{"id":593092,"date":"2025-11-22T01:35:15","date_gmt":"2025-11-22T01:35:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/593092\/"},"modified":"2025-11-22T01:35:15","modified_gmt":"2025-11-22T01:35:15","slug":"krieg-in-der-ukraine-theologische-ethische-und-historische-ueberlegungen-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/593092\/","title":{"rendered":"Krieg in der Ukraine &#8211; Theologische, ethische und historische \u00dcberlegungen. Eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p>In Wien haben sich 13 (fast ausschlie\u00dflich ukrainische) junge Wissenschaftler:innen in einem Sammelband im Nachgang zu einer Tagung mit dem Krieg in der Ukraine besch\u00e4ftigt \u2013 und dies vor allem aus Betroffenperspektive. Eine Rezension des Sammelbandes von Alexandra Palkowitsch (Bonn).<\/p>\n<p>Im Vergleich zu den Tagen und Wochen nach dem 24. Februar 2022 hat der Krieg in der Ukraine in der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit sp\u00fcrbar an Dringlichkeit verloren. Was sich damals nach und nach abzeichnete, ist heute Realit\u00e4t: Der Krieg dauert nun schon mehrere Jahre, ist stets pr\u00e4sent \u2013 und zugleich doch nur eines von vielen Themen. Gerade in dieser Situation lohnt sich ein Blick in den k\u00fcrzlich erschienenen Sammelband \u201eWar in Ukraine. Theological, Ethical and Historical Reflections\u201c, der Gelegenheit zu vertiefter Lekt\u00fcre bietet.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Es kommen fast ausschlie\u00dflich ukrainische Stimmen zu Wort.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><a href=\"https:\/\/www.feinschwarz.net\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/978-3-402-25097-6_g.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-70403\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" alt=\"\" width=\"204\" height=\"300\" data-lazy- data-lazy- data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/978-3-402-25097-6_g-204x300.jpg\"\/><\/a>Der englischsprachige Band <a href=\"https:\/\/www.aschendorff-buchverlag.de\/res\/user\/vam\/media\/978-3-402-25097-6.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(open access erh\u00e4ltlich)<\/a> ist aus einer Tagung<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> entstanden, die im Februar 2023 an der Universit\u00e4t Wien stattfand \u2013 ein Jahr nach der gro\u00dffl\u00e4chigen russischen Invasion. Neben der Einleitung versammelt er 13 Beitr\u00e4ge von Nachwuchswissenschaftler:innen unterschiedlicher Disziplinen. Beschlossen wird er durch einen eindringlichen Appell von Oleksandra Matviichuk, der Vorsitzenden des mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Center for Civil Liberties.<\/p>\n<p>Eine grundlegende Einsicht zieht sich quer durch die Beitr\u00e4ge: Der Februar 2022 hat zwar die breite \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit auf den Krieg gelenkt. Begonnen hat er aber bereits acht Jahre zuvor mit der Annexion der Krym im Jahr 2014. Oder, wie Iuliia Korniichuk formuliert: \u201eFrom the outset in 2014, the Russo-Ukrainian war remained largely localized as a regional conflict until February 2022, when it escalated to global significance with a full-scale invasion.\u201c (S. 200<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>) So nimmt auch der Sammelband seinen Ausganspunkt bei der Wende, die die Eskalation im westeurop\u00e4ischen Denken ausgel\u00f6st hat. In den Beitr\u00e4gen selbst wird dann aber die Perspektive gewechselt und es kommen fast ausschlie\u00dflich ukrainische Stimmen zu Wort. Geboten wird eine bunte Auswahl an Aufs\u00e4tzen. Sie folgt der \u00dcberzeugung, dass die Vielzahl der Fragen rund um Gegenwart und Geschichte des Kriegs gegen die Ukraine eine plurale, interdisziplin\u00e4re akademische Debatte braucht.