{"id":61732,"date":"2025-04-26T03:03:14","date_gmt":"2025-04-26T03:03:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/61732\/"},"modified":"2025-04-26T03:03:14","modified_gmt":"2025-04-26T03:03:14","slug":"der-erbsbaer-lebt-hier-immer-noch-tageszeitung-junge-welt-25-04-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/61732\/","title":{"rendered":"Der Erbsb\u00e4r lebt hier immer noch, Tageszeitung junge Welt, 25.04.2025"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img208055\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/208055.jpg\" class=\"img-fluid\" alt=\"11.jpg\"\/><\/p>\n<p>Werner Mahler\/OSTKREUZ\/adk<\/p>\n<p>Werner Mahler, aus: \u00bbEin Dorf\u00ab (1977\/78)<\/p>\n<p>Der Erbsb\u00e4r, ein bedrohlich wirkendes Unget\u00fcm aus Stroh, unter dem ein junger Mann steckt, der an einer Kette durchs Dorf gef\u00fchrt wird, geh\u00f6rt zum traditionellen Kirmesbrauchtum in einigen Regionen Th\u00fcringens. Auch auf einem von Ute Mahlers Fotos in der Ausstellung der Berliner Akademie der K\u00fcnste taucht er auf. Allein auf menschenleerer Stra\u00dfe muss er aufpassen, nicht \u00fcberfahren zu werden. Die Stra\u00dfe f\u00fchrt durch Berka an der Wipper, ein 900-Seelen-Dorf in der Mitte Deutschlands, im Kyffh\u00e4userkreis in Th\u00fcringen.<\/p>\n<p>Dort ist die Fotografin und Mitgr\u00fcnderin der ber\u00fchmten Ostberliner Fotoagentur Ostkreuz geboren und aufgewachsen \u2013 und wollte ein Werk vollenden, das ihr Vater begonnen hatte. Ludwig Schirmer war M\u00fcllermeister und dokumentierte als Autodidakt von 1950 bis 1960 mit der Kamera das Leben in seinem Heimatdorf. 1961 zog er mit der Familie nach Oranienburg und wurde in Berlin einer der erfolgreichsten Werbefotografen der DDR.<\/p>\n<p>Ute Mahlers Ehemann Werner, ebenfalls Ostkreuz-Mitbegr\u00fcnder, hatte 1977 die Idee, f\u00fcr seine Diplomarbeit an der Leipziger Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst in Berka zu fotografieren, allerdings ohne von den Arbeiten seines Schwiegervaters, dessen Assistent er war, zu wissen. Die Gro\u00dfeltern seiner Frau lebten noch immer in der M\u00fchle, der Gro\u00dfvater hatte die Arbeit des M\u00fcllers \u00fcbernommen. Sp\u00e4ter bekam Mahler dann noch einen Auftrag der Illustrierten Stern, erneut in Berka zu fotografieren. Ute Mahler fand nach dem Tod ihres Vaters 2001 dessen Bilder im Nachlass \u2013 und war \u00fcberw\u00e4ltigt: von den Erinnerungen an ihre Kindheit, aber auch von der Qualit\u00e4t der Aufnahmen.<\/p>\n<p>So gibt es jetzt vier Werkserien, alle in Schwarz-Wei\u00df, Fotos aus siebzig Jahren: eine einzigartige Langzeitstudie von hohem soziologischen und \u00e4sthetischen Wert \u2013 zu sehen in der Ausstellung und in einem \u00fcberzeugend gestalteten K\u00fcnstlerbuch.<\/p>\n<p>Schirmers Fotos, manche von traumhafter Eleganz, erinnern an Henri Cartier-Bresson. Trotz der handfesten Protagonisten und Sujets vibrieren sie vor Leben; vor allem die Jugendlichen wirken voller Hoffnungsfreude \u2013 bereit f\u00fcr den Aufbruch in eine Zukunft nach dem Krieg. Man sieht aber auch einen Einbeinigen in der Reihe der Feiernden, die Schwere der Arbeit auf dem Feld, wo die R\u00fcben von den Frauen noch mit der Sichel geerntet werden. Man sieht die flirrende Luft an einem hei\u00dfen Sommertag auf dem Feldweg mit Pferdewagen, die Menschen bei Dorffesten und goldenen Hochzeiten. Manche der Aufnahmen k\u00f6nnten aus dem 19. Jahrhundert stammen, wo es Pferdefuhrwerke gab, die Wurst in Hausschlachtung produziert und bei festlichen Anl\u00e4ssen der gute Anzug getragen wurde. Die Stra\u00dfen und Wege im Dorf sind \u00fcberf\u00fcllt mit Menschen. Der Fotograf war einer von ihnen und konnte unverstellte Portr\u00e4ts aufnehmen.