{"id":600384,"date":"2025-11-25T05:30:24","date_gmt":"2025-11-25T05:30:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/600384\/"},"modified":"2025-11-25T05:30:24","modified_gmt":"2025-11-25T05:30:24","slug":"haeusliche-gewalt-mama-war-die-sklavin-wie-sich-mutter-und-sohn-aus-der-gewalt-befreiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/600384\/","title":{"rendered":"H\u00e4usliche Gewalt: \u201eMama war die Sklavin\u201c \u2013 wie sich Mutter und Sohn aus der Gewalt befreiten"},"content":{"rendered":"<p>Schl\u00e4ge, Schnitte, W\u00fcrgemale. Mehr als 20 Jahre lang wurde Ayten von ihrem Mann drangsaliert. Heute machen sie und Sohn Battal aus der Region Stuttgart Betroffenen Mut.<\/p>\n<p>Es ist eine Liebesgeschichte, die in Gewalt endete. Ayten war mehr als 20 Jahre Opfer h\u00e4uslicher Gewalt. Der T\u00e4ter: ihr eigener Partner. Kennengelernt hatten sie sich 1994, zusammengekommen waren sie 1998. Der Anfang ihrer Beziehung ist von Liebe erf\u00fcllt, findet Ayten. Nach anderthalb Jahren f\u00e4ngt der Terror an. Der T\u00e4ter tut ihr alle Formen von Gewalt an: Schl\u00e4ge, Schnitte, Drohungen, Isolation. Als h\u00e4tte er sie studiert. <\/p>\n<p>Jede vierte Frau zwischen 16 bis 85 Jahren wurde laut dem Bundesamt f\u00fcr Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben bereits einmal von einem Lebensgef\u00e4hrten oder Ex-Partner misshandelt, hat k\u00f6rperliche, sexuelle oder psychische Gewalt erfahren. Auch in Baden-W\u00fcrttemberg steigen die Zahlen von h\u00e4uslicher Gewalt. Im Sicherheitsberichts 2024 des Innenministeriums wurden 18.538 betroffene Frauen erfasst. Sch\u00e4tzungen zufolge liegt die Dunkelziffer weitaus h\u00f6her. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.femizide-untersuchtt-mord-in-der-familie-toetungen-aus-eifersucht-und-besitzdenken.940531af-fa69-4e7c-a5f7-93e1e5b264f8.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">20 bis 30 Frauen werden in Baden-W\u00fcrttemberg pro Jahr get\u00f6tet<\/a>. <\/p>\n<p>Zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November fordert der Parit\u00e4tische Wohlfahrtsverband Baden-W\u00fcrttemberg deshalb mehr <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.orange-the-world-aktion-gegen-gewalt-an-frauen-un-women-startet-kampagne.6d852005-0acf-4d0d-832d-ec299e8dc23f.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Schutz von und Unterst\u00fctzung f\u00fcr Betroffene<\/a>, beispielsweise durch den Ausbau von Schutzpl\u00e4tzen und Beratungsstellen.<\/p>\n<p> <b>\u201eAlles geh\u00f6rte ihm, inklusive wir\u201c<\/b> <\/p>\n<p>Ayten ist eine dieser Betroffenen in Baden-W\u00fcrttemberg. Sie schuftete in den L\u00e4den ihres Ex-Partners, im Haushalt und versorgte die gemeinsamen drei Kinder. \u201eMama war die Sklavin. Es gab eine Zeit, da wurde ich drei Monate lang von ihr weggenommen, damit sie arbeiten kann. In der Zeit haben wir uns nicht gesehen\u201c, erz\u00e4hlt der heute 25-j\u00e4hrige Sohn Battal. Von klein auf bekommt er als \u00e4ltestes Kind die Gewalt gegen seine Mutter mit \u2013 und bleibt selbst nicht verschont. <\/p>\n<p>Jeden Tag gab es Streit oder Schl\u00e4ge, sagt er. Battal musste vor der T\u00fcr warten, bis die Exzesse des Vaters vorbei waren. Als er \u00e4lter wurde, musste er mit ins Zimmer. Andere V\u00e4ter nehmen ihre Kinder mit zum Fu\u00dfball. Der Sohn sollte vom Vater lernen, wie man eine Frau schl\u00e4gt, um ein richtiger Mann zu werden. <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/media.media.6bff7631-76d1-4d9e-af2f-e29dbbcbb217.original1024.media.jpeg\"\/>     Am 25. November wird jedes Jahr in ganz Deutschland gegen Gewalt gegen Frauen demonstriert.    