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Ein erster thematischer Schwerpunkt liegt auf historischen Entwicklungen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Einige Schlaglichter auf diese Diversit\u00e4t: Ein erster thematischer Schwerpunkt liegt auf historischen Entwicklungen, die f\u00fcr das heutige Kriegsgeschehen pr\u00e4gend sind. Volodymyr Shelukhin dekonstruiert etwa die Vorstellung, Ukrainer:innen seien lediglich eine Subgruppe der Russ:innen \u2013 und argumentiert, dass die Idee ethnischer Einheit zwischen Ukrainer:innen und Moskowiter:innen ein Mythos des 17. Jahrhunderts ist. Dmytro Bondarenko analysiert die historischen Wurzeln von Panslawismus und Mitteleuropa. Paulina Byzdra-Kusz geht \u00dcberlegungen zu einer polnisch-ukrainischen F\u00f6deration nach dem Zweiten Weltkrieg nach. Andrii Zhyvachivskyi wiederum diskutiert die These, dass muslimische Einheiten im heutigen ukrainischen Milit\u00e4r in einer jahrtausendealten Tradition muslimischen Engagements f\u00fcr die Ukraine stehen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Ein zweites gro\u00dfes Themenfeld: Kirchen und Religionen im Kontext des Kriegs in der Ukraine.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Damit ist man bereits mitten im zweiten gro\u00dfen Themenfeld des Bandes: Kirchen und Religionen im Kontext des Kriegs in der Ukraine. Alina Mozolevska analysiert auf Basis von zahlreichen Bildbeispielen die religi\u00f6sen Motive in digitaler Kunst, die auf ukrainischen Instagramaccounts im Kontext des Krieges geteilt wird. F\u00fcr Maksym Vasin ist Religion eine \u201ekey front\u201c des Krieges \u2013 er macht deutlich, dass religi\u00f6se Argumentationen weit \u00fcber den bekannten Fall Patriarch Kyrills hinaus zur Rechtfertigung der russischen Aggression genutzt werden. Mechyslav Yanauer zeigt auf, wie komplex es ist, f\u00fcr die Frage der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats eine L\u00f6sung zu finden, die demokratischen und menschenrechtlichen Anspr\u00fcchen entspricht. Zwei weitere Beitr\u00e4ge analysieren kirchliche Stellungnahmen: Patrice Hrimle nimmt die \u00c4u\u00dferungen des \u00d6kumenischen Patriarchen Bartholom\u00e4us in den Blick, Kateryna Budz die Positionierung der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche \u2013 beide verurteilen klar den russischen Angriffskrieg. Einem wieder anderen Aspekt widmet sich Iuliia Korniichuk, die die Haltung europ\u00e4ischer Institutionen gegen\u00fcber dem Moskauer Patriarchat untersucht. Dabei erarbeitet sie eine Spannung zwischen den in den letzten beiden Jahrzehnten gr\u00f6\u00dfer gewordenen Bem\u00fchungen der EU um gute Zusammenarbeit mit religi\u00f6sen Organisationen auf der einen und dem eigentlich zu erwartenden h\u00e4rteren Vorgehen gegen die russisch-orthodoxe Unterst\u00fctzung der Aggression auf der anderen Seite.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Thematische Beispiele: Kulturelles Erbe, Gender, Migration und Kriegsverbrechen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Neben diesen beiden gro\u00dfen Schwerpunkten macht der Sammelband in einzelnen Beitr\u00e4gen noch einige weitere Themen auf. Elmira Ablialimova-Chyihoz zeigt, welch zentrale Rolle die Zerst\u00f6rung kulturellen Erbes in der russischen Kriegsagenda spielt und analysiert die vermeintliche Renovierung des Khanpalastes von Bachtschyssaraj auf der Krym als koloniale Praxis. Mariana Myrosh untersucht die gegenderte Metapher der Ukraine als Frau, die im russischen politischen Diskurs weit verbreitet ist und imperial-hierarchische Anspr\u00fcche widerspiegelt. Roman Sigov wiederum richtet den Blick auf europ\u00e4ische Narrative zum Krieg in der Ukraine \u2013 und beschreibt, wie sehr sie von russischer Propaganda beeinflusst sind. Seine These au\u00dferdem: Migration werde gezielt als geopolitisches Instrument eingesetzt, um europ\u00e4ische Reaktionen auf den Krieg zu beeinflussen. Der Band endet schlie\u00dflich mit dem bereits erw\u00e4hnten Aufruf von Oleksandra Matviichuk, die daf\u00fcr pl\u00e4diert, die rechtliche Aufarbeitung russischer Kriegsverbrechen nicht auf das Kriegsende zu verschieben. Stattdessen skizziert sie einen Mechanismus, in dem nationale und internationale Richter:innen zusammenarbeiten und schon jetzt rechtliche Schritte einleiten sollen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Die St\u00e4rke des Sammelbandes \u2013 und auch vieler einzelner Beitr\u00e4ge \u2013 liegt vor allem im Facettenreichtum.