{"id":593668,"date":"2025-11-22T07:13:23","date_gmt":"2025-11-22T07:13:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/593668\/"},"modified":"2025-11-22T07:13:23","modified_gmt":"2025-11-22T07:13:23","slug":"zarenreich-in-russland-ist-einer-der-lacht-ein-schauspieler-ein-schmeichler-oder-ein-betrunkener","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/593668\/","title":{"rendered":"Zarenreich: \u201eIn Russland ist einer, der lacht, ein Schauspieler, ein Schmeichler oder ein Betrunkener\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 1839 unternahm der franz\u00f6sische Adlige Astolphe de Custine eine Reise durch Russland. Sein Buch kam auf den Index, er selbst wurde als \u201eAgent\u201c diffamiert. Seine Beobachtungen und Urteile treffen noch heute die Realit\u00e4t in Putins Reich.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">War er ein \u201eausl\u00e4ndischer Agent\u201c? F\u00fcr Putin gewiss! Wie jeder, der \u00fcber Russland schreibt, wie es ist. Und wie es war. Auch vor 180 Jahren. Deshalb hassen die Russen <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article294935\/Gefaengnis-der-Gespenster.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article294935\/Gefaengnis-der-Gespenster.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Astolphe de Custine (1790\u20131857)<\/a>. Denn \u2013 so die Bilanz seiner ausgedehnten Reise durch Russland im Jahr 1839: \u201eSie werden sich schon dadurch beleidigt f\u00fchlen, dass ich ihrer Meinung nicht bin.\u201c<\/p>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig l\u00e4sst der russische Regisseur Alexander <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/welt_print\/article3970465\/Oh-alte-Zarenherrlichkeit.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/welt_print\/article3970465\/Oh-alte-Zarenherrlichkeit.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sokurow noch 2002 in seinem Film \u201eRussische Arche\u201c<\/a>, der der Geschichte der Eremitage als Gleichnis f\u00fcr Russlands Gr\u00f6\u00dfe hymnisch huldigt, als einzigen Antagonisten einen miesepetrigen, schm\u00e4hs\u00fcchtigen Westler auftreten, der als Spottfigur f\u00fcr einen b\u00f6sartigen de Custine steht. Der Film, bemerkte ein Kritiker, \u201ewird dadurch zu einer sp\u00e4ten Rache f\u00fcr die Herabsetzung des heiligen Russland durch den westeurop\u00e4ischen Besucher.\u201c <\/p>\n<p>Astolphe de Custine entstammte dem lothringischen Adel und hatte im diplomatischen Dienst an der Seite von Charles Talleyrand am Wiener Kongress (1814\/15) teilgenommen. Wegen seiner Homosexualit\u00e4t von der besseren Gesellschaft gemieden, unternahm er zahlreiche Reisen nach England, Italien, Spanien und in die Schweiz. Die Erlebnisse verarbeitete er in Novellen, Romanen und Reiseberichten. <\/p>\n<p>Das gilt <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=HNLUAAAAMAAJ&amp;printsec=frontcover&amp;source=gbs_book_other_versions_r&amp;redir_esc=y#v=onepage&amp;q=f%C3%BCnfter%20brief&amp;f=false\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/books.google.de\/books?id=HNLUAAAAMAAJ&amp;printsec=frontcover&amp;source=gbs_book_other_versions_r&amp;redir_esc=y#v=onepage&amp;q=f%C3%BCnfter%20brief&amp;f=false&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">auch f\u00fcr die Fahrt durch Russland<\/a>, die ihn 1839 \u00fcber St. Petersburg und Moskau nach Jaroslawl, Kostroma, Nischni-Nowgorod und Wladimir f\u00fchrte. \u201eIch ging nach Russland, um Argumente gegen die repr\u00e4sentative Regierung zu suchen\u201c, begr\u00fcndete de Custine das drei Monate dauernde Unternehmen. Schlie\u00dflich waren sein Gro\u00dfvater, General der franz\u00f6sischen Revolutionsarmee, der Mainz eroberte, und sein Vater Opfer der Guillotine geworden. <\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/kolumnen\/Weltlage\/article141498528\/Man-wird-aus-den-Russen-nicht-wirklich-schlau.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/debatte\/kolumnen\/Weltlage\/article141498528\/Man-wird-aus-den-Russen-nicht-wirklich-schlau.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aber am Ende gestand er konsterniert<\/a>: Ich \u201ekomme als Anh\u00e4nger der Constitutionen zur\u00fcck\u201c. Denn: \u201eIn Russland herrscht die Milit\u00e4r-Disziplin \u2026, der Belagerungszustand als Normalzustand.\u201c Und: \u201eJede Missbilligung halten sie f\u00fcr einen Verrat; jede harte Wahrheit nennen sie eine L\u00fcge.\u201c Schlie\u00dflich: \u201eIn Russland ist einer, der lacht, ein Schauspieler, ein Schmeichler oder ein Betrunkener.