{"id":595778,"date":"2025-11-23T05:38:25","date_gmt":"2025-11-23T05:38:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/595778\/"},"modified":"2025-11-23T05:38:25","modified_gmt":"2025-11-23T05:38:25","slug":"fussball-braunes-erbe-wie-der-berliner-fussball-den-nazis-diente","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/595778\/","title":{"rendered":"Fu\u00dfball \u2013 Braunes Erbe: Wie der Berliner Fu\u00dfball den Nazis diente"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img314407\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/314407.jpeg\" alt=\"Gl\u00fchender Nazi: Oskar Gl\u00f6ckler, Fu\u00dfball-Gauf\u00fchrer Berlin-Brandenburg, mit Spielern der Berliner Auswahl 1935\"\/><\/p>\n<p>Gl\u00fchender Nazi: Oskar Gl\u00f6ckler, Fu\u00dfball-Gauf\u00fchrer Berlin-Brandenburg, mit Spielern der Berliner Auswahl 1935<\/p>\n<p>Foto: Arete Verlag<\/p>\n<p>Rapid Wien war 1941 deutscher Fu\u00dfballmeister, 1938 zudem Pokalsieger \u2013 nach dem v\u00f6lkerrechtswidrigen Anschluss \u00d6sterreichs an Hitler-Deutschland und faschistischem Terror auf den Stra\u00dfen von Wien. So verzeichnen es die Statistiken des Deutschen Fu\u00dfballbundes (DFB) bis heute ganz offiziell. Auch das Logo des DFB, das 1926 in Anlehnung an germanische Runen neu entwickelt wurde, ist in seiner gezackten \u00c4sthetik bis heute mit leichten \u00dcberarbeitungen erhalten geblieben.<\/p>\n<p>Diese symbolischen Kontinuit\u00e4ten korrespondieren mit den personellen: DFB-Pr\u00e4sident war von 1925 bis 1945 Felix Linnemann, der sp\u00e4tere SS-Obersturmbannf\u00fchrer und verantwortlich f\u00fcr Deportationen von Sinti und Roma in die Vernichtungslager. Er entwarf die Mustersatzung, die Vereinen die \u00bbrassenm\u00e4\u00dfige \u00dcberpr\u00fcfung\u00ab und den Ausschluss j\u00fcdischer und politisch missliebiger Mitglieder erm\u00f6glichte. Linnemann war es auch, der Sepp Herberger 1936 zum Reichstrainer machte \u2013 dessen \u00bbSternstunde\u00ab, wie er sp\u00e4ter res\u00fcmierte. Am 1. Mai 1933 war Herberger in die NSDAP eingetreten, um bald darauf das Team des gleichgeschalteten Deutschland zu trainieren und sp\u00e4ter die Auswahl der Bundesrepublik zum \u00bbWunder von Bern\u00ab (1954) zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>L\u00fccke in der Geschichtsschreibung<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Nazi-Verstrickungen an der Spitze des DFB und vieler Vereine inzwischen beleuchtet wurden, klaffte auf der mittleren Ebene \u2013 den Landes- und Regionalverb\u00e4nden \u2013 bisher eine Leerstelle. Eine kritische Auseinandersetzung in einem Landesverband gab es schlicht nicht. Mit dem nun vorliegenden Band \u00bbEine St\u00fctze des Systems? Der Berliner Fu\u00dfball im Nationalsozialismus\u00ab \u00e4ndern Daniel K\u00fcchenmeister und Thomas Schneider dies f\u00fcr Berlin.<\/p>\n<p>Es ist ein Meilenstein, dessen sich der Berliner Fu\u00dfball-Verband (BFV) mit Stolz auf seiner Website r\u00fchmt: Als erster DFB-Landesverband \u00fcberhaupt hat der BFV eine solche wissenschaftliche Aufarbeitung der eigenen Geschichte in Auftrag gegeben. Zum Verbandstag am 22. November 2025 erscheint das Buch, das eine entscheidende Forschungsl\u00fccke schlie\u00dft. Denn gerade die Ebene der Gaue war es, die nach der faktischen Selbstaufl\u00f6sung der b\u00fcrgerlichen Verb\u00e4nde 1933 als \u00bbTransmissionsriemen\u00ab fungierte, um die politischen Vorgaben der Nazi-Diktatur bis in den kleinsten Verein durchzusetzen.<\/p>\n<p>Vom Sch\u00f6nf\u00e4rben zur Realit\u00e4t<\/p>\n<p>Das ist verdienstvoll, war aber auch bitter n\u00f6tig. Die Geschichtsschreibung des Verbandes basierte bis in die sp\u00e4ten 1990er Jahre wesentlich auf den Darstellungen des Berliner Funktion\u00e4rs Carl Koppehel. Dieser nahm unter DFB-Pr\u00e4sident Felix Linnemann eine Schl\u00fcsselrolle bei der Gleichschaltung der Vereine ein und ver\u00f6ffentlichte 1957 in der Bundesrepublik eine DFB-Geschichte, die die Rolle der Funktion\u00e4re verzerrte und besch\u00f6nigte.