalgr\u00e9 nous\u201c bedeutet \u201egegen unseren Willen\u201c. Den falschen Ruf von Kollabos erhielten sie unter anderem, weil einige Els\u00e4sser bei dem ber\u00fchmten Nazi-Massaker im\u00a0zentralfranz\u00f6sischen Dorf Oradour-sur-Glane mitgemacht hatten.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Den falschen Ruf von Kollabos erhielten sie unter anderem, weil einige Els\u00e4sser bei dem ber\u00fchmten Nazi-Massaker im zentralfranz\u00f6sischen Dorf Oradour-sur-Glane mitgemacht hatten. Spieser entgegnet ver\u00e4rgert: \u201eDarunter war ein einziger Freiwilliger aus dem Elsass! Schauen Sie dagegen, wie viele andere Franzosen in Nazi-Truppen kollaborierten: 7300 in der Division Charlemagne, die Teil der Waffen-SS war, und 6500 in der franz\u00f6sischen Freiwilligenlegion!\u201c<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Louis Spieser entgegnet ver\u00e4rgert: \u201eDarunter war ein einziger Freiwilliger aus dem Elsass! Schauen Sie dagegen, wie viele andere Franzosen in Nazi-Truppen kollaborierten: 7300 in der Division Charlemagne, die Teil der Waffen-SS war, und 6500 in der franz\u00f6sischen Freiwilligenlegion!\u201c.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Langsam reift in Frankreich die Einsicht, dass die Malgr\u00e9-Nous keine Mitt\u00e4ter der Nazis waren, sondern Opfer. Von den 145.000 Zwangseinberufenen, darunter 15.000 Frauen, sind 40.000 umgekommen. Viele starben in Tambow, dem ber\u00fcchtigten sowjetischen Kriegsgefangenenlager f\u00fcr Menschen aus dem Elsasser. Die letzten kehrten 1955 zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Und auch sie wurden mit Schweigen empfangen. Eine Veteranenrente erhielten sie nie; Frankreich zahlt nur eine ohnehin f\u00e4llige Invalidenhilfe, Deutschland \u00fcberwies 1981 einen Einmalbetrag von gut 5000 Euro. Die franz\u00f6sischen Historiker interessierten sich kaum f\u00fcr die Malgr\u00e9-Nous. Bis zur offiziellen Anerkennung vergingen viele Jahre. Mitte November 2025 enth\u00fcllte Pr\u00e4sident Emmanuel Macron im Pariser Invalidendom endlich eine Gedenktafel zugunsten der Malgr\u00e9-Nous, von denen heute nur noch 50 am Leben sein d\u00fcrften.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Unweit von Napoleons Sarkophag ist nun in Stein gemei\u00dfelt, dass die Zwangsrekrutierten aus Elsass-Moselle Anspruch auf das nationale Gedenken haben. Sie seien keine Landesverr\u00e4ter, sondern geehrte Veteranen. Ein historischer Moment f\u00fcr das Elsass. Dochter posiert zusammen mit drei anderen Malgr\u00e9-Nous stolz unter der Tafel. Macron legt ihm landesv\u00e4terlich die Hand auf die Schulter. Ein einsamer Trommelwirbel erschallt, gefolgt vom Totenruf aus dem Signalhorn und der obligaten Schweigeminute f\u00fcr die Gefallenen. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Aber wohlgemerkt, es ist kein Verschweigen mehr, sondern ein stilles Gedenken. Nach einer kurzen, rituellen Zeremonie ohne Ansprache fragen die Pariser Journalist:innen die \u00dcberlebenden aus.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Dochter erz\u00e4hlt, wie er als Els\u00e4sser hundert Jahre lang gelebt und gelitten habe, wie es gewesen sei, unter Drohungen in der falschen Armee zu dienen \u2013 und wie er sp\u00e4ter alles f\u00fcr sich habe behalten m\u00fcssen, in der Textilfabrik, wo er arbeitete, aber auch in der Familie.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">\u201eF\u00fcr die Deutschen waren wir Franzosen, doch f\u00fcr die Franzosen waren wir Verr\u00e4ter\u201c, bricht es aus ihm heraus und eine dicke Tr\u00e4ne rollt \u00fcber seine rechte Wange.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Neben ihm stehen seine Tochter, seine Enkeltochter, sein Urenkel. Vier Generationen aus dem Elsass. Der Junior, der 23-j\u00e4hrige T\u00e9ophil, hatte das Eis vor knapp zehn Jahren gebrochen, als er seinen Urgro\u00dfvater einmal spontan fragte, wie es ihm im Krieg ergangen sei. \u201eDa merkte ich, dass ich der Erste war, der das Thema ansprach, das so lange in der Brust meines Urgro\u00dfvaters eingeschlossen war\u201c, erinnert sich T\u00e9ophil.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Lokalpolitikerin Brigitte Klinkert will die Gunst der Stunde ausn\u00fctzen: Sie regte in der Zeitung \u201eLe Monde\u201c an, dass die Malgr\u00e9-Nous auch Eingang in die franz\u00f6sischen Schulb\u00fccher finden. Dort steht von ihnen bis heute kein Wort zu lesen. H\u00f6chste Zeit, dies 80 Jahre sp\u00e4ter zu \u00e4ndern. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Startseite Politik Stand: 20.11.2025, 17:47 Uhr Von: Stefan Br\u00e4ndle DruckenTeilen Pr\u00e4sident Macron mit Zwangsrekrutierten wie Fran\u00e7ois Dochter (v.l.).&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":589868,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3974],"tags":[331,332,548,663,3934,3980,156,13,14,15,12],"class_list":{"0":"post-589867","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-frankreich","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europe","13":"tag-france","14":"tag-frankreich","15":"tag-headlines","16":"tag-nachrichten","17":"tag-news","18":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115583323382284894","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/589867","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=589867"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/589867\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/589868"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=589867"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=589867"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=589867"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}