{"id":606259,"date":"2025-11-27T14:25:12","date_gmt":"2025-11-27T14:25:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/606259\/"},"modified":"2025-11-27T14:25:12","modified_gmt":"2025-11-27T14:25:12","slug":"krebs-bei-einigen-tumorarten-ist-es-faktisch-realitaet-dass-man-nicht-mehr-sterben-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/606259\/","title":{"rendered":"Krebs: \u201eBei einigen Tumorarten ist es faktisch Realit\u00e4t, dass man nicht mehr sterben muss\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Viele Menschen f\u00fcrchten sich vor einer Krebserkrankung. Die Diagnose k\u00f6nne aber schon bald ihren Schrecken verlieren, ist Niko Andre \u00fcberzeugt. Der Onkologe sieht grundlegende Fortschritte in der Krebsmedizin. Was heute schon m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Nach einer Krebsdiagnose stehen viele Betroffene unter Schock. Doch Niko Andre, Leiter der Onkologie bei AstraZeneca Deutschland, macht Hoffnung: Im Gespr\u00e4ch erkl\u00e4rt der Mediziner, warum moderne Immun- und Kombinationstherapien die Behandlung grundlegend ver\u00e4ndern \u2013 und wie K\u00fcnstliche Intelligenz hilft, Krankheitsverl\u00e4ufe fr\u00fcher und gezielter zu therapieren.<\/p>\n<p><b>WELT AM SONNTAG:<\/b> Viele Menschen f\u00fcrchten sich vor einer Krebsdiagnose. Gleichzeitig geh\u00f6ren Krebsvorstufen beim Hautkrebsscreening oder Polypen bei der Darmspiegelung l\u00e4ngst zum medizinischen Alltag. Brauchen wir einen anderen Blick auf diese Krankheit?<\/p>\n<p><b>Niko Andre:<\/b> Ja \u2013 und die Grundlage daf\u00fcr ist Wissen. Unser biologisches Verst\u00e4ndnis hat sich in den vergangenen 15 bis 20 Jahren radikal verbessert. Der entscheidende Sprung kam, weil wir das Zusammenspiel zwischen Tumor und K\u00f6rper heute viel besser verstehen. Krebs entsteht, wenn besch\u00e4digte Zellen der Immunkontrolle entgehen. Unser K\u00f6rper produziert t\u00e4glich Millionen neuer Zellen \u2013 und gelegentlich entsteht dabei eine fehlerhafte. Allerdings entstehen nicht alle Krebsarten durch Immunausfall, manche auch durch genetische Instabilit\u00e4t oder Umwelteinfl\u00fcsse.<\/p>\n<p><b>WAMS: <\/b>Hei\u00dft das, dass wir alle st\u00e4ndig Mutationen in uns tragen?<\/p>\n<p><b>Andre:<\/b> Ja. Mutationen passieren fortlaufend, werden aber durch Reparatur- und Immunsysteme meist sofort repariert oder beseitigt. Diese Systeme werden mit dem Alter schw\u00e4cher \u2013 deshalb steigt das Krebsrisiko deutlich. Ein gesundes Immunsystem sollte \u201efalsche\u201c Zellen erkennen und entfernen. Wir wissen heute jedoch, dass sich Krebszellen vor dem Immunsystem verstecken k\u00f6nnen \u2013 und sich so unentdeckt vermehren. Sie ver\u00e4ndern ihre Oberfl\u00e4che so, dass sie wie gesunde Zellen wirken und dem Immunsystem \u201ealles okay\u201c signalisieren. Mit modernen Immuntherapien k\u00f6nnen wir diesen Trick aufheben.<\/p>\n<p><b>WAMS: <\/b>Wie genau funktionieren die?<\/p>\n<p><b>Andre:<\/b> Checkpoint-Inhibitoren unterbrechen genau diesen Tarnmechanismus: Dabei handelt es sich um Medikamente, die gezielt \u201eBremsen\u201c im Immunsystem blockieren, um die k\u00f6rpereigene Immunabwehr zur Bek\u00e4mpfung von Krebszellen zu aktivieren. Kurz gesagt: Sie blockieren jene Proteine, mit denen sich Krebszellen tarnen. So erkennt die Immunzelle den Tumor wieder \u2013 und greift ihn an. Diese Methode hat die Krebsmedizin revolutioniert: Erstmals bek\u00e4mpfen wir den Krebs nicht nur direkt mit Operationen, Medikamenten oder Bestrahlung, sondern aktivieren gezielt das k\u00f6rpereigene Abwehrsystem.<\/p>\n<p><b>WAMS:<\/b> Sie sprechen von Revolution: Sind Immuntherapien der gr\u00f6\u00dfte Wendepunkt in der bisherigen Krebsforschung?