{"id":615318,"date":"2025-12-01T10:06:19","date_gmt":"2025-12-01T10:06:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/615318\/"},"modified":"2025-12-01T10:06:19","modified_gmt":"2025-12-01T10:06:19","slug":"vorurteile-und-aengste-was-sich-beim-umgang-mit-aids-aendern-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/615318\/","title":{"rendered":"Vorurteile und \u00c4ngste: Was sich beim Umgang mit Aids \u00e4ndern muss"},"content":{"rendered":"<p>Anders als vor 40 Jahren gibt es beim Thema HIV heute keinen Grund mehr zur Panik, hei\u00dft es von der Aids-Hilfe Bremen.<\/p>\n<p>Bild: Radio Bremen<\/p>\n<p class=\"article-intro\">Der 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag. Die Bremer Aids-Hilfe unterst\u00fctzt Betroffene seit 40 Jahren. Leiter Mario Carlo Stara-Flohr blickt zur\u00fcck und erkl\u00e4rt, was sich verbessern muss.<\/p>\n<p>Information zum Thema<br \/>\nHIV-Zahlen sind in Bremen leicht angestiegen<\/p>\n<p>Laut den neusten Zahlen des Robert Koch-Instituts haben sich im Jahr 2024 deutschlandweit rund 2.300 Personen mit HIV infiziert, das sind etwa 200 mehr als im Vorjahr. Auch im Land Bremen sind die Zahlen der Neuinfektionen gestiegen. 2023 infizierten sich 61 Menschen mit dem Virus und 2024 waren es 72. Das teilte die Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Die Linke) mit.<\/p>\n<p>Ende der Information zum Thema<\/p>\n<p>1.200 bis 1.300 Menschen in Bremen leben mit dem HI-Virus, sch\u00e4tzt Mario Carlo Stara-Flohr von der Aids-Hilfe Bremen. Doch heute bedeutet das etwas ganz anderes als vor 40 Jahren, denn die Medizin hat gro\u00dfe Fortschritte gemacht. Wer sich rechtzeitig in Behandlung begibt, kann mit der Erkrankung auch alt werden, au\u00dferdem gibt es dann keine Ansteckungsgefahr mehr. Was sich sonst noch ver\u00e4ndert hat \u2014 und welche Dinge sich in den K\u00f6pfen noch \u00e4ndern m\u00fcssen, dar\u00fcber haben wir mit Stara-Flohr gesprochen.<\/p>\n<p>Was ist heute die h\u00e4ufigste Frage in Ihren Beratungen?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Die h\u00e4ufigste Frage ist tats\u00e4chlich immer noch die nach einem sehr diffusen Ansteckungsrisiko. Da haben Menschen Angst, sich mit HIV infiziert zu haben und beim n\u00e4heren Gespr\u00e4ch stellt sich eine v\u00f6llig belanglose Situation heraus. Bei 99 Prozent der Menschen, die bei uns anrufen, sind es wirklich diffuse, irrationale \u00c4ngste, die zu einer Anfrage f\u00fchren.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen Sie ein Beispiel nennen?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Zum Beispiel, wenn ein Mann bei uns anruft und erz\u00e4hlt, dass er am Wochenende im Bordell war und ein Kondom benutzt hat. Aus medizinischer Sicht hat er alles richtig gemacht, da sagen wir nat\u00fcrlich: &#8218;Das ist kein Ansteckungsrisiko&#8216;. Er sieht das nat\u00fcrlich erfahrungsgem\u00e4\u00df anders, weil bei den Klienten ein moralischer Aspekt noch dazukommt und die Situation bei sich selbst anders bewertet wird. M\u00e4nner k\u00f6nnen sich bei Frauen nur unter ganz schwierigen Umst\u00e4nden mit HIV anstecken. Selbst ohne Kondom ist das Risiko nicht so hoch. Da merkt man dann relativ schnell, dass es da kein Risiko gab und das m\u00fcssen wir dann auch aufdr\u00f6seln, dass sich solche Mythen, wie