{"id":59041,"date":"2025-04-25T03:00:15","date_gmt":"2025-04-25T03:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/59041\/"},"modified":"2025-04-25T03:00:15","modified_gmt":"2025-04-25T03:00:15","slug":"postumes-buch-von-ukrainischer-autorin-wer-die-arbeit-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/59041\/","title":{"rendered":"Postumes Buch von ukrainischer Autorin: Wer die Arbeit macht"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">\u201eEs ist ungewiss, von welcher Rakete ich in Cherson wom\u00f6glich getroffen werde, also kann dieses Dokument f\u00fcr alle F\u00e4lle bei dir bleiben\u201c, schrieb Victoria Amelina am 23. Juni 2023 einer Freundin vor einer Reise in die Hafenstadt nahe der Krim und sendete ihr im Anhang eine Datei. Die Schriftstellerin, eine zentrale Figur der ukrainischen Literaturszene, war sich bewusst, dass es jederzeit auch sie treffen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Ein Jahr zuvor hatte sie sich der Gruppe <a href=\"https:\/\/taz.de\/ZivilistInnen-in-der-Ukraine\/!6076461\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Truth Hounds<\/a> angeschlossen; sie wollte mithelfen, russische Kriegsverbrechen zu dokumentieren. \u00dcber ihre Mitstreiterinnen dort schrieb Victoria Amelina Portr\u00e4ts und Reportagen und wollte diese in einer Sammlung ver\u00f6ffentlichen. Um zu zeigen, wer diese Arbeit macht und wie schwierig sie ist. Ihre Texte befanden sich in der Datei.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\"><a href=\"https:\/\/taz.de\/Nachruf-auf-Victoria-Amelina\/!5943160\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Reise nach Cherson \u00fcberlebte Victoria Amelina noch, die Fahrt in die Region Donezk vier Tage sp\u00e4ter nicht.<\/a> Mit einer Delegation kolumbianischer Autoren besuchte sie Kramatorsk, eine russische Rakete traf an diesem Abend die Pizzeria, in der sie gemeinsam a\u00dfen. Dreizehn Menschen kamen infolge des Angriffs zu Tode, darunter Victoria Amelina. Sie starb am 1. Juli 2023 im Krankenhaus von Dnipro im Alter von 37 Jahren.<\/p>\n<p>      Die V\u00f6gel singen nur morgens<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">Ihr unvollendetes Buch ist nun postum auf Deutsch erschienen. \u201eBlick auf Frauen \u2013 den Krieg im Blick\u201c, hei\u00dft es, der Titel spielt auf die vielen Dokumentaristinnen, Journalistinnen, Kriegsreporterinnen und Juristinnen an, deren Arbeit Amelina in dem Fragment w\u00fcrdigt. Das Buch zeichnet auch ihren eigenen Weg nach dem 24. Februar 2022 nach. Amelina zieht zudem historisch eine Linie von der \u201eErschossenen Wiedergeburt\u201c (der Stalin\u2019schen Ausl\u00f6schung ukrainischer Intellektueller in den 1930ern) \u00fcber die Verfolgung der sogenannten Sech\u00adziger-\u00adKultur\u00adelite in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik bis zur Gegenwart, wo erneut ukrainische Kulturschaffende gezielt get\u00f6tet werden.<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Victoria Amelina: <\/strong> \u201eBlick auf Frauen \u2013 den Krieg im Blick\u201c. Aus dem Englischen von Steffen Beilich und Andreas Rostek. Edition Fototapeta, Berlin 2025, 304 Seiten, 22 Euro<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">So ist Amelinas Buch in Teilen auch eine postume Hommage an den ukrainischen Schriftsteller und Kinderbuchautor Wolodymyr Wakulenko. Er wurde w\u00e4hrend der russischen Besatzung in Isjum 2022 verhaftet und sp\u00e4ter get\u00f6tet. Sein Kriegstagebuch hatte er im Garten seines Hauses vergraben, Victoria Amelina schildert, wie sie es nach der Besatzung ausgr\u00e4bt und dem Charkiwer Literaturmuseum \u00fcbergibt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Die Autorin zitiert aus seinen Aufzeichnungen, die im Mauke Verlag auf Deutsch erschienen sind. Am 21. M\u00e4rz 2022 notiert Wakulenko: \u201eDie V\u00f6gel singen nur morgens, nachmittags h\u00f6rt man nicht einmal ein Kr\u00e4chzen der Kr\u00e4hen. Was mich schlie\u00dflich rettet, ist die Musik auf meinem Handy. Und heute am Tag der Poesie wurde ich von einer kleinen Gruppe Kraniche begr\u00fc\u00dft, ein Keil am Himmel, und durch ihre \u201aKranu\u2018-Rufe hindurch konnte man es fast schon h\u00f6ren: \u201aDie Ukraine wird sich erholen! Ich glaube an den Sieg!