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Diese kurze Tour durch die Beitr\u00e4ge zeigt f\u00fcr mich vor allem eines: Die St\u00e4rke des Sammelbandes \u2013 und auch vieler einzelner Beitr\u00e4ge \u2013 liegt vor allem im Facettenreichtum. Gerade die Vielfalt er\u00f6ffnet neue Perspektiven, auch dann, wenn man \u2013 wie ich \u2013 nicht tief im Thema steckt: Der Band weitet den Blick, f\u00fchrt in innerukrainische Debatten ein und macht Tiefendimensionen sichtbar, die im \u00f6ffentlichen Diskurs oft untergehen.<\/p>\n<p>Eine Besonderheit sticht dabei hervor: Die Autor:innen sind allesamt Nachwuchswissenschaftler:innen und kommen mit einer Ausnahme alle aus der Ukraine. Der Band nimmt damit bewusst eine Betroffenenperspektive ein und schafft Raum f\u00fcr Stimmen, \u201ewho are directly affected by the war and who are rarely given a voice in the discourse\u201c (S. 9). Damit ber\u00fchrt der Sammelband aus meiner Sicht ein Thema, das \u00fcber seinen eigentlichen Fokus hinausweist: die Frage nach der Positioniertheit von Wissenschaft. Er hinterfragt den manchmal nach wie vor stark gemachten Widerspruch zwischen Parteilichkeit und Wissenschaftlichkeit \u2013 und stellt sich mit seinen Analysen selbst in den Dienst des \u201efight for a lasting, just peace.\u201c (S. 11)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.aschendorff-buchverlag.de\/detailview?no=25097\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Christina Dietl \/ Khrystyna Fostyak \/ Thomas Schulte-Umberg \/ Olha Uhryn \/ Noreen van Elk (Hg.), War in Ukraine. Theological, Ethical and Historical Reflections, Aschendorff Verlag 2025.<\/a><\/p>\n<p>            <a href=\"https:\/\/www.feinschwarz.net\/wp-admin\/upload.php?item=68774\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n                   <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" width=\"250\" height=\"251\" class=\"wp-post-image wp-image-70481\" title=\"cof\" alt=\"cof\" data-lazy- data-lazy- data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Alexandra-Palkowitsch-e1763553998680-1016x1024-250x251.jpg\"\/>        <\/a><\/p>\n<p><strong>Alexandra Palkowitsch,<\/strong> Dr. theol., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Christlichen Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bonn.<\/p>\n<p>(Bildrechte: A. Palkowitsch)<\/p>\n<p>Titelbild: Ausschnitt aus dem Buchcover<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Als Transparenzhinweis: Ich war Mitglied des Vorbereitungsteams dieser Tagung und habe als solches auch daran teilgenommen. An der Entwicklung und Umsetzung des Sammelbandes war ich nicht beteiligt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Die Seitenzahlen in Klammer beziehen sich alle auf den Sammelband.<\/p>\n<p>                    <a href=\"#\" rel=\"nofollow\" onclick=\"window.print(); return false;\" title=\"Printer Friendly, PDF &amp; Email\"><br \/>\n                    <img decoding=\"async\" class=\"pf-button-img\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" alt=\"Print Friendly, PDF &amp; Email\" style=\"width: 66px;height: 24px;\" data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/print-button-nobg.png\"\/><br \/>\n                    <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In Wien haben sich 13 (fast ausschlie\u00dflich ukrainische) junge Wissenschaftler:innen in einem Sammelband im Nachgang zu einer Tagung&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":593093,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4012],"tags":[331,332,2989,13,4046,14,15,575,307,12,317],"class_list":{"0":"post-593092","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-ukraine","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-geschichte","11":"tag-headlines","12":"tag-krieg","13":"tag-nachrichten","14":"tag-news","15":"tag-religion","16":"tag-russland","17":"tag-schlagzeilen","18":"tag-ukraine"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115590787382844906","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/593092","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=593092"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/593092\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/593093"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=593092"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=593092"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=593092"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}