{"id":596108,"date":"2025-11-23T09:05:30","date_gmt":"2025-11-23T09:05:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/596108\/"},"modified":"2025-11-23T09:05:30","modified_gmt":"2025-11-23T09:05:30","slug":"entrueckt-staatstheater-wiesbaden-jan-bosse-inszeniert-lucy-kirkwoods-verwirrspiel-ueber-ein-verschwoerungstheoretiker-paar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/596108\/","title":{"rendered":"Entr\u00fcckt \u2013 Staatstheater Wiesbaden \u2013 Jan Bosse inszeniert Lucy Kirkwoods Verwirrspiel \u00fcber ein Verschw\u00f6rungstheoretiker-Paar"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_titel\">Ein Chemtrail weist den Weg<\/p>\n<p>23. November 2025. Diesmal steht ihr Name drauf: Nachdem die britische Dramatikerin Lucy Kirkwood die deutsche Erstauff\u00fchrung ihres Verschw\u00f6rungstheoretiker-St\u00fccks noch unter einem Pseudonym versteckt hatte, inszeniert Jan Bosse jetzt mit offenen Karten. Verwirrend wird es trotzdem.<\/p>\n<p class=\"text_autor\">Von Martin Thomas Pesl<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" title=\"&quot;Entr\u00fcckt&quot; von Lucy Kirkwood in der Regie von Jan Bosse in Wiesbaden \u00a9 Lukas Anton\" src=\"\/images\/stories\/artikelbilder\/2025\/Wiesbaden\/Entrueckt4_1200_Lukas_Antonl.jpg#joomlaImage:\/\/local-images\/stories\/artikelbilder\/2025\/Wiesbaden\/Entrueckt4_1200_Lukas_Antonl.jpg?width=1200&amp;height=800\" alt=\"\" itemprop=\"image\" class=\"img-fluid caption\"\/><\/p>\n<p class=\"img_caption\">&#8222;Entr\u00fcckt&#8220; von Lucy Kirkwood in der Regie von Jan Bosse in Wiesbaden \u00a9 Lukas Anton<\/p>\n<p>23. November 2025.\u00a0&#8222;The rapture!&#8220; Der englische Ausruf erfolgt in einer Art rauschhafter Erwartung, Christus h\u00f6chstselbst zu begegnen. Weit weniger f\u00fcr beseeltes Exklamieren eignet sich das deutsche Wort &#8222;Entr\u00fcckung&#8220;. Und doch passt der Titel &#8222;Entr\u00fcckt&#8220; ganz gut zu Corinna Brochers \u00dcbersetzung des 2022 im Londoner Royal Court Theatre uraufgef\u00fchrten Dramas &#8222;Rapture&#8220; der Britin Lucy Kirkwood. Folgt der Text doch einem Paar, das sich \u00fcber ein Jahrzehnt hinweg in Verschw\u00f6rungsnarrative von Chemtrails bis Corona hineinsteigert.\u00a0<\/p>\n<p>Die deutschsprachige Erstauff\u00fchrung fand 2024 am Staatstheater Cottbus statt. Angek\u00fcndigt worden war damals ein St\u00fcck mit dem Titel &#8222;Verblendet&#8220; von einem gewissen Dave Davidson. Das war von der 1984 geborenen Dramatikerin vorgesehen und wurde auch bei der Urauff\u00fchrung so gehandhabt, &#8222;That Is Not Who I Am&#8220; lautete da der Fake-Titel. Es sollte der Eindruck erweckt werden, der wahre St\u00fcckinhalt sei so brisant, dass die Autorin, die sich selbst als Figur hineingeschrieben hatte, ihn lieber nicht an die gro\u00dfe Glocke h\u00e4ngen wolle.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Angelegt darauf, Fallen zu stellen<\/p>\n<p>Nun l\u00e4sst sich so ein Versteckspiel pro Auff\u00fchrungssprache nur einmal spielen. In Jan Bosses Wiesbadener Version ist vom Autor Dave Davidson also keine Rede mehr. Die &#8222;Autorin&#8220; im St\u00fcck gibt es aber weiterhin, und dass die Schauspielerinnen-Schwestern Maria und Klara W\u00f6rdemann nicht wirklich Lucy Kirkwood sind (schon gar nicht beide), die vermeintlich hier pr\u00e4sentierte &#8222;Doku&#8220; also erfunden ist, steht zu jedem Zeitpunkt au\u00dfer Zweifel.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Entrueckt2_1200_Laura_Nickel.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"533\" style=\"margin: initial; float: none; width: 100%;\" data-alt=\"Entrueckt2 1200 Laura Nickel\"\/>Auf der Suche nach den Chemtrails: Laura Talenti als Celeste Greer \u00a9 Laura Nickel<\/p>\n<p>Womit das Grundproblem des Abends identifiziert w\u00e4re. Kirkwoods Konzeption ist darauf ausgelegt, Fallen zu stellen. Zumindest die Naiveren im Publikum sollen sp\u00fcren, was es hei\u00dft, nicht mehr zu wissen, was man glauben kann. Wenn sich hier am Ende das Staatstheater offiziell von den Enth\u00fcllungen Kirkwoods \u00fcber das unter mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden ums Leben gekommene Paar distanziert (&#8222;Sie wurden ermordet!