{"id":613486,"date":"2025-11-30T14:37:45","date_gmt":"2025-11-30T14:37:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/613486\/"},"modified":"2025-11-30T14:37:45","modified_gmt":"2025-11-30T14:37:45","slug":"extrem-rechte-neonazis-in-berlin-von-der-clique-zur-partei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/613486\/","title":{"rendered":"Extrem Rechte \u2013 Neonazis in Berlin: Von der Clique zur Partei"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img314769\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/314769.jpeg\" alt=\"Auch in diesem Jahr protestierten ein paar extrem rechte Jugendliche von DJV gegen den Christopher Street Day in Berlin.\"\/><\/p>\n<p>Auch in diesem Jahr protestierten ein paar extrem rechte Jugendliche von DJV gegen den Christopher Street Day in Berlin.<\/p>\n<p>Foto: dpa\/Bernd von Jutrczenka<\/p>\n<p>Fast schien es so, als seien die \u00bbBaseballschl\u00e4gerjahre\u00ab der 90er zur\u00fcck. Seit dem Fr\u00fchsommer 2024 tauchten vielerorts in der Bundesrepublik extrem rechte Jugendgruppen auf. Mit Springerstiefeln und Bomberjacke beanspruchten sie offensiv die Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Am sichtbarsten waren sie bei rechten Protesten gegen Christopher-Street-Day-Paraden. Jede Woche demonstrierten teilweise mehrere Hundert Neonazis gegen die queeren Versammlungen. Die oftmals sehr jungen Teilnehmenden reisten daf\u00fcr aus der gesamten Bundesrepublik an. Zwar gab es in diesem Jahr weniger Teilnehmende an den rechten Aktionen. Doch die Neonazi-Jugendgruppen sind weiterhin aktiv. Erfahrungen aus den Berliner Randbezirken zeigen, wie sich ihr Auftreten ge\u00e4ndert hat und welche neuen B\u00fcndnisse am rechten Rand entstehen.<\/p>\n<p>Erst Social Media, dann die Stra\u00dfe<\/p>\n<p>Die aktivsten Gruppen junger Neonazis au\u00dferhalb von Parteistrukturen waren in Berlin lange Zeit Deutsche Jugend Voran (DJV) und Jung &amp; Stark (JS). Beide starteten wie viele andere Zusammenschl\u00fcsse bundesweit auf Social-Media-Plattformen wie Tiktok und Instagram. In den entstehenden Netzwerken vermischte sich ein v\u00f6lkischer Patriotismus im Sinne der AfD mit offenen Bekenntnissen zum Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>Die dabei einge\u00fcbte Haltung der Dominanz dr\u00e4ngte bald auf die Stra\u00dfen. In Berlin versuchten die neuen Zusammenschl\u00fcsse, den Christopher Street Day (CSD) 2024 zu st\u00f6ren, wobei vier Dutzend Neonazis in einem Polizeikessel am Potsdamer Platz endeten. Dennoch reisten junge Neonazis aus Berlin in den folgenden Wochen zu Protesten gegen CSD-Paraden in den umliegenden Bundesl\u00e4ndern. Dabei \u00fcbernahmen sie zunehmend organisatorische Aufgaben als Ordner*innen oder Einheizer*innen.<\/p>\n<p>Muckefuck: morgens, ungefiltert, links<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/314786.jpeg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>nd.Muckefuck ist unser Newsletter f\u00fcr Berlin am Morgen. Wir gehen wach durch die Stadt, sind vor Ort bei Entscheidungen zu Stadtpolitik \u2013 aber immer auch bei den Menschen, die diese betreffen. Muckefuck ist eine Kaffeel\u00e4nge Berlin \u2013 ungefiltert und links. Jetzt <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/muckefuck\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">anmelden<\/a> und immer wissen, worum gestritten werden muss.<\/p>\n<p>Gerade um DJV entstand so eine Kerngruppe, die sich zusehends professionalisierte und im Oktober 2024 eine erste eigene Versammlung gegen eine feministische Antifa-Demonstration in Marzahn organisierte. Trotz der lediglich 120\u2005Teilnehmenden war das damals die gr\u00f6\u00dfte Neonazi-Demonstration seit mehreren Jahren in Berlin. Zeitgleich wurde der Kreis um DJV auch au\u00dferhalb von Versammlungen aktiv. Personen aus dem Zusammenhang sollen mehrfach an gewaltt\u00e4tigen Angriffen beteiligt gewesen sein. Sie richteten sich vorwiegend gegen Menschen, die von den Neonazis als antifaschistisch gelabelt wurden.<\/p>\n<p>Im Zuge eines steigenden Ermittlungsdrucks kam es zu mehreren Hausdurchsuchungen im Umfeld von DJV. Dabei wurde der Kopf der Gruppe, Julian\u2005M., Ende Oktober 2024 <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1190177.rechte-gewalt-berlin-naziprozess-unter-szenebeobachtung.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1190177.rechte-gewalt-berlin-naziprozess-unter-szenebeobachtung.