<\/p>\n<p>Werner Mahler war kein Hobbyfotograf wie Schirmer, er kam 1977 als Reporter, aber er war auch kein Fremder. Man sieht auf den Bildern, dass sich die Dorfbev\u00f6lkerung inzwischen eingerichtet hat. Man posiert vor der Schrankwand, feiert im Garten neben einem Schwimmbecken \u2013 noch ohne Wasser \u2013 oder sitzt drau\u00dfen am Tisch neben dem Trabi und trinkt ein Feierabendbier. Anl\u00e4sslich der Jugendweihe d\u00fcrfen die Jungs in Sakko und Krawatte ein Gl\u00e4schen Eierlik\u00f6r trinken, die M\u00e4dchen zeigen in einheitlichen Beathosen eine Tanzvorf\u00fchrung unter freiem Himmel. Die Dorfstra\u00dfe ist gepflastert, das Wohnzimmer frisch tapeziert mit geometrischen Mustern. Die Einrichtung ist neu, aber das Zusammenleben immer noch eng. Auch den Erbsb\u00e4r, die Hausschlachtung und das Wurstmachen gibt es noch. Die Menschen wirken ein bisschen melancholischer, die Jugendlichen abgekl\u00e4rter, h\u00e4rter als 20 Jahre zuvor.<\/p>\n<p>Die Fotos Werner Mahlers von 1998 lassen einen gr\u00f6\u00dferen Wandel erkennen. Der Kaliabbau, der das Dorf und die Region zuvor gepr\u00e4gt hat, ist abgewickelt, viele sind weggezogen, bei den Zur\u00fcckgebliebenen macht sich Frust breit. Die \u00bbbl\u00fchenden Landschaften\u00ab nach dem Mauerfall, die der Stern seinen Lesern zeigen wollte, waren ausgeblieben, die Fotos \u2013 noch dazu entgegen dem Auftrag in Schwarz-Wei\u00df \u2013 missfielen und wurden nicht gedruckt.<\/p>\n<p>Als Ute Mahler 2021\/22 wiederkam, konzentrierte sie sich auf Portr\u00e4ts junger M\u00e4dchen, die vierzehn waren \u2013 in jenem Alter also, in dem sie selbst einst das Dorf verlassen hatte. Spontane Stra\u00dfenfotografie war nicht m\u00f6glich; Mahler musste sich verabreden. Die jungen Leute posieren mehr oder weniger, blicken dabei meist ernst und gefasst in die Kamera \u2013 in eine ungewisse Zukunft. Die H\u00e4userfassaden sind mit Garagentoren und Fertigteilen aus dem Baumarkt normiert, das Fachwerk verschwunden, die Vorg\u00e4rten folgen dem Trend zur pflegeleichten Trostlosigkeit \u2013 kastig oder eif\u00f6rmig gestutzte Hecken, alles mit Kies und Steinen tot gepflastert. Auf der Stra\u00dfe: Leere. Nur hin und wieder ragt ein SUV zwischen den H\u00e4usern hervor.<\/p>\n<p>Oder der Erbsb\u00e4r taucht auf \u2013 ein Relikt aus einer anderen Zeit. Der Wandel ist sp\u00fcrbar, das Leben hat sich ver\u00e4ndert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Werner Mahler\/OSTKREUZ\/adk Werner Mahler, aus: \u00bbEin Dorf\u00ab (1977\/78) Der Erbsb\u00e4r, ein bedrohlich wirkendes Unget\u00fcm aus Stroh, unter dem&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":61733,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,296,29,214,1885,30,1794,861,215],"class_list":{"0":"post-61732","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-berlin","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-fotografie","13":"tag-germany","14":"tag-kunst-und-design","15":"tag-thueringen","16":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114402047203922406","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61732","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=61732"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61732\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/61733"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=61732"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=61732"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=61732"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}