{"id":591491,"date":"2025-11-21T09:39:18","date_gmt":"2025-11-21T09:39:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/591491\/"},"modified":"2025-11-21T09:39:18","modified_gmt":"2025-11-21T09:39:18","slug":"nuernberger-prozesse-die-psyche-der-kriegsverbrecher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/591491\/","title":{"rendered":"N\u00fcrnberger Prozesse: Die Psyche der Kriegsverbrecher"},"content":{"rendered":"<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/gilbert-122.jpg\" alt=\"Dr. Gustavo Gilbert\" title=\"Dr. Gustavo Gilbert | picture alliance\/United Archives\"\/><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 20.11.2025 06:48 Uhr<\/p>\n<p class=\"textabsatz columns twelve  m-ten  m-offset-one l-eight l-offset-two\">\n        <strong>Was ging in den K\u00f6pfen der NS-T\u00e4ter vor sich? Dieser Frage versuchte der Psychologe Gustave M. Gilbert beim Hauptkriegsverbrecherprozess in N\u00fcrnberg 1945 auf den Grund zu gehen. <\/strong>\n    <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">N\u00fcrnberg, Ende September 1946: Hermann G\u00f6ring sitzt in seiner Zelle im Gef\u00e4ngnis hinter dem Justizpalast und wartet auf das Urteil. Der einstige Reichsmarschall, Luftfahrtminister und die Nummer zwei nach Hitler macht sich keine Illusionen: Am 1. Oktober wird das internationale Milit\u00e4rtribunal \u00fcber ihn und 20 andere Vertreter der NS-Elite richten.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">An diesem Abend, wie an vielen anderen der vergangenen Monate, hat G\u00f6ring Besuch: Der 35-j\u00e4hrige Gustave M. Gilbert sitzt ihm gegen\u00fcber &#8211; Jude, Dolmetscher, Psychologe, in der Uniform eines Offiziers der US-Armee. Vom ersten Prozesstag am 20. November 1945 an hatte Gilbert zehn Monate lang die Angeklagten des N\u00fcrnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses beobachtet, sie psychologischen Tests unterzogen und viel mit ihnen geredet: mit M\u00e4nnern wie Rudolf He\u00df, Joachim von Ribbentrop, Albert Speer, Karl D\u00f6nitz, Alfred Jodl, Wilhelm Keitel, Julius Streicher und Hans Frank.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Von der Anklage bis zur Vollstreckung der Urteile hatte der deutsch sprechende Gilbert zu jeder Zeit freien Zutritt zu den Gefangenen. &#8222;Gilbert hatte gewisserma\u00dfen durch die Sprache einen unmittelbaren Zugang zu den Angeklagten. Er konnte sich ungefiltert mit ihnen unterhalten &#8211; und das war ein Riesenvorteil&#8220;, sagt Historiker Philipp Rauh vom Institut f\u00fcr Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen im BR-Interview.<\/p>\n<p>    &#8222;Der geeignete Mann am geeigneten Ort&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Kaum jemand ist diesen M\u00e4nnern n\u00e4hergekommen, konnte tiefer in ihre K\u00f6pfe blicken als Gustave M. Gilbert. Gilbert wurde 1911 in New York City als Sohn \u00f6sterreichisch-j\u00fcdischer Einwanderer geboren. Er studierte erst Germanistik, dann Psychologie, und promovierte 1939 an der Columbia University.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Mit seinen ausgezeichneten Deutschkenntnissen und seiner psychologischen Expertise war er im Zweiten Weltkrieg f\u00fcr den US-Geheimdienst in Europa im Einsatz. In N\u00fcrnberg sollte er eigentlich f\u00fcr den Dolmetscher des Gef\u00e4ngniskommandanten einspringen, wurde aber auch zum Gerichtspsychologen f\u00fcr die Dauer des Prozesses ernannt &#8211; eine Idealbesetzung, sagt Historiker Alexander Korb, fr\u00fcherer Leiter des Memoriums &#8222;N\u00fcrnberger Prozesse&#8220;: &#8222;Er hatte eine Top-Ausbildung, war topqualifiziert, jung, mehrsprachig und deshalb der geeignete Mann am geeigneten Ort.&#8220;<\/p>\n<p>    Erstaunlich ehrlicher Austausch<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Um seine Gespr\u00e4chspartner nicht einzusch\u00fcchtern, verzichtete Gilbert auf paralleles Mitschreiben und fertigte danach Ged\u00e4chtnisprotokolle an. Seine Methode war die der einfachen, zwanglosen Unterhaltung.