sich HIV \u00fcbertr\u00e4gt, nicht weiterverbreiten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.butenunbinnen.de\/bilder\/mario-stara-flohr-100~_v-512x288_c-1760501986565.jpg\" data-gallery-entry-for=\"welt-aids-tag-aidshilfe-bremen-100\" data-size=\"2560x1440\" class=\"text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"image -image-with-fallback -image-rounded  lazyload\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhEAAJAIAAAP\/\/\/\/\/\/\/yH5BAEKAAEALAAAAAAQAAkAAAIKjI+py+0Po5yUFQA7\"   alt=\"Mario Stara-Flohr von der Aids-Hilfe Bremen guckt in die Kamera.\" title=\"Bild: Aidshilfe Bremen\" data-image-owner=\"Aidshilfe Bremen\" data-image-title=\"Mario Stara-Flohr von der Aids-Hilfe Bremen guckt in die Kamera.\" data-image-src=\"https:\/\/www.butenunbinnen.de\/bilder\/mario-stara-flohr-100~_v-512x288_c-1760501986565.jpg\" data-image-rights-src=\"\/bilder\/mario-stara-flohr-100~_v-640x360_c-1760501986565.jpg\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Mario Carlo Stara-Flohr ber\u00e4t bei der Aids-Hilfe in Bremen und ist deren Pressesprecher.<\/p>\n<p>Bild: Aidshilfe Bremen<\/p>\n<p>Hat sich in der Beratungspraxis gar nicht so viel ver\u00e4ndert im Vergleich zu Ihrer Gr\u00fcndung vor 40 Jahren?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Die Aids-Hilfe war fr\u00fcher eine Selbsthilfegruppe, sie hat sich aus Menschen zusammengesetzt, die selbst betroffen waren, die keine Hilfe hatten, weil es einfach gar nichts gab. Selbst \u00c4rzte, medizinisches Personal war komplett \u00fcberfordert mit dieser Situation. Die Politik hat sich auch nicht zu helfen gewusst, hat von einer Deportation auf eine einsame Insel gesprochen, da gab es ja von der CSU ganz f\u00fcrchterliche Vorstellungen, wie man mit Erkrankten umzugehen hat. Aus dieser Situation der Angst heraus und vor allem auch, dass immer mehr Menschen nach relativ kurzer Zeit daran gestorben sind, haben sich die ersten Selbsthilfegruppen gegr\u00fcndet. Das war nochmal eine ganz andere Situation, auch was die Beratung und die Aufkl\u00e4rung betraf.<\/p>\n<p>Heute ist es eher so, dass sich Mythen und \u00c4ngste \u00fcber 40 Jahre hinweg gehalten haben, da bin ich doch erstaunt, dass noch Menschen anrufen, die sagen: &#8218;Ich habe aus dem gleichen Glas getrunken \u2014 besteht ein Infektionsrisiko?&#8216; Teilweise sind es Menschen, die 20 oder 30 Jahre alt sind, die die Aids-Krise in den 80ern, 90ern gar nicht mitbekommen haben, und das wird dann so weitergetragen, ich wei\u00df nicht, ob durch die Eltern oder die sozialen Netzwerke. Das sind tats\u00e4chlich immer die gleichen Punkte, die aufploppen und die wir auch im Jahr 2025 noch neu zu bearbeiten haben.<\/p>\n<p>Information zum Thema<br \/>\nAids-Hilfe Bremen<\/p>\n<p>Die Aids-Hilfe Bremen hat heute 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Bremen und Bremerhaven. Die Arbeit wird seit mehr als 20 Jahren nicht mehr vom Land Bremen bezuschusst. Der Verein finanziert seine Arbeit durch die \u00dcbersch\u00fcsse der gemeinn\u00fctzigen GmbH Regenbogen. Neben Beratung, Betreuung und Schnelltests, bietet die Aids-Hilfe auch Workshops und Fortbildungen an zum Beispiel in Schulen oder der JVA. \u00dcber die gemeinn\u00fctzige Regenbogen GmbH ist auch betreutes Wohnen in ihrem Portfolio. In Bremen-Nord gibt es im Kurt-Frisch-Haus Platz f\u00fcr bis zu zehn Betroffene. <\/p>\n<p>Ende der Information zum Thema<\/p>\n<p>In der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung ist das Thema HIV heute deutlich in den Hintergrund ger\u00fcckt. Ist das gut oder schlecht?