Foto: IMAGO\/NurPhoto\/IMAGO\/Ying Tang    <\/p>\n<p>Ayten hatte mehrfach eine gebrochene Nase, Faustschl\u00e4ge und Messerschnitte zeichneten ihren K\u00f6rper. Ihr Mann w\u00fcrgte sie. Wenn die Gewalt aus ihm herausbrach, verwandelte er sich, erinnert sich Ayten: \u201eDas hat man an den Augen gesehen. Sie wurden schwarz. Wie in den Filmen, d\u00e4monisch.\u201c Battal unterbricht seine Mutter ab und zu. Als wollte er ihr die Schwere nehmen, die Geschichte allein zu erz\u00e4hlen. Er erinnert sich, dass der Vater drohte, jemand zu engagieren, der sie umbringt.<\/p>\n<p>\u201eEines Nachts ist mir mein Vater mit einem Messer an den Hals gegangen. Und dann sa\u00df er dort die ganze Nacht neben mir.\u201c Seine Mutter habe sich dazwischen gestellt. Zu diesem Zeitpunkt war sie schwanger mit einem M\u00e4dchen. \u201eAls er das erfuhr, empfand er nur Hass\u201c, sagt sie. Ab dem f\u00fcnften Monat bis zur Geburt lie\u00df ihr Mann sie ganze N\u00e4chte auf einem Stuhl sitzen. Schwanger, mit Schmerzen und wie paralysiert von der steifen Sitzhaltung.<\/p>\n<p>Oft wurde Ayten von ihren Kindern isoliert. Sie sollten ihre Mutter \u201eso\u201c nicht sehen, \u00fcbers\u00e4t mit Verletzungen. Sie erz\u00e4hlt und h\u00e4lt dabei ein kleines, gr\u00fcnes S\u00e4ckchen mit Heilsteinen in der Hand. Das habe ihr Battal mal geschenkt. <\/p>\n<p> <b>Die Illusion zerbricht<\/b> <\/p>\n<p>Der Raum, in dem das Gespr\u00e4ch mit Ayten und Battal stattfindet, ist sehr ruhig. Es regnet an diesem tr\u00fcben Montagmorgen. Drau\u00dfen ist es nass, die Stra\u00dfen sind voll mit Pf\u00fctzen. Wie das Licht im Regenwasser spiegeln sich in Aytens Geschichte Scham und Schuld. Besonders in dem Moment, als ihr bewusst wurde, dass sie sich wehren muss. <\/p>\n<p>Der Wendepunkt kam, als Battal sieben oder acht Jahre alt war. Er sagte zu seiner Mutter: \u201eMama, du bist schuld. Weil du ihn nicht anl\u00e4chelst. Weil du immer so ernst bist.\u201c Damals, so sagt es Ayten, sei ihre Illusion zerbrochen, dass sie vor ihren Kindern eine Fassade aufrechterhalten kann. Sie begann mit Battal zu reden, zu erkl\u00e4ren, wie sie die <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.veranstaltungsreihe-gewalt-kann-in-stuttgart-jeden-und-jede-treffen.94f3e6ac-32d3-45d5-801b-c376ba886ffd.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Gewalt erlebt.<\/a> Fortan schmiedete sie Pl\u00e4ne, wie Mutter und Kinder entkommen k\u00f6nnten. <\/p>\n<p> <b>Ihre Tr\u00e4ume sind nicht gro\u00df, es soll nur die Freiheit sein<\/b> <\/p>\n<p>Aber erst, als Battal 18 Jahre alt ist, unternimmt Ayten mit den drei Kindern einen ersten Fluchtversuch. Nachdem der Vater Battal nachts auf den Balkon gezerrt und stundenlang in der K\u00e4lte festgehalten hatte, packt Ayten am n\u00e4chsten Morgen ihre Kinder und f\u00e4hrt zur Polizei. Auf dem Weg halten sie, gehen zum ersten Mal gemeinsam in ein Restaurant. Sie habe ihren Kindern dadurch die Angst nehmen wollen, erz\u00e4hlt Ayten. Der erste Geschmack von Freiheit: Schnitzel und Pommes. <\/p>\n<p>Doch die erhoffte Hilfe der Polizei bleibt aus. Ein Wohnungsverweis gelte nur drei Tage, erkl\u00e4rt man ihr, und an einem Sonntag k\u00f6nne die Polizei sie nicht in ein Frauenhaus bringen \u2013 die H\u00e4user h\u00e4tten sonntags geschlossen. Eine Falschinformation, wie sich sp\u00e4ter heraus stellt. Ohne Hilfe f\u00e4hrt Ayten mit ihren Kindern wieder nach Hause.