{"id":610506,"date":"2025-11-29T08:24:12","date_gmt":"2025-11-29T08:24:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/610506\/"},"modified":"2025-11-29T08:24:12","modified_gmt":"2025-11-29T08:24:12","slug":"ausstellung-praymobil-mit-welchen-tricks-die-kuenstler-des-mittelalters-ihre-figuren-in-bewegung-versetzten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/610506\/","title":{"rendered":"Ausstellung \u201ePraymobil\u201c: Mit welchen Tricks die K\u00fcnstler des Mittelalters ihre Figuren in Bewegung versetzten"},"content":{"rendered":"<p>Figuren, die ihre Glieder bewegten, Tr\u00e4nen weinten oder Blut schwitzten: Die K\u00fcnstler des Mittelalters beherrschten viele Tricks, um die Gl\u00e4ubigen mit einem m\u00f6glichst realistischen Bibel-Reenactment in Staunen zu versetzen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Am Freitag vor Ostern wurde den Kirchg\u00e4ngern im \u00d6rtchen Nauders in Tirol stets ein ergreifendes Schauspiel geboten. Beim Verlesen der Bibelstelle, die vom Tod Jesu handelt, sank der Kopf des gro\u00dfen Holzkruzifixes nach vorn, sein Unterkiefer klappte nach unten, die Zunge rutschte heraus und die Augenlider schlossen sich. Hier war allerdings kein Wunder am Werk, vielmehr hatten die Messdiener im richtigen Moment die vier Seilz\u00fcge bedient, die an der R\u00fcckseite des Kreuzes angebracht waren und in den von hinten ausgeh\u00f6hlten Kopf der Figur f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Derzeit wird diese Skulptur mitsamt der dazu geh\u00f6renden Apparatur in einer sehenswerten Ausstellung des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums gezeigt. Titel der Schau: \u201ePraymobil \u2013 mittelalterliche Kunst in Bewegung\u201c. Die Ausstellungsmacher haben daf\u00fcr \u00fcberwiegend aus Holz gefertigte Objekte zusammengetragen, die einst dazu dienten, die biblischen Berichte von Jesu Geburt, Leben und Sterben anschaulich zu machen. <\/p>\n<p>Gewiss, demselben Zweck dienten auch Gem\u00e4lde und die \u00fcblichen Figuren aus Holz oder Stein. Doch weil man es gern ein bisschen realistischer hatte, bem\u00fchten sich Bildhauer immer wieder darum, ihre Werke in Bewegung zu versetzen. Das Dargestellte sollte zum Leben erweckt, der Betrachter ins Geschehen hineingezogen werden. Heute verfolgen immersive Ausstellungen und VR-Brillen ein \u00e4hnliches Ziel, Gem\u00e4lde von van Gogh oder Monet werden in bewegte 3D-Simulationen verwandelt. <\/p>\n<p>Im Mittelalter hingegen, wo Kunst fast immer religi\u00f6s war, entstanden Kruzifixe, aus deren Wunden rote Fl\u00fcssigkeit tropfte, Madonnen, deren Augen Tr\u00e4nen weinten, Engel, die Gl\u00f6ckchen l\u00e4uten konnten. All das ist nun zu bestaunen in der \u201eweltweit ersten Schau, die sich der Verwendung mittelalterlicher Skulptur in Ritual, Brauch und Spiel widmet\u201c, wie die Ank\u00fcndigung verspricht. Einige der 80 gezeigten Objekte waren noch nie au\u00dferhalb ihrer Heimatgemeinden zu sehen, nur mit viel \u00dcberzeugungsarbeit sei es gelungen, sie auszuleihen, sagt Michael Rief, Kurator im Suermondt-Ludwig-Museum.<\/p>\n<p>Erst seit einigen Jahren widme sich die Forschung dem Genre dieser sogenannten handelnden Bildwerke, erkl\u00e4rt Rief. Die akademische Kunstgeschichte k\u00fcmmerte sich zwar um die Stilistik der Schnitzkunst, nicht aber um deren Funktion. F\u00fcr Figuren, die f\u00fcr eine Art Bibel-Reenactment gefertigt worden waren, hatte man nicht allzu viel \u00fcbrig. Rief kennt Beispiele f\u00fcr eine solche Abwertung aus dem eigenen Haus: \u201eNoch in den 1960er-Jahren hat man hier die R\u00e4der von einer Christus-Statue auf dem Palmesel entfernt\u201c, erz\u00e4hlt er. Nichts sollte daran erinnern, dass diese kostbare Figur einst an Palmsonntag-Prozessionen in Volksfeststimmung durch die Stra\u00dfen gezogen wurde \u2013 von Kindern umlagert wie ein Kirmespony. \u00a0<\/p>\n<p>Dieser lebensgro\u00dfe Palmesel, dem Rief auf einem Flohmarkt ein passendes Fahrgestell besorgte, steht nun am Beginn der Schau. Er ist gewisserma\u00dfen der gute alte Bekannte, der handzahm und unverf\u00e4nglich in ein Thema hineinf\u00fchrt, das allerdings auch skurrile und mitunter gruselige Facetten hat.<\/p>\n<p>Die Figuren, die am h\u00e4ufigsten mit Gelenken, Hohlr\u00e4umen und anderen technischen Vorrichtungen versehen wurden, sind Maria und Jesus. Es gibt schwangere Madonnen mit Babyklappe am Bauch, \u00fcber die an Weihnachten der kleine Jesus herausgeholt werden konnte. In Mechelen, Belgien, wurden Jesuskindlein in gro\u00dfer St\u00fcckzahl geschnitzt und in ganz Europa verkauft. Man \u00fcberreichte sie den Novizinnen beim Eintritt ins Kloster \u2013 als Surrogate f\u00fcr die Kinder, die sie nicht bekommen durften. \u201eDie Nonnen fertigten dann f\u00fcr ihre sogenannten Seelentr\u00f6sterlein Kleider\u201c, erkl\u00e4rt Michael Rief. \u201eSie wuschen sie und betteten sie in eigens daf\u00fcr gefertigte Wiegen, und in Berichten ist \u00fcberliefert, dass sie wie zum Stillen an die Brust gelegt wurden.