{"id":608203,"date":"2025-11-28T09:35:13","date_gmt":"2025-11-28T09:35:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/608203\/"},"modified":"2025-11-28T09:35:13","modified_gmt":"2025-11-28T09:35:13","slug":"fluessigerdgas-aus-der-arktis-russland-nutzt-ein-schlupfloch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/608203\/","title":{"rendered":"Fl\u00fcssigerdgas aus der Arktis: Russland nutzt ein Schlupfloch"},"content":{"rendered":"\n<p>W\u00e4hrend der Gro\u00dfteil Europas nach Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine seine Abh\u00e4ngigkeit von russischem Pipelinegas kappte, floss das Geld weiter \u2013 nur auf anderem Weg. Statt durch R\u00f6hren kommt Russlands Gas nun per Schiff: als verfl\u00fcssigtes Erdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) aus der Arktis. Der gr\u00f6\u00dfte Teil stammte aus dem Projekt Yamal LNG, betrieben vom russischen Konzern Novatek. Offiziell wollte die EU Russlands Energieeinnahmen schw\u00e4chen, um die Kriegsfinanzierung zu treffen. Doch <strong>Fl\u00fcssigerdgas<\/strong> blieb lange unber\u00fchrt. W\u00e4hrend Pipelinegas sanktioniert wurde, blieb der Seehandel erlaubt \u2013 ein politisches Vers\u00e4umnis, das dem Kreml Milliarden einbringt.<\/p>\n<p> Fl\u00fcssigerdgas aus Yamal LNG: Eine Goldgrube f\u00fcr den Krieg <\/p>\n<p>Laut einer <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/ef4230c1-befa-4053-97b2-397c69c20002\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Auswertung<\/a> der Financial Times auf Basis von Daten des Analyseunternehmens Kpler importierte die Europ\u00e4ische Union bis Mitte Dezember 2024 rund 16,5 Millionen Tonnen russisches Fl\u00fcssigerdgas. Das Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) <a href=\"https:\/\/energyandcleanair.org\/wp\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/CREA_Analysis_Third-year-of-invasion_24.02.2025_REVISED_10.04.2025.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">sieht darin<\/a> einen Anstieg um rund neun Prozent gegen\u00fcber Vorjahr- Ma\u00dfgeblich habe dies das 2017 gestartete Yamal-Projekt auf der Jamal-Halbinsel erm\u00f6glicht. Es produziert j\u00e4hrlich etwa 17 Millionen Tonnen LNG und exportiert fast die gesamte Menge. Zu den Anteilseigner*innen geh\u00f6ren TotalEnergies, CNPC und der Silk Road Fund.<\/p>\n<p>Eine aktuelle Greenpeace-<a href=\"https:\/\/www.greenpeace.org\/static\/planet4-belgium-stateless\/2025\/09\/0c135a20-greenpeace-belgium_ru-us-lng-trap.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Analyse<\/a> sch\u00e4tzt, dass Yamal LNG zwischen 2022 und \u201920\u201924 rund 9,5 Milliarden US-Dollar an Steuern an den russischen Staat \u00fcberwies \u2013 Geld, das laut den Autor*innen direkt in den Krieg flie\u00dfe. Insgesamt sollen in diesem Zeitraum \u00fcber 40 Milliarden US-Dollar Exporterl\u00f6se erzielt worden sein.<\/p>\n<p>Nach <a href=\"https:\/\/chnl.no\/news\/lng-export-from-the-yamal-lng-project-in-2024\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Angaben<\/a> des Centre for High North Logistics (CHNL) verlie\u00dfen vergangenes Jahr 287 Schiffe mit mehr als 21 Millionen Tonnen Fl\u00fcssigerdgas das Terminal Sabetta. Das entspricht beinahe einem Tanker t\u00e4glich. Trotz Sanktionen blieb das Projekt auf Volllast.<\/p>\n<p> Westliche H\u00e4fen und Tanker <\/p>\n<p>Das Schlupfloch, das Russland nutzt, ist nicht nur juristisch, sondern technisch. Arktische LNG-Projekte sind auf spezialisierte Eisbrecher-Tanker angewiesen. Diese sogenannten Arc7-Schiffe k\u00f6nnen bis zu zwei Meter dickes Eis brechen und transportieren jeweils etwa 170.000 Kubikmeter verfl\u00fcssigten Erdgases.