\u2018\u2009\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Ein Schauer l\u00e4uft einem nicht nur beim Lesen dieser Passage \u00fcber den R\u00fccken. Zu Beginn des Angriffskriegs kehrt Amelina von einer Urlaubsreise zur\u00fcck, bringt ihren Sohn in Polen in Sicherheit und muss ihn bel\u00fcgen. \u201eDer Krieg ist eine Quelle schlechter Gewohnheiten.\u201c Als eine der wenigen geht sie in die Ukraine zur\u00fcck, w\u00e4hrend die meisten anderen aus dem Land fliehen. Amelina beschreibt, wie sie lernt, Material zu sichern und zu sammeln, sie listet Kriegsverbrechen auf, die sie recherchiert hat.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Und sie stellt eine Reihe beeindruckender Gerechtigkeitsk\u00e4mpferinnen vor, etwa die Schriftstellerin, Anw\u00e4ltin und Frauenaktivistin Laryssa Denyssenko, die die Ukrainian Lawyers Women Association gegr\u00fcndet hat. Oder die Menschenrechtlerin Kateryna Raschewska, die zum Verbleib der nach Russland deportierten ukrainischen Kinder recherchiert.<\/p>\n<p>      Es muss Fragment bleiben<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">Wie n\u00f6tig es eines Tages sein wird, dass die Kriegsverbrechen gut dokumentiert sind, zeigt ein Interview Amelinas mit dem britisch-franz\u00f6sischen Juristen und Schriftsteller Philippe Sands. Sands spricht \u00fcber die \u00dcberlastung der Rechtssysteme ob der \u201eschieren Zahl der offenbar begangenen Straftaten\u201c. Er zieht einen Vergleich zu den grausamen Kriegsverbrechen in Ruanda, berichtet von den geschaffenen lokalen Rechtssystemen dort, den sogenannten Gacaca-Gerichten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">Lehrreich ist Amelinas Buch an dieser Stelle einmal mehr. So wird ein St\u00fcck Rechtsgeschichte aufgerollt und erz\u00e4hlt, wie die in Lwiw ausgebildeten j\u00fcdischen Juristen Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin die Termini \u201eGenozid\u201c und \u201eVerbrechen gegen die Menschlichkeit\u201c gepr\u00e4gt haben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\">Es liegt in der Natur der Sache, dass dieses Buch Fragment bleiben muss. Die vier Kol\u00adle\u00adg:in\u00adnen Amelinas, die das Manuskript bearbeitet haben, reihen gelegentlich seitenweise kurze Notizen Amelinas aneinander; sie wollen Victoria Amelina und ihrer Vorstellung von diesem Buch m\u00f6glichst gerecht werden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">Aus Lesersicht ist das nicht immer befriedigend, zumal das Buch ohnehin schon komplex aufgebaut ist und thematische und zeitliche Spr\u00fcnge enth\u00e4lt. Angesichts der F\u00fclle an Informa\u00adtio\u00adnen und der vielen ber\u00fchrenden Passagen sind diese Punkte aber zu vernachl\u00e4ssigen. Victoria Amelina hat nicht nur all den unerm\u00fcdlichen Aufkl\u00e4rerinnen in der Ukraine ein Denkmal gesetzt, sondern auch sich selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eEs ist ungewiss, von welcher Rakete ich in Cherson wom\u00f6glich getroffen werde, also kann dieses Dokument f\u00fcr alle&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":59042,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-59041","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114396372931678134","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59041","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=59041"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59041\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/59042"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=59041"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=59041"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=59041"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}