{"id":615878,"date":"2025-12-01T15:41:17","date_gmt":"2025-12-01T15:41:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/615878\/"},"modified":"2025-12-01T15:41:17","modified_gmt":"2025-12-01T15:41:17","slug":"grosse-luecke-deutschland-vernachlaessigt-rassismusforschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/615878\/","title":{"rendered":"Gro\u00dfe L\u00fccke: Deutschland vernachl\u00e4ssigt Rassismusforschung"},"content":{"rendered":"<p> <img width=\"400\" height=\"225\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/bibliothek-universitaet-tuebingen-400x225.jpg\" class=\"attachment-400x225 size-400x225 wp-post-image\" alt=\"Bibliothek, Universit\u00e4t, Hochschule, B\u00fccher, Bildung, Forschung\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"high\"  \/><\/p>\n<p> Bibliothek \u00a9 Friedhelm Albrecht\/Universit\u00e4t T\u00fcbingen<\/p>\n<p>Ein neuer Bericht zeigt: Trotz hoher gesellschaftlicher Relevanz ist Rassismusforschung in Deutschland kaum institutionalisiert. Br\u00fcchige F\u00f6rderung und gro\u00dfe Forschungsl\u00fccken pr\u00e4gen das Bild. Taucht das Thema auf, dann oft nur als Randaspekt \u2013 nur drei von 52.000 Professuren entfallen explizit in den Bereich Rassismusforschung.<\/p>\n<p>  Montag, 01.12.2025, 16:31 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 01.12.2025, 16:31 Uhr  Lesedauer: 4 Minuten\u00a0 | \u00a0   <\/p>\n<p>Die Rassismusforschung in Deutschland bleibt trotz hoher gesellschaftlicher Relevanz ein Randthema. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Bestandsaufnahme des Wissensnetzwerks Rassismusforschung (WinRa), die in Berlin vorgestellt wurde. Der Bericht untersucht erstmals, wie das Forschungsfeld an deutschen Universit\u00e4ten und Hochschulen verankert ist \u2013 und welche L\u00fccken es gibt.<\/p>\n<p>WinRa hat daf\u00fcr den Zeitraum von 2015 bis 2025 in den Blick genommen.\u00a0Analysiert wurden die strukturellen Rahmenbedingungen, die thematischen Schwerpunkte sowie die F\u00f6rderlandschaft der Rassismusforschung. Erg\u00e4nzt wird der Bericht durch Analysen aus der Erziehungswissenschaft, Soziologie, Sozialen Arbeit, Geografie, Wirtschaftswissenschaft, Geschichtswissenschaft und Rechtswissenschaft. Die Bilanz f\u00e4llt deutlich aus: Es gibt wichtige wissenschaftliche Beitr\u00e4ge, aber es fehlt an Struktur, Dauerhaftigkeit und verl\u00e4sslicher F\u00f6rderung. Der nun vorgelegte Bericht zieht nach zehn Jahren Rassismusforschung in Deutschland eine Zwischenbilanz: thematisch vielf\u00e4ltig, wissenschaftlich relevant \u2013 aber strukturell prek\u00e4r.<\/p>\n<p>Zehn Jahre Forschung \u2013 ein ern\u00fcchterndes Fazit<\/p>\n<p>Besonders sichtbar wird das in der personellen Ausstattung. In Deutschland existieren mehr als 52.000 Professuren. Nach Angaben des Berichts f\u00fchren davon aktuell lediglich drei eine explizite Denomination im Bereich Rassismusforschung. Eigenst\u00e4ndige Studieng\u00e4nge zur Rassismusforschung gibt es nicht. Das Thema taucht meist nur als Randaspekt in anderen F\u00e4chern auf \u2013 etwa in der Soziologie, der Erziehungswissenschaft oder den Rechtswissenschaften. Von einer systematischen Verankerung in der Breite der Hochschullandschaft kann nach Einsch\u00e4tzung des Berichts keine Rede sein.<\/p>\n<p>Auch bei der Projektf\u00f6rderung zeigt sich ein br\u00fcchiges Bild. Im Untersuchungszeitraum identifizierte WinRa bundesweit 173 drittmittelfinanzierte Forschungsprojekte zur Rassismusforschung. Auff\u00e4llig ist der zeitliche Verlauf: 2022 starteten 48 Projekte, 2023 waren es 30 \u2013 ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren. 2024 fiel die Zahl der neu begonnenen Projekte jedoch wieder auf das Niveau von 2019 zur\u00fcck, auf lediglich 14 Vorhaben. Der Bericht wertet diese Entwicklung als Hinweis auf ereignisgetriebene F\u00f6rderlogiken: Steht Rassismus gesellschaftlich und politisch im Fokus, nimmt die F\u00f6rderung zu; sinkt die Aufmerksamkeit, geht sie zur\u00fcck. Dauerhafte F\u00f6rderlinien fehlen.<\/p>\n<p>F\u00f6rderlogiken bleiben br\u00fcchig<\/p>\n<p>Hinzu kommt: In der Exzellenzf\u00f6rderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft taucht das Thema bislang nicht als eigener Schwerpunkt auf. Weder Schwerpunktprogramme noch Sonderforschungsbereiche widmen sich nach der Bestandsaufnahme explizit der Rassismusforschung. Damit bleiben wichtige M\u00f6glichkeiten bislang ungenutzt.<\/p>\n<p>Neben der schwachen institutionellen Basis identifiziert der Bericht eklatante Forschungsl\u00fccken. In zahlreichen gesellschaftlichen Feldern liegen demnach kaum empirische Studien oder systematische Analysen vor. Zentrale Dimensionen rassistischer Ungleichheitsverh\u00e4ltnisse seien in Deutschland bislang nur unzureichend erfasst. Das gelte etwa f\u00fcr den Wohnungsmarkt: Systematische Untersuchungen zu rassistisch diskriminierenden Mechanismen bei der Wohnungssuche oder -vergabe seien rar. \u00c4hnliches konstatiert der Bericht f\u00fcr den Arbeitsmarkt, etwa mit Blick auf Zug\u00e4nge, Segregation und Aufstiegschancen.