<\/p>\n<p><b>Andre:<\/b> Ja. Seit 2011 sind Immuntherapien klinische Realit\u00e4t \u2013 und sie haben die Onkologie grundlegend ver\u00e4ndert. Das Gesamt\u00fcberleben hat sich in vielen Bereichen deutlich verbessert, und wir sehen erstmals langfristige Heilungserfolge bei bestimmten Krebsarten.<\/p>\n<p><b>WAMS:<\/b> Trotzdem wirkt nicht jede Immuntherapie bei jedem Patienten. Verunsichert das nicht?<\/p>\n<p><b>Andre:<\/b> Wir verstehen die individuelle Tumorbiologie heute viel besser: Biomarker, treibende Mutationen, Resistenzmechanismen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, das richtige Mittel zur richtigen Zeit einzusetzen. Oft kombinieren wir Immuntherapie mit hochmodernen, zielgerichteten Medikamenten. Es gibt also eine Vielzahl von Alternativen, Kombinationen und neue Angriffspunkte. Ein anschauliches Beispiel ist Dickdarmkrebs: Fr\u00fcher gab es nach der Operation vor allem eine Chemotherapie. Heute stehen zus\u00e4tzliche zielgerichtete Immuntherapien sowie pr\u00e4zisere Strahlentherapie zur Verf\u00fcgung. Damit hat sich die mittlere \u00dcberlebenszeit von einem halben Jahr auf viele Jahre verl\u00e4ngert \u2013 nicht selten um f\u00fcnf bis zehn Jahre und mehr.<\/p>\n<p><b>WAMS:<\/b> In vielen Branchen sorgt der Einsatz von K\u00fcnstlicher Intelligenz (KI) f\u00fcr Unruhe, in der Medizin jedoch k\u00f6nnte er die Forschung beschleunigen, oder?<\/p>\n<p>A<b>ndre: <\/b>Sehr. Digitale Pathologie mit KI verbessert die Auswertung von Gewebeschnitten \u2013 schneller, reproduzierbarer, oft pr\u00e4ziser. Richtig stark wird KI, wenn wir heterogene Daten verkn\u00fcpfen: Laborwerte, Bildgebung, Genomik, klinische Verl\u00e4ufe. Dann erkennen wir Krankheitsdynamik fr\u00fcher und k\u00f6nnen Therapien pr\u00e4ziser ausw\u00e4hlen und timen. Wir nutzen KI in Forschung und Versorgung. Gleichzeitig k\u00e4mpfen wir \u2013 speziell in Deutschland \u2013 noch mit erheblichen Bremskl\u00f6tzen.<\/p>\n<p><b>WAMS: <\/b>Welche?<\/p>\n<p><b>Andre: <\/b>Da gibt es einige: Einmal die vielerorts unzureichende digitale Infrastruktur \u2013 das beginnt bei der oft veralteten Klinik- oder Praxis-IT. Und dann die Datenschutzregeln, die in der Praxis ein sinnvolles, sicheres Datenteilen zu h\u00e4ufig verhindern. Beide Themen m\u00fcssen patientenorientiert modernisiert werden. Zudem hat Deutschland einen R\u00fcckstand zu den USA und China, was die klinische Forschung betrifft.<\/p>\n<p><b>WAMS: <\/b>Klinische Studien also, mit Patientinnen und Patienten.<\/p>\n<p><b>Andre: <\/b>Klinische Studien sind kein \u201eSpezialfach\u201c, sondern zentraler Bestandteil guter Krebsmedizin. Deutschland hat die Chance auf eine Schl\u00fcsselrolle \u2013 wenn die Rahmenbedingungen stimmen: F\u00f6rderung, Investitionen, schnellere Anerkennungsprozesse und Anreize, Teilnahme an Studien auch au\u00dferhalb der Krebszentren anzubieten.\u00a0<\/p>\n<p><b>WAMS:<\/b> Was kann jede und jeder pr\u00e4ventiv tun \u2013 jenseits der Vorsorge?<\/p>\n<p><b>Andre: <\/b>Rund 40 Prozent aller Krebsf\u00e4lle lie\u00dfen sich durch den eigenen Lebensstil verhindern \u2013 vor allem durch den Verzicht auf Rauchen und \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Alkoholkonsum sowie durch gesundes Gewicht, Bewegung und ausgewogene Ern\u00e4hrung. Wer hier ansetzt, reduziert sein Risiko sp\u00fcrbar. Und: Psychisches Wohlbefinden wirkt. Menschen in stabilen, gl\u00fccklichen Beziehungen kommen nachweislich besser durch Stressphasen. Ein zweiter Schl\u00fcssel ist die Fr\u00fcherkennung. Screeningprogramme entwickeln sich weiter: Beim Lungenkrebs startet ab April 2026 in Deutschland erstmals ein risikoadaptiertes Fr\u00fcherkennungsprogramm, das gezielt Menschen mit h\u00f6herem Risiko erreicht und Vorsorge damit wirksamer macht.<\/p>\n<p><b>WAMS: <\/b>Was muss geschehen, damit Krebs seinen Schrecken verliert?