{"id":607632,"date":"2025-11-28T04:00:30","date_gmt":"2025-11-28T04:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/607632\/"},"modified":"2025-11-28T04:00:30","modified_gmt":"2025-11-28T04:00:30","slug":"diese-gefahr-droht-seiner-neuen-your-party-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/607632\/","title":{"rendered":"Diese Gefahr droht seiner neuen \u201eYour Party\u201c \u2014 der Freitag"},"content":{"rendered":"<p class=\"bc-article-intro__text u-hyphens\">Jeremy Corbyn stampft links von Labour die \u201eYour Party\u201c aus dem Boden. Kann das Projekt zum Erfolg werden? Oder wird es im britischen Parteiensystem zerrieben?<\/p>\n<p>        Die Labour Party hat in ihrer Mehrheit einen Parteichef wie Jeremy Corbyn nie verkrafte<\/p>\n<p>Foto: Leon Neal\/gettyimages<\/p>\n<p>Weniger als eineinhalb Jahre nach ihrem Erdrutschsieg bei der Unterhauswahl k\u00f6nnte die Stimmung in der britischen Labour-Partei schlechter kaum sein. In den Umfragen stand die Regierungspartei zuletzt bei rund 20 Prozent und damit zwar weiterhin vor den schw\u00e4chelnden Konservativen, aber deutlich hinter Nigel Farages rechtspopulistischer Reform-UK-Partei, die rund 30 Prozent erreicht.<\/p>\n<p>Unter \u201eblue-collar workers\u201c ist der R\u00fcckstand der einstigen Arbeiterpartei noch gr\u00f6\u00dfer. Innerparteilich sind es die Sozialk\u00fcrzungen, die restriktive Migrations- und Asylpolitik und der mangelnde Einsatz f\u00fcr Pal\u00e4stina, die f\u00fcr Unmut gesorgt haben. Auch wenn sich aktuell (noch) niemand aus der Deckung wagt, w\u00e4re es mehr als \u00fcberraschend, wenn der Parteivorsitzende und Regierungschef Keir Starmer die Legislaturperiode ohne eine parteiinterne Herausforderung \u00fcberstehen sollte. Und auch links von Labour tut sich was.<\/p>\n<p>Im Juli hatte der ehemalige Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn, mittlerweile aus der Partei ausgeschlossen, zusammen mit der aus der Labour-Fraktion suspendierten Abgeordneten Zarah Sultana (der Freitag 29\/2025) angek\u00fcndigt, eine neue Partei gr\u00fcnden zu wollen. Unter dem vorl\u00e4ufigen Namen \u201eYour Party\u201c haben sich seither lokale Parteiverb\u00e4nde formiert. Regionalkonferenzen wurden abgehalten. Kommunalpolitiker und einige fraktionslose Unterhausabgeordnete haben sich dem Projekt ebenfalls angeschlossen. Noch sind Programmatik, Parteistruktur und F\u00fchrungspersonal weitgehend unklar. Dies soll sich beim Gr\u00fcndungsparteitag \u00e4ndern, der am 29. und 30. November in Liverpool stattfindet.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht nach einer origin\u00e4r linken Partei ist gro\u00df. Mehr als 800.000 Personen haben sich als Interessierte registriert. Einer Umfrage im Sommer zufolge zeigte sich damals bis zu ein Viertel der Labour-Mitglieder prinzipiell offen f\u00fcr einen m\u00f6glichen Parteiwechsel. Am Wochenende sollen nun \u00fcber 10.000 per Losentscheid ausgew\u00e4hlte Delegierte die vielen offenen Fragen diskutieren. Die finalen Entscheidungen sollen sp\u00e4ter online von der gesamten Mitgliedschaft in einem One-member-one-vote-Abstimmungsverfahren getroffen werden. Das Problem dabei: Das F\u00fchrungspersonal ist hoffnungslos zerstritten. Nach zuletzt heftigen Querelen ist nicht zu erwarten, dass am Wochenende alles reibungslos \u00fcber die B\u00fchne geht.<\/p>\n<p>Auch die Gr\u00fcnen wachsen<\/p>\n<p>Mittlerweile erhebt aber auch eine andere Partei Anspruch auf den verwaisten Platz auf der linken Seite des Parteienspektrums. Bei den letzten Unterhauswahlen errangen die Gr\u00fcnen aufgrund des britischen Mehrheitswahlrechts zwar trotz sieben Prozent der W\u00e4hlerstimmen nur ganze vier Sitze, sie erreichten aber eine Rekordzahl von 39 zweiten Pl\u00e4tzen \u2013 alle in Wahlkreisen, die von Labour gewonnen wurden.