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in Untersuchungshaft genommen<\/a>. Seitdem waren weniger \u00f6ffentliche Aktivit\u00e4ten von DJV zu beobachten. Im Gegensatz zu Parteijugendorganisationen existierten kaum verbindende Strukturen, die Gruppen funktionierten eher wie Cliquen, die durch gemeinsame Aktivit\u00e4ten zusammenhielten. So kam es regelm\u00e4\u00dfig zu pers\u00f6nlichen Zerw\u00fcrfnissen und zur Gr\u00fcndung neuer Zusammenschl\u00fcsse. Neben den Resten der DJV existiert inzwischen eine fast un\u00fcberschaubare Vielzahl neonazistischer Jugendgruppen. Allerdings ist selten klar, wie viele Personen sich hinter Namen wie Deutsche Patrioten Voran, Berlin Jugend oder J\u00e4gertruppe Berlin-Brandenburg verbergen.<\/p>\n<p>Von Demonstrationen zum Kiez-Alltag<\/p>\n<p>Trotz der Zersplitterung wirkt sich das Ph\u00e4nomen neonazistischer Jugendgruppen auf das Klima in den Kiezen aus \u2013 gerade am Ostberliner Rand. Ihre \u00f6ffentliche Aktivit\u00e4t war Ausdruck und Katalysator f\u00fcr den Aufschwung einer rechten Alltagskultur. W\u00e4hrend Aktivit\u00e4ten wie Demonstrationen zur\u00fcckgehen, versuchen sich Neonazis anderweitig den \u00f6ffentlichen Raum anzueignen. So spricht beispielsweise das Lichtenberger Register, das Meldungen \u00fcber rechte und diskriminierende Vorf\u00e4lle aufnimmt und dokumentiert, in seinem Halbjahresbericht 2025 von einem Wiedererstarken rechter Jugendkulturen, was sich in einer Verdopplung der erfassten Vorf\u00e4lle niederschl\u00e4gt. Einen erheblichen Anteil daran haben rechte Propagandadelikte und politisch motivierte Sachbesch\u00e4digungen in Form von Stickern oder Graffiti.<\/p>\n<p>In Marzahn-Hellersdorf ist das Bild \u00e4hnlich, wie Paul1 gegen\u00fcber \u00bbnd\u00ab berichtet. Der Mitarbeiter einer Jugendfreizeiteinrichtung m\u00f6chte zum Schutz der Einrichtung anonym bleiben. Er erz\u00e4hlt, dass die Besch\u00e4digungen von Jugendfreizeiteinrichtungen, beispielsweise an Fassaden und Fenstern, zugenommen haben: \u00bbAllein in diesem Jahr ist der Sachschaden an unserer Einrichtung auf \u00fcber 1000 Euro gestiegen.\u00ab Vor allem nach rechten Demonstrationen in Berlin und im Umland k\u00e4men Jugendliche wutentbrannt zur\u00fcck nach Hause gefahren. Auf den Versammlungen gebe es Aufkleber, die die Jugendlichen dann rund um die Einrichtungen verklebten.<\/p>\n<p>Bedrohung nicht nur f\u00fcr Jugendliche<\/p>\n<p>Doch die neu entstehende rechte Jugendkultur geht weit \u00fcber Sticker hinaus. Mari1 ist Sozialp\u00e4dagog*in in Marzahn-Hellersdorf und m\u00f6chte ebenfalls aus Sicherheitsgr\u00fcnden anonym bleiben. Mari arbeitet auch mit queeren und gefl\u00fcchteten Jugendlichen. Viele von ihnen berichten von zunehmenden Anfeindungen in den letzten ein bis zwei Jahren. \u00bbDie Jugendlichen schauen sich auf dem Weg zu uns h\u00e4ufig um, ob sie erkannt werden. Wir bieten deshalb an, Jugendliche abzuholen.\u00ab Zudem seien neonazistische Jugendliche gezielt zur Werbung in Einrichtungen im Bezirk gegangen. \u00bbAn andere Jugendliche werden rechtsextreme Aufkleber verteilt. Manche wissen nicht, was das ist, und kleben sie sich an die Kleidung\u00ab, sagt Mari zu \u00bbnd\u00ab.<\/p>\n<p>F\u00fcr Jugendsozialarbeiter*innen ist die aktuelle Entwicklung eine st\u00e4ndige Herausforderung, die bis in den pers\u00f6nlichen Nahbereich geht. So beschreibt Paul Bedrohungen von Kolleg*innen: \u00bbEs wurde gesagt: Wir wissen, wann du Feierabend hast und zur Bahn gehst.\u00ab Die Auseinandersetzung mit rechten Jugendlichen nehme daher viel Zeit ein und verlange den Sozialarbeiter*innen viel ab.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren ist auch die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) zu einem Stammgast in den Einrichtungen der Jugendarbeit geworden. Mitarbeiterin Janine Budich ber\u00e4t Einrichtungen in Marzahn-Hellersdorf. Sie erz\u00e4hlt \u00bbnd\u00ab, wie Jugendliche in Marzahn-Hellersdorf gezielt angesprochen und eingeladen wurden, um an rechten Aktivit\u00e4ten oder Kundgebungen teilzunehmen. Neben der Beratung versucht die MBR, auch die Sozialarbeiter*innen st\u00e4rker miteinander zu vernetzen. \u00bbAus fast allen Jugendfreizeiteinrichtungen, die sich bei der MBR f\u00fcr eine Beratung melden, wird von einer Zunahme rechtsextremer \u00c4u\u00dferungen und rechtsextremer Propaganda berichtet\u00ab, sagt Budich. Dazu geh\u00f6ren das Tragen szenetypischer Kleidung, das Abspielen extrem rechter Musik oder die Teilnahme an Kundgebungen.