\u00a0<\/p>\n<p><b>Andre: <\/b>Bei einigen Tumorarten ist es faktisch bereits Realit\u00e4t, dass man an Krebs nicht mehr sterben muss. Bei Brustkrebs haben wir enorme Fortschritte erzielt. Bei Lungen- oder Pankreaskrebs leider weniger. Die Diagnose Krebs kann ihren Schrecken verlieren, wenn wir vorhandene Werkzeuge konsequent nutzen: Fr\u00fcherkennung, pr\u00e4zise Testung, richtige Therapie zum richtigen Zeitpunkt, strukturierte Nachsorge.<\/p>\n<p><b>WAMS:<\/b> Abgesehen von Diagnosen, die bedauerlicherweise in einem zu sp\u00e4ten Stadium gestellt werden \u2013 woran scheitert es noch?<\/p>\n<p><b>Andre:<\/b> Unser gr\u00f6\u00dftes Problem ist nicht der medizinische Fortschritt, sondern seine Umsetzung: fl\u00e4chendeckende Verf\u00fcgbarkeit, Geschwindigkeit, Qualit\u00e4t der Prozesse. Das ist eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Industrie und Versorgern \u2013 und von Patientinnen und Patienten, die Vorsorge wahrzunehmen und moderne Diagnostik einzufordern.<\/p>\n<p><b>WAMS: <\/b>Was sagen Sie Menschen, die momentan mit dem Status \u201ekrebsfrei\u201c leben, aber st\u00e4ndig R\u00fcckfallangst haben?<\/p>\n<p><b>Andre:<\/b> Nichts ist schlimmer f\u00fcr Krebspatienten, als <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/gesundheit\/plus239874741\/Diagnose-Krebs-Die-Abschiedsworte-der-Aerztin-empfand-ich-als-unpassend.html\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/gesundheit\/plus239874741\/Diagnose-Krebs-Die-Abschiedsworte-der-Aerztin-empfand-ich-als-unpassend.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">wenn sie das Gef\u00fchl haben, sie d\u00fcrfen die Angst nicht zugeben<\/a>. Wir haben heute allerdings deutlich bessere M\u00f6glichkeiten, Patientinnen und Patienten im tumorfreien Stadium engmaschig zu \u00fcberwachen \u2013 etwa mit modernen Bluttests, die fr\u00fche Spuren neuen Krebswachstums erkennen. Gleichzeitig haben sich Therapien enorm weiterentwickelt \u2013 nicht zuletzt durch die gro\u00dfen Investitionen der pharmazeutischen Industrie in Forschung und Entwicklung.<\/p>\n<p><b>WAMS: <\/b>Ihre Branche wird oft bez\u00fcglich gro\u00dfer wirtschaftlicher Interessen kritisiert. Was entgegnen Sie?<\/p>\n<p><b>Andre: <\/b>Gerade der Schritt von der Laborforschung zur weltweiten klinischen Medikamentenentwicklung und erfolgreichen globalen Zulassung ist ein hochkomplexer Prozess, in den die Industrie j\u00e4hrlich weltweit dreistellige Milliardensummen investiert \u2013 und dabei auch das entsprechende Investitionsrisiko vollst\u00e4ndig tr\u00e4gt. Hier w\u00fcnsche ich mir mehr Anerkennung. Das ist eine hochprofessionelle Leistung, die uns allen t\u00e4glich zugutekommt. \u00a0<\/p>\n<p><b>WAMS: <\/b>Haben Sie pers\u00f6nlich Angst vor Krebs?<\/p>\n<p><b>Andre: <\/b>Nein, ich habe keine wirkliche Angst vor Krebs. Famili\u00e4r bedingt w\u00e4re bei mir eher das Herz ein Thema. Aber ich sehe t\u00e4glich, welche M\u00f6glichkeiten die Onkologie heute bietet, und gehe selbst regelm\u00e4\u00dfig zur Vorsorge. Am gesunden Lebensstil \u2013 vor allem am Schlaf \u2013 arbeite ich noch. Grunds\u00e4tzlich aber vertraue ich darauf, dass ich im Fall der F\u00e4lle gute Optionen h\u00e4tte.<\/p>\n<p><b>Als ausgebildeter Internist, H\u00e4matologe und Onkologe verf\u00fcgt Niko Andre \u00fcber jahrzehntelange Erfahrung in Klinik, Forschung und Industrie. Er studierte an der Harvard University und war Abteilungsleiter am Universit\u00e4tsklinikum Bochum. Im Juli 2024 \u00fcbernahm er die Leitung des Onkologie-Bereichs beim Pharmaunternehmen AstraZeneca Deutschland, zuvor war er f\u00fcr die globale Implementierung sowie den Vertrieb des Immunonkologie-Portfolios verantwortlich. Sein Fokus liegt auf schnellerem Zugang zu innovativen Krebstherapien.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Viele Menschen f\u00fcrchten sich vor einer Krebserkrankung. 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