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Sagen wir mal so, wir haben uns immer eine Normalit\u00e4t im Umgang mit HIV gew\u00fcnscht, es ist auch so, dass wir als Aids-Hilfe sagen, wir m\u00fcssen das Thema nicht unn\u00f6tig aufbauschen. Letztlich w\u00fcrde ich mir eher w\u00fcnschen, dass man die guten Behandlungsm\u00f6glichkeiten und die guten Pr\u00e4ventions- und Schutzm\u00f6glichkeiten, die man neben dem Kondom heute hat, mehr in den Fokus r\u00fccken w\u00fcrde. Da sehe ich bei der Bev\u00f6lkerung noch ein gro\u00dfes Wissensdefizit.<\/p>\n<p>Es gibt nat\u00fcrlich M\u00f6glichkeiten, sich zu sch\u00fctzen, teilweise mit Tabletteneinnahme jeden Tag, die pr\u00e4ventiv vor HIV sch\u00fctzt oder eine Tabletteneinnahme vor Risikosituationen, wenn man einen ungesch\u00fctzten Sexualkontakt geplant vor sich hat. Zum Beispiel Menschen, die auf Sexparties gehen und gerne ungesch\u00fctzten Sex haben m\u00f6chten. <\/p>\n<p>Wie geht das mit der Tabletteneinnahme? Kann das jeder machen?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Auf Privatrezept ja. Menschen mit einem erh\u00f6hten Risiko bekommen das \u00fcber die Krankenkasse. Schwule M\u00e4nner bekommen es, alle vulnerablen Gruppen, bei denen die Infektionszahlen h\u00f6her sind oder waren, haben die M\u00f6glichkeit, das \u00fcber die Krankenkasse zu machen. Das langfristige Ziel, das man dann aber weltweit hinbekommen m\u00fcsste, ist nat\u00fcrlich, die Infektionszahlen auf null herunterzufahren. Wir sind ja jetzt schon so weit, dass mehr als 90 Prozent der Betroffenen in Behandlung sind, wenn wir von Westeuropa sprechen. Diese \u00fcber 90 Prozent sind Menschen mit HIV, die nicht mehr ansteckend sind.<\/p>\n<p>Information zum Thema<br \/>\nWie hat Aids das Leben beeinflusst?<\/p>\n<p>Angst, Ausgrenzung und Verlust geh\u00f6rten f\u00fcr Betroffene w\u00e4hrend der Aids-Krise zum Alltag. Die neue Y-History-Doku geht auf Spurensuche. Wer war Claudes Onkel Fred und wie hat die Aids-Erkrankung sein Leben in den 80ern beeinflusst? Die Doku finden Sie <a target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/y-kollektiv\/y-history-aids-und-die-80er-wie-lebte-mein-queerer-onkel-fred\/ard\/Y3JpZDovL3JhZGlvYnJlbWVuLmRlLzc2ZmI2ZTk3LTE2YzUtNDc3MC1iYzk0LTAwNmMzYTkwNWNjZC9lcGlzb2RlL3VybjphcmQ6c2hvdzo2MjA5YjVhYmQ4ODZhN2Fj\" class=\"text-link\">in der ARD-Mediathek<\/a>.<\/p>\n<p>Ende der Information zum Thema<\/p>\n<p>Das ist ja der Riesenfortschritt der Medizin, dass sie die Ansteckung herunterfahren kann und Menschen erm\u00f6glicht, mit der Krankheit zu leben und auch alt zu werden. Wo ist heute der gr\u00f6\u00dfte Bedarf f\u00fcr Betroffene?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Bei HIV sind es die Ressentiments und die Stigmatisierung, die immer noch stattfindet. Es sind immer noch viele Vorurteile im Umlauf. Wenn Menschen von HIV betroffen sind, dann rufen Verwandte bei uns an, die Angst haben, dass sie sich anstecken k\u00f6nnen oder Betroffene selbst haben Angst auch vor der Reaktion der anderen Menschen. Das ist etwas, was sich nicht im gleichen Ma\u00dfe ver\u00e4ndert hat wie der medizinische Fortschritt. Wenn man den medizinischen mit dem gesellschaftlichen Fortschritt gleichsetzen k\u00f6nnte, mit dem Blick auf die Krankheit, das w\u00e4re super. Aber da sind wir leider in den 90ern stehen geblieben.