<\/p>\n<p>Zentrale Felder weitgehend unerforscht<\/p>\n<p>Im Gesundheitsbereich sieht WinRa ebenfalls deutlichen Forschungsbedarf. Strukturelle rassistische Diskriminierung werde bislang unzureichend erfasst, ebenso die Rassismuserfahrungen von Pflegekr\u00e4ften und medizinischem Personal. Auch zur Polizei gebe es vergleichsweise wenig Forschung \u2013 insbesondere zu institutionellen Praktiken und zu den Traumafolgen rassistischer Erfahrungen. Kaum untersucht sei zudem der Zusammenhang von Rassismus, Klima und Umweltgerechtigkeit.<\/p>\n<p>Besonders deutlich f\u00e4llt die Diagnose bei neuen Technologien aus. Die Auswirkungen algorithmischer Systeme und K\u00fcnstlicher Intelligenz auf rassistische Ungleichheiten werden im Bericht als nahezu vollst\u00e4ndige Forschungsl\u00fccke beschrieben \u2013 obwohl in der \u00f6ffentlichen Debatte seit Jahren vor verzerrenden oder diskriminierenden Effekten automatisierter Entscheidungen gewarnt wird. Aus Sicht der Studienautor:innen fehlen hier empirische und systematische Studien, um solche Risiken f\u00fcr Deutschland genauer zu verstehen.<\/p>\n<p>Empfehlungen f\u00fcr eine nachhaltige St\u00e4rkung<\/p>\n<p>Um die Rassismusforschung dauerhaft zu st\u00e4rken, formuliert WinRa mehrere Handlungsempfehlungen. Im Bereich F\u00f6rderung schl\u00e4gt das Netzwerk die Einrichtung einer mehrj\u00e4hrigen, eigenst\u00e4ndigen F\u00f6rderrichtlinie f\u00fcr Rassismusforschung vor. Diese solle auch Infrastruktur- und Transfermodule umfassen, damit nicht nur einzelne Projekte, sondern auch langfristige Strukturen finanziert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>An den Hochschulen selbst sieht der Bericht erheblichen Nachholbedarf. Empfohlen wird der Aufbau von Professuren mit expliziter Denomination in zentralen Disziplinen \u2013 unter anderem in den Rechtswissenschaften, der Medizin und Public Health, der Erziehungswissenschaft und der Soziologie. Zudem regen die Studienautor:innen die Entwicklung eigenst\u00e4ndiger Studieng\u00e4nge zu Rassismusforschung und Rassismuskritik an.<\/p>\n<p>Netzwerkstrukturen und F\u00f6rderung<\/p>\n<p>Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Lehre. Rassismusforschung solle verbindlich in die Curricula einschl\u00e4giger Disziplinen integriert werden, insbesondere in der Lehrer:innenbildung, der Medizin, der Sozialen Arbeit, der Rechtswissenschaft und der Soziologie. So k\u00f6nnten k\u00fcnftige Fachkr\u00e4fte in Bereichen geschult werden, in denen rassistische Ungleichheiten im Alltag besonders sichtbar werden \u2013 etwa in Schulen, Justiz, Verwaltung oder Gesundheitswesen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich thematisiert der Bericht die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses. WinRa empfiehlt die F\u00f6rderung von Nachwuchsgruppen mit klaren Tenure-Track-Modellen, um Forscher:innen im Feld Rassismusforschung langfristig binden zu k\u00f6nnen. Prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse und unsichere Perspektiven w\u00fcrden sonst die Entwicklung des Forschungsfelds weiter ausbremsen.<\/p>\n<p>WinRa ist ein Verbundprojekt von neun Kooperationspartnern. Koordiniert wird das Netzwerk vom Deutschen Zentrum f\u00fcr Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) in Berlin. DeZIM forscht zu Integration und Migration, zu Konsens und Konflikten, gesellschaftlicher Teilhabe und Rassismus. WinRa wird bis Ende 2027 vom Bundesministerium f\u00fcr Forschung gef\u00f6rdert. Ziel des Netzwerks ist es, Rassismusforschung in Deutschland zu vernetzen, strategisch weiterzuentwickeln und Vorschl\u00e4ge f\u00fcr den Ausbau der Forschungsinfrastruktur zu erarbeiten. (mig)  Leitartikel Wissenschaft <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bibliothek \u00a9 Friedhelm Albrecht\/Universit\u00e4t T\u00fcbingen Ein neuer Bericht zeigt: Trotz hoher gesellschaftlicher Relevanz ist Rassismusforschung in Deutschland kaum&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":615879,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[331,3924,332,3922,3364,29,30,13,14,3923,15,3921,12],"class_list":{"0":"post-615878","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-deutschland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-deutschland","10":"tag-aktuelle-news","11":"tag-aktuelle-news-aus-deutschland","12":"tag-de","13":"tag-deutschland","14":"tag-germany","15":"tag-headlines","16":"tag-nachrichten","17":"tag-nachrichten-aus-deutschland","18":"tag-news","19":"tag-news-aus-deutschland","20":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115645074185967634","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/615878","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=615878"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/615878\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/615879"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=615878"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=615878"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=615878"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}