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>&#13;<\/p>\n<p>Das ist verdienstvoll, war aber auch bitter n\u00f6tig.<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#8211;<\/p><\/blockquote>\n<p>Bernd Schultz, heutiger BFV-Pr\u00e4sident, r\u00e4umt in seinem Gru\u00dfwort am Anfang des Buches endlich mit dieser Legende auf: Der Fu\u00dfball habe eben nicht \u00bbnur den Spielbetrieb organisiert\u00ab, sondern seit 1933 einen aktiven Beitrag zur Zerst\u00f6rung der Demokratie und zur Festigung der Diktatur geleistet.<\/p>\n<p>Spannend f\u00fcr eine gesamtdeutsche Leserschaft: Der Sammelband nimmt auch die Nachgeschichte in der DDR in den Blick. Kontinuit\u00e4ten werden hier in beiden Richtungen deutlich. So wird die Biografie des ehemaligen KZ-H\u00e4ftlings Helmut Behrendt gew\u00fcrdigt. Seine Erfahrungen als Spieler beim Arbeitersportverein Fichte S\u00fcdost Berlin brachte er sp\u00e4ter als Generalsekret\u00e4r des Nationalen Olympischen Komitees der DDR (1952\u20131973) ein. 1978 erhielt er als erster DDR-B\u00fcrger den Olympischen Orden des Internationalen Olympischen Komitees.<\/p>\n<p>Widerstand und Anpassung<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke des Bandes liegt in der Differenzierung. Er zeigt die politischen Spielr\u00e4ume in den Vereinen auf. Herausragend ist die Rekonstruktion der Gleichschaltung von Viktoria 1889. Der Verein, 1908 und 1911 noch Deutscher Meister, wurde von Otto Colosser gef\u00fchrt. Colosser, bis 1932 Reichstagsabgeordneter der liberalen Wirtschaftspartei, galt den Nazis als Gegner. Er positionierte sich 1930 \u00f6ffentlich gegen den Antisemitismus der NSDAP und lehnte das \u00bbF\u00fchrerprinzip\u00ab ab. Die Konsequenz: Im Oktober 1933 wurde sein Ausschluss aus dem DFB verk\u00fcndet, Linnemann und Koppehel rechneten \u00f6ffentlich mit ihm ab. Colosser tauchte unter, wurde denunziert und inhaftiert. Sein Schicksal steht exemplarisch f\u00fcr die Wenigen, die sich nicht widerstandslos einf\u00fcgten.<\/p>\n<p>Das von K\u00fcchenmeister und Schneider herausgegebene Buch umfasst acht Einzelbeitr\u00e4ge, unter anderem zum Verbandsstandort Wannsee und dem j\u00fcdischen Sportplatz im Grunewald. Es belegt eindr\u00fccklich, wie der organisierte Sport zur systemstabilisierenden Kraft wurde. Ein wichtiges Buch, das hoffentlich auch in den anderen DFB-Landesverb\u00e4nden Nachahmer findet.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Eine St\u00fctze des Systems? Der Berliner Fu\u00dfball im Nationalsozialismus. Hrsg. von Daniel K\u00fcchenmeister und Thomas Schneider. Arete Verlag, Hildesheim 2025, 320 S., geb., 28 \u20ac. Gef\u00f6rdert durch die Kulturstiftung des DFB und das Zentrum f\u00fcr Antisemitismusforschung an der TU Berlin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gl\u00fchender Nazi: Oskar Gl\u00f6ckler, Fu\u00dfball-Gauf\u00fchrer Berlin-Brandenburg, mit Spielern der Berliner Auswahl 1935 Foto: Arete Verlag Rapid Wien war&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":595779,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,296,1937,29,481,347,30,1597,1940,57,1938,2417],"class_list":{"0":"post-595778","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-berlin","11":"tag-berlin-news","12":"tag-deutschland","13":"tag-dfb","14":"tag-fussball","15":"tag-germany","16":"tag-juden","17":"tag-nachrichten-aus-berlin","18":"tag-nationalsozialismus","19":"tag-news-aus-berlin","20":"tag-rechtsradikalismus"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115597405081969595","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/595778","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=595778"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/595778\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/595779"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=595778"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=595778"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=595778"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}