{"id":610074,"date":"2025-11-29T03:59:29","date_gmt":"2025-11-29T03:59:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/610074\/"},"modified":"2025-11-29T03:59:29","modified_gmt":"2025-11-29T03:59:29","slug":"liegt-die-diagnostik-psychischer-probleme-daneben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/610074\/","title":{"rendered":"Liegt die Diagnostik psychischer Probleme daneben?"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspANhu tspANhv\">Geht man zum Hausarzt, Urologen, Orthop\u00e4den \u2026, dann erwarten die meisten zwei Dinge: eine Diagnose, was man hat, und eine Behandlung, die dagegen hilft. Die Diagnose beruht dann auf organischen Ursachen, wie Schmerzen in der Brust, oder Biomarkern, zum Beispiel bestimmten Blutwerten. <\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Nach dem gleichen Prinzip verfahren auch Psychologen oder Psychiater. Sie geben der St\u00f6rung einen Namen, der auf der Art und Schwere der Symptome beruht, und schlagen eine dazu passende Therapie vor. Doch diese aus der Somatik\u00a0\u2013 also von k\u00f6rperlichen Erkrankungen\u00a0\u2013 in die Psychologie \u00fcbernommene Abgrenzung von gesund zu krank ist in die Kritik geraten. <\/p>\n<p> Die Aufteilung in einzelne Krankheitsbilder sei f\u00fcr die Psychologie zu simpel gedacht <\/p>\n<p class=\"tspANhu\">\u201eDie aktuellen Diagnosesysteme suggerieren, dass psychische St\u00f6rungen klar voneinander abgrenzbare Krankheiten sind \u2013 analog zu k\u00f6rperlichen Erkrankungen\u201c, sagt Johannes Zimmermann, Professor f\u00fcr Differentielle und Pers\u00f6nlichkeitspsychologie am Institut f\u00fcr Psychologie der Universit\u00e4t Kassel. Dieses Modell sei jedoch in vielen F\u00e4llen irref\u00fchrend. \u201eW\u00e4hrend sich bei einer k\u00f6rperlichen Erkrankung die Diagnose in der Regel auf die gemeinsame Ursache der Symptome bezieht \u2013 zum Beispiel bei einem Tumor\u00a0\u2013, fassen psychische Diagnosen lediglich problematische Erlebens- und Verhaltensweisen deskriptiv zusammen\u201c, sagt Zimmermann. <\/p>\n<blockquote class=\"tspBSl3\">\n<p>Die symptombasierten Diagnosen psychischer Erkrankungen lassen sich nicht mit der geforderten Eindeutigkeit mit biologischen Befunden in Verbindung bringen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"tspBSl4\"><strong>Tanja Br\u00fcckl<\/strong>, Psychologin<\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Auch Tanja Br\u00fcckl, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department Genes &amp; Environment am Max-Planck-Institut f\u00fcr Psychiatrie in M\u00fcnchen kritisiert den Ansatz, ausschlie\u00dflich Symptome \u2013 wie Gef\u00fchle von Traurigkeit oder Angstanf\u00e4lle \u2013 als leitendes Merkmal f\u00fcr die Klassifikation psychischer St\u00f6rungen zu verwenden. \u201eDie daraus resultierenden symptombasierten Krankheitskategorien \u2013 zum Beispiel eine ,Depression\u2018 oder ,Panikst\u00f6rung\u2018 \u2013 spiegeln sich nicht eins zu eins in biologischen Merkmalen wider\u201c, sagt Br\u00fcckl. \u201eDas hei\u00dft, die symptombasierten Diagnosen psychischer Erkrankungen lassen sich nicht mit der f\u00fcr einen diagnostischen Test geforderten Eindeutigkeit mit biologischen Befunden in Verbindung bringen.\u201c<\/p>\n<p> In der Psychiatrie l\u00e4sst sich die Grenze zwischen \u201egesund\u201c und \u201ekrank\u201c nicht so klar definieren <\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Angstst\u00f6rung, Depression, ADHS, Essst\u00f6rungen\u00a0\u2013 das alles klingt nach Krankheiten der Psyche, \u00e4hnlich den klar gegeneinander abgrenzbaren Krankheiten des K\u00f6rpers, wie Krebs, Herzinfarkt, Arthrose oder Infektionen. Doch diese beiden Welten der medizinischen Versorgung lassen sich nicht so einfach zusammenf\u00fchren. Als man vor 40 Jahren in der Psychiatrie ein Diagnosesystem einf\u00fchrte, das auf Symptomen psychischer St\u00f6rungen basierte, habe man gehofft, \u201edamit auch die ihnen zugrunde liegenden biologischen Mechanismen aufzudecken\u201c, sagt Tanja Br\u00fcckl. \u201eDie biologische Forschung hat gezeigt, dass diese symptombasierten diagnostischen Kriterien zwar mittlerweile gut messbar sind, aber leider \u2013 anders als erhofft \u2013 keine biologische G\u00fcltigkeit besitzen.