{"id":610055,"date":"2025-11-29T03:48:28","date_gmt":"2025-11-29T03:48:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/610055\/"},"modified":"2025-11-29T03:48:28","modified_gmt":"2025-11-29T03:48:28","slug":"komische-oper-berlin-salome-von-evgeny-titov-allgegenwaertiges-begehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/610055\/","title":{"rendered":"Komische Oper Berlin \u2013 \u00bbSalome\u00ab von Evgeny Titov: Allgegenw\u00e4rtiges Begehren"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img314807\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/314807.jpeg\" alt=\"Sie hat es gewiss nicht leicht: Nicole Chevalier als Salome in wei\u00dfer, atemraubender Haube\"\/><\/p>\n<p>Sie hat es gewiss nicht leicht: Nicole Chevalier als Salome in wei\u00dfer, atemraubender Haube<\/p>\n<p>Foto: Jan Windszus Photography<\/p>\n<p>Was geschieht, wenn drei fanatische Charaktere aufeinanderprallen? Der Prediger Jochanaan verk\u00fcndet die Ankunft des Messias, verachtet Frauen als Quelle allen \u00dcbels und ist beim K\u00f6nig Herodes in einem unterirdischen Verlies gefangen. Salome, die junge und sch\u00f6ne Stieftochter des K\u00f6nigs, ist all der geilen M\u00e4nner am Hof \u00fcberdr\u00fcssig, die sie angaffen, und will den Einzigen k\u00fcssen, der sie zur\u00fcckweist: also Jochanaan.<\/p>\n<p>Herodes schlie\u00dflich ist mehr an Salome als an seiner Frau Herodias interessiert und verspricht der Stieftochter alles, was sie sich w\u00fcnscht, wenn sie nur f\u00fcr ihn tanzt. Das tut sie, und als Preis verlangt sie danach Jochanaans Kopf. Der K\u00f6nig windet sich, hat Angst, einen Heiligen zu ermorden. Aber er ist an sein Versprechen gebunden. Salome bekommt den Kopf, erlebt den Kuss als Moment ekstatischen Gl\u00fccks, bevor Herodes befiehlt, sie zu t\u00f6ten.<\/p>\n<p>Das war kurz nach 1900 ein Skandalst\u00fcck und durfte an der Wiener Hofoper zun\u00e4chst gar nicht aufgef\u00fchrt werden. In Berlin gab es \u00bbSalome\u00ab nur unter der vom Kaiser nahegelegten Bedingung zu sehen, dass am Ende der Stern von Bethlehem am B\u00fchnenhimmel ein vers\u00f6hnendes Zeichen der Hoffnung markiere. Er habe Strauss ja recht gerne, aber mit diesem Werk werde er sich schaden, lie\u00df Wilhelm\u2005II. verlautbaren. Von diesem Schaden habe er sich seine Villa in Garmisch bauen k\u00f6nnen, replizierte sp\u00e4ter der gesch\u00e4ftst\u00fcchtige Komponist.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war \u00bbSalome\u00ab von Beginn an ein Publikumserfolg \u2013 und bleibt es bis heute, wo von Skandal nicht mehr die Rede sein kann. Die Dramaturgie ist knapp und schl\u00fcssig. Die komplexe Musik fasziniert Kenner, bietet aber zugleich ein Maximum an Klangreizen und einfache, wiedererkennbare Leitmotive. Wer nun das Werk auf die B\u00fchne bringt, steht vor der Aufgabe, angesichts einer F\u00fclle vorliegender Deutungen einen eigenen Akzent zu setzen, ohne auf allzu entlegene Ideen zu verfallen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Evgeny Titovs Inszenierung an der Komischen Oper Berlin hat Rufus Didwiszus ein kahles, mattgoldenes Gew\u00f6lbe entworfen. Es fehlt die sinnliche Schw\u00fcle, mit der man zur Entstehungszeit des Werkes den Orient verband. Die Personen haben wenig Halt; sie suchen ihn im Gegen\u00fcber, das sich aber dem Begehren verweigert.<\/p>\n<p>Dieses Begehren ist bei Titov fast allgegenw\u00e4rtig. Sein Jochanaan wirkt keineswegs immun gegen die Versuchung, die Salome darstellt; G\u00fcnter Papendell bringt den Propheten stimmlich machtvoll, klar, hart wie Granit zu Geh\u00f6r. Seine K\u00f6rperhaltung verr\u00e4t indessen, wie sehr Salome ihn verlockt, und gerade darum muss der religi\u00f6se Eiferer das Begehren verdammen.<\/p>\n<p>Nicole Chevalier als Salome hat es in dieser Inszenierung nicht leicht. Der Regisseur hat ihr eine wei\u00dfe Haube verpasst, die den ganzen Kopf bedeckt. Sich damit \u00fcber den B\u00fchnengrund zu bewegen, der einige Kl\u00fcfte bereith\u00e4lt, ist schwierig genug; darunter zu atmen und dann noch zu einem gro\u00dfen und von Strauss teils massiv eingesetzten Orchester zu singen, muss eine physische Herausforderung sein.