<\/p>\n<p>Ann\u00e4herung an Parteien<\/p>\n<p>Dabei geht die extrem rechte Mobilisierung von Jugendlichen vielfach mit einer Radikalisierung einher. W\u00e4hrend die Schwelle sinkt, sich offen f\u00fcr neonazistische Politik auszusprechen, steigt die Gewaltbereitschaft. <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1192068.berlin-marzahn-pride-zeichen-des-zusammenhalts-im-bezirk.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1192068.berlin-marzahn-pride-zeichen-des-zusammenhalts-im-bezirk.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Julian\u2005M.<\/a>, der Kopf von DJV, wurde wegen der von ihm begangenen Angriffe inzwischen zu einer mehrj\u00e4hrigen Haftstrafe verurteilt. Momentan laufen am Landgericht Berlin die Berufungsverfahren gegen Mitglieder von Deutsche Jugend Zuerst aus dem Raum Halle\/Leipzig. Sie sollen im Dezember 2024 auf dem Weg zu einer rechten Demonstration SPD-Mitglieder in Lichterfelde <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1187960.neonazis-rechte-szene-in-berlin-sind-die-er-zurueck.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">angegriffen und verletzt haben<\/a>. In Brandenburg und Sachsen gibt es Hinweise, dass Personen aus vergleichbaren Jugend-Netzwerken <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1194901.queerfeindlichkeit-feuer-an-queerem-zentrum-in-cottbus-ein-brandloch-bleibt.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1194901.queerfeindlichkeit-feuer-an-queerem-zentrum-in-cottbus-ein-brandloch-bleibt.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Brandanschl\u00e4ge geplant<\/a> oder sogar ausgef\u00fchrt haben sollen.<\/p>\n<p>Insgesamt erm\u00f6glichen solche Netzwerke einen Einstieg in extrem rechte Strukturen. Schon im Sommer 2024 versuchte die Kleinpartei Dritter Weg Einzelpersonen aus dem Kreis um DJV einzubinden. Obwohl dies nicht dauerhaft gelang, profitiert die Partei von den Auswirkungen einer neonazistisch ausgerichteten Jugendkultur. Ihre Jugendorganisation Nationalrevolution\u00e4re Jugend wuchs in den vergangenen Jahren in Berlin best\u00e4ndig. An \u00f6ffentlichen Veranstaltungen beteiligen sich teilweise bis zu zwei Dutzend Jugendliche.<\/p>\n<p>Auch die Partei Die Heimat als Nachfolgeorganisation der NPD buhlt verst\u00e4rkt um jugendliche Neonazis. Zuerst banden Parteikader Mitglieder von DJV als Securitys beim Sommerfest des extrem rechten Compact-Verlages ein. Zudem veranstaltete Die Heimat mehrfach Neonazi-Konzerte in ihrer Parteizentrale in K\u00f6penick, um jugendliche Rechte anzusprechen.<\/p>\n<p>Ausdruck der Ann\u00e4herung ist nun der gemeinsame Aufmarsch von Die Heimat und den Resten der DJV am 29.\u2005November 2025 im Berliner Ortsteil Mitte. Dennoch ist es fraglich, ob es der geschw\u00e4chten Partei gelingt, sich auf diesem Wege zu sanieren. Weitaus bedrohlicher als solche Protestveranstaltungen ist die allt\u00e4gliche Pr\u00e4senz der Neonazi-Jugendgruppen in den Berliner Kiezen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">1)\u2009Namen von der Redaktion ge\u00e4ndert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Auch in diesem Jahr protestierten ein paar extrem rechte Jugendliche von DJV gegen den Christopher Street Day in&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":613487,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,296,1937,29,30,56,1940,1938,2417],"class_list":{"0":"post-613486","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-berlin","11":"tag-berlin-news","12":"tag-deutschland","13":"tag-germany","14":"tag-marzahn-hellersdorf","15":"tag-nachrichten-aus-berlin","16":"tag-news-aus-berlin","17":"tag-rechtsradikalismus"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115639160087493082","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/613486","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=613486"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/613486\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/613487"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=613486"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=613486"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=613486"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}