\u201c<\/p>\n<p>Bei vielen dieser \u201ehandelnden Bildwerke\u201c wisse man nicht allzu viel \u00fcber deren Verwendung, sagt Rief. Die wenigen erhaltenen Beschreibungen stammten meist von Protestanten, die auf Anweisung Martin Luthers gegen die \u201eunn\u00f6tigen und kindischen Zeremonien\u201c vorgingen. <\/p>\n<p>Doch entsprach das, was sie schrieben, immer der Wahrheit? Oder wurde \u00fcbertrieben, um die katholischen Br\u00e4uche l\u00e4cherlich zu machen? Stimmt es tats\u00e4chlich, dass sich im Kopf eines Rostocker Marienbildes ein kleines Bassin befand, in das \u201elebendige Fischlein gesetzet\u201c worden seien, wie es in einer polemischen Flugschrift aus der ersten H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts beschrieben wird. Diese Fische h\u00e4tten mit ihren Flossenschl\u00e4gen daf\u00fcr gesorgt, dass immer wieder Wasser durch \u00d6ffnungen an den Augen schwappte und so den Eindruck stetigen Tr\u00e4nenflusses erweckte. Und wenn es so war: Handelte es sich um ein Schauspiel? Oder um einen hinterlistigen Fake, der Gl\u00e4ubige manipulieren sollte? Oder trifft beides zu?<\/p>\n<p>Ob mit Fischen oder ohne, Figuren mit Hohlr\u00e4umen f\u00fcr Fl\u00fcssigkeiten aller Art sind auch in der Aachener Ausstellung zu sehen: Christusdarstellungen, in die Schw\u00e4mme oder Schweinsblasen eingesetzt werden konnten, damit beim Stich mit der Lanze oder nach Bet\u00e4tigen eines Federmechanismus Blut floss; sogenannte Mirakelm\u00e4nner, die man mit echten Haaren beklebt und mit Kugelgelenken oder Lederscharnieren ausgestattet hatte, um von der Kreuzigung bis zur Grablege das ganze Leiden Christi darstellen zu k\u00f6nnen.\u00a0<\/p>\n<p>Mitunter scheint man den h\u00f6lzernen Skulpturen Kr\u00e4fte zugeschrieben zu haben, als w\u00e4ren es Voodoo-Puppen. In Aachen wird ein fast lebensgro\u00dfer Christuskorpus aus einem Dorf in W\u00fcrttemberg gezeigt, oder vielmehr: die ramponierten Reste, die von ihm \u00fcbrig sind. Im 16. Jahrhundert hatten die Winzer des Ortes die Figur im Kirchturm so aufgestellt, dass sie auf die Weinberge blickte \u2013 sie sollte \u00fcber die Trauben wachen. Wenn dennoch der Frost die Ernte vernichtete, pr\u00fcgelten und traten die Weinbauern den Schmerzensmann die Turmtreppe hinunter.<\/p>\n<p>\u201ePraymobil \u2013 mittelalterliche Kunst in Bewegung\u201c, Suermondt-Ludwig-Museum Aachen; bis 15. M\u00e4rz. Infos zu \u00d6ffnungszeiten und Begleitprogramm im Netz: <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/suermondt-ludwig-museum.de\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/suermondt-ludwig-museum.de\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">suermondt-ludwig-museum.de<\/a><\/p>\n<p>afa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Figuren, die ihre Glieder bewegten, Tr\u00e4nen weinten oder Blut schwitzten: Die K\u00fcnstler des Mittelalters beherrschten viele Tricks, um&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":610507,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1853],"tags":[1424,28331,3364,29,548,663,3934,28189,30,13,53273,145156,43993,7641,14,15,1209,34898,12,145157,145155],"class_list":{"0":"post-610506","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-aachen","8":"tag-aachen","9":"tag-christi-himmelfahrt","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-eu","13":"tag-europa","14":"tag-europe","15":"tag-fasel-andreas","16":"tag-germany","17":"tag-headlines","18":"tag-katholizismus-ks","19":"tag-kirchengeschichte-ks","20":"tag-mariae-himmelfahrt","21":"tag-mittelalter","22":"tag-nachrichten","23":"tag-news","24":"tag-nordrhein-westfalen","25":"tag-parkraum-inbox","26":"tag-schlagzeilen","27":"tag-skulpturen-ks","28":"tag-volkskunst-ks"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115632030661419308","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/610506","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=610506"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/610506\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/610507"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=610506"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=610506"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=610506"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}