\u201c <\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Deshalb lassen sich in der Psychiatrie die Grenzen zwischen \u201egesund\u201c und \u201ekrank\u201c nicht so klar definieren, wie in der somatischen Medizin. Denn solche zur Diagnose psychischer Erkrankungen wichtigen Symptome wie Ersch\u00f6pfung, gedr\u00fcckte Stimmung oder Antriebslosigkeit sind Erfahrungen, die wohl fast jeder irgendwann mal im Alltag durchmacht. Ist das dann schon eine Krankheit oder eine vor\u00fcbergehende Stimmung? <\/p>\n<blockquote class=\"tspBSl3\">\n<p>Die verwendeten diagnostischen Schwellenwerte sind oft willk\u00fcrlich gesetzt, sodass Menschen mit hohem Leidensdruck, die knapp unter der Schwelle liegen, durch das Raster fallen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"tspBSl4\"><strong>Johannes Zimmermann<\/strong>, Psychologe<\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Um sich zu behelfen, haben Psychologen und Psychiater Handreichungen entwickelt, mit denen sich anhand der St\u00e4rke und der Dauer solcher Beschwerden eine Diagnose stellen l\u00e4sst. Steht der Befund, ist es damit dann m\u00f6glich, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und diese Leistungen gegen\u00fcber den Krankenkassen abzurechnen. Doch das System hat einen gewaltigen Haken: \u201eDie verwendeten diagnostischen Schwellenwerte sind oft willk\u00fcrlich gesetzt, sodass Menschen mit hohem Leidensdruck, die knapp unter der Schwelle liegen, durch das Raster fallen\u201c, sagt Psychologie-Professor Johannes Zimmermann.<\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Trotzdem wird an den traditionellen Systemen festgehalten, sagt Grundlagenforscherin Br\u00fcckl. Weil \u201ewir bis heute im Dunkeln tappen, was eindeutige, biologisch messbare Ursachen f\u00fcr psychische St\u00f6rungen betrifft und wir auch sonst keine verl\u00e4sslichen Biomarker haben, die eine Einteilung psychischer St\u00f6rungen jenseits von Symptomen zulie\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p> Die Mehrheit der psychisch kranken Menschen erh\u00e4lt mindestens zwei Diagnosen <\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Und weil sich die Abgrenzung der einzelnen psychischen Erkrankungen als so schwierig erweist, diagnostizierten die \u00c4rzte oft weitere St\u00f6rungen bei ihren Patienten. <a href=\"https:\/\/jamanetwork.com\/journals\/jamapsychiatry\/fullarticle\/2791252\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" class=\"link link--external\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"external\" aria-describedby=\"message-target-blank\">Die Mehrheit der Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen erh\u00e4lt mindestens zwei Diagnosen<\/a>, wie Studien zeigen. Was die Frage aufwirft, ob dann tats\u00e4chlich unterschiedliche St\u00f6rungsbilder vorliegen oder ob die diagnostischen Kategorien die klinische Realit\u00e4t unzureichend abbilden. <\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Die Behandlungsans\u00e4tze sind jedoch \u00fcberwiegend auf einzelne Diagnosen zugeschnitten. Viele Symptome \u2013 etwa depressive Verstimmungen\u00a0\u2013 treten nicht nur bei einer schweren Depression, sondern beispielsweise auch bei einer Bipolaren St\u00f6rung oder Schizophrenie auf. Doch trotz der \u00dcberlappungen werden diese Erkrankungen unterschiedlich behandelt.<\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Deshalb diskutieren Expertinnen und Experten, ob das traditionelle System der Diagnosestellung umgekrempelt werden sollte. Zumal durch die reine Betrachtung der Symptome wichtige Einflussfaktoren bei der Diagnostik au\u00dfen vor bleiben. <a href=\"https:\/\/jamanetwork.com\/journals\/jamapsychiatry\/article-abstract\/2823588\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" class=\"link link--external\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"external\" aria-describedby=\"message-target-blank\">Studien zeigen<\/a>, dass verschiedene biologische, psychologische und Umweltfaktoren \u2013 etwa genetische Einfl\u00fcsse, strukturelle Ver\u00e4nderungen des Gehirns oder belastende Lebenserfahrungen \u2013 eine zentrale Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf psychischer Erkrankungen spielen. <\/p>\n<p> Andere Systeme w\u00fcrden die Diagnostik psychischer Probleme pr\u00e4ziser machen, sagen Experten <\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Mittlerweile gibt es einige alternative Ans\u00e4tze, die die Realit\u00e4t psychischer St\u00f6rungen besser abbilden sollen. Dazu z\u00e4hlen die  \u201eResearch Domain Criteria\u201c (RDoC) und die \u201eHierarchical Taxonomy of Psychopathology\u201c (HiTOP). Diese Modelle betrachten psychische