<\/p>\n<p>Was w\u00e4ren die wichtigsten Punkte, die Sie Menschen sagen, die keine Vorbildung haben in dem Bereich?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Die wichtigsten Punkte sind bei HIV, dass es keine t\u00f6dliche Erkrankung ist, wenn man sie behandelt, dann ist es eine chronische Erkrankung. Da muss man einfach auch nochmal einen Schalter in sich umlegen, weil jahrelang immer von einer t\u00f6dlichen Erkrankung die Rede war. Nat\u00fcrlich sind andere Erkrankungen auch t\u00f6dlich, wenn man sie nicht behandelt, aber wenn man sie fr\u00fchzeitig behandelt, sind viele Erkrankungen gut in den Griff zu bekommen.<\/p>\n<p>Das ist der zweite Punkt: es besteht kein Grund zur Panik. HIV ist eine seltene Erkrankung und betrifft nicht so viele Menschen, wie man sich das auf den ersten Blick vielleicht vorstellt. Von diesen Menschen, die HIV-positiv sind, sind schon die meisten in Behandlung, jedenfalls was Westeuropa betrifft, ich kann nichts dazu sagen, wie das weltweit ist. Da ist man sicher, dass mehr als 90 Prozent in Behandlung und dementsprechend nicht mehr ansteckend sind. Das minimiert das Risiko einer Ansteckung noch mal um ein Vielfaches. <\/p>\n<p>Da bleibt nur noch ein ganz kleiner Pool an Menschen \u00fcbrig, die in Anf\u00fchrungszeichen mittelm\u00e4\u00dfig infekti\u00f6s w\u00e4ren, vielleicht auch schon l\u00e4nger mit HIV leben ohne es zu wissen. Bei ihnen ist die Viruslast nicht so hoch. Richtig ansteckend sind nur Menschen, die sich frisch infiziert haben. Sie haben zwei, drei Wochen danach eine sehr hohe Viruslast, weil die Antik\u00f6rper noch nicht gebildet sind. Bei Langzeitinfizierten hat man ein moderates Ansteckungsrisiko und bei Menschen, die in Behandlung sind, hat man gar keins mehr.<\/p>\n<p>Das Interview wurde am 13. Oktober 2025 erstmals und anl\u00e4sslich des Welt-Aids-Tages erneut ver\u00f6ffentlicht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Anders als vor 40 Jahren gibt es beim Thema HIV heute keinen Grund mehr zur Panik, hei\u00dft es&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":615319,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1824],"tags":[25664,47599,17172,2420,3364,29,30,37832],"class_list":{"0":"post-615318","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-bremen","8":"tag-aids","9":"tag-aids-hilfe","10":"tag-beratungsstelle","11":"tag-bremen","12":"tag-de","13":"tag-deutschland","14":"tag-germany","15":"tag-hiv"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115643756394509398","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/615318","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=615318"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/615318\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/615319"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=615318"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=615318"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=615318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}