<\/p>\n<p>Seither hat die Partei mit Zack Polanski einen neuen charismatischen und \u00f6ffentlichkeitswirksamen Vorsitzenden. Dieser hat die Gr\u00fcnen nicht nur deutlich klarer als zuvor links positioniert. Seine Medienauftritte haben eine bislang ungekannte Euphorie ausgel\u00f6st. Die Mitgliederzahlen haben sich auf 140.000 verdoppelt, darunter nicht wenige, die aufgrund der andauernden Streitereien \u201eYour Party\u201c bereits entt\u00e4uscht den R\u00fccken gekehrt haben. Meinungsumfragen sehen die Gr\u00fcnen gegenw\u00e4rtig bei bis zu 15 Prozent und damit gar nicht weit von Labour entfernt.<\/p>\n<p>Die aktuelle Bewegung links von Labour ist Symptom einer sich seit den 1970er Jahren abzeichnenden und kontinuierlich ausweitenden Fragmentierung des traditionellen britischen Zweiparteiensystems. Der Triumph von Labour vor gut einem Jahr war zu gro\u00dfen Teilen Konsequenz der Fragmentierung des rechten Parteienspektrums \u2013 der Konkurrenz zwischen den Konservativen und Reform UK. Mittlerweile sieht es immer mehr so aus, als habe Reform UK das Rennen gewonnen. Eine Rekonfiguration der Rechten unter F\u00fchrung von Nigel Farage zeichnet sich ab. Warum sollte ein solcher Coup nicht auch auf der linken Seite gelingen?<\/p>\n<p>Doch bei allem Enthusiasmus von \u201eYour Party\u201c und den Gr\u00fcnen ist auch mit der Abl\u00f6sung der regierenden Labour-Partei durch ein neues linkes Projekt nicht so schnell zu rechnen \u2013 noch dazu, wenn es sich eigentlich um zwei rivalisierende Projekte handelt. Tats\u00e4chlich bedeutet Labours beinahe perfekte Optimierung des Stimmen-Sitz-Verh\u00e4ltnisses bei der Unterhauswahl 2024 \u2013 mit lediglich einem Drittel der Stimmen konnten zwei Drittel der Parlamentssitze gewonnen werden \u2013, dass bereits geringe Stimmenverluste zu gravierenden Mandatsverlusten f\u00fchren.<\/p>\n<p>An die beiden Kleinparteien links von Labour werden jedoch die wenigsten dieser Sitze gehen. Eine Pluralisierung des Parteienwettbewerbs bei Fortbestand des Mehrheitswahlrechts \u00f6ffnet grunds\u00e4tzlich dem Zufall T\u00fcr und Tor. Sie kann zu unklaren und instabilen Mehrheitsverh\u00e4ltnissen f\u00fchren, aber auch zu riesigen Parlamentsmehrheiten auf der Basis eines geringen Stimmenvorsprungs. Legt man die aktuellen Umfragewerte zugrunde, dann w\u00fcrde vor allem Reform UK von der Mehrheitslogik des Wahlsystems profitieren und zur gr\u00f6\u00dften Fraktion werden.<\/p>\n<p>Die sich andeutende Fragmentierung des linken Spektrums k\u00f6nnte gar zu einem Erdrutschsieg f\u00fcr Nigel Farage und seine Gefolgsleute f\u00fchren. Was dies bedeuten w\u00fcrde, l\u00e4sst sich mit einem Blick \u00fcber den Atlantik leicht erkennen. Nur gut, dass die n\u00e4chste Unterhauswahl noch in weiter Ferne liegt.<\/p>\n<p><strong>Klaus Stolz <\/strong>ist Professor f\u00fcr Britische und Amerikanische Kultur- und L\u00e4nderstudien an der TU Chemnitz<\/p>\n<p>\n     wenn der Parteivorsitzende und Regierungschef Keir Starmer die Legislaturperiode ohne eine parteiinterne Herausforderung \u00fcberstehen sollte. Und auch links von Labour tut sich was.Im Juli hatte der ehemalige Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn, mittlerweile aus der Partei ausgeschlossen, zusammen mit der aus der Labour-Fraktion suspendierten Abgeordneten Zarah Sultana (der Freitag 29\/2025) angek\u00fcndigt, eine neue Partei gr\u00fcnden zu wollen. Unter dem vorl\u00e4ufigen Namen \u201eYour Party\u201c haben sich seither lokale Parteiverb\u00e4nde formiert. Regionalkonferenzen wurden abgehalten. Kommunalpolitiker und einige fraktionslose Unterhausabgeordnete haben sich dem Projekt ebenfalls angeschlossen. Noch sind Programmatik, Parteistruktur und F\u00fchrungspersonal weitgehend unklar. Dies soll sich beim Gr\u00fcndungsparteitag \u00e4ndern, der am 29. und 30. November in Liverpool stattfindet.Die Sehnsucht nach einer origin\u00e4r linken Partei ist gro\u00df. Mehr als 800.000 Personen haben sich als Interessierte registriert. Einer Umfrage im Sommer zufolge zeigte sich damals bis zu