{"id":598965,"date":"2025-11-24T15:00:31","date_gmt":"2025-11-24T15:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/598965\/"},"modified":"2025-11-24T15:00:31","modified_gmt":"2025-11-24T15:00:31","slug":"kritik-zu-wir-glauben-euch-ein-gerichtssaal-als-brennglas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/598965\/","title":{"rendered":"Kritik zu Wir glauben Euch: Ein Gerichtssaal als Brennglas"},"content":{"rendered":"<p class=\"bo-p\">\u201e<b>Wir glauben Euch<\/b>\u201c, der Deb\u00fctfilm des belgischen Regieduos <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/1017533.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Charlotte Devillers<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/1017532.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Arnaud Dufeys<\/a>, der seine Weltpremiere bei der Berlinale 2025 gefeiert hat, holt aus seinem radikal reduzierten Konzept wirklich alles raus! Das Gerichtsdrama konzentriert sich auf eine ungef\u00e4hr einst\u00fcndige Anh\u00f6rung vor einer Familienrichterin in Echtzeit \u2013 ohne R\u00fcckblenden, ohne Musik, ohne narrative Abschweifungen. Die Konsequenz dieser formalen Strenge \u00f6ffnet den Blick auf einen bereits seit zwei Jahren andauernden Rechtsstreit sowie eine tragische Familiengeschichte, die sich mit jeder weiteren Stellungnahme Schicht um Schicht entfaltet. Getragen wird das Kammerspiel von einem hervorragenden Ensemble \u2026<\/p>\n<p class=\"bo-p\">\u2026 allen voran <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/615205.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Myriem Akheddiou<\/a> (\u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/219102.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Zwei Tage, eine Nacht<\/a>\u201c) als um Fassung ringende Mutter, die um das alleinige Sorgerecht und gegen ein Besuchsrecht des Vaters k\u00e4mpft. Kein Wunder also, dass \u201eWir glauben Euch\u201c beim Europ\u00e4ischen Filmfestival in Sevilla gleich mehrfach ausgezeichnet wurde: mit dem Women in Focus Award, den Preisen f\u00fcr die beste Hauptdarstellerin und das beste Drehbuch sowie mit dem Hauptpreis des Festivals, der Giraldillo de Oro. \u201eWir glauben Euch\u201c l\u00e4sst einen auch lange nach seinem Ende nicht los, zu gro\u00df ist die Wucht des juristischen Leidenswegs sowie der famili\u00e4ren Traumata, die in der Verhandlung zutage treten, w\u00e4hrend man sich als Zuschauer*in regelrecht mit im Raum w\u00e4hnt. <\/p>\n<p>                                <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"article-figure-img\" alice=\"\" akheddiou=\"\" schafft=\"\" es=\"\" mit=\"\" ihren=\"\" kindern=\"\" gerade=\"\" noch=\"\" rechtzeitig=\"\" zum=\"\" gerichtstermin.=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/6f24bb19998b3822843e13e2f7af317e.jpg\" width=\"640\" height=\"320\" alt=\"Alice (Myriem Akheddiou) schafft es mit ihren Kindern gerade noch rechtzeitig zum Gerichtstermin. \"\/><\/p>\n<p>                                    Eksystent Distribution<\/p>\n<p>                    Alice (Myriem Akheddiou) schafft es mit ihren Kindern gerade noch rechtzeitig zum Gerichtstermin. <\/p>\n<p class=\"bo-p\">Etienne (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/1000003802.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ulysse Goffin<\/a>) wirft sich schreiend zu Boden, w\u00e4hrend seine Mutter Alice (Myriem Akheddiou) verzweifelt versucht, ihn in die Stra\u00dfenbahn zu ziehen. Sie m\u00fcssen p\u00fcnktlich zur Anh\u00f6rung erscheinen, zu der auch die jugendliche Tochter Lila (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/986258.