{"id":599170,"date":"2025-11-24T17:06:16","date_gmt":"2025-11-24T17:06:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/599170\/"},"modified":"2025-11-24T17:06:16","modified_gmt":"2025-11-24T17:06:16","slug":"28-punkte-spaeter-drei-schlechte-optionen-fuer-europa-aussen-und-sicherheitspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/599170\/","title":{"rendered":"28 Punkte sp\u00e4ter: Drei schlechte Optionen f\u00fcr Europa \u2013 Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Die 28 Punkte machen noch keinen Frieden, sie sind nicht einmal ein Plan. Die Trumpsche Diplomatie hat den klassischen Verhandlungsprozess auf den Kopf gestellt und damit gerade die europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Bisher wurden Friedenspl\u00e4ne lange und gr\u00fcndlich vorbereitet und in zahlreichen Schleifen zwischen Au\u00dfenministerien feingeschliffen, bevor sie auf dem Tisch der Entscheidungstr\u00e4ger landeten. Die neue US-Administration hat dagegen eine Art privater Abk\u00fcrzungsdiplomatie ins Leben gerufen, die bereits in Gaza zur Anwendung kam. Pers\u00f6nlich vom Pr\u00e4sidenten autorisierte Unterh\u00e4ndler vereinbaren etwas, das in der Automobilindustrie einer Designstudie entspr\u00e4che: eine aufregend gezeichnete Vorstellung davon, wie das neue Modell aussehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Diese Skizze ist nun Gegenstand einer sehr intensiven \u00f6ffentlichen Debatte; zentrale Fragen bleiben dabei notwendigerweise ungekl\u00e4rt. Was der Friedensdesignstudie fehlt, sind eine Struktur zur Kl\u00e4rung der oft entscheidenden Details und auch zur Umsetzung. Inwiefern die 28 Punkte tats\u00e4chlich einen Weg zum Frieden ebnen k\u00f6nnen, h\u00e4ngt von drei zentralen Aspekten ab: Erstens stellt sich die Frage, inwiefern die Substanz der Designskizze als Ausgangsbasis f\u00fcr weitere Verhandlungen tragf\u00e4hig ist. Zweitens ist offen, wie Europa und die Ukraine den weiteren Prozess mitgestalten und in ihrem Sinne beeinflussen k\u00f6nnen. Drittens wird entscheidend sein, inwiefern die Administration Trump bei ihrem Versuch, Frieden zu schaffen, auch bei der Stange bleibt.<\/p>\n<p>Viele der Reaktionen auf die 28 Punkte konzentrieren sich auf besonders verst\u00f6rende Einzelaspekte und vermutete russische Maximalforderungen. K\u00fchler betrachtet muss man jedoch feststellen, dass einige der 28 Punkte mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in jedem k\u00fcnftigen Friedensplan auftauchen werden und daher Ansatzpunkte f\u00fcr weitere Verhandlungen bieten. Dazu geh\u00f6ren die territorialen Regelungen, Sicherheitsgarantien f\u00fcr die Ukraine, die Gr\u00f6\u00dfe und Bewaffnung der ukrainischen Armee, die Rolle der NATO, ein Pfad zum Wiederaufbau sowie die Sanktionen gegen Russland.<\/p>\n<p>Die Ukraine wird angesichts der milit\u00e4rischen Lage nicht darum herumkommen, einen Teil ihrer besetzten Gebiete faktisch Russland zu \u00fcberlassen. Im Gegenzug dazu ben\u00f6tigt sie m\u00f6glichst glaubw\u00fcrdige Sicherheitsgarantien. Die bislang nur vage formulierte M\u00f6glichkeit, dass die USA Teil dieser Sicherheitsgarantien sein k\u00f6nnten, ist ein Fortschritt angesichts der bisherigen Positionen von Donald Trump. Auch die avisierte St\u00e4rke der ukrainischen Armee von 600 000 Soldatinnen und Soldaten ist positiv zu bewerten; immerhin hatte das Land vor 2022 nur 250 000 unter Waffen.