{"id":606251,"date":"2025-11-27T14:20:17","date_gmt":"2025-11-27T14:20:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/606251\/"},"modified":"2025-11-27T14:20:17","modified_gmt":"2025-11-27T14:20:17","slug":"was-ein-herabgerutschter-traeger-anrichten-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/606251\/","title":{"rendered":"Was ein herabgerutschter Tr\u00e4ger anrichten kann"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspANhu tspANhv\">Vielleicht hat man ihm das ber\u00fchmte Gem\u00e4lde der \u201eMadame X\u201c mit dem herabgerutschten Tr\u00e4ger nie ganz verziehen. Oder vielmehr das s\u00e4uerliche Bild, das die ansonsten lebenslustige Pariser High Society damals von sich selbst abgab, als sie das Portr\u00e4t der Amerikanerin im tief dekolletierten Abendkleid skandalisierte. Knapp 150 Jahre ist es her, dass John Singer Sargent (1856\u20131924) das Werk im Pariser Salon pr\u00e4sentierte und damit zum Aufreger der Saison machte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/geschichte\/?icid=single-topic_14935376___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspBRlx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mehr Geschichte, von kiezig bis international, lesen Sie hier auf Tagesspiegel.de <\/a><\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Von den heftigen Reaktionen \u00fcberrascht, retuschierte er reum\u00fctig das lebensgro\u00dfe Portr\u00e4t der verf\u00fchrerischen Gattin eines reichen Reeders und r\u00fcckte ihren mit Strass besetzten Tr\u00e4ger wieder ordentlich zurecht. Dazu anonymisierte er den im Titel genannten Namen, um das 25-j\u00e4hrige Modell vor \u00fcbler Nachrede zu sch\u00fctzen. <\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Bis heute dauerte es jedenfalls, ein Jahrhundert nach seinem Tod in London, dass Frankreich den amerikanischen Maler mit einer Einzelausstellung ehrt, der in Gro\u00dfbritannien und den Vereinigten Staaten l\u00e4ngst zu den popul\u00e4rsten K\u00fcnstlern des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts geh\u00f6rt. Dabei begann seine Karriere in Frankreich, genauer: in Paris. Dort war er f\u00fcr ein Jahrzehnt als Portr\u00e4tist Darling der Reichen und Sch\u00f6nen und malte die Nouveaux Riches aus den USA wie die Vertreter des alteingesessenen Adels.<\/p>\n<p> In Paris startete der junge Singer Sargent durch <\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Der in Florenz geborene Sohn reiselustiger Amerikaner zeigte fr\u00fch k\u00fcnstlerisches Talent, sodass seine Eltern ihn in der franz\u00f6sischen Hauptstadt professionell ausbilden lassen wollten. Denn hier erteilte <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/ausstellungen\/das-licht-der-moderne-6772855.html?icid=in-text-link_14935376\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der gefragte Maler Carolus-Durans<\/a> in seinem Atelier Privatunterricht, hier gab es die staatliche \u00c9cole des Beaux-Arts, die Singer Sargent sofort aufnahm. Der 18-J\u00e4hrige verbl\u00fcffte mit seinen aus Rom mitgebrachten Zeichnungen italienischer Antiken, den schmeichelnden Schattenw\u00fcrfen und gekonnten Perspektiven, und durfte als Sch\u00fcler bleiben. <\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Die fr\u00fchen Zeichnungen h\u00e4ngen zu Beginn der neunzig Werke umfassenden Schau im Mus\u00e9e d\u2018Orsay, die um Singer Sargents Pariser Produktion kreist. Viele Bilder kehren zum ersten Mal wieder zur\u00fcck nach Frankreich. Heute wird der K\u00fcnstler vor allem als Chronist der Belle Epoque gesch\u00e4tzt, der noch einmal alle Malkunst aufbietet, um mit schwelgerischen Farben und einer frappierenden Pr\u00e4senz die konkurrierende Fotografie in ihre Schranken zu weisen. Das Altmeisterliche gelangt bei ihm zu einer letzten Bl\u00fcte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/15-portraits-de-m-e-douard-p-ailleron-et-de-mlle-marie-l-ouise-p-ailleron.jpeg\" alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-14947844\" width=\"620\" height=\"539\" loading=\"lazy\" class=\"tspA7jr\"\/> Ernste Kinder: Insgesamt 83 Mal mussten der 15-j\u00e4hrige \u00c9douard und die zehnj\u00e4hrige Marie-Louise Pailleron zu Singer Sargent 1880\/81 ins Studio f\u00fcr ihr Geschwisterbild, was vielleicht die angespannte Stimmung erkl\u00e4rt.  <\/p>\n<p class=\"tspAOhz\"> \u00a9 2025 Museum of Fine Arts, Boston <\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Die neuesten Entwicklungen, Neo-Impressionismus, Pointillismus, interessierten den jungen Maler nicht. Nur ein einziges Bild zeigt ein klassisches Gro\u00dfstadtmotiv jener Zeit: Spazierg\u00e4nger im Jardin du Luxembourg, die bei seinen Zeitgenossen sehr viel mehr en vogue waren. Singer Sargent scherte sich nicht darum und lie\u00df sich zu Freiluftbildern lieber auf seinen vielen Reisen inspirieren, die er von Paris aus antrat.<\/p>\n<p> Die Ausstellung <\/p>\n<p class=\"tspANhu\"><strong>John Singer Sargent. Schillerndes<\/strong> Paris. Mus\u00e9e d\u2019Orsay, Paris, bis 11. Januar. Katalog (Galimard) 45 \u20ac.<\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Aus der Bretagne und Venedig, vor allem den L\u00e4ndern des Mittelmeers, brachte er zahlreiche Zeichnungen und Aquarelle mit, die er zu exotischen Szenen amalgamierte. Zum Star-Bild avancierte \u201eSmoke of Ambergris\u201c mit einer jungen marokkanischen Berberin in Tunika, die in der Abgeschiedenheit eines Innenhofes ein weites Leinentuch \u00fcber sich und das am Boden stehende Rauchgef\u00e4\u00df h\u00e4lt, um die aufsteigenden D\u00e4mpfe zu inhalieren.