{"id":597198,"date":"2025-11-23T20:23:32","date_gmt":"2025-11-23T20:23:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/597198\/"},"modified":"2025-11-23T20:23:32","modified_gmt":"2025-11-23T20:23:32","slug":"fast-jeder-fuenfte-leipziger-ist-arm-auch-wenn-es-statistisch-nur-gefaehrdung-heisst-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/597198\/","title":{"rendered":"Fast jeder f\u00fcnfte Leipziger ist arm, auch wenn es statistisch nur Gef\u00e4hrdung hei\u00dft \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Statistiker reden ungern von Armut, sondern lieber von Armutsgef\u00e4hrdungsquote. Denn die l\u00e4sst sich anhand der realen Einkommen berechnen. Ob sich die betroffenen Menschen dann tats\u00e4chlich als arm empfinden, ist eine andere Frage \u2013 und l\u00e4sst sich eben nicht berechnen. Auch nicht mit einem starren Wert von 60 Prozent der Durchschnittseinkommen in einer Stadt wie Leipzig. Das mittlere Netto\u00e4quivalenzeinkommen (Median) betrug in Leipzig \u00fcbrigens im Jahr 2024 rund 1.950 Euro und lag damit leicht \u00fcber dem Vorjahreswert.<\/p>\n<p>Was aber eben auch nichts dar\u00fcber aussagt, wer eigentlich beim Einkommen zugelegt hat und wer nicht. Dazu kommt \u2013 so kann man im Bericht zur B\u00fcrgerumfrage 2024 lesen: \u201eTrotz deutlicher Steigerungen in den letzten Jahren liegt das Leipziger Netto\u00e4quivalenzeinkommen immer noch unterhalb des bundesweiten Werts von 2.175 Euro (2024).\u201c<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/cf176f627f46455fbbbe039bc5285db7.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/politik\/kassensturz\/2025\/11\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/politik\/kassensturz\/2025\/11\/1\"\/><\/p>\n<p>Aber schon hier wird deutlich, wie die Einkommen in Leipzig immer deutlicher auseinander laufen: \u201eBei Betrachtung der einkommensst\u00e4rksten 20 Prozent aller Leipzigerinnen und Leipziger f\u00e4llt die dynamische Einkommensentwicklung ab 2016 ins Auge. Demgegen\u00fcber konnten die einkommensschw\u00e4chsten 20 Prozent zwar auch Einkommenszuw\u00e4chse verbuchen, die monet\u00e4re Differenz zwischen beiden Gruppen wird in absoluten Betr\u00e4gen jedoch immer gr\u00f6\u00dfer. Betrug die Einkommensdifferenz zwischen dem oberen und unteren Quintil 2014 noch circa 1.100 Euro, waren es 2024 bereits rund 1.610 Euro.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/armutsgefaehrdung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-639712 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/armutsgefaehrdung.jpg\" alt=\"Die verschiedenen Armutsgef\u00e4hrdungsquoten in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig, B\u00fcrgerumfrage 2024\" width=\"2250\" height=\"1010\"  \/><\/a>Die verschiedenen Armutsgef\u00e4hrdungsquoten in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig, B\u00fcrgerumfrage 2024<\/p>\n<p>Und auch die Einf\u00fchrung des Mindestlohns 2014 mit regelm\u00e4\u00dfigen Anpassungen auf 12,41 Euro pro Stunde und die Einf\u00fchrung des B\u00fcrgergeldes konnten die Entwicklung der absoluten Einkommensdifferenz zwischen den reichsten und \u00e4rmsten 20 Prozent nicht stoppen. Wer in schlecht bezahlten Jobs festhing, hat von den Einkommenszuw\u00e4chsen fast nichts zu sehen bekommen.<\/p>\n<p>Und das hat nun einmal mit Armut zu tun. Und zwar mit manifester Armut.<\/p>\n<p>Armutsschwelle bei 1.171 Euro<\/p>\n<p>\u201eDie Schwelle, unter der Leipzigerinnen und Leipzig als armutsgef\u00e4hrdet gelten, bemisst sich \u2013 nach lokalem Konzept \u2013 bei 60 Prozent des mittleren Netto\u00e4quivalenzeinkommens\u201c, rechnen die Autor\/-innen des Berichts zur B\u00fcrgerumfrage vor.<\/p>\n<p>\u201eEs ergibt sich ein Schwellenwert von 1.171 Euro (Kommunale B\u00fcrgerumfrage 2024). Betrachtet man hingegen den bundesweiten Median gem\u00e4\u00df Mikrozensus 2024 (Erstergebnisse), liegt die Grenze bei 1.305 Euro. Beide Ans\u00e4tze sind nachvollziehbar: Die Orientierung am lokalen Einkommensniveau ist insofern sinnvoll, als auch die Lebenshaltungskosten \u2013 insbesondere Mieten \u2013 stark von regionalen Gegebenheiten abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Zudem neigen Menschen dazu, ihr Einkommen und ihre Lebenssituation eher im Kontext ihres direkten sozialen Umfelds zu bewerten als im Vergleich zur gesamten Bundesrepublik. Daraus l\u00e4sst sich ableiten, dass eine stadtbezogene Perspektive auf Armut durchaus plausibel ist (vgl. Eichhorn, Huter &amp; Soyka, 2006).