ein Viertel der Labour-Mitglieder prinzipiell offen f\u00fcr einen m\u00f6glichen Parteiwechsel. Am Wochenende sollen nun \u00fcber 10.000 per Losentscheid ausgew\u00e4hlte Delegierte die vielen offenen Fragen diskutieren. Die finalen Entscheidungen sollen sp\u00e4ter online von der gesamten Mitgliedschaft in einem One-member-one-vote-Abstimmungsverfahren getroffen werden. Das Problem dabei: Das F\u00fchrungspersonal ist hoffnungslos zerstritten. Nach zuletzt heftigen Querelen ist nicht zu erwarten, dass am Wochenende alles reibungslos \u00fcber die B\u00fchne geht.Auch die Gr\u00fcnen wachsenMittlerweile erhebt aber auch eine andere Partei Anspruch auf den verwaisten Platz auf der linken Seite des Parteienspektrums. Bei den letzten Unterhauswahlen errangen die Gr\u00fcnen aufgrund des britischen Mehrheitswahlrechts zwar trotz sieben Prozent der W\u00e4hlerstimmen nur ganze vier Sitze, sie erreichten aber eine Rekordzahl von 39 zweiten Pl\u00e4tzen \u2013 alle in Wahlkreisen, die von Labour gewonnen wurden.Seither hat die Partei mit Zack Polanski einen neuen charismatischen und \u00f6ffentlichkeitswirksamen Vorsitzenden. Dieser hat die Gr\u00fcnen nicht nur deutlich klarer als zuvor links positioniert. Seine Medienauftritte haben eine bislang ungekannte Euphorie ausgel\u00f6st. Die Mitgliederzahlen haben sich auf 140.000 verdoppelt, darunter nicht wenige, die aufgrund der andauernden Streitereien \u201eYour Party\u201c bereits entt\u00e4uscht den R\u00fccken gekehrt haben. Meinungsumfragen sehen die Gr\u00fcnen gegenw\u00e4rtig bei bis zu 15 Prozent und damit gar nicht weit von Labour entfernt.Die aktuelle Bewegung links von Labour ist Symptom einer sich seit den 1970er Jahren abzeichnenden und kontinuierlich ausweitenden Fragmentierung des traditionellen britischen Zweiparteiensystems. Der Triumph von Labour vor gut einem Jahr war zu gro\u00dfen Teilen Konsequenz der Fragmentierung des rechten Parteienspektrums \u2013 der Konkurrenz zwischen den Konservativen und Reform UK. Mittlerweile sieht es immer mehr so aus, als habe Reform UK das Rennen gewonnen. Eine Rekonfiguration der Rechten unter F\u00fchrung von Nigel Farage zeichnet sich ab. Warum sollte ein solcher Coup nicht auch auf der linken Seite gelingen?Doch bei allem Enthusiasmus von \u201eYour Party\u201c und den Gr\u00fcnen ist auch mit der Abl\u00f6sung der regierenden Labour-Partei durch ein neues linkes Projekt nicht so schnell zu rechnen \u2013 noch dazu, wenn es sich eigentlich um zwei rivalisierende Projekte handelt. Tats\u00e4chlich bedeutet Labours beinahe perfekte Optimierung des Stimmen-Sitz-Verh\u00e4ltnisses bei der Unterhauswahl 2024 \u2013 mit lediglich einem Drittel der Stimmen konnten zwei Drittel der Parlamentssitze gewonnen werden \u2013, dass bereits geringe Stimmenverluste zu gravierenden Mandatsverlusten f\u00fchren.An die beiden Kleinparteien links von Labour werden jedoch die wenigsten dieser Sitze gehen. Eine Pluralisierung des Parteienwettbewerbs bei Fortbestand des Mehrheitswahlrechts \u00f6ffnet grunds\u00e4tzlich dem Zufall T\u00fcr und Tor. Sie kann zu unklaren und instabilen Mehrheitsverh\u00e4ltnissen f\u00fchren, aber auch zu riesigen Parlamentsmehrheiten auf der Basis eines geringen Stimmenvorsprungs. Legt man die aktuellen Umfragewerte zugrunde, dann w\u00fcrde vor allem Reform UK von der Mehrheitslogik des Wahlsystems profitieren und zur gr\u00f6\u00dften Fraktion werden.Die sich andeutende Fragmentierung des linken Spektrums k\u00f6nnte gar zu einem Erdrutschsieg f\u00fcr Nigel Farage und seine Gefolgsleute f\u00fchren. Was dies bedeuten w\u00fcrde, l\u00e4sst sich mit einem Blick \u00fcber den Atlantik leicht erkennen. Nur gut, dass die n\u00e4chste Unterhauswahl noch in weiter Ferne liegt.\n  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Jeremy Corbyn stampft links von Labour die \u201eYour Party\u201c aus dem Boden. 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