<\/p>\n<p>Eine Situation, die Katrin Lehmann vom Parit\u00e4tischen Wohlfahrtsverband Baden-W\u00fcrttemberg kennt. Der Schutz vor Gewalt liege noch immer zu stark in der Verantwortung der Betroffenen, sagt sie. Der Wohnungsverweis werde von der Polizei nicht richtig kontrolliert, bei Verst\u00f6\u00dfen m\u00fcssten die Frauen selbst anrufen, und auch erneute Strafanzeigen l\u00e4gen in ihren H\u00e4nden. <\/p>\n<p>Der Verband fordert deshalb die Umsetzung des Gewalthilfegesetzes, den Ausbau von Frauen- und Kinderschutzh\u00e4usern und mehr spezialisierte Fachberatungsstellen. Das Gesetz soll erstmals einen bundesweiten Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung schaffen und Bund sowie L\u00e4nder verpflichten, gen\u00fcgend Frauenhauspl\u00e4tze und Fachberatungsstellen zu finanzieren. <\/p>\n<p>Ayten schafft es erst im April 2021, erneut zu fliehen. Damals eskaliert die Situation einmal mehr: In der K\u00fcche versucht ihr Mann, Ayten zu schlagen und zu w\u00fcrgen, greift nach einem Messer. Die Kinder st\u00fcrmen herein. In diesem Moment wehrt Ayten sich zum ersten Mal und dr\u00e4ngt ihren Mann hinaus. In der Zwischenzeit ruft Battal die Polizei. Als die Beamten eintreffen, bricht der T\u00e4ter zusammen. \u201eWie ein Schuljunge\u201c, sagt der Sohn. <\/p>\n<p> <b>Anderen Mut machen<\/b> <\/p>\n<p>Nach dem Umzug in die N\u00e4he von <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/stuttgart\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Stuttgart<\/a> beginnt f\u00fcr Mutter und Kinder ein neues Leben. Zum ersten Mal erfahren sie Unterst\u00fctzung von au\u00dfen: Beim Verein \u201eFrauen helfen Frauen\u201c wird ihnen zugeh\u00f6rt, man glaubt ihnen, begleitet sie. \u201eIch habe stundenlang meine Geschichte erz\u00e4hlt\u201c, sagt Ayten. Sie zeigt ihren Ex-Partner an.<\/p>\n<p>Vor sieben M\u00e4nnern im Gericht muss Ayten unter anderem \u00fcber die sexualisierte Gewalt sprechen, die sie erlebt hat. F\u00fcr drei Delikte aus zwanzig Jahren Beziehung wird ihr ehemaliger Partner im Januar 2025 zu vier Jahren auf Bew\u00e4hrung verurteilt. \u201eIn diesem Moment wurde uns klar, dass wir selbst f\u00fcr Gerechtigkeit sorgen m\u00fcssen\u201c, sagen Mutter und Sohn.<\/p>\n<p>Das tun sie heute mit ihrem Verein Kolibri. Mit Kunstaktionen und Veranstaltungen setzen Ayten und Battal ein Zeichen gegen h\u00e4usliche Gewalt, geben Betroffenen Mut und eine Stimme. F\u00fcr ihr Engagement wurden sie bereits von K\u00f6nigin Silvia von Schweden ausgezeichnet. \u201eIch m\u00f6chte, dass jede Frau wei\u00df, dass sie nicht allein ist. Sie muss sich nicht sch\u00e4men\u201c, sagt Ayten. Und Battal erg\u00e4nzt: \u201eIch verspreche jedem Kind, dass ich alles daf\u00fcr gebe, dass es nicht erleben muss, was ich erlebt habe.\u201c<\/p>\n<p> Hilfe f\u00fcr Frauen <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Hilfetelefon<\/strong><br \/>Betroffene Frauen finden Hilfe. Unter anderem am Hilfetelefon \u201eGewalt gegen Frauen\u201c, Telefon 116 016 (t\u00e4glich 12-20 Uhr). Au\u00dferdem ist der Verein \u201eFrauen helfen Frauen\u201c in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a> eine Anlaufstelle, unter anderem mit seiner Beratungsstelle (Telefon 0711\/649 45 50). Weitere Informationen auf der <a href=\"https:\/\/www.fhf-stuttgart.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Homepage des Vereins.<\/a>\u00a0<\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Demonstration in Stuttgart<\/strong><br \/>Der 25. November ist der Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. In Stuttgart beginnt um 17.30 Uhr eine Kundgebung mit Demonstration am Wilhelmsplatz in Stuttgart-Mitte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Schl\u00e4ge, Schnitte, W\u00fcrgemale. Mehr als 20 Jahre lang wurde Ayten von ihrem Mann drangsaliert. 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