<\/p>\n<p>Fast alle dieser Schiffe wurden von westlichen Unternehmen gebaut, finanziert oder betrieben \u2013 viele mit Sitz in Japan, Griechenland oder Gro\u00dfbritannien. Ohne westliche Werften, Versicherungen und Klassifizierungsgesellschaften w\u00e4re das russische Projekt kaum funktionsf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Bis 2024 nutzte Russland zudem europ\u00e4ische H\u00e4fen wie Zeebr\u00fcgge in Belgien und D\u00fcnkirchen in Frankreich f\u00fcr Umladungen. Von dort wurde die arktische Fracht auf konventionelle Tanker umgef\u00fcllt und weiter nach Asien verschifft. Erst mit dem <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/commission\/presscorner\/detail\/en\/ip_24_3423\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">14. EU-Sanktionspaket<\/a> wurde dieses Transshipment 2024 verboten \u2013 der Import f\u00fcr den Eigenverbrauch blieb jedoch erlaubt.<\/p>\n<p> Zeitfenster bis 2027 <\/p>\n<p>Erst das <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/commission\/presscorner\/api\/files\/document\/print\/en\/ip_25_2491\/IP_25_2491_EN.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">19. EU-Sanktionspaket<\/a> vom 23. Oktober 2025 schlie\u00dft die L\u00fccke vollst\u00e4ndig \u2013 allerdings mit langer \u00dcbergangsfrist. Laut der Verordnung <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/PDF\/?uri=OJ:L_202502033\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">(EU) 2025\/2033<\/a> gilt ein vollst\u00e4ndiges Importverbot f\u00fcr russisches Fl\u00fcssigerdgas:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>f\u00fcr kurzfristige Vertr\u00e4ge ab <strong>Mitte 2026<\/strong><\/li>\n<li>und f\u00fcr langfristige Vertr\u00e4ge ab <strong>1. Januar 2027<\/strong>.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bis dahin darf Russland weiter liefern \u2013 und tut es. Europ\u00e4ische Energiekonzerne wie TotalEnergies, Shell oder die deutsche SEFE sind an jahrzehntelange Liefervertr\u00e4ge gebunden. Zwar arbeiten Regierungen an Ausstiegspfaden, doch juristisch bleiben viele Vertr\u00e4ge bis zum Inkrafttreten des Verbots g\u00fcltig.<\/p>\n<p>Russland nutzt diese Frist. W\u00e4hrend das Nachfolgeprojekt Arctic LNG-2 wegen US-Sanktionen ins Stocken geraten ist, baut Moskau seine Schattenflotte weiter aus: \u00e4ltere Tanker mit verschleierten Eigentumsverh\u00e4ltnissen, die Ship-to-Ship (STS)-Transfers in der Barentssee durchf\u00fchren \u2013 teils direkt vor Norwegens K\u00fcste.<\/p>\n<p> Die Arktis als doppelte Front <\/p>\n<p>Das Gesch\u00e4ft ist nicht nur geopolitisch, sondern auch klimatisch brisant. Die Arktis erw\u00e4rmt sich mitunter laut einer 2022 im Fachjournal Nature Communications Earth &amp; Environment ver\u00f6ffentlichten <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s43247-022-00498-3.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Analyse<\/a> fast viermal so schnell wie der globale Durchschnitt. Das Schmelzen von Permafrost und Meereis setzt zus\u00e4tzlich Methan frei \u2013 ein Treibhausgas, das \u00fcber 20 Jahre \u00fcber 80-mal st\u00e4rker wirkt als Kohlendioxid (CO2).<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/arctic.noaa.gov\/report-card\/report-card-2024\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Arctic Report Card 2024<\/a> der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) dokumentiert, dass die Tundra mittlerweile mehr CO2 emittiert als sie bindet. Neue Fl\u00fcssigerdgas-Anlagen versch\u00e4rfen diese Dynamik, weil sie Infrastruktur in tauendem Boden errichten und zus\u00e4tzliche Emissionen erzeugen.<\/p>\n<p>Die Internationale Energieagentur (IEA) betont in ihrer ebenfalls 2024 ver\u00f6ffentlichten <a href=\"https:\/\/iea.blob.core.windows.net\/assets\/8ad619b9-17aa-473d-8a2f-4b90846f5c19\/NetZeroRoadmap_AGlobalPathwaytoKeepthe1.5CGoalinReach-2023Update.