<\/p>\n<p>Im Falle der NATO-Mitgliedschaft der Ukraine decken sich die Positionen der aktuellen US-Regierung und Russlands. Es kann also nicht \u00fcberraschen, dass diese hier so kategorisch ausgeschlossen wird. Die Ideen zum Wiederaufbau unter Verwendung der eingefrorenen russischen Verm\u00f6genswerte plus eines substanziellen europ\u00e4ischen Beitrags spiegeln am deutlichsten wider, wer diese Punkte ausgearbeitet hat: die Business Buddies der beiden Pr\u00e4sidenten. F\u00fcr Donald Trump ist eine Art Gewinnbeteiligung zentral \u2013 und wenn dies zus\u00e4tzlich mit dem Geld anderer Leute gelingen kann, umso besser.<\/p>\n<p>F\u00fcr Europa und die Ukraine stellt sich nun die Frage, wie mit diesem Vorschlag umgegangen werden kann. Unmittelbar hat die Ver\u00f6ffentlichung der russisch-amerikanischen Vorschl\u00e4ge Emp\u00f6rung und Entsetzen hervorgerufen. Hektische Diplomatie folgte, und ein Treffen in Genf wurde rasch anberaumt. Dessen Ergebnis ist offenbar eine Version 2.0 der 28 Punkte. Europa und die Ukraine haben gute Miene zum b\u00f6sen Spiel gemacht, die Vorschl\u00e4ge als gute Ausgangslage f\u00fcr Frieden bezeichnet und dennoch eine \u201eTrack-and-Changes\u201c-Version mit viel Markup (Merz) vorgelegt.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Europa hat sich einer eigenen Verhandlungsschiene mit Russland beraubt, indem jeder Dialog mit Putin abgelehnt wird.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Damit werden in Teilen Gegengebote formuliert, etwa eine Obergrenze der ukrainischen Armee von 800 000 statt 600 000 Soldaten oder die Formulierung, dass eine NATO-Mitgliedschaft derzeit nicht umsetzbar sei, aber nicht ausgeschlossen werde. Zus\u00e4tzlich sollen vor allem die Punkte zu Sanktionen und Reintegration Russlands in die Weltwirtschaft so formuliert werden, dass jedes Entgegenkommen zur\u00fcckgenommen werden kann, sollte Russland den Frieden wieder verletzen. Zudem versuchen die Ukraine und seine Verb\u00fcndeten zu verhindern, dass sich bei der Verfolgung von Kriegsverbrechen eine \u201eSchwamm-dr\u00fcber\u201c-Logik durchsetzt. Die direkte Reaktion aus Moskau darauf ist ein erwartbares \u201eNjet\u201c.<\/p>\n<p>Kanzler Merz und seine Mitstreiter plagt ein fundamentales Problem: Sie k\u00f6nnen nur reagieren, nicht agieren. Europa hat sich einer eigenen Verhandlungsschiene mit Russland beraubt, indem jeder Dialog mit Putin abgelehnt wird. Eine gemeinsame Verhandlungsposition, die unter den aktuellen Bedingungen umsetzbar w\u00e4re, wird ebenfalls nicht vorgelegt. Oder wie es Au\u00dfenminister Wadephul im vierten Kriegsjahr <a href=\"https:\/\/www.deutschland.de\/de\/news\/merz-spricht-mit-trump-ueber-us-friedensplan\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">offenherzig ausdr\u00fcckt<\/a>: \u201eAber wir brauchen Zeit, nachzudenken, was eine verl\u00e4ssliche Grundlage sein kann f\u00fcr einen dauerhaften Frieden.\u201c<\/p>\n<p>Dass sie zugleich die Bedingungen eines Friedens mitgestalten wollen, erscheint unter diesen Umst\u00e4nden reichlich bizarr. Denn mit ihrer Verweigerungshaltung machen sie es den USA und Russland leicht, Europa zu vernachl\u00e4ssigen oder gar zum Erf\u00fcllungsgehilfen des eigenen Deals herabzustufen. Sowohl Putin als auch Trump neigen dazu, Europa geringzusch\u00e4tzen oder gar zu verachten. Aus dieser Position heraus m\u00fcssen die Europ\u00e4er mit dem Fait accompli der 28 Punkte umgehen, ohne als Friedensverhinderer oder beleidigte Leberw\u00fcrste dazustehen.