<\/p>\n<p>nd.DieWoche \u2013 unser w\u00f6chentlicher Newsletter<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/314808.jpeg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>Mit unserem w\u00f6chentlichen Newsletter <strong>nd.DieWoche<\/strong> schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die <strong>Highlights<\/strong> unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/newsletter\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hier das kostenlose Abo holen<\/a>.<\/p>\n<p>Chevalier wei\u00df sie zu bew\u00e4ltigen und zudem die ganze geforderte Spannbreite vom scheinbar naiven Gesang bis zum Fast-Sprechen zu erf\u00fcllen. Beim H\u00e4sslich-B\u00f6sen \u2013 \u00bbIch will den Kopf des Jochanaan!\u00ab \u2013 w\u00e4re noch eine Steigerung denkbar. Aber das ist M\u00e4keln auf hohem Niveau. Das Orchester der Komischen Oper unter James Gaffigan spielt s\u00e4ngerfreundlich zur\u00fcckgenommen, betont die Sch\u00e4rfen der Partitur und nimmt den klanglichen Luxus zur\u00fcck, der auch zur Perversion geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Matthias Wohlbrecht gibt Herodes einen harten, stechenden Stimmakzent. Dieser K\u00f6nig hat zwar die Macht, unmittelbar Schaden anzurichten. Die Angst, die ihn gleichwohl beherrscht, wird selten so deutlich herausgearbeitet; \u00fcbrigens macht sie ihn nicht weniger gef\u00e4hrlich. Esther Bialas hat f\u00fcr ihn ein giftgr\u00fcnes Glitzerkost\u00fcm entworfen, das das Unseri\u00f6se und damit Prek\u00e4re dieser Herrschaft betont.<\/p>\n<p>Dass die Hofgesellschaft gekleidet wie zu einer BDSM-Party daherkommt, ist leider \u00fcberdeutlich; dass sie in den entscheidenden Momenten \u2013 Salomes Tanz, der Streit danach \u2013 von der B\u00fchne verschwindet, ist ein Schwachpunkt von Titovs Inszenierung. Der K\u00f6nig mit seinen Schw\u00e4chen steht im Theater als \u00f6ffentliche Figur immer f\u00fcr das Ganze, aber hier fehlt die Gesellschaft.<\/p>\n<p>Es bleibt die Frau. Sie ist Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr W\u00fcnsche, wie die leere Maske Salomes andeutet. Ihren Tanz bringt Titov so auf die B\u00fchne, dass sich die Salome-Figuren vervielf\u00e4ltigen, alle mit gleichen Masken. Das erregt den K\u00f6nig, denn auf die Vorstellung kommt es an, statt auf die Erf\u00fcllung. Das ist ideologiekritisch klug, doch nimmt es Salome ihre Qualit\u00e4t als zielgerichtet Handelnde.<\/p>\n<p>Ungeachtet solcher Einw\u00e4nde: Mit Titovs Arbeit hat die Komische Oper eine respektable \u00bbSalome\u00ab-Deutung in ihrem Programm.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">N\u00e4chste Vorstellungen: 7., 12. und 18.12.<br \/><a href=\"http:\/\/www.komische-oper-berlin.de\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">www.komische-oper-berlin.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sie hat es gewiss nicht leicht: Nicole Chevalier als Salome in wei\u00dfer, atemraubender Haube Foto: Jan Windszus Photography&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":610056,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,296,1937,29,30,810,1940,1938,94],"class_list":{"0":"post-610055","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-berlin","11":"tag-berlin-news","12":"tag-deutschland","13":"tag-germany","14":"tag-musik","15":"tag-nachrichten-aus-berlin","16":"tag-news-aus-berlin","17":"tag-theater"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115630946195467379","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/610055","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=610055"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/610055\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/610056"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=610055"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=610055"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=610055"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}