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Net Zero Roadmap<\/a>, dass keine neuen fossilen Projekte \u2013 auch keine LNG-Anlagen \u2013 mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar seien. Die Arktis ist damit doppelt bedroht: Sie finanziert Krieg \u2013 und verliert zugleich ihre Stabilit\u00e4t als globaler Klimaregulator.<\/p>\n<p class=\"has-normal-font-size\"><strong>Topaktuell<\/strong><\/p>\n<p>  Europas Verantwortung trifft auf Russlands Kalk\u00fcl <\/p>\n<p>Das Schlupfloch besteht, weil Sanktionen politisch gestaffelt, nicht physisch geschlossen wurden. \u00d6l wurde verboten, Pipelinegas sanktioniert \u2013 aber Fl\u00fcssigerdgas blieb unber\u00fchrt, bis juristisch nachjustiert wurde. Russland hat diese L\u00fccke erkannt und maximal genutzt. Der Export \u00fcber Yamal LNG l\u00e4uft weiter nahezu auf Volllast, und selbst die eingeschr\u00e4nkten Kapazit\u00e4ten von Arctic LNG-2 werden \u00fcber Umwege ausgesch\u00f6pft. Laut Greenpeace und dem CREA ist LNG inzwischen die profitabelste und am wenigsten sanktionierte Energiequelle Russlands.<\/p>\n<p>Die G7-Staaten k\u00f6nnten dieses System schnell stoppen \u2013 nicht mit Kriegsschiffen, sondern mit Versicherungsverboten, Hafenblockaden und gezielten Sanktionen auf Arc7-Tanker. Genau diese Hebel hatten bereits bei den russischen \u00d6lexporten Wirkung gezeigt.<\/p>\n<p>Bis 2027 wird sich entscheiden, ob Europa seine Energiepolitik glaubw\u00fcrdig macht oder weiter Fl\u00fcssigerdgas kauft, das Drohnen und Bomben finanziert. Die technischen, juristischen und klimatischen Grenzen sind klar beschrieben. Die Frage ist daher politisch: Haben die EU und die USA den Mut, sie wirklich zu ziehen?<\/p>\n<p>Quellen: Financial Times; \u201eEU imports of Russian fossil fuels in third year of invasion surpass financial aid sent to Ukraine\u201c (CREA, 2025); \u201eEurope\u2019s Fossil Gas Dependence on Russia and the United States\u201c (Greenpeace, 2025); European Commission; Amtsblatt der Europ\u00e4ischen Union; \u201eThe Arctic has warmed nearly four times faster than the globe since 1979\u201c (Nature Communications Earth &amp; Environment, 2022); National Oceanic and Atmospheric Administration; \u201eNet Zero Roadmap: A Global Pathway to Keep the 1.5 \u00b0C Goal in Reach\u201c (IEA, 2024)<\/p>\n<p> <strong>Hinweis: Ukraine-Hilfe<\/strong><\/p>\n<p class=\"has-small-font-size\">Seit dem 24. Februar 2022 herrscht Krieg in der Ukraine. <a href=\"https:\/\/www.futurezone.de\/digital-life\/article281984\/online-spenden-fuer-die-ukraine-wie-du-den-menschen-helfen-kannst.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier<\/a> kannst du den Betroffenen helfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"W\u00e4hrend der Gro\u00dfteil Europas nach Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine seine Abh\u00e4ngigkeit von russischem Pipelinegas kappte, floss&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":608204,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,1401,1149,13,632,278,14,15,16,4043,4044,850,307,12],"class_list":{"0":"post-608203","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-arktis","11":"tag-energie","12":"tag-headlines","13":"tag-heizung","14":"tag-hot","15":"tag-nachrichten","16":"tag-news","17":"tag-politik","18":"tag-russia","19":"tag-russian-federation","20":"tag-russische-foederation","21":"tag-russland","22":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115626647548714446","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/608203","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=608203"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/608203\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/608204"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=608203"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=608203"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=608203"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}