\u201c <\/p>\n<p>Diese Urteile, so zeitgem\u00e4\u00df sie klingen, liest man in den Reisebriefen des franz\u00f6sischen Aristokraten \u201eLa Russie en 1839\u201c. Es sei \u201edas intelligenteste Buch, das je ein Ausl\u00e4nder \u00fcber Russland geschrieben hat\u201c, erkl\u00e4rte der russische Schriftsteller Alexander Herzen, der die Emigration in den Westen dem Leben unter dem Zaren vorzog. Es werfe \u201eeinen kritischen, aber ehrlichen Blick auf Russland\u201c <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/en\/international\/article\/2024\/07\/03\/russian-society-was-described-as-being-in-a-perpetual-state-of-siege-by-the-marquis-de-custine-as-far-back-as-1839_6676502_4.html\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.lemonde.fr\/en\/international\/article\/2024\/07\/03\/russian-society-was-described-as-being-in-a-perpetual-state-of-siege-by-the-marquis-de-custine-as-far-back-as-1839_6676502_4.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">hie\u00df es erst j\u00fcngst in \u201eLe Monde\u201c<\/a>. <\/p>\n<p>In Russland war und ist man da ganz anderer Meinung. Seinerzeit und noch heute. <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/kalenderblatt\/article171560380\/Zar-Nikolaus-I-Dekabristen-erheben-sich-gegen-den-Zaren.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/kalenderblatt\/article171560380\/Zar-Nikolaus-I-Dekabristen-erheben-sich-gegen-den-Zaren.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zar Nikolaus I., der de Custine<\/a> empfangen hatte, soll es, nach der Lekt\u00fcre nur weniger Seiten emp\u00f6rt weggeworfen und ausgerufen haben: \u201eIch allein bin schuld; ich habe den Besuch dieses Schufts unterst\u00fctzt und gef\u00f6rdert.\u201c<\/p>\n<p>Denn de Custine (1790-1857), dem nur das Wohlwollen St. Petersburgs die lange Reise erlaubte und erm\u00f6glichte, beschrieb, Erfreuliches keineswegs auslassend, dessen ungeachtet eingehend, wie sich dieses Leben abspielte: die allgegenw\u00e4rtige Tyrannei des Hofes, den Hochmut des Adels, die Rohheit der h\u00f6heren St\u00e4nde gegen\u00fcber jeglichen Untergebenen, vor allem den Leibeigenen, die allgemeine Rechtlosigkeit und Resignation angesichts solcher Willk\u00fcr. \u201eDie Furcht und die Schmeichelei der Kleinen, der Stolz und der heuchlerische Edelmut der Gro\u00dfen sind die einzigen Gef\u00fchle, welche ich bei den Menschen, die unter der russischen Autokratie leben, f\u00fcr wirklich bestehend halte.\u201c<\/p>\n<p>All das verbunden mit einer Herrschaft der L\u00fcge, des Misstrauens und des Totschweigens misslicher Zust\u00e4nde und Ereignisse. \u201eHier hei\u00dft L\u00fcgen, die Gesellschaft sch\u00e4tzen, wie die Wahrheit sagen gleichbedeutend ist mit: Den Staat umst\u00fcrzen\u201c, notiert de Custine. Weshalb jeder Ausl\u00e4nder, der das nicht akzeptiert, als Feind und Spion, eben als \u201eausl\u00e4ndischer Agent\u201c, betrachtet wird, der nur \u00dcbles im Sinn habe und die Gr\u00f6\u00dfe Russlands nicht zu w\u00fcrdigen vermag.<\/p>\n<p>Dass de Custines Buch, das 1843 erschien \u2013 und in Russland sofort auf dem Index landete \u2013, diesem Selbstbildnis abtr\u00e4glich war, wurde schnell erkannt. Der russische Botschafter in Paris Pawel Kisseljow versuchte noch im selben Jahr, Honor\u00e9 de Balzac, der 1843 einer verqueren Liebesaff\u00e4re wegen nach Russland reiste \u2013 und der bekanntlich unter argen Geldn\u00f6ten litt \u2013 zu gewinnen, \u201eeine Widerlegung des verleumderischen Buches des Monsieur de Custine schreiben zu lassen\u201c. Aber daraus wurde nichts. Und de Custines Erfahrungen, in sechs Auflagen erschienen und mehrfach \u00fcbersetzt, blieben auch in den Jahrzehnten danach einflussreich. <\/p>\n<p>George F. Kennan, amerikanischer Botschafter in der Nachkriegs-Sowjetunion und danach Berater von John F. Kennedy, registrierte, vieles, was de Custine geschildert habe, sei weiterhin charakteristisch f\u00fcr das Land unter Stalin. Und ist es wiederum unter \u201eZar\u201c Wladimir Putin. <\/p>\n<p>Deshalb wird, wer sich keinen Illusionen \u00fcber das Land hingibt, gewiss nicht de Custines Schlusssatz widersprechen: \u201eIn Russland fehlt Allem und \u00fcberall die Freiheit.\u201c Und dem f\u00fcgte er \u2013 damals so zutreffend wie heute \u2013 noch den Ratschlag hinzu: \u201eIst Ihr Sohn unzufrieden in Frankreich, so wenden Sie mein Mittel an; sagen Sie ihm: Reise nach Russland.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Jahr 1839 unternahm der franz\u00f6sische Adlige Astolphe de Custine eine Reise durch Russland. 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