\u201c<\/p>\n<p>Aber selbst nach dem niedrigen lokalen Ma\u00dfstab ergibt sich f\u00fcr Leipzig eine Armutsgef\u00e4hrdungsquote von 19 Prozent. Und das nicht nur auf bestimmte Alterskohorten bezogen, wie man in der Grafik (ganz oben) sehen kann. Zwar scheint die Armutsgef\u00e4hrdung bei den unter 30-J\u00e4hrigen noch einmal deutlich h\u00f6her. Aber das sind nun einmal die Jahrg\u00e4nge, die noch in Ausbildung und Studium stecken und damit oft noch kein eigenes Einkommen haben.<\/p>\n<p>Erst nach dem 25. Lebensjahr geht die Kurve dann tats\u00e4chlich auf den Leipziger Durchschnittswert herunter. Aber wenn selbst bei den 30-J\u00e4hrigen eine Armutsgef\u00e4hrdungsquote von 18 Prozent ausgewiesen wird, wei\u00df man, dass sich f\u00fcr eine ganze Leipziger Gruppe die Armut tats\u00e4chlich f\u00fcrs Leben verfestigt.<\/p>\n<p>Arm auch trotz Arbeit<\/p>\n<p>Und einige Jahrg\u00e4nge haben auch heute noch mit den heftigen Einschnitten der \u201eWende\u201c-Zeit zu k\u00e4mpfen. Das sind die heute \u00e4lteren Erwerbst\u00e4tigen, zu denen der Bericht feststellt: \u201eBereits vor dem 60. Lebensjahr steigt das Risiko, von Armut betroffen zu sein, erneut an und erreicht zwischen 65 und 69 Jahren aktuell seinen H\u00f6hepunkt. Erst bei \u00e4lteren Rentnerinnen und Rentnern ist wieder eine geringe Armutsgef\u00e4hrdung zu beobachten.\u201c<\/p>\n<p>Nur: das wird so nicht bleiben. Denn immer mehr Leipziger treten mittlerweile mit so niedrigen Rentens\u00e4tzen in den Ruhestand ein, dass sie entweder gezwungen sind weiterzuarbeiten oder beim Sozialamt um Grundsicherung anzustehen.<\/p>\n<p>Und noch etwas stellt der Bericht fest: \u201eAuch mit Erwerbsarbeit besteht ein \u2013 wenn auch geringeres \u2013 Armutsrisiko. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung spricht in diesem Zusammenhang von\u00a0\u201ainwork poverty.\u2018\u00a0Bundesweit waren 2018 rund 8 Prozent der Erwerbst\u00e4tigen armutsgef\u00e4hrdet<br \/>in Leipzig lag dieser Anteil 2024 sogar bei 10 Prozent, sofern das Einkommen \u00fcberwiegend aus Erwerbst\u00e4tigkeit stammt.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr jeden zehnten Leipziger gilt also immer noch: arm trotz Arbeit.<\/p>\n<p>Und auch hier versch\u00e4rft sich die Lage, denn von den gr\u00f6\u00dferen Lohnzuw\u00e4chsen der vergangenen beiden Jahre haben vor allem die sowieso schon hohen Einkommen profitiert. Unten im Keller hat sich hingegen die Lage nicht ein bisschen entspannt.<\/p>\n<p>Mit den Worten aus dem Bericht: \u201eDas hei\u00dft, die mittleren Einkommen und die Einkommen oberhalb der Mitte haben sich zwischen 2014 und 2024 besser entwickelt als die Niedrigeinkommen. Die Folge ist eine etwas zunehmende Ungleichheit, insofern Personen mit mittleren und hohen Einkommen eine bessere Entwicklung erfahren haben als Personen mit niedrigen Einkommen. Die Einf\u00fchrung des Mindestlohns (2015) und B\u00fcrgergelds (2023) haben diese Entwicklung nicht verhindert.\u201c<\/p>\n<p>Da braucht es also andere Rezepte. Aber die wird es wohl in einem Land, in dem das Ver\u00e4chtlichmachen von B\u00fcrgergeldbeziehern zum Volkssport geworden ist (und damit das Druckmachen gerade auf die miserabel Entlohnten) nicht geben. Sodass jetzt schon absehbar ist, dass sich das Armutsproblem in Leipzig wieder versch\u00e4rfen wird. Eben bei den Leuten, die sich auch politisch nicht wehren k\u00f6nnen und sp\u00e4testens mit ihrem Rentenbescheid erfahren, wie egal sie den Politikmachern in diesem Land sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Statistiker reden ungern von Armut, sondern lieber von Armutsgef\u00e4hrdungsquote. 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