Erkrankungen \u00fcber die bisherigen Diagnosegrenzen hinweg. W\u00e4hrend RDoC psychische St\u00f6rungen ausgehend von zugrundeliegenden neurobiologischen und psychologischen Prozessen erkl\u00e4rt, konzentriert sich HiTOP darauf, die vorhandenen Symptome bei einem Menschen in immer detaillierter beschriebenen Gruppen zusammenzufassen und sich dadurch der Frage zu n\u00e4hern, ob ein psychisches Problem besteht. <\/p>\n<p> Lesen Sie mehr zum Thema auf Tagesspiegel Plus <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesundheit\/kalorien-gegen-die-einsamkeit-wenn-emotionales-essen-zum-problem-wird-13424875.html?icid=topic-list_14933678___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspBRlx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kalorien gegen die Einsamkeit Wenn emotionales Essen zum Problem wird <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesundheit\/es-war-so-viel-druck-in-mir-borderline-machte-leonies-leben-zur-emotionalen-achterbahnfahrt-14120561.html?icid=topic-list_14933678___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspBRlx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eEs war so viel Druck in mir\u201c Borderline machte Leonies Leben zur emotionalen Achterbahnfahrt <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesundheit\/wie-manner-eine-depression-empfinden-ich-habe-mich-standig-angegriffen-gefuhlt-13502293.html?icid=topic-list_14933678___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspBRlx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tills Depression brachte seine Ehe an ihre Grenzen \u201eIch habe mich st\u00e4ndig angegriffen gef\u00fchlt\u201c <\/a><\/p>\n<p class=\"tspANhu\">\u201eHiTOP zeigt detailliert, welche Beschwerden typischerweise gemeinsam auftreten \u2013 zum Beispiel, dass eine depressive Stimmung h\u00e4ufig mit Antriebsarmut verbunden ist \u2013 und ordnet diese Zusammenh\u00e4nge in eine hierarchische Struktur psychischer Syndrome ein\u201c, erkl\u00e4rt Andreas Meyer-Lindenberg. Er ist Direktor des Zentralinstituts f\u00fcr seelische Gesundheit in Mannheim.<\/p>\n<p class=\"tspANhu\">Eine Umstellung auf dimensionale Modelle wie HiTOP w\u00fcrde die Diagnostik pr\u00e4ziser und informativer machen, sagt auch der Kasseler Psychologe Johannes Zimmermann. \u201eStatt einer pauschalen Etikettierung (,hat Depression\u2018) entst\u00fcnde ein nuanciertes Profil der Schweregrade und Problembereiche eines Patienten.\u201c Studien zeigten, dass solche mehrdimensionalen Ma\u00dfe den langfristigen Verlauf, die funktionale Beeintr\u00e4chtigung und das Suizidrisiko deutlich besser vorhersagen als ja-nein-Diagnosen. <\/p>\n<p class=\"tspANhu\">\u201eF\u00fcr Betroffene wirkt dieser Ansatz entstigmatisierend, da er verdeutlicht, dass psychische Probleme meist extreme Auspr\u00e4gungen normaler menschlicher Eigenschaften sind und nicht Ausdruck einer ,Andersartigkeit\u2018\u201c, sagt Zimmermann. Das Gesundheitssystem k\u00f6nnte von einer effizienteren Ressourcensteuerung profitieren, indem Versorgungsangebote \u2013 wie Pr\u00e4vention versus station\u00e4re Therapie \u2013 passgenau an den tats\u00e4chlichen Schweregrad gekoppelt werden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Geht man zum Hausarzt, Urologen, Orthop\u00e4den \u2026, dann erwarten die meisten zwei Dinge: eine Diagnose, was man hat,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":610075,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[137],"tags":[29,1050,145096,921,30,141,290,232,3295,11202,45319,13353,6807],"class_list":{"0":"post-610074","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-gesundheit","8":"tag-deutschland","9":"tag-gehirn","10":"tag-geist-seele","11":"tag-gene","12":"tag-germany","13":"tag-gesundheit","14":"tag-gesundheitswesen","15":"tag-health","16":"tag-hochschulen","17":"tag-psychiatrie","18":"tag-psychische-erkrankungen","19":"tag-psychologie","20":"tag-psychotherapie"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115630988566676342","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/610074","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=610074"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/610074\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/610075"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=610074"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=610074"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=610074"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}