<\/p>\n<p>Das Problem dabei ist die Unberechenbarkeit des amerikanischen Pr\u00e4sidenten, der zugleich zentral f\u00fcr einen Friedensschluss ist. Ein Scheitern der 28 Punkte als Weg zum Frieden oder auch nur ihre \u00dcberf\u00fchrung in einen geordneten, aber langsamen b\u00fcrokratischen Prozess k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, so die Bef\u00fcrchtung, dass Trump die Flinte ins Korn wirft. Das Schicksal der Ukraine w\u00fcrde dann vollst\u00e4ndig Europa \u00fcberlassen \u2013 und in der zynischsten Variante w\u00fcrden die Wirtschaftsbeziehungen der USA mit Russland trotzdem wieder in Gang gesetzt. Damit w\u00fcrden zentrale Hebel f\u00fcr eine sichere Zukunft der Ukraine verloren gehen.\u00a0Immerhin erh\u00f6ht eine Beteiligung der USA an einem Friedensprozess zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass Russland sich an die Vereinbarungen h\u00e4lt. Ganz konkret: Eine Sicherheitsgarantie der USA d\u00fcrfte in Moskau anders bewertet werden als eine europ\u00e4ische, und Sanktionen tun deutlich mehr weh, wenn sie auch den Handel mit den USA umfassen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Diese Form der Shuttle-Diplomatie unter den Augen der \u00d6ffentlichkeit ist f\u00fcr Putin nahezu ideal.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wie kann es also weitergehen? Die Arbeit an der Designstudie wird fortgesetzt: nicht nur am Wochenende in Genf, sondern auch in den kommenden Tagen werden die Gespr\u00e4che zwischen den USA und der Ukraine intensiviert werden. Diese Form der Shuttle-Diplomatie unter den Augen der \u00d6ffentlichkeit ist f\u00fcr Putin nahezu ideal. Er kann in Ruhe analysieren, wie sich die einzelnen Akteure positionieren und vor allem, wie sich die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse am entscheidenden Ort, n\u00e4mlich in Washington, darstellen. Er hat deutlich gemacht, dass er zwar offen f\u00fcr Frieden ist, den Krieg aber auch problemlos weiterf\u00fchren kann, immerhin sieht er sich auf der Siegerstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Europa hat es weniger bequem. Es hat sich paradoxerweise bisher darauf verlassen, dass Donald Trump f\u00fcr sie verhandelt. Dadurch haben die Europ\u00e4er faktisch die Wahl zwischen drei schlechten Optionen.<\/p>\n<p>Eine M\u00f6glichkeit ist es, weiterhin auf Trump zu vertrauen und darauf zu hoffen, die eigenen Positionen doch noch irgendwie in Washington einbringen zu k\u00f6nnen. Eine dadurch wahrscheinliche L\u00f6sung, bei der Europa zahlt und die USA verdienen, w\u00e4hrend die Ukraine unzureichend gesichert ist, w\u00e4re jedoch Wasser auf die M\u00fchlen europ\u00e4ischer Populisten. Eine zweite Option w\u00e4re, einen europ\u00e4ischen Sondergesandten zu benennen, der in allen weiteren Verhandlungen europ\u00e4ische Interessen direkt in den Prozess einbringt. Daf\u00fcr m\u00fcsste allerdings schleunigst \u2013 und wohl in absehbar heftigen internen Debatten \u2013 gekl\u00e4rt werden, was Europa eigentlich erreichen will. Die von Au\u00dfenminister Wadephul angemahnte Zeit ist n\u00e4mlich weitgehend abgelaufen.<\/p>\n<p>Die dritte M\u00f6glichkeit f\u00fcr Europa besteht darin, die 28 Punkte zu sabotieren, um einen aus europ\u00e4ischer Sicht ungerechten Frieden zu verhindern.<\/p>\n<p>Die direkten Folgen der europ\u00e4ischen Entscheidungen wird die Ukraine tragen m\u00fcssen. Denn auch wenn die 28 Punkte heftig und vollkommen zu Recht kritisiert werden, so sind sie doch bislang der ernsthafteste und realistischste Versuch, den Krieg zu beenden und dabei die Souver\u00e4nit\u00e4t der Ukraine zu bewahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die 28 Punkte machen noch keinen Frieden, sie sind nicht einmal ein Plan. 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