\u00a0<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/17-dr-pozzi.jpeg\" alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-14947850\" width=\"620\" height=\"1269\" loading=\"lazy\" class=\"tspA7jr\"\/> Warum John Singer Sargent 1881 mit  \u201eDr. Pozzi at Home\u201c den gefragten Society-Arzt und ersten Lehrstuhlinhaber f\u00fcr Gyn\u00e4kologie in Frankreich, im roten Morgenrock darstellte, ist bis heute ein R\u00e4tsel. Es k\u00f6nnte damit zu tun haben, dass er au\u00dferdem ber\u00fchmt f\u00fcr seine zahlreichen Liebesaff\u00e4ren war.  <\/p>\n<p class=\"tspAOhz\"> \u00a9 Foto: Los Angeles, Hammer Museum, Collection Armand Hammer, \u00a9 courtesy of the Hammer Museum <\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Geschickt kombinierte er bei den j\u00e4hrlichen Salons im Palais de l\u2019Industrie, wo sich die K\u00fcnstler f\u00fcr Kritiker und k\u00fcnftige Auftraggeber positionierten, jeweils ein Reisebild mit einem aufsehenserregenden Portr\u00e4t. F\u00fcr Gespr\u00e4chsstoff h\u00e4tte gewiss auch sein Bildnis \u201eDr. Pozzi at home\u201c (1881) gesorgt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/das-neue-museum-der-fondation-cartier-im-herzen-von-paris-schwebend-in-die-zukunft-14715692.html?icid=single-topic_14935376___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspBRlx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das neue Museum der Fondation Cartier im Herzen von Paris Schwebend in die Zukunft <\/a><\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Es zeigt den international ber\u00fchmten Gyn\u00e4kologen, der nebenher bekannt f\u00fcr seine zahlreichen Liebesaff\u00e4ren war, in einem tiefroten Morgenmantel. Singer Sargent pr\u00e4sentierte das lebensgro\u00dfe Werk zu seinen Lebzeiten allerdings nur in London und Br\u00fcssel. Heute befindet es sich im Hammer Museum in Los Angeles und l\u00f6st immer noch Fragen aus, bis zu<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/arzte-kunstler-und-monteprousts-4221862.html?icid=in-text-link_14935376\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Julian Barnes\u2019 Buch \u00fcber den r\u00e4tselhaften Dr. Pozzi<\/a>. Nun ist es ebenfalls wieder am Ort seiner Entstehung zu sehen.<\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Auch wenn die opulenten Bildnisse schon damals aus der Zeit gefallen wirkten, weil sie in der Tradition der Portr\u00e4tkunst eines Tizian oder van Dyck standen, \u00fcben sie noch heute eine gro\u00dfe Anziehungskraft aus. \u201eDie T\u00f6chter von Edward Darley Boit\u201c (1882) etwa, vier M\u00e4dchen zwischen vier und 14 Jahren im gro\u00dfen Flur der elterlichen Wohnung mit pomp\u00f6sen Vasen, spielen auf <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/ausstellungen\/der-religiose-schock-6514582.html?icid=in-text-link_14935376\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vel\u00e1zquez\u2018 \u201eLas Meninas\u201c<\/a> an. Wie sie verloren im Raum mit ihren wei\u00dfen Sch\u00fcrzen stehen und den Betrachter aus gro\u00dfen Augen anschauen, m\u00f6chte man sofort ihr weiteres Schicksal ergr\u00fcnden.<\/p>\n<p> Mehr Kunst aus Paris im Tagesspiegel <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/paris-entdeckt-den-barockmaler-georges-de-la-tour-der-meister-der-aus-der-dunkelheit-kam-14703575.html?icid=topic-list_14935376___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspBRlx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Paris entdeckt den Barockmaler Georges de La Tour Der Meister, der aus der Dunkelheit kam <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/zweifler-aus-prinzip-eine-gigantische-retrospektive-zum-werk-von-gerhard-richter-14896169.html?icid=topic-list_14935376___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspBRlx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zweifler aus Prinzip Eine gigantische Retrospektive zum Werk von Gerhard Richter <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/die-grosse-minimalismus-schau-in-der-pariser-borse-als-die-kunst-nach-pfefferminz-schmeckte-14524949.html?icid=topic-list_14935376___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspBRlx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die gro\u00dfe Minimalismus-Schau in der Pariser B\u00f6rse Als die Kunst nach Pfefferminz schmeckte <\/a><\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Nach dem Eklat um \u201eMadame X\u201c zog sich Singer Sargent nicht sogleich aus Frankreich zur\u00fcck; erst 1886 verlegte er seinen Wohnsitz endg\u00fcltig nach London. Auch die Portr\u00e4tierte wurde nicht zum Paria der Hautevol\u00e9e. Selbst nach seinem Umzug hielt der Maler weiterhin Verbindung mit den Freunden in Frankreich und geh\u00f6rte zu den Unterst\u00fctzern f\u00fcr den Ankauf von Edouard Manets \u201eOlympia\u201c, einem anderen Skandalbild. Heute h\u00e4ngt es im Mus\u00e9e d\u2019Orsay als eines der Highlights der Sammlung. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vielleicht hat man ihm das ber\u00fchmte Gem\u00e4lde der \u201eMadame X\u201c mit dem herabgerutschten Tr\u00e4ger nie ganz verziehen. 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