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Wie man in Gilberts &#8222;N\u00fcrnberger Tagebuch&#8220; lesen kann, offenbarten sich ihm die Gefangenen oft erstaunlich ehrlich. Nicht selten lie\u00dfen sie die Maske fallen, die sie sich f\u00fcr die Verhandlung zurechtgelegt hatten: politische Rechtfertigung, Verharmlosung und zynische oder resignierte Betrachtungen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Wie kamen \u00fcberzeugte Nationalsozialisten dazu, sich freim\u00fctig einem Mann wie Gustave M. Gilbert zu \u00f6ffnen? Historiker Alexander Korb macht die \u00e4u\u00dferen Lebensumst\u00e4nde der Gefangenen daf\u00fcr verantwortlich: isoliert in kleinen kalten Zellen, strenges Sprechverbot. Kontakte zu Mitgefangenen nur beim Mittagessen und in Prozesspausen. Die Angeklagten waren froh, sich \u00fcberhaupt mit jemandem unterhalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Diese Offenheit war aus ihrer Sicht ein zweischneidiges Schwert, sagt Alexander Korb dem BR: &#8222;Die Psychiater haben ja alles weiterberichtet, alles aufgeschrieben, alles dem Gericht erz\u00e4hlt. Es waren keine Freunde der Angeklagten.&#8220;<\/p>\n<p>    Eine dunkle Psychopathologie<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Gilbert machte mit den M\u00e4nnern auch die damals \u00fcblichen Tests und psychologischen Untersuchungen. Intelligenztests bescheinigten fast allen Angeklagten \u00fcberdurchschnittliche Werte. Gilbert hatte es demnach mit hochintelligenten Charakteren zu tun, die wussten, was sie taten.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">&#8222;Das hat dem Bild widersprochen, dass das irgendwelche tumben, durchgeknallten Nationalsozialisten gewesen w\u00e4ren. Und das hat f\u00fcr Verwunderung gesorgt&#8220;, sagt Historiker Philipp Rauh. Aus Rohrschach-Tests, scheinbar wahllosen Tintenklecksbildern, die es zu deuten galt, schloss Gilbert bei den meisten der Kandidaten auf mehr oder weniger starke Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen. Allerdings war dieser Test sehr von der subjektiven Interpretation abh\u00e4ngig und hielt sp\u00e4teren wissenschaftlichen \u00dcberpr\u00fcfungen nicht immer stand.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die spannendste Phase f\u00fcr Gilbert war der Prozess selbst &#8211; wie sich die Angeklagten vor Gericht verhielten und reagierten, als sie mit Aussagen und Beweisen konfrontiert wurden.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">&#8222;Gilbert ging davon aus, dass sie nicht geisteskrank sind, aber dass es eine spezielle, sehr, sehr dunkle Psychopathologie bei diesen Nationalsozialisten gibt&#8220;, sagt der Medizinhistoriker Philipp Rauh. Diese dunkle Seite in der Psyche der T\u00e4ter sah Gilbert durch den NS-Staat gef\u00f6rdert. Gustave M. Gilbert besuchte die Gefangenen auch noch nach der Urteilsverk\u00fcndung: zw\u00f6lf Todesurteile, sieben Haftstrafen von zehn Jahren bis Lebensl\u00e4nglich, drei Freispr\u00fcche. Hitlers Sekret\u00e4r Martin Bormann wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Hermann G\u00f6ring entzog sich seiner Hinrichtung durch den Strang durch Selbstmord mit Gift.<\/p>\n<p>    Berichte auch vom Eichmann-Prozess<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Nach dem Prozess von N\u00fcrnberg kehrte Gilbert in die USA zur\u00fcck. Seine Aufzeichnungen ver\u00f6ffentlichte er 1947 im &#8222;N\u00fcrnberger Tagebuch&#8220;. Mit der Psyche der NS-T\u00e4ter besch\u00e4ftigte er sich weiter. Als Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem der Prozess gemacht wurde, berichtete Gilbert dem Gericht von seinen Erkenntnissen in N\u00fcrnberg.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Zeitlebens blieb Gustave M. Gilbert ein gefragter Experte f\u00fcr die Psychologie von Diktatoren und totalit\u00e4ren Regimen. Er starb 1977 in New York.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Mehr zum Thema im Podcast &#8222;Der N\u00fcrnberger Prozess &#8211; Die T\u00e4ter und ihr Psychologe&#8220; <a href=\"https:\/\/1.ard.de\/alles-geschichte-nuernberg\" title=\"Alles Geschichte\" class=\"textlink--extern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bei &#8222;Alles Geschichte&#8220; in der ARD Audiothek<\/a> und im Dokudrama <a href=\"https:\/\/1.ard.de\/nuernberg-45?ts=web\" title=\"N\u00fcrnberg 45\" class=\"textlink--extern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;N\u00fcrnberg 45 &#8211; Im Angesicht des B\u00f6sen&#8220; in der ARD Mediathek<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 20.11.2025 06:48 Uhr Was ging in den K\u00f6pfen der NS-T\u00e4ter vor sich? 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