{"id":618371,"date":"2025-12-02T16:40:16","date_gmt":"2025-12-02T16:40:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/618371\/"},"modified":"2025-12-02T16:40:16","modified_gmt":"2025-12-02T16:40:16","slug":"80-jahre-nach-kriegsende-wie-juden-nach-dem-holocaust-in-stuttgart-wieder-wurzeln-schlugen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/618371\/","title":{"rendered":"80 Jahre nach Kriegsende: Wie Juden nach dem Holocaust in Stuttgart wieder Wurzeln schlugen"},"content":{"rendered":"<p>Der 1. Dezember markiert nicht nur den Adventsbeginn. Er steht auch f\u00fcr ein d\u00fcsteres Kapitel der Stuttgarter Stadtgeschichte: Am 1. Dezember 1941 wurden mehr als 1000 J\u00fcdinnen und Juden aus W\u00fcrttemberg und Hohenzollern, die in den Hallen der Reichsgartenschau auf dem Killesberg interniert waren, vom Inneren Nordbahnhof nach Riga deportiert. Weniger als 50 von ihnen \u00fcberlebten den <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Holocaust\" title=\"Holocaust\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Holocaust<\/a>. Der Verein Zeichen der Erinnerung nimmt das jeweils am 1. Dezember zum Anlass, am Gedenkort auf dem Killesberg daran zu erinnern \u2013 diesmal beteiligten sich Sch\u00fcler der Alexander-Fleming-Berufsschule. <\/p>\n<p>An diesem 1. Dezember ging es jedoch ausdr\u00fccklich auch ums Thema Weiterleben und um einen Neubeginn. Roland M\u00fcller, der fr\u00fchere Leiter des Stadtarchivs, sprach im voll besetzten Gemeindesaal der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.juedische-kulturwochen-wir-sind-in-stuttgart-angekommen.f20270d9-c3e1-4134-9e1b-abad88448b1d.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Israelitischen Religionsgemeinschaft W\u00fcrttembergs (IRGW)<\/a> \u00fcber den \u201eNeubeginn im Schatten der Schoa\u201c. Etwas, das unmittelbar nach Kriegsende kaum denkbar schien. Der Buchenwald-\u00dcberlebende Josef Warscher hatte die Milit\u00e4rregierung als Repr\u00e4sentant der winzigen Gemeinde 1946 wissen lassen, dass Juden in Deutschland keine Zukunft h\u00e4tten. Der Blick ging in Richtung Pal\u00e4stina. Die Zahlen, die Roland M\u00fcller, dazu nennt, erschrecken jedes Mal aufs Neue: 1933 lebten in W\u00fcrttemberg rund 11 000 J\u00fcdinnen und Juden. Nach Kriegsende waren es noch 64. Weitere 180 \u00dcberlebende kehrten aus Lagern zur\u00fcck. \u201eWie sollte da eine Zukunft im Land der M\u00f6rder, Mitmacher und Mitl\u00e4ufer aussehen?\u201c, fragte M\u00fcller rhetorisch \u2013 wissend, dass es anders kam. <\/p>\n<p>Die kleine j\u00fcdische Community war alles andere als homogen <\/p>\n<p> Warscher selbst, so schildert es der Historiker M\u00fcller, z\u00e4hlte mit Alfred Marx, Benno Ostertag und Robert Perlen, Ernst Guggenheimer und Jenny Heymann zu den pr\u00e4genden Pers\u00f6nlichkeiten der neu entstehenden <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a> Gemeinde. Sie trug den Namen Israelitische Kultusvereinigung (IGV) und bestand im Kern aus deutsch-j\u00fcdischen \u00dcberlebenden. Parallel dazu organisierten sich sogenannte Displaced Persons, bei denen es sich um ehemalige Zwangsarbeiter und j\u00fcdische Fl\u00fcchtlinge aus Osteuropa handelte, die in Camps untergebracht waren. Zugleich wurden sie mehrheitlich Mitglieder der j\u00fcdischen Gemeinde. <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/media.media.06e9c1f9-f306-45d9-ac47-a9704711109e.original1024.media.jpeg\"\/>     Der Historiker Roland M\u00fcller beim Vortrag im Gemeindesaal der IRGW    Foto: Jan Sellner    <\/p>\n<p>Auf seiner Zeitreise durch die unmittelbare Nachkriegszeit bis 1950 arbeitet Roland M\u00fcller detailliert heraus: ja, das j\u00fcdische Leben fasste in Stuttgart wieder Fu\u00df. 1950 kehrte die Gemeinde auch an den alten <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.neuer-synagogenvorplatz-stuttgart-ist-eine-stadt-des-miteinanders.59fbedb9-9626-4cf9-9078-eb684ccc9e4a.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Standort in der Hospitalstra\u00dfe <\/a>zur\u00fcck, wo 1952 die neue <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Synagoge\" title=\"Synagoge\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Synagoge<\/a> eingeweiht wurde. Die kleine j\u00fcdische Community war jedoch alles andere als homogen; sie war mit Grundsatzfragen befasst und mit mannigfachen Problemen konfrontiert. Das begann bei der Verteilung von Lebensmitteln und Wohnraum und m\u00fcndete in das Thema R\u00fcckerstattung und Entsch\u00e4digung. <\/p>\n<p>Der Neubeginn zeigte: \u201eHitler hat nicht gesiegt\u201c <\/p>\n<p>Konfliktlinien verliefen auch mit \u00fcbergeordneten Organisationen, etwa dem \u201eZentralkomitee der befreiten Juden\u201c und der internationalen j\u00fcdischen Community. Besonders belastend wirkte laut M\u00fcller ein nach wie vor grassierender Antisemitismus und die stellenweise Missachtung j\u00fcdischen Lebens, die sich etwa darin ausdr\u00fcckte, dass der Schutt der in der Reichspogromnacht 1938 zerst\u00f6rten Synagoge in der Hospitalstra\u00dfe auch zwei Jahre nach Kriegsende noch nicht abgetragen war. M\u00fcller kommt zu dem Schluss: \u201eMan kann die Geschichte der Gemeinde zwischen 1945 und 1950 kaum anders denn als Konfliktgeschichte erz\u00e4hlen.\u201c Umso mehr seien jene Personen zu w\u00fcrdigen, denen es gelungen sei, \u201eim Schatten der Schoa eine neue Gemeinde aufzubauen. Auch um dokumentieren: Hitler hat nicht gesiegt.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der 1. Dezember markiert nicht nur den Adventsbeginn. 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