&#8220;), ist das ebenso eine Pose wie der pl\u00f6tzlich ausbrechende Streit der beiden Lucys. Im Original tritt eine von beiden \u00fcberhaupt erst kurz vor Schluss auf. Die Regie konnte wohl einfach der Versuchung nicht widerstehen, eineiige Zwillingsschwestern in derselben Rolle zu besetzen.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">\u00dcber britische Dinge<\/p>\n<p>Was den Zuschauenden also ganz real den Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegziehen sollte, bleibt hier eine bequem aus der Ferne beobachtete Beziehungsgeschichte, in Dialogen, die, typisch britisch, gut geschrieben sind, aber eben auch von britischen Dingen handeln. Die in London omnipr\u00e4sente CCTV-\u00dcberwachung kommt vor, im Lockdown wird die Downing Street zur Partyzone. Noah Quilter war vielleicht, vielleicht auch nicht mit Prinz Harry auf der Schule. Er lernt Celeste Greer \u00fcber den Matching-Algorithmus einer Dating-App kennen, gleich beim ersten Dinner klickt es trotz ihrer Nervosit\u00e4t und seiner schlechten Witze.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Entrueckt3_1200_Lukas_Anton.jpg\" alt=\"Entrueckt3 1200 Lukas Anton\" width=\"800\" height=\"533\" style=\"margin: initial; float: none; width: 100%;\"\/>Verwickeltes Verwirrspiel mit Kost\u00fcmen von Kathrin Plath \u00a9 Lukas Anton<\/p>\n<p>Mit Jan Bosse haben die seit der vorigen Spielzeit agierenden Intendantinnen einen weiteren gro\u00dfen Regienamen f\u00fcr Wiesbaden gewonnen. Dank ihm darf sich das schwierige Kurstadtpublikum von formalen Kunstanspruch Ersan Mondtags oder Marie Schleefs erholen, daf\u00fcr bekommt es sauberes Handwerk und Gesellschaftsrelevanz. Bosse beginnt den Abend in der Tradition des neuen angloamerikanischen Theaters mit einer leeren B\u00fchne. Je h\u00e4uslicher \u2013 und entr\u00fcckter \u2013 Noah und Celeste werden, desto mehr wird an Bauger\u00fcsten und Pappkartons hereingeschoben, ein Bild f\u00fcr ihre fr\u00fch einsetzende Verwahrlosung. Mal ist sie es, die sich auf irgendeine Theorie im Netz versteift, mal er. W\u00e4hrend Noah sein eigenes Drehbuch mit dem Titel &#8222;State of Awake&#8220; verfilmt, arbeitet Celeste als Krankenschwester und erlebt das Versagen des britischen Gesundheitssystems. Sie kriegen ein Kind.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Perfekte Paar-Chemie<\/p>\n<p>Obwohl den beiden zur L\u00f6sung der Weltprobleme auch nur wirre Schlagw\u00f6rter einfallen, akquirieren sie mit Online-Videos eine gro\u00dfe Gefolgschaft \u2013 entledigen sich dann aber aus Paranoia jeder Digitalit\u00e4t (wie \u00fcbrigens auch die Regie, deren Verzicht auf Videoeinsatz angesichts des Stoffs geradezu radikal anmutet). Jemand, vermutlich ein Nachbar, hat die Familie heimlich \u00fcberwacht, deshalb gibt es jetzt Zehntausende Stunden an &#8222;Quilter-Tapes&#8220;. Die Lucys zeigen uns ihre Schnittfassung des Materials und kommentieren es, schreiben manisch Daten und wahllose Stichw\u00f6rter auf die Treppenaufg\u00e4nge zur B\u00fchne, w\u00e4hrend der Thriller, den sie sich zusammenreimen, immer abstruser wird.<\/p>\n<p>Dass man ihm trotzdem im Wesentlichen gern folgt, liegt an den Quilters: Laura Talenti und Lennart Preining. Die Chemie des jungen Paares stimmt so perfekt, dass man einen kleinen Chemtrail zwischen ihnen zu bemerken meint.<\/p>\n<p class=\"text_besetzung\"><strong>Entr\u00fcckt<\/strong><br \/>von Lucy Kirkwood, Deutsch von Corinna Brocher<br \/>Inszenierung: Jan Bosse, B\u00fchne: Stephane Laim\u00e9, Kost\u00fcme: Kathrin Plath, Komposition: Arno Kraehahn, Dramaturgie: Sophie Steinbeck.<br \/>Mit: Lennart Preining, Laura Talenti, Klara W\u00f6rdemann, Maria W\u00f6rdemann.<br \/>Premiere am 22. November 2025<br \/>Dauer: 1 Stunde 55 Minuten, keine Pause<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.staatstheater-wiesbaden.de\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">www.staatstheater-wiesbaden.de<\/a><\/p>\n<p>    <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/969755724f204005a5b285ac102674b2.gif\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Chemtrail weist den Weg 23. November 2025. 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