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Adele Pinckears<\/a>) mitkommt. Der abwesende Vater (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/176642.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Laurent Capelluto<\/a>), gegen den parallel auch noch ein Strafverfahren l\u00e4uft, hat ein Umgangsrecht beantragt. Obwohl der Junge die Familienrichterin schriftlich gebeten hat, dem Vater nicht begegnen zu m\u00fcssen, sitzt dieser pl\u00f6tzlich mit seiner Anw\u00e4ltin im Warteraum. Dies l\u00e4sst die ohnehin fragile Situation endg\u00fcltig eskalieren. Der folgende emotionale Ausbruch erscheint zun\u00e4chst \u00fcberzogen, beinahe hysterisch. <\/p>\n<p class=\"bo-p\">Doch mit fortschreitender Handlung wird klar, wie tief die psychologischen Verletzungen reichen. Nach dem Gespr\u00e4ch der Kinder mit dem vom Gericht gestellten Anwalt werden alle Beteiligten \u2013 neben den Eltern auch die jeweiligen Anw\u00e4ltinnen und der Pflichtvertreter der Kinder \u2013 in den grell erleuchteten, gl\u00e4sernen Sitzungssaal gerufen. Die Richterin fordert jeden der f\u00fcnf Anwesenden auf, nacheinander und m\u00f6glichst ohne Unterbrechungen durch die anderen ihre Sichtweise darzulegen. Was folgt, ist ein sich allm\u00e4hlich entfaltendes Horrorszenario, das bereits zwei Jahre andauert\u2026<\/p>\n<p>Wie unter der Lupe<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Die Kamera verbleibt fast ausschlie\u00dflich im Verhandlungsraum. Das Regieduo verweigert sich in seiner Inszenierung jeglicher Visualisierung der Vorw\u00fcrfe oder Erlebnisse. Stattdessen entfaltet sich die Geschichte fast ausschlie\u00dflich durch lange, pr\u00e4zise gesetzte Monologe. Das Kopfkino des Publikums \u00fcbernimmt die Bilderarbeit, der sterile Sitzungssaal wirkt wie ein hermetisch abgeriegeltes Brennglas \u2013 nicht nur f\u00fcr die Worte, sondern auch die Blicke und die K\u00f6rpersprache der anwesenden Personen, die oft minutenlang fokussiert werden. Die Kamera beobachtet nicht nur die Sprechenden, sondern auch jene, die schweigen m\u00fcssen \u2013 und zeigt in ihren Gesichtern Scham, Angst, Wut, Verdr\u00e4ngung und Unverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Das Ensemble tr\u00e4gt diese zur\u00fcckgenommene Inszenierung mit beeindruckender Geschlossenheit. Mit Ausnahme der von <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/97765.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Natali Broods<\/a> verk\u00f6rperten Richterin sowie den Darsteller*innen der Eltern handelt es sich bei den \u00fcbrigen Beteiligten um reale Anw\u00e4lt*innen, die die fast einst\u00fcndige Anh\u00f6rung in einem einzigen Durchgang und in Echtzeit vor drei Kameras durchspielten. So werden die Nervosit\u00e4t und die angespannte Konzentration im Raum fast schon physisch greifbar. Wie speziell Myriem Akheddiou ihre Tr\u00e4nen zur\u00fcckh\u00e4lt, ihren Ekel \u00fcber bestimmte Aussagen unterdr\u00fcckt, wie ihr K\u00f6rper zwischen Verteidigung und Zusammenbruch schwankt, ist fesselnd. Wenn die verzweifelte Mutter schlie\u00dflich selbst das Wort erh\u00e4lt und ihr Statement mit wachsender Dringlichkeit vortr\u00e4gt und schlie\u00dflich sp\u00fcrt, dass sie sich vor der Richterin vielleicht schon zu sehr ge\u00f6ffnet hat, ist dies der H\u00f6hepunkt einer ohnehin schon herausragenden Performance. <\/p>\n<p>                                <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"article-figure-img\" der=\"\" nur=\"\" minuten=\"\" lange=\"\" glauben=\"\" euch=\"\" begeistert=\"\" vor=\"\" allem=\"\" mit=\"\" seiner=\"\" inszenatorischen=\"\" strenge=\"\" die=\"\" alles=\"\" ausblendet.=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/50100578104335161e76516194d97bc4.jpg\" width=\"640\" height=\"320\" alt=\"Der nur 78 Minuten lange \u201eWir glauben Euch\u201c begeistert vor allem mit seiner inszenatorischen Strenge, die alles \u00dcberfl\u00fcssige ausblendet. \"\/><\/p>\n<p>                                    Eksystent Distribution<\/p>\n<p>                    Der nur 78 Minuten lange \u201eWir glauben Euch\u201c begeistert vor allem mit seiner inszenatorischen Strenge, die alles \u00dcberfl\u00fcssige ausblendet. <\/p>\n<p class=\"bo-p\">Das konzentriert-reduzierte Konzept ist sicherlich nicht g\u00e4nzlich neu, doch selten wurde ein Gerichtsraum so konsequent als psychologischer Resonanzk\u00f6rper genutzt. Ein weiterer kluger Kunstgriff, der verhindert, dass das Publikum zu fr\u00fch Partei ergreift, liegt auch darin, dass den beiden betroffenen Kindern erst nach der Anh\u00f6rung, wenn alle anderen Perspektiven geh\u00f6rt wurden, wirklich Leinwandzeit einger\u00e4umt wird. Auch die Aussagen der beiden Jugendlichen werden zun\u00e4chst nur gefiltert \u00fcber den vom Gericht gestellten Vertreter der Kinder verhandelt, der diese zuvor zusammen ohne ihre Eltern in einem gesonderten Raum zur Situation und ihren W\u00fcnschen und Erwartungen befragt hat. <\/p>\n<p class=\"bo-p\">\u00dcber den eigentlichen Inhalt der Aussagen und das sich langsam aufkl\u00e4rende Familiendrama, das in dem Gerichtstermin verhandelt wird, sollte vorab m\u00f6glichst wenig verraten werden. Der Film lebt schlie\u00dflich auch davon, dass sich die moralische und emotionale Komplexit\u00e4t erst durch die nacheinander freigelegten Perspektiven erschlie\u00dft. Dabei w\u00e4re das sicherlich auch ideal f\u00fcr eine Theaterb\u00fchne geeignet. Letztlich erweist sich gerade der strenge Rahmen als gro\u00dfe St\u00e4rke des Films: Die Beschr\u00e4nkung auf die Worte und Blicke von f\u00fcnf Personen in einem einzigen Zimmer schr\u00e4nkt die Erz\u00e4hlung hier nicht ein, sondern l\u00e4sst sie nur umso intensiver wirken. <\/p>\n<p class=\"bo-p\"><b>Fazit: Konzentriert, hervorragend gespielt und zum Ende hin schmerzhaft beklemmend: \u201eWir glauben Euch\u201c ist ein herausragendes Familiengerichtskammerspiel, das quasi in Echtzeit von famili\u00e4ren Wunden und der Ohnmacht des Justizsystems erz\u00e4hlt. Ein Film, der mit der Kraft seiner Worte und Darsteller*innen \u00fcberw\u00e4ltigt und nachhallt.<\/b><\/p>\n<p class=\"bo-p\">Wir haben \u201eWir glauben Euch\u201c beim Filmfest Sevilla gesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eWir glauben Euch\u201c, der Deb\u00fctfilm des belgischen Regieduos Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys, der seine Weltpremiere bei der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":598966,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1771],"tags":[1778,29,214,30,95,1777,215],"class_list":{"0":"post-598965","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-cinema","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kino","13":"tag-movie","14":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115605276450227356","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/598965","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